"Was soll ich Dir schenken, mein Lieber, zu unserem 60. Hochzeitstag, wenn nicht ein paar beschriebene Blätter, in die viel Erinnerung eingeflossen ist, aus der Zeit, als wir uns noch nicht kannten. Von der späteren Zeit kann ich Dir kaum etwas erzählen, was Du nicht schon weißt. Das ist es ja: Wir sind in den Jahrzehnten ineinander gewachsen. Ich kann kaum 'ich' sagen - meistens 'wir'. Ohne Dich wäre ich ein anderer Mensch geworden. Aber das weißt Du ja. Große Worte sind zwischen uns nicht üblich. Nur soviel: Ich habe Glück gehabt."
Christa Wolf an ihren Ehemann. Ein halbes Jahr später starb sie.
"Ein paar beschriebene Blätter", das war ihre letzte Erzählung, mit dem Titel "August" (40 Seiten). Ein Jahr nach ihrem Tod erschienen (2012). August, eine Gestalt aus "Kindheitsmuster", dem Riesenroman der Autorin, erinnert sich im Alter an ein Mädchen, das ihm, dem schwer Kranken entscheidend geholfen hat (und das Züge der Autorin trägt). Und an seine verstorbene Frau, die einmal zu ihm sagte: "Ich glaube, du bist ein anständiger Mensch." Und, so schreibt die Erzählerin: "Dieser eine Satz hielt die ganzen Jahre der Ehe vor." ("So geht Liebe bei Christa Wolf", bemerkt ein Kritiker.)
Am Ende der Erzählung heißt es: "Er fühlte etwas wie Dankbarkeit dafür, daß es in seinem Leben etwas gegeben hat, was er, wenn er es ausdrücken könnte, Glück nennen würde."