Verschiedene Gedichte

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Es gibt ihn nicht, den idealen Mann! Schon Goethe wußte das :)...

Liebhaber in allen Gestalten

Ich wollt', ich wär ein Fisch,
So hurtig und frisch;
Und kämst du zu anglen,
Ich würde nicht manglen.
Ich wollt', ich wär ein Fisch,
So hurtig und frisch.

Ich wollt', ich wär ein Pferd,
Da wär' ich dir wert.
O wär' ich ein Wagen,
Bequem dich zu tragen.
Ich wollt', ich wär' ein Pferd,
Da wär' ich dir wert.

Ich wollt', ich wäre Gold,
Dir immer im Sold;
Und tätst du was kaufen,
Käm ich wieder gelaufen.
Ich wollt', ich wäre Gold,
Dir immer im Sold.

Ich wollt', ich wär' treu,
Mein Liebchen stets neu;
Ich wollt' mich verheißen,
Wollt nimmer verreisen.
Ich wollt', ich wär' treu,
Mein Liebchen stets neu.

Ich wollt', ich wär' alt
Und runzlig und kalt;
Tätst du mir's versagen,
Da könnt mich's nicht plagen.
Ich wollt', ich wär' alt
Und runzlig und kalt.

Wär' ich Affe sogleich,
Voll neckender Streich';
Hätt' was dich verdrossen,
So macht' ich dir Possen.
Wär' ich Affe sogleich,
Voll neckender Streich'.

Wär' ich gut wie ein Schaf,
Wie der Löwe so brav;
Hätt' Augen wie's Lüchschen
Und Listen wie's Füchschen.
Wär' ich gut wie ein Schaf,
Wie der Löwe so brav.

Was alles ich wär',
Das gönnt ich dir sehr;
Mit fürstlichen Gaben,
Du solltest mich haben.
Was alles ich wär',
Das gönnt' ich dir sehr.

Doch bin ich, wie ich bin,
Und nimm mich nur hin!
Willst du beßre besitzen,
So laß dir sie schnitzen.
Ich bin nun, wie ich bin;
So nimm mich nur hin!
Goethe
 

Clematis

Die fünfte Zunft

1. Als der Herr nach seinem Plan
alles hat erschaffen,
däucht ihm alles wohlgetan:
Engel – Menschen – Affen.
Jegliches in seiner Art,
war nach Weisheit offenbart,
und sogar am Teufel
hatt’ Er keinen Zweifel.

2. Aber dabei blieb es nicht,
wer das meint, der irrt sich!
Eine Spielart kam ans Licht
anno achtundvierzig. 1)
Die Natur hielt Niederkunft,
und gebar die fünfte Zunft,
obwohl sehr mißraten,
die der Demokraten!

3. Etwas haben sie an sich
von jedweder Rasse:
Menschen sind sie äußerlich,
nach Gesicht und Masse,
Affen je nach Tracht und Bart,
innerlich ist’s Teufelsart,
und mit Engelszungen,
kommen sie gesungen.

4. Ohne Heimat, ohne Paß,
nirgends, allerwegen,
wandern sie ohn Unterlaß,
auf geheimen Stegen.
Wie der Kobold, immer nah,
schnell auf’s Hexenzeichen da,
allezeit gewärtig,
immer fix und fertig.

5. „Freiheit“ ist das Feldgeschrei,
„Freiheit“ die Parole,
hintennach die Tyrannei,
schleicht auf weicher Sohle.
Lauernd lugt sie um die Eck,
„Freiheit!“ ist der frische Speck,
Putsche und Krawalle
sind die Mäusefalle.

6. „Alles für das Heil der Welt,
Volk von Gottes Gnaden!
Jeder Gauner wird ein Held
auf den Barrikaden.
Immer drauf, die Fürsten fort,
Gotteslohn für Brand und Mord!
Euer sind die Taten,
unser ist der Braten!“

7. Also hausen durch das Land
die unsaubern Geister,
bis das Kreuz mit fester Hand
drüber schlägt der Meister.
Bei dem ersten Trommelklang
fahren sie davon mit Stank.
Gegen Demokraten
Helfen nur Soldaten !

Gedicht von Wilhelm von Merckel (um 1848)

1) Deutsche Revolution 1848/1849
Deutsche Revolution 1848/1849
 
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glückwunsch

wir alle wünschen jedem alles gute:
daß der gezielte schlag ihn just verfehle;
daß er, getroffen zwar, sichtbar nicht blute;
daß, blutend wohl, er keinesfalls verblute;
daß, falls verblutend, er nicht schmerz empfinde;
daß er, von schmerz zerfetzt, zurück zur stelle finde
wo er den ersten falschen schritt noch nicht gesetzt –
wir jeder wünschen allen alles gute

Ernst Jandl, der gelbe hund
Erlesenes | Sätze&Schätze | Seite 5
 
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Erich Kästner schrieb dieses Gedicht im Jahr 1930 - also vor mehr als 80 Jahren...
(Im Link wird das Gedicht gelesen).

Das letzte Kapitel (1930) - Deutsche Lyrik

Am zwölften Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
daß ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
daß der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen läßt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck,
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck,
man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen,
keiner entging dem Tod und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall, es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang, und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andere hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte
völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.
Grüsse,
Oregano
 
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Liebe Oregano

Es ist schwer auf Kästner was zu antworten...
doch es paßt dazu. o.t.

Zwei Sterne begegnen sich im Weltraum.

Der eine Stern plaudert von den schönsten Dingen, die auf ihm stattfinden und wie herrrlich das Leben auf ihm wäre.
Da seufzt der andere Stern und klagt, daß er sich sehr krank fühle.
Auf Nachfrage was es denn genau sei, sagt der Stern:
Ach, ich hab halt den Menschen, wenn Du weißt was das bedeutet.
Da tröstet ihn der eine Stern und sagt:
Sei nicht traurig, das geht vorbei. :kiss:

Liebe Grüße
Rota
 
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Wilhelm Busch:

Der kleine Lump

Als ich ein kleiner Bube war,
war ich ein kleiner Lump;
Zigarren raucht ich heimlich schon,
trank auch schon Bier auf Pump.

Zur Hose hing das Hemd heraus,
die Stiefel lief ich krumm,
und statt zur Schule hinzugeh'n
strich ich im Wald herum.

Wie hab' ich's doch seit jener Zeit
so herrlich weit gebracht.
Die Zeit hat aus dem kleinen Lump
'nen großen Lump gemacht.
 
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Albert Schweitzer (1875 – 1965)

Du bist so jung wie Deine Zuversicht-
Jugend ist nicht ein Lebensabschnitt,
sie ist ein Geisteszustand.

Sie ist Schwung des Willens,
Regsamkeit der Phantasie, Stärke der Gefühle,
Sieg des Mutes über die Feigheit,
Triumph der Abenteuerlust über die Trägheit.

Niemand wird alt, weil er eine Anzahl Jahre
hinter sich gebracht hat. Man wird nur alt,
wenn man seinen Idealen Lebewohl sagt.
Mit den Jahren runzelt die Haut,
mit dem Verzicht auf Begeisterung
aber runzelt die Seele.

Sorgen, Zweifel, Mangel an Selbstvertrauen,
Angst und Hoffnungslosigkeit,
das sind die langen, langen Jahre,
die das Haupt zur Erde ziehen
und den aufrechten Geist in den Staub beugen.

Ob siebzig oder siebzehn,
im Herzen eines jeden Menschen wohnt
die Sehnsucht nach dem Wunderbaren,
das erhebende Staunen beim Anblick
der ewigen Sterne und der ewigen Gedanken
und Dinge, das furchtbare Wagnis,
die unersättliche kindliche Spannung,
was der nächste Tag wohl bringen möge,
die ausgelassene Freude und Lebenslust.

Du bist so jung wie Deine Zuversicht,
so alt wie Deine Zweifel,
so jung wie Deine Hoffnung,
so alt wie Deine Verzagtheit.
Solange die Botschaft der Schönheit,
Freude und Größe der Welt,
des Menschen und des Unendlichen,
Dein Herz erreichen, solange bist Du jung.

Erst wenn die Flügel nach unten hängen
und Dein Herz vom Schnee des Pessimismus
und vom Eis des Zynismus bedeckt ist,
dann erst bist Du wahrhaft alt geworden.
 
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Danke Kathy - hier hab ich noch ein schönes Gedicht von Unbekannt

Vorwurf

"Nicht naschen, Hänschen!" sprach die Mama.
"Sieht dich auch niemand, ist keiner da,
vom hohen Himmel sehen kann's
der liebe Gott - und der zürnt dann, Hans."

Im Zimmer ist Hänschen ganz allein,
das liegt so tief im Dämmerschein.
Der Kaffeetisch ist zierlich gedeckt,
Klein-Hänschen auf den Zehen sich reckt.
Die Zuckerdose ist frisch gefüllt,
sein kleines Herz vor Verlangen schwillt.
Ein Stückchen Zucker möchte er bloß,
denn Hänschens Erziehung war zuckerlos.

Die Wolken schatten ja heute so dicht,
da sieht's der liebe Gott sicher nicht.
Schon hat er erklommen des Stuhles Sitz,
schon hält er's in Händen, da flammt ein Blitz
und tief und grollend der Donner hallt,
Klein-Hänschen fällt vom Stuhle bald.
Schnell wirft er das Stückchen Zucker zurück
und spricht mit tränengefülltem Blick
und zitternden Lippen - der arme Schlucker:
"Aber lieber Dott, wegen sonn winzig
Tück Zucka."
 

Ikosaeder

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Adler und Lork (Frosch)

Um Adler, welcher sich erhebet,
Und in dem lichten Freien schwebet,
Sieht jeder Lork aus seinem Dreck
Und rügt ihn gern, den kleinsten Fleck.
Doch wer bemerkt am Lork im Drecke
Die kleinen und die großen Flecke?
 
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Hör dir das an

Hör dir das an, Gott, ich will heute
mit dem Auto unterwegs sein, morgen
schließ ich den Kaufvertrag ab, das
neue Haus wird in zehn Monaten
stehn, dann ziehen wir ein, machen das
dritte Kind, schicken das erste zur
Schule, das Geschäft wird vergrößert, den
Kompagnon schmeiße ich raus, kaufe das
restliche Aktienpaket, übernehme den
Vorsitz in der Waschmittelgesellschaft,
wechsle die Freundin, der Bungalow im
Tessin ist fällig, die Gören springen
mir von der Tasche, die Frau hat eine
Operation, ich bin Generaldirektor,
vielleicht Prostata, gut, wird repariert,
man ist sechzig, Konzern gesund, rapide
wächst das Grundkapital, glänzende
Aussichten für die nächsten zehn Jahre,
was sag ich, für zwanzig – hör dir das an,
Gott, und komme mir nicht dazwischen.

(Rudolf Otto Wiemer)
 
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Übergewicht

Es stand nach einem Schiffsuntergange
eine Briefwaage auf dem Meeresgrund.
Ein Walfisch betrachtete sie bange,
beroch sie lange,
hielt sie für ungesund,
ließ alle Achtung und Luft aus dem Leibe,
senkte sich auf die Wiegescheibe
und sah - nach unten schielend - verwundert:
Die Waage zeigte über Hundert.


(Joachim Ringelnatz 1883-1934)

Wer solche Gedichte von Ringelnatz mag: es gibt bei 2001 eine Gesamtausgabe von seinen Gedichten: Die Gedichte von Joachim Ringelnatz für 9,99Â*€
Bei mir wird das ein Geburtstagsgeschenk :)-

Grüsse,
Oregano
 
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Kurt Marti ist gestorben.
https://www.nzz.ch/feuilleton/zum-tod-von-kurt-marti-poesie-ist-arbeit-an-der-zukunft-ld.145058
Unter anderem hat er Sprachen auf Bernerisch (sagt man so?) geschrieben.

Aus einem Artikel (Kurt Martis Lyrik in der Umgangsschprach)

hommage à rabelais

d’schöni
vor de wüeschte wörter
isch e brunne
i dr wüeschti
vo de schöne wörter

«vattr

im himu
häb zu diim imitsch soorg
üüs wäärs scho rächcht wett azz ruedr chäämsch
und alls nach diim gringng giengng
im himel obe-n-und hie bi üüs… […]»

dr himel
dr himel
am aabe
flambiert
über chüniz

und däwäg
und jitz
westmoreland
eastmoreland
me – kong

(aus: «8 x vietbärn»)

läbe – das isch wie ne zahn
(nach em boris vian)

läbe – das isch wie ne zahn
zersch chöjet me ohni sech z’achte
schpäter gits löcher und bräschte
die bringen is schmärzen und chöschte
me macht was me cha doch vergäbe –
am änd git es nüt als ne z’zieh:
dä zahn üses läbe

wo chiemte mer hi?

wo chiemte mer hi
wenn alli seite
wo chiemte mer hi
und niemer giengti
für einisch z’luege
wohi dass me chiem
we me gieng


Das letzte Gedicht auf Hochdeutsch:
"Wo kämen wir hin, // wenn alle sagten, // wo kämen wir hin, // und niemand ginge , // um einmal zu schauen, // wohin man käme, // wenn man ginge."

Grüsse,
Oregano
 
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Leben und Loslassen

Engel R.M. Rilke

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte in meinen Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt ........:)
 
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Ich war ein Kind und träumte viel
und hatte noch nicht Mai;
da trug ein Mann sein Seitenspiel
an unserm Hof vorbei.
Da hab ich bange aufgeschaut:
"O Mutter, lass mich frei..."
Bei seiner Laute erstem Laut
brach etwas mir entzwei.

Ich wusste, eh sein Sang begann:
Es wird mein Leben sein.
Sing nicht, sing nicht, du fremder Mann:
Es wird mein Leben sein.
Du singst mein Glück und meine Müh,
mein Lied singst du und dann:
mein Schicksal singst du viel zu früh,
so dass ich, wie ich blüh und blüh, -
es nie mehr leben kann.

Er sang. Und dann verklang sein Schritt, -
er musste weiterziehn;
und sang mein Leid, das ich nie litt,
und sang mein Glück, das mir entglitt,
und nahm mich mit und nahm mich mit -
und keiner weiß wohin...
 
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Gebet einer Frau (von Unbekannt)

Nicht länger ist es zu ertragen
mit meinem bösen Mann.
Ach, gestern hat er mich geschlagen,
dass ich nicht fliehen kann.

Gott, ende einmal meine Leiden,
zerreiß dies lästig Band.
Nimm zu dir eins von uns beiden,
ich ziehe dann aufs Land.
 
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Prosa von Gioconda Belli / Rezitation: Juliane Kosarev / Musik: poem rouge /

Welle sein schäumend im sanften Murmeln deines Blutes
Dämmern am Rand deines Seins kauern,
das Haar zerfließend an deiner Schulter gehalten vom Streicheln deiner Hand
Sprachlos flüstern längst gesagter Worte altbekannt seit der ersten Paarung eines Mannes und einer Frau die einer im anderen die Welt entdecken.
Sanftes Tier sein das dich sucht mit offenen Augen und denkt das Leben ist schön und stark und unerwartet neu.
 
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Dichtung von Manfred Hausmann / Rezitation: Juliane Kosarev / Piano: Michael Proksch

Wenn wir uns nicht haben und uns sehnen,
dann ist's als hätten wir uns endlich ganz.
Doch wenn wir nahe sind und uns geborgen wähnen, verdunkelt sich die Lust, verblaßt der Glanz.
Die Ferne ist es nicht und nicht die Nähe.
Ach, immer lebt das Innigste allein.
Laß uns, wie gut es auch, wie schlimm es um uns stehe, laß uns barmherzig zueinander sein.
 
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