Was ich allerdings nicht verstanden habe ist, wo das Problem jetzt genau liegt? Bei der Regulation durch die Nieren oder in der Leber oder doch im Magen?
Das ist eine sehr gute Frage, an der ich bei mir selber noch knabbere bzw. versuche, herauszufinden, was leider angesichts des Desinteresses von Seiten der Ärzte ("Werte sind doch eh normal") und deren Nicht-Ernst-Nehmen meiner Symptome ("Sind Sie in neurologischer/psychiatrischer Behandlung?") alles andere als leicht ist.
Mich selbst hat das Herausfinden dessen, was ich bisher weiß, Monate der Recherche gekostet (sitze seit Februar dran, als ich die Zuckungen und Zitterattacken nicht mehr ausgehalten habe, weil ich kaum mehr Stehen und Gehen konnte bzw. nur noch mit Rollator, und meine Neurologin kurz lapidar meinte, "das Zucken kommt von den Elektrolyten", wobei sie meine Zuckungen als Muskelfaszikulationen missverstanden hatte, und auch keine weiteren Erklärungen dazu abgab - dieser Hinweis stellte ich dann jedoch als goldrichtig heraus und war der Schlüssel zu gleich mehreren Symptomen/Problemen.)
Ich versuche das jetzt mal irgendwie aufzudröseln:
Generell: "Schuld" kann eigentlich alles sein, soweit ich das bisher verstanden habe:
Niere: auf jeden Fall! Habe ich bei mir im Verdacht: Es gibt z.B. Nierenfunktionsstörungen, wo man zuviel Bicarbonat ausscheidet (renal-tubuläre Azidose Typ 2), wodurch sich als "Ausgleich" Chlorid im Blut anreichert. Zur Erinnerung: beides ist elektrisch negativ geladen, und da das Blut als allererstes mal die Elektroneutralität (das +/- Verhältnis der Ionen) bewahrt, ist es ihm zunächst "egal", dass Bicarbonat eine Base und Chlorid eine Säure ist. Dadurch der hohe Chloridwert im Serum.
Außerdem gibt es eine Nierenfunktionsstörung (renal-tubuläre Azidose Typ 1), wo die Niere nur sehr schwer Säure ausscheiden kann oder teilweise dazu nicht fähig ist. Die erkennt man daran, dass der pH-Wert im Urin nie unter 5,5 sinkt, oft sogar bei 6 stagniert und nie niedriger ist. Die Säure reichert sich im Körper an, das ganze Bicarbonat geht dabei drauf, diese zu neutralisieren, es kommt zur Azidose, zuerst im Gewebe, schließlich im Blut.
Beide Funktionsstörungen haben nichts mit einer sogenannten "Niereninsuffizienz" zu tun, sondern gewisse Transporter in der Niere arbeiten nicht oder sind beschädigt/zu wenig vorhanden. Es gibt genetische Dispositionen dafür, jedoch kann das auch erworben sein, wenn z.B. die Niere durch Infektionen (Covid habe ich da bei mir stark im Verdacht) geschädigt ist. Ich kann mir auch vorstellen, dass Schimmelpilztoxine, bakterielle Toxine etc. sowas verursachen könnten, habe dazu aber (noch) keine Erkenntnisse.
Leber: eher weniger.
Ich wüsste jetzt nicht, inwiefern die Leber direkt damit zu tun haben könnte. In der Leber laufen Prozesse ab, bei denen Säuren (Protonen, also H+-Ionen) neutralisiert werden, z.B. eben durch Citrat (Zitronensäure) oder Malat (Apfelsäure), wodurch indirekt Bicarbonat generiert wird. Soweit ich das verstanden habe, passiert das aber ganz unspektakulär durch den Ablauf des Citratzyklus (in den zumindest oral aufgenommenes Malat eingespeist werden dürfte, bei Citrat ist das nicht unbedingt so), denkbar wäre aber schon, dass wenn die Mitochondrien in der Leber nicht optimal funktionieren, das Ganze nicht so rund läuft. Das würde erklären, warum das oral zugeführte Citrat und Malat (die den Citratzyklus sozusagen zusätzlich ankurbeln) mir so gut hilft.
Magen selbst:
Kann natürlich sein, habe ich bei mir selber jedoch nicht im Verdacht. Ich habe gsd insgesamt wenig Magenprobleme, bis auf die Magenblähungen (die ich inzwischen kaum noch habe, kann da, was das Rülpsen angeht, mit meinem Freund nicht mehr mithalten). Denkbar wäre jedoch, dass die Pumpen (Protonenpumpe, die Wasserstoff reinpumpt, oder auch der Chlorid-Bicarbonat-Austauscher in den Parietalzellen) nicht optimal funktionieren, wenn z.B. die Magenschleimhaut angegriffen ist oder auch durch andere Ursachen.
Was ich bei mir noch im Verdacht habe (außer Niere und ev. Leber bzw. Mitochondrien/Citratzyklus):
die SIBO.
SIBO bedeutet ja, Bakterien besiedeln den Dünndarm (und bei mir dürfte es auch der Magen gewesen sein), wo sie nicht hingehören.
Die SIBO halte ich generell für missverstanden und die meisten Erklärungsansätze für zu simplifizierend. Denn wenn man die Experten Dr. Pimentel und Dr. Siebecker dazu anhört, habe man da ganz bestimmte Bakterien im Dünndarm, nämlich vor allem Klebsiellen, Proteobakterien und E. coli. Ich habe einen Stuhltest machen lassen, hatte die da alle nicht drin (es war 16S-DNA-Sequenzierung, also wären da nur Spuren von DNA, müsste man die sehen).
Bei mir sind ganz andere verdächtig, nämlich die Mundkeime, die wahrscheinlich auch im Magen saßen (Prevotella buccae kann Unmengen an Wasserstoff und damit Blähungen produzieren), sowie solche, die aus dem Dickdarm in den Dünndarm gewandert sind.
Abgesehen davon, dass man zusätzlich zur SIBO eine ausgewachsene Dysbiose haben kann (und ich habe einige Opportunisten, antibiotikaresistente Giftproduzenten etc. in der Mikrobiomanalyse gehabt), können auch die "gesunden" ordentliche Probleme machen, wenn sie am falschen Ort sitzen. Denn was produzieren denn gesunde Darmkeime? SCFAs in erster Linie, das sind short-chain-fatty-acids, also kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, Propionat und Acetat.
Das sind Säuren. Wenn die im Dünndarm produziert werden, gelangen die vermutlich sehr viel schneller und in sehr viel höherer Anzahl ins Blut. Dort müssen sie neutralisiert werden, oder wenn das nicht geht (wegen z.B. zu wenig Bicarbonat), dann müssen die ins Gewebe geschoben werden. Das ist übrigens auch übel, denn durch so eine Gewebeazidose wird nicht nur Säure (Protonen, also H+) in die Zellen reingeschoben, es wird im Gegenzug Kalium (K+) und Magnesium (Mg2+) rausgeschoben, und dadurch kommt es zu massiven Symptomen in Muskel- und Nervenzellen. Calcium wird dabei auch verbraucht, das braucht man aber, um das Erregungsniveau in Nerven- und Muskelzellen zu stabilisieren. So war es offenbar bei mir.
Auffallend ist bei mir z.B. auch, dass wenn ich Joghurt oder andere probiotische Lebensmittel esse, der pH-Wert im Urin sehr schnell steil abfällt (nach dem Essen sollte man übrigens einen "alkaline-tide" haben, also einen ANSTIEG des pH-Werts im Urin - nämlich durch den Chlorid-Bicarbonat-Tausch in den Magen-Parietalzellen. Ich habe den aber nicht). Ich bin dann ohne Probleme innerhalb einer halben Stunde von 7 auf 5,5. Ansonsten dauert das seine 2 bis 3 Stunden, manchmal auch länger. Ich vermute, es ist die Milchsäure (Laktat), das die enthaltenen Bakterien im Dünndarm erzeugen.
Außerdem habe ich den pH-Absturz, wenn ich mich bewege. Gehe ich eine halbe Stunde einkaufen, bin ich auch schnell auf 5,5 unten. Macht irgendwie Sinn, wegen dem Laktat, das bei Bewegung in den Muskelzellen gebildet wird. Trotzdem bin ich nicht sicher, ob das wirklich normal ist. Denn kein normaler Mensch braucht bei Alltagsbelastungen ein low-dose-Sippen von Citraten/Malaten, weil ansonsten neurologische und muskuläre Symptome zurückkommen. Das geht bei mir nämlich sehr schnell. Trinke ich unterwegs zu wenig von dieser Basenmischung, habe ich wieder ein Gefühl der Fremdsteuerung in den Beinen, spüre sie für eine Zehntelsekunde nicht, ein Bein fängt wieder an, höher zu heben als das andere, die Myoklonien kehren zurück...
Fazit: Bei mir vermute ich niedriggradige Nierenfunktionsstörung (renal-tubuläre Azidose Typ1 und/oder 2) + SIBO (Bakterien erzeugen Säuren im Dünndarm) + ev. Störung des Citratzyklus (da dürfte bei mir auch einiges im Argen liegen, wie ich in meinen Befunden gesehen habe: Methylmalonsäure grenzwertig trotz B12 bei 1700; Laktat und Pyruvat beides erhöht - Ratio aber gut).
vertrage jedoch bspw. keine Citrate, weil ich früher mal mit Schimmelpilzen Probleme hatte und dadurch wohl irgend etwas bei mir getriggert wurde.
Das ist echt übel, ich wüsste momentan nicht, was ich ohne meine Citrat-Malatmischung machen würde. Ich habe z.B. die Tage mal einen Tag lang Mg-citrat gegen Mg-bisglycinat und Mg-taurat ausgetauscht, weil ich die Citrate reduzieren sollte wegen einer Colontransitzeit-Messung (und Citrate das Ergebnis verfälschen würden). Das ging sofort nach hinten los, ich hatte jetzt die Tage darauf wieder stärkere Symptome und der Urin stieg nicht mehr über 6 an (heute hab ich es auf 7 geschafft, nach jetzt 4 Tagen!).
Es gibt allerdings Alternativen (die jedoch für mich nicht funktionieren):
Natron: hat den großen Nachteil, die Magensäure für sehr lange zu neutralisieren, gerade, wenn man eh schon eher zu wenig davon hat. Man darf dann stundenlang nichts essen, und das finde ich beim Versuch, eine Azidose auszugleichen, sehr hinderlich. Denn wenn man viel Natron auf einmal nimmt, dann hat man ja die Bicarbonat-Flut im Blut, was wie oben beschrieben in der Niere den Pendrin-Austauscher aktiviert (das ganze Bicarbonat geht raus, um eine Alkalose zu verhindern). Nimmt man es low-dose, neutralisiert es trotzdem die Magensäure, das heißt, man kann es schlecht verteilt über den Tag einnehmen, man dürfte dann ja fast nichts essen. Abgesehen von den direkten Magenblähungen durch das CO2 (wovon einem auch ein bisschen übel werden kann), das direkt im Magen durch die chemische Reaktion entsteht.
Finde ich eigentlich die schlechteste Alternative. Und angesichts all dieser Nachteile wundert es mich, warum es immer wieder empfohlen und von vielen so begeistert genommen wird, noch dazu in den Mengen (halber Teelöffel zum Frühstück - das ist gigantisch viel!). Liegt vielleicht an was Anderem.
Natriumascorbat: soll angeblich ebenfalls "basisch" wirken bzw. verstoffwechselt werden. Dazu weiß ich aber zu wenig, da ich es überhaupt nicht vertragen habe. Ich habe davon, obwohl kleine Dosis und langsam getrunken, sehr komische Symptome bekommen: den Körper nicht mehr gespürt, es hat sich angefühlt, als würde er sich in Luftblasen auflösen, das Gefühl, jederzeit umkippen zu können, Leere im Kopf, Depersonalisation und ich konnte nichts mehr lesen - alles ist vor meinen Augen verschwommen und hat herumgetanzt. Fühlte sich sehr unangenehm an - war kurz davor, ins Krankenhaus zu gehen. Ging gsd nach 2 Stunden wieder weg.
Außerdem wirds bei Schimmeltoxin-Sensitivität wahrscheinlich auch nicht gehen wg. dem Ascorbat.
Auch zu diesen seltsamen Nebenwirkungen habe ich eine mögliche Erklärung - und das ist eigentlich auch insgesamt noch
ein wichtiger Hinweis für alle, die Sachen einnehmen, um den Körper mit "Basen" zu versorgen bzw. "basischer" zu machen (was keinesfalls immer "gesund" ist):
Alkalisiert man das Blut, indem man "Basen" bzw. Stoffe, die Bicarbonat enthalten oder zu solchem verstoffwechselt werden, zuführt, dann führt das dazu, dass Ammonium im Blut schlagartig zu Ammoniak umgewandelt wird. Ammoniak ist ein starkes Nervengift und in diesem gasförmigen Zustand kann es angeblich alle Membranen ohne Beschränkung durchdringen und direkt ins zentrale Nervensystem eindringen und dort Nervenzellen schädigen. Ob es als Ammoniak oder Ammonium vorliegt, hängt vom pH-Wert ab. Je alkalischer das Milieu, desto mehr Ammoniak, je saurer, desto mehr Ammonium (die ungiftige Form). Es gibt eine schwere Lebererkrankung (die ich sicher nicht habe), wo die Leber das Ammoniak nicht entgiften kann - diese Erkrankung verläuft tödlich. Bei dieser Erkrankung gibt man z.B. Lactulose, denn Lactulose ist ein Ballaststoff, den säureproduzierende Bakterien (z.B. Lactobacillen) lieben, die produzieren dann Säure, dadurch bleibt der Darm eher sauer, das Ammoniak wird zu Ammonium und sozusagen "deaktiviert" und kann in dieser Form mit dem Stuhl ausgeschieden werden. Eine "Übersäuerung" (zumindest im Darm) hat also durchaus seine Vorteile. Mit all den beschriebenen Nachteilen, die es offenbar bei mir hat.
Warum vermute ich Ammoniak bei mir als Grund für diese komischen Nebenwirkungen von Natriumascorbat?
Weil ich erstens all meine Keime aus der Mikrobiomanalyse recherchiert habe und unglaublich viele Ammoniakproduzenten darunter sind.
Weil ich zweitens eine Phase high-protein (letzten Sommer) hinter mir habe, während welcher zusätzliche Nervenschmerzen aufgetreten sind, die jetzt wieder weg sind (eine Art starke Berührungsempfindlichkeit).
Weil ich drittens während dieser high-protein-Phase einen Aminosäuretest machen habe lassen, der ganz ok aussah, bei dem aber Schlüssel-Aminosäuren für den Harnstoffzyklus (bei dem Ammoniak zu harmlosen Harnstoff umgewandelt wird) schon recht niedrig waren, nämlich Arginin und Ornithin.
Daher nehme ich zu der Citrat-Malat-Mischung IMMER auch Citrullin-Malat ein (das L-Arginin-L-Aspartat, auch LoLa genannt, kann ich nicht nehmen, weil es meine Darmkeime ebenfalls zu Ammoniak verstoffwechseln können, was äußerst kontraproduktiv wäre; l-Arginin kann ich auch nicht nehmen, weil ich dann sofort Herpesbläschen bekomme). Das Citrullin dient als Substrat, um den Harnstoffzyklus anzukurbeln, während gleichzeitig die Leber die Citrate und Malate zu Bicarbonat verstoffwechselt, sodass das frei werdende Ammoniak gleich abgefangen werden kann.
Lange Rede kurzer Sinn: Leider kann ich dir mit deinem Citrat-Problem nicht helfen, weil ich bislang keine (gute) Alternative dazu kenne. Das Malat wäre eventuell einen Versuch wert - bei mir funktioniert aber auch das Malat nicht ohne das Citrat. Offenbar brauche ich beides, vermutlich weil die beiden ein Gegensatzpaar innerhalb und außerhalb der Mitochondrien bilden und da irgendwas bei mir aus dem Gleichgewicht kommt, sobald ich das eine ohne das andere nehme. Es gibt ja abgesehen davon noch Carbonate, Orotate und andere Salze, aber ob, wie effektiv und unter welchen Umständen die alkalisch wirken, weiß ich leider nicht.
Du müsstest also herausfinden, welche Substanzen du nutzen kannst, um den Bicarbonatspiegel zu stabilisieren. Aber zuvor würde ich dennoch herausfinden, ob überhaupt eine Azidose vorliegt (Chloridspiegel im Serum checken + SID berechnen (= strong ion difference), Blutgasanalyse machen lassen + Anionenlücke und base excess berechnen, um zu sehen, ob eine Hyperchlorämie oder Azidose der Grund dafür sein kann. Denn eine Alkalose sollte man ebenso wenig heraufbeschwören.