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Kieferknochen: effiziente Abwehr

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Aus der SZ vom13.12.05, Rubrik "Wissen". Titel "Privat versichert".

Körpereigene Antibiotika gegen verkeimte Atemluft: Kieferknochen verfügenüber einbesnders effizientes Abwehrsystem.
(von Christa Berndt)

Vier gezogene Weisheitszähne au feinmalund dazu noch eine kleine Operation, weil einZahn mit dem Knochen verwachsen ist:Als besonderserstrebenswert erscheint das keinem Zahnarztpatienten. Aber immerhon. Wer so etwas hinters ich bringt, muss sich wenigstens kaum sorgen ,dass sich der verweundete Kieferknochen übel entzünden könnte. Denn Kieferchirurgen müssen anders als ihre Kollegen, die an Oberschenkeln, Rippen oder Hüften sägen, kaum mit gefährlichen Infektionen in jenen Kratern rechnen, die sie zurücklassen. Ausgerechnet die Knochen in der Mundhöhle, an denen bei jedem Atemzug massenhaft Keime vorbeiziehen und in deren Nähe ohnehin das Leben in Formder Mundflora tobt, scheinen vor Infektionen gefeit.
"Weshalb das so ist, war eine der grundlegendsten Fragen der Kieferchirurgie", sagt Patrick Warnke von der Klninik für Mund-, Kiefer- und Gesichtsschirurgie der Universität in Kiel.Gemeinsammit seinen Kollegen glaubt Warnke nun des Rätsels Lösung gefunden zu haben: Der Kieferknochen verfügt offenbar über ein eigenes, privates Immunsystem, wie das Kieler Team in Kürze in der Fachzeitschrift Bone berichten wird. Nicht die übliche Gang aus Lymphozyten und Fresszellen wartet im Kieferknochen auf mögliche Angreifer. Vielmehr ist das Immunsystem in der Mundhöhle eher archaischer Natur. Es besteht aus natürlichen Antibiotika - kleinen Molekülen namens Defensinen, wie sie zuvor bereits auf Haut und Schleimhäuten gefunden wurden; ebenfalls an Orten also, die ständig mikrobiellen Invasoren ausgesetzt sind. Somit ist der stets verkeimte Luftzug in der Mundhöhle vielleicht gerade der Grund für den besonderen Schutz des Kieferknochens.
"Es ist gut möglich, dass die Immunzellen einfach zulangsam und zu ineffizient sind, um die Masse der Keime im Mund erfolgreich abzuwehren", sagt Warnke. "Die Defensine zerstören Bakterien hingegen direkt und ohne größeren Zeitaufwand". Sie scheinen nämlich - genau wie viele Antibiotika - einfach Löcher in die Mikroben zu bohren, so dass diese zerplatzen. "Und dafür sind nur geringste Mengen notwendig", schwärmt Warnke.
Der Kiefer- und Gesichtschirurg hofft, dass seine Entdeckung eines Tages von Ärzten genützt wird.Möglich wärees z.B., Implantate und künstliche Hüftgelenke mit Defensinen zu beschichten. Auch ließe sich womöglich der massive Antibiotika-Verbrauch einschränken, den Chirurgen üblicherweise für ihre Operationen betreiben.
Die Defensine scheinen nämlich ausgesprochen wirksam zu sein. Das wird besonders deutlich, wenn der Mensch zum Wolf wird und - sei es als Angriff oder Verteidigung -einmal seine Zähne ins Fleisch eines anderen Menschen bohrt. Die Bissverletzungen sind oft furchtbar. Schwere Entzündungen belegen, welch aggressives Gesindel üblicherweise im Mund des Homo sapiens zu Hause ist . "Menschenbisse gelten als weitaus gefährlicher als Hundebisse", sagt der Mikrobiologe Andreas SingvomMünchner Max-von-Pettenkofer-Institut, der vor sechs Jahren gemeinsam mit dem Chirurgen Peter Wienert die Wade eines jungen Oktoberfestbesuchers von Streptokokken befreit hat.Der Mann hatte zum Ärger einer Dame allzu ausgelassen auf dem Biertisch getanzt. Als der Mann später in die Klinik humpelte, sah es unter der Haut seines zerissenen Unterschenkels "wie gekochtes Fleisch " aus.
"Kritisch werden solche Bisse vor allem, wenn die Wunde bis zum Knochen reicht" sagte Andreas Sing. "Entzündet sie sich , kann die Sache tödlich ausgehen". Noch heute müssen etwa 5% jener Körperteile amputiert werden, die von bisswütigen Zeitgenossen attackiert werden und sich entzünden. Da ist es wirklich erstaunlich, wie friedlich so eine Ziehung der Weisheitszähne verläuft.

Uta
 
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