Was hindert euch, die Stille nach dem Tod zu betreten?

Temp

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Naja aufgeben ist für mich nicht mit einem Freitod gleichzusetzen. Man ist nie zu jung um nicht zu leiden. Meine Bilanz hat sich einfach etwas verändert, da ich eine Möglichkeit habe, dass ich eine Besserung erreichen könnte, es scheitert noch etwas am finanziellen, aber es ist zumindest technisch möglich. Ob ich sterbe oder nicht hat für mich den selben Wert. Aufgeben wäre für mich das Siechtum ohne Sinn und Zweck, ein kalkulierter Bilanzsuizid oder ein Affektsuizid ist für mich ok, wenn der Affekt der Bilanz entspringt.
 

nicht der papa

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Naja aufgeben ist für mich nicht mit einem Freitod gleichzusetzen.
Für mich ist Freitod sehr wohl mit aufgeben gleichzusetzen. Denn in dem Moment, in dem man sich dafür entscheidet, entscheidet man sich zwangsläufig ganz klar dafür, das irdische Leben aufzugeben.
Und diese Entscheidung ist für das derzeitige Leben in jedem Fall endgültig und irreversibel.
Die Gründe, warum man sich mit dem Gedanken auseinandersetzt, sind von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlicher Natur. Seelische Schmerzen sind dabei nicht geringer, als körperliche.
Zu einer anderen Zeit, als ich sehr verzweifelt war und mir sehr danach war meinem seelischen Leid einfach ein Ende zu setzen, hat mich der Gedanke, dass meine Kinder ohne Mutter aufwachsen müssten und welches Leid ich meinem Mann damit zufügen würde, sehr effektiv davon abgehalten.
Bedenke also auch, welches Leid Du deiner Mutter damit zufügen würdest, die dich sicherlich sehr liebt.
 

postman6670

@ndp
Jeder entscheidet für sich selbst. Wenn man sich vorher noch Gedanken machen würde, was wäre mit xy oder xz, wäre das ja eine Gewissensentscheidung.
Ich war auch mal 4 Tage in einer Geschlossenen - Auslöser war die Bemerkung: Bei einer hier überall vorzufindenen Inkompetenz bleibt noch der Strick.
Ein Satz.
2 Rechtsanwälte hatten 1 Std. später Strafantrag gegen die Klinik gestellt, nach 4 Tagen war der Spuk zu Ende. Den Prozess habe ich verloren.
Das einzige was mir neben 4 Tagen Horrorszenario geblieben ist, war die Genugtuung dem Prof. den Vorschlag mitzgeben, sich selbst auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen, natürlich ohne Zeugen. Es kam nie mehr was.
Somit ist Suizid eine rationale und keine Gewissensentscheidung.
Love it, change it, or leave it.
 

nicht der papa

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Es gibt doch viele Gründe für einen Suizid. In vielen Fällen sind die Menschen psychisch krank (und da ist das Drumrum dann eher egal) oder ertragen ihr Leben aufgrund von seelischen oder körperlichen Schmerzen kaum noch.

Du selbst warst nicht zuhause, sondern wohl wegen eines psych. Ausnahmezustands in einer Horrorumgebung, hast vielleicht gar keinen engen Angehörigen, die Du sehr liebst (wobei die in einer Psychiatrie schon viel weiter weg sind). Das ist nicht vergleichbar.

Beim ersten Mal war ich 15. Da war es auch egal. Ich denke heute, da wollte ich auch meine Eltern bestrafen für das, was sie mir angetan haben. Meinen Vater für die sexuellen Übergriffe und meine Mutter dafür, dass sie mich nicht geschützt hat und mir sogar die Schuld gegeben hat. Ich hatte irgendwie niemanden. Mit meinem ersten Freund hatte ich auch Schluss gemacht. Ich wollte in dieser zutiefst asozialen, nach aussen hin gut bürgerlichen Familie nicht mehr leben, aber auch in kein Heim, was zu der Zeit üblich war. Weil man damals die betroffenen Mädchen einfach aus der Familie genommen hat. Hatte ja noch 2 Brüder, die zu versorgen waren. Den Tätern ist nie was passiert. Hab dann einfach eine Handvoll meiner Antiepileptika eingeschmissen. Hat aber nur für 2 Tage Vollrausch gereicht, an die ich mich kaum erinnern kann. Hätte es gelangt, wäre ich weg gewesen.

Ein Jahr später waren es mehr Tabletten mit Cola. Eine Stunde später hab ich sie aber wieder ausgekotzt und dann wurde im KKhs. der Magen ausgepumpt. Ich hatte meine Entscheidung revidiert und mich entschieden, mein Leben, dass ja erst begann, doch weiterzuleben. Dass es die Sache nicht wert war.

Bis mein letztes Kind gestorben ist, hab ich nie wieder drüber nachgedacht.
Ich habe gelernt viel zu ertragen und bin eigentlich ziemlich hart im nehmen, aber das war viel und sehr hart.
Ich bin sicher, dass jeder, der psych. gesund ist und aus psych. oder körperlichen Schmerzen über den Freitod nachdenkt und in familiärer Umgebung mit Menschen zusammenlebt, die er liebt, auch an seine nahen Angehörigen denkt. Denn die sind ja das Wichtigste, was ein Mensch im Leben hat.

Und wenn Du sagst, die denken alle nicht nach, dann glaube ich das keine Sekunde. Wenn ich z.B. sehe, wie viele Menschen sich vor einen Zug werfen, dann kann mir niemand erzählen, dass die nicht ganz genau drüber nachdenken, dass es ein großes Event werden soll und sie nicht unbemerkt sterben wollen. Denn diese Menschen beteiligen tausende Menschen an ihrem Tod. Diese Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen regt mich total auf. Traumatisierte Zugführer und RTW-Mitarbeiter, die nachher alles wegräumen müssen. Schrecklich. Dafür habe ich gar kein Verständnis.
Und manchmal geht es ja auch dabei schief und dann sitzen die Menschen ihr Leben lang ohne Beine im Rollstuhl. Mit so einer Frau in der Nachbarschaft, die nachher noch geheiratet und 2 Kinder bekommen hat, bin ich aufgewachsen.
 
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postman6670

Ja, das mag für den Einzelnen zutreffen. Jeder kann nur für sich sprechen......Wir wollten Das Ganze ja nicht mehr personalisieren und tun es doch wieder.
Aus Dir spricht eine Mutter, die das aus verschiedensten Blickwinkeln sieht. Völlig ok.
Mich persönlich berührt sowas alles nicht mehr. Ich habe auch keine physischen Probleme und teile die Ansicht von temp mit allen Konsequenzen. Ist Lebensqualität da, stellt sich dieses Thema überhaupt nicht.
Falls nein, entscheidet jeder für sich ganz alleine.
 

nicht der papa

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Ist Lebensqualität da, stellt sich dieses Thema überhaupt nicht.
Die Tage habe ich irgendwo beiläufig sinngemäß gelesen- Wenn wir die Schmerzen des Patienten beseitigen konnten, gibt er den Wunsch nach einem Suizid in den meisten Fällen auf. Da ging es aber um Palliativbehandlung. Das Leben Schwerkranker unmittelbar vor dem Sterben.
Und das beantwortet vielleicht die Frage des Threadtitels insofern, als dass es den meisten schwer kranken Menschen genügt, wenn sie ihr Leben weitestgehend schmerzfrei führen können, um es als noch erträglich zu empfinden. Wenn diese Schmerzfreiheit nicht gewährleistet werden kann, dann steigt der Wunsch nach einem Freitod.

Aber da besteht ja bei Euch, die ihr nicht im Palliativstadium seid, immer noch die Chance, dass die Lebensqualität wieder hergestellt werden kann. So wie das bei vielen, vielen anderen Menschen bereits der Fall war. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.
Ich wünsche euch allen in jedem Fall von Herzen, dass ihr eure Lebensqualität wiederfinden werdet.:wave:
 

Temp

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Aufgeben = Suizid ist ziemlich unhaltbar. Jeder Mensch hat einen biologischen starken Überlebenstrieb, den kann man nicht einfach aufgeben. Entweder man kann einen Suizid = Freitod kultivieren, dazu muss man aber innere Stärke zückten, oder das Leid überwindet den Selbsterhaltungstrieb. Ist das irreversibel, gibt man das Leid auf, die wenigsten schaffen es, einen Freitod ohne massiven Leidensdruck zu kultivieren, da mag das aufgeben ggf zutreffen, aber es pauschal auf alle zu werfen ist frei von jeder Logik.

Es gibt ein schönes Zitat zum Thema, darin heißt es, der Suizid oder Freitod, ist das töten des Selbst in einer Welt in der es nicht mehr existieren kann, wer also ist der Selbstmörder. Oder so ähnlich. Wenn jemand mit Alzheimer Diagnose sich gegen das Leben entscheidet, dann weil sein Selbst in der Krankheit nicht mehr leben kann. Insofern hat das weiterleben aus Angst vor dem Tod nichts mit mutig kämpfen wie bei manchen schweren Krankheiten zu tun, sondern mit Willensschwäche. Ich kenne viele Kranke die sterben wollen, aber behaupten ihnen fehlt der Mut. Einige sind schon gestorben. Geholfen hat man aber keinen von denen, obwohl sie es überall versuchten. Mal sind es psychische Umstände, mal körperliche Schmerzen.

Eine Mutter hat kein ethisches Anrecht darauf, dass sich Kinder nicht selbst töten. Wenn man Kinder in die Welt setzt, muss man damit rechnen, dass diese den Lebenswillen verneinen können. Wenn man das mental nicht ertragen kann, dann darf man keine Mutter/ kein Vater werden. Da habe ich sicher kein schlechtes Gewissen oä. Insb dann, wenn einem nicht geholfen wird, das Leid zu mindern. Kinder sind nicht Eigentum von Eltern. Einen Menschen von einem Effekt Suizid abzuhalten ist ok, aber nicht von einen Bilanzsuizid.

Ich kenne Eltern die die Patientenverfügung der Kinder aufgehoben haben, um sie mit allen Mitteln, bei massiven Schmerzen, am Leben zu halten. Das finde ich schon krank, aber nicht von den Kindern, sondern den Eltern und ist im Prinzip eine sadistische Handlung. Es ist nichtmal schwer, eine Patientenverfügung aufzuhaben, wenn man weiß wie.

Zum Thema habe ich ein Interview gesehen mit einer Frau mit 2 Kinder, diese hatte dem Kind vorgeworfen aufzugeben und es wäre schwach sich zu töten, als das Kind dann den Suizid durchzogen, hielt es die Mutter auch nicht mehr aus. Und ... das wäre auch ok, nur hatte die Mutter noch ein Kind, was sich dann auch umbrachte. In dem Fall hat nicht das Kind die Schuld, die die Kaskade ausgelöst hat, sondern die Mutter, da die Mutter, im Vergleich zu dem Kind, gegenüber dem noch lebenden Kind eine Verpflichtung gehabt hätte, zumindest bis es selbst erwachsen ist. Aber dass die Mutter dem Kind gegenüber was einfordert, was diese dann selber nicht halten kann, zeigt sehr gut, leider, wie das mit dem urteilen über andere ist, wenn man die Situation selbst nicht kennt.

PS: Zum Thema aufgeben. Das wird ja gerne mit Willensschwäche gleichgesetzt, was aber völlig falsch ist. Habe ich ne Kugel im Krieg abbekommen, dann gebe ich die Schmerzen durch diese gerne auf, indem ich mir die Kugel notfalls selber mit einem Messer rausschneide. Das tut sau weh, aber lieber einmal durch höheren Schmerz, dafür dauerhaft schmerzfrei. Hier gibt man auch was auf, aber das aufgeben erfordert Willenskraft. Es ist also immer die Frage, was gebe ich auf, Schmerz, oder Lebensfreude. Schmerz aufzugeben ist ganz natürlich, jeder mit Zahnschmerzen gibt diese gerne auf, warum dann nicht anderen Schmerz aufgeben?
 
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