Otoneurologische / neurootologische Untersuchung und HWS-Schäden

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Kate

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Hallo zusammen,

die neurootologische oder otoneurologische Untersuchung gehört zu den Folgeuntersuchungen, die Dr. Ku. vielen Patienten empfiehlt, bei denen er von einer HWS-Instabilität bzw. Kopfgelenk-Dysfunktion ausgeht. Derzeit wird sie meist bei einem bestimmten Arzt, Dr. M.-K., durchgeführt.

Ich war auch vor einiger Zeit dort und versuche gerade, den Befund so gut es geht zu verstehen. Ich habe mir überlegt, dass es Sinn macht, dies hier Stück für Stück darzustellen. Dann können die, für die es interessant ist, auch Stück für Stück mitlesen.

Die Recherche ist nicht ganz einfach, die Begriffe werden teils nicht einheitlich verwendet, die Verfahren sind technisch recht komplex und werden im Web mehr oder minder allgemeinverständlich beschrieben. Ich betone also hier noch einmal, dass ich nicht für Richtigkeit und Vollständigkeit garantieren kann. Es soll nur eine kleine Orientierungshilfe sein, den Befund zu verstehen. Mein inhaltliches Gerüst (Überschriften) ist dabei mein eigener Befund, bei anderen Patienten werden dort u.U. andere Untersuchungen aufgeführt.

---

1. Tonschwellenaudiogramm
2. Impedanz
3. Transitorisch evozierte otoakustische Emissionen
4. Evozierte Potentiale
---4.0 Akustisch evozierte Potentiale - Exkurs
---4.1 Frühe akustisch evozierte Potenziale
---4.2 Kognitive Potentiale mit 1 und 2 KHz burst
---4.3 Visuell evozierte Potentiale
---4.4 Vestibulär evozierte myogene Potentiale
5. Corpocraniographie nach Claussen mit ultraschallsensorgesteuerter Aufzeichnung des Rombergschen Stehversuches sowie des Unterbergschen Tretversuches
---5.0 Exkurs zu Claussen
---5.1 Rombergscher Stehversuch (1846)
---5.2 Unterbergscher Tretversuch (1938)
---5.3 Corpocraniographie nach Claussen (Auswertung)
...

0. Neurootologie

auch: Otoneurologie – wenn die vorherrschende Stellung der Ohren betont werden soll

Das medizinische Spezialgebiet von der gesunden und der krankhaft gestörten Funktion der Kopfsinne. Die Entwicklung der Neurootologie ging von der HNO-Heilkunde aus, beteiligt sind aber auch Ärzte anderer angrenzender Fachgebiete (Augenheilkunde, Neurologie, Innere Medizin).

Der erste Nobelpreis auf diesem Gebiet wurde 1914 an den HNO-Arzt Róbert Bárány verliehen für seine Untersuchungen zur Nystagmusanalyse und vestibulären ("auf das Gleichgewichtsorgan bezogenen", von lat. vertere für drehen) Gleichgewichtsfunktion. Am Ende des Ersten Weltkriegs erarbeitete der Augenarzt Ohm die Grundlagen der Optokinetik (d.h. der durch die Augen ausgelösten Nystagmen). Die Publikation "Ophthalmo- und Otoneurologie" der Wiener Neurologen Spiegel und Sommer prägte im Jahr 1931 den heutigen Namen dieses Gebietes. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr das Gebiet durch die Arbeiten des Internisten Ashton Graybiel einen starken luftfahrt- und weltraummedizinischen Aufschwung in den USA, der in viele andere Bereiche ausstrahlte. Das medizinische Spezialgebiet "Neurootologie" wurde in Deutschland 1970 durch Claus-Frenz Claussen gegründet, der zwischen 1970 und 2004 in Klinik der Universität Würzburg eine entsprechende Abteilung aufgebaut und drei Jahrzehnte geleitet hat.

Teilgebiete:
  • Gleichgewicht und Gleichgewichtsfunktionsprüfungen (Äquilibriometrie) - hierher gehören u.a. die Symptome Schwindel, Taumeligkeit, Fallneigung, Orientierungsstörungen
  • Gehör und Gehörstörungen (Audiometrie)
  • Geschmack und Geschmacksstörungen (Gustometrie)
  • Geruch und Geruchsstörungen (Olfaktometrie)
Die beiden letzteren gehören offenbar nicht zu der Untersuchung, die in der Praxis Müller-Kortkamp bei Verdacht auf instabile HWS durchgeführt wird. Müller-Kortkamp schreibt, der Neurootologe befasse sich hauptsächlich mit den "Sinnesrezeptoren des Gleichgewichtssystems, deren Bahnen und den damit zusammenhängenden Krankheitssymptomen".

Speziell das posttraumatisch und oft schleichend entstehende cervico-encephale Syndrom kann mit einem schweren Abbau der Sinnesfunktionen und der Hirnleistungsfähigkeit verbunden sein, bei dem die Neurootologie eine wichtige Klärung und Objektivierung der Beschwerden herbeiführen kann.

Nach Müller-Kortkamp wird die Neurootologie in Deutschland "stiefmütterlich" behandelt , es gäbe keinen Facharzt und keine kassenärztlich anerkannte Zusatzbezeichnung für dieses Fach, so dass vor allem HNO-Ärzte, Augenärzte und Neurologen auf dem Gebiet tätig seien.

Quellen:
Neurootologie ? Wikipedia
Moderne Neurootologie - Sinneslehre des Gleichgewichtssystems (Praxis Müller-Kortkamp)
 
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Kate

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1. Tonschwellenaudiogramm

Zweck
"Hörschwellenmessung", d.h. Erfassung der frequenzabhängigen Hörempfindlichkeit (Lautstärke, ab der verschiedene Töne jeweils in einem Ohr gehört werden). Schlüsse auf verschieden Arten von Mittel- und Innenohr-Schwerhörigkeiten.

Durchführung
Subjektives Verfahren. Es ertönen Reintöne mit genormten Frequenzen in sehr fein veränderbaren Lautstärkestufen, der Proband gibt jeweils an, ob er einen Ton wahrnimmt. Übertragung der Töne auf zwei verschiedene Arten:

  • Luftleitung (LL): Übertragung der Töne per Kopfhörer.
  • Knochenleitung (KL): Übertragung der Schwingungen über den Schädelknochen mit dem "Knochenleitungshörer" direkt auf das Innenohr – unter Umgehung von Mittelohr, Hammer, Amboss und Steigbügel.
  • Evtl. zusätzlich: "Unbehaglichkeitsschwelle", d.h. Lautstärke, ab der es für den Probanden unangenehm laut wird.

Ergebniskombinationen / diagnostische Schlussfolgerungen
  • Normale KL-Kurve bei abgesenkter LL-Kurve: Mittelohr-Schädigung ("Schallleitungs-Schwerhörigkeit"). Der Kurvenverlauf lässt auch Schlüsse auf die Ursachen der Hörstörung zu.
  • LL und KL etwa gleich abgesenkt: Innenohr-Schädigung ("Schallempfindungs-Schwerhörigkeit").
  • KL abgesenkt und LL erheblich weiter abgesenkt: Innenohr-Schädigung und Blockade im Außen- oder Mittelohr ("kombinierte Schallleitungs-/Schallempfindungs-Schwerhörigkeit").
  • Je nach nicht gehörten Frequenzen Unterscheidung zwischen Tief-, Mittel-,Hochton-Schwerhörigkeiten

Referenzbereich
-10 dB bis 20 dB (Messgenauigkeit etwa 10 dB) – dabei entspricht im genormten Tonschwellenaudiogramm die Nulllinie etwa der Hörschwelle eines Jugendlichen mit normaler Hörfähigkeit.

Quellen
Tinnitus – der Quälgeist im Ohr - mit grafischer Darstellung der verschiedenen Arten von Schwerhörigkeit (von Karl-Heinz Friese)
Wie lese ich ein Audiogramm? (von Fred Warnke)
Audiometrie (Elektroakustische Hörprüfung) | NetDoktor.de
 
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2. Impedanz (von lat. impedire für hemmen, hindern)

Zweck
Beurteilung der Trommelfellbeweglichkeit, des Druckes und der Belüftung im Mittelohr

Durchführung
Objektives Verfahren. Eine Messsonde mit Lautsprecher und Mikrofon wird luftdicht in den äußeren Gehörgang eingesetzt. Das Ohr wird mit einem Messton beschallt und der vom Trommelfell reflektierte Schallanteil gemessen. Dieser ändert sich mit der Trommelfellbeweglichkeit. Zusätzlich kann über die Sonde der Druck im äußeren Gehörgang variiert werden. Bei normaler Mittelohrfunktion wird der größte Teil der Schallenergie über Trommelfellschwingungen zum Innenohr weitergeleitet.

Quellen
HNO - Hals - Nasen - Ohren-Praxis von Harald Hensel in Tübingen
Audiologie/Gängige Hörprüfungen/Impedanzaudiometrie (Uniklinikum Gießen und Marburg)
 
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3. Transitorisch evozierte otoakustische Emissionen

Abk. TEOAE; in etwa: "Vorübergehend hervorgerufene Ohr-Klangwirkungs-Aussendungen"

Begriffe
Klick-Reiz: in diesem Zusammenhang ein kurzer, breitbandiger akustischer Reiz

Zweck
Innenohrfunktionsdiagnostik, überschlägige Beurteilung für den Frequenzbereich 600–5000 Hz (bei regelrechter Mittelohrfunktion)

Durchführung
Eine Messsonde mit Lautsprecher und Mikrofon wird luftdicht in den äußeren Gehörgang eingesetzt. Ein Klick-Reiz mit definierter Lautstärke wird in das Ohr geschickt. Ein gesundes Innenohr reagiert auf Schallwellen aktiv mit Schwingungen. Diese werden als schwacher Schall wieder nach außen übertragen, dabei dienen die äußeren Haarzellen in der Gehörschnecke, die für das Hören leiser Schalle notwendig sind, als "Verstärker". Da die Schwingungen leicht verzögert abgegeben werden und nachschwingen, kann im Gehörgang nach einem kurzen Schallereignis ein etwas längeres Antwortsignal gemessen werden. Bei einer Innenohrschädigung wird dieses Signal schwächer.

Referenzbereich
Inzidenz (Eintritt eines Ereignisses, von lat. incidere für fallen) bei Normalgehör ca. 100 %, bei kochleärem (Cochlea: Hörschnecke) Hörverlust >30 dB HL sind keine TEOAE mehr nachweisbar, teilweise auch bei Mittelohrfunktionsstörung. Die Inzidenz nimmt mit zunehmendem Alter ab, mitunter fehlt sie sogar völlig, wobei subjektives Hörvermögen und Audiogramm völlig normal sein können.

Quellen
Transitorisch evozierte otoakustische Emissionen ? Wikipedia
Hörstörung im Kindesalter – Pädaudiologie (Zentrum für Kinder und Jugendliche Inn - Salzach)
www.paedaudiologie.de/lehre/Paktikum_ObjAudio.pdf (Uniklinikum Münster)
www.mwg-erfurt.de/PDF/Info/HNO/HNO_AudKursSkripte/5_Gobsch_OAE.pdf (H. Gobsch, HELIOS Klinikum Erfurt)
Otoakustische Emissionen | NetDoktor.de
 
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4. Evozierte Potentiale

Abk. EP; von lat. evocare für u.a. hervorrufen; und lat. potentia für Macht, Kraft, Leistung

Zweck
Untersuchung der Reizleitung, d.h. Leitfähigkeit und damit Funktionsfähigkeit, von Nervenbahnen.

Durchführung
Reizung eines Sinnesorgans oder peripheren Nervs. Messung des in verarbeitenden Regionen des Zentralnervensystems ausgelösten elektrischen Potentials mittels EEG (Elektroenzephalogramm), indem Elektroden an den relevanten Punkten der Kopfoberfläche befestigt werden.

4.0 Akustisch evozierte Potentiale - Exkurs

Begriffe
Akustischer Kortex: Bereich der Großhirnrinde, der der Verarbeitung und dem Bewusstwerden von akustischen Reizen dient; Endpunkt der Hörbahn.
Primärer und sekundärer Kortex: siehe Wikipedia (Quelle Nr. 2)

Zweck
Untersuchung der Reizleitung akustischer Reize

Stationen eines akustischen Reizes auf dem Weg zur verarbeitenden Hirnrinde
  • Passage des äußeren Gehörganges
  • am Trommelfell mit den anhängenden Gehörknöchelchen Umwandlung in einen mechanischen Impuls
  • im Innenohr Umwandlung in einen elektrischen Impuls
  • auf dem Weg zur Hirnrinde entlang der Hörbahn Erzeugung von Potentialschwankungen, die sich als ca. 25–30 charakteristische Wellen registrieren lassen
Die Wellen werden eingeteilt nach ihrer Verzögerungszeit gegenüber dem Zeitpunkt des Reizes.

Evozierte Potentiale nach Berwanger

Zerebrale Reizverarbeitung ----- Evozierte Potentiale ----- Zeit in ms
Reizaufnahme im Ohr ----- Kochleäres Mikrofon- und Summationspotential(EcochG) ----- bis 1
Reizweiterleitung im Hirnstamm ----- frühe akustisch evozierte Potentiale (FAEP) ----- bis 10
Überleitung zum akustischen Kortex ----- Mittlere akustisch evozierte Potentiale (MAEP) ----- bis 100
Verarbeitung im primären und sekundären Kortex ----- späte akustisch evozierte Potentiale (SAEP) ----- bis 250
bedeutsame Information? Orientierungsreaktion ----- Mismatch Negativity ----- 100-200
kontrollierte Verarbeitung ----- kognitives Potential P300 ----- 300-400
syntaktische-semantische Analyse von Sprache ----- kognitive Potentiale ELAN und N400 ----- 200 bzw. 500
motorische Reizantwort ----- motorische Potentiale ----- 300-600​

Quellen
Frühe akustisch evozierte Potentiale ? Wikipedia
Auditiver Cortex ? Wikipedia
deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=972099778&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=972099778.pdf (Dissertation von Michael Gistl; pdf-Datei)
Untersuchungsverfahren zur Beurteilung der auditiven Wahrnehmung (Dagmar Berwanger)
 
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4.1 Frühe akustisch evozierte Potenziale

Abk. FAEP, AEP; auch Brainstem evoked response audiometry, Abk. BERA, deutsch Hirnstammaudiometrie oder "frühe Hirnstammpotentiale"; gebräuchlichste Form der Untersuchung der Reizleitung akustischer Reize

Begriffe
Klick-Reiz: in diesem Zusammenhang ein kurzer, breitbandiger akustischer Reiz
ipsilateral / kontralateral: auf der gleichen / gegenüberliegenden Seite befindlich

Zweck
Untersuchung der Potentiale der dem Hörorgan benachbarten Hirnregionen. Bestimmung der Hörschwelle mit großer Genauigkeit vor allem im mittleren Frequenzbereich (1000–4000 Hz). Schlüsse auf Erkrankungen des Hörnerven und des Hirnstamms.

Durchführung
Reizung des Ohres über einen Kopfhörer durch Klick-Reize. Diese lösen durch das Mittelohr übertragen im Innenohr Nervenimpulse aus, die über den Hörnerv zum Stammhirn gelangen. Ableitung der Potentiale des Stammhirns. Der Befund von Dr. M.-K. unterscheidet zwischen ipsilateralen und kontralateralen Ableitungen.

Quellen
Evozierte Potentiale ? Wikipedia
Frühe akustisch evozierte Potentiale ? Wikipedia
Hörstörung im Kindesalter – Pädaudiologie - mit grafischer Darstellung einer Kurve (Zentrum für Kinder und Jugendliche Inn - Salzach)
 
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4.2 Kognitive Potentiale mit 1 und 2 KHz burst

Syn. Ereigniskorrelierte Potentiale / Evozierte kognitive Potentiale, Abk. EKP(?)

Begriffe
burst: engl. u.a. für Ausbruch, Platzen, Häufung; in der Analogmesstechnik ein diskretes Paket Sinusschwingungen fester Frequenz

Zweck
Beurteilung müdigkeits- und schläfrigkeitsbezogener Einschränkungen der zentralnervösen Aktivierung.

Durchführung
Messung geeigneter Potentiale, die als Reaktion auf einen akustischen oder visuellen Zielreiz auftreten. Mit ihrer vergleichsweise hohen Stabilität und Amplitude sind vor allem von folgende Potentiale von Bedeutung:

  • Kognitives Potential P300: Da P300 zu einem "späten" Zeitpunkt der Verarbeitung auftritt (siehe 4.0), fließen unterschiedliche kognitive Prozesse ein wie Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistungen, Orientierung auf einen Reiz und Reaktionsbereitschaft, Antwort-Selektion und -Ausführung. Dabei sind die Parameter Peaklatenz (Verzögerungszeit des Spitzenwertes), Amplitude (maximale Auslenkung) und Reaktionszeit von Bedeutung. *
  • Selection negativity (SN, N200): Spiegelt die selektive Verarbeitung einzelner Stimulusmerkmale wider.
* Einige Studien zeigen eine Korrelation zwischen Müdigkeit und Ausprägung der P300, diese untersuchten allerdings nur Patienten mit schweren Beeinträchtigungen der Vigilanz (Daueraufmerksamkeit, Wachheit, Anm. Kate) wie OSA (Obstructive Sleep Apnea) und idiopathische Hypersomnie, die schon klinisch eindeutig zu erkennen sind.

Es gibt bis heute keine einheitliche Testung. Ein Verfahren ist das "Oddball-Paradigma", bei dem der Patient auf seltene Ziel-Reize zwischen häufigen Distraktor-("Ablenker-")-Reizen reagiert. Bei Dr. M.-K. wurde dies nach meiner Erinnerung mit akustischen Reizen durchgeführt; ich vermute, die "1 und 2 KHz burst" geben die Frequenzen von Ziel- und Distraktorreizen wieder. In meinem Befund ist P300 erwähnt, ob noch anderes untersucht wurde, weiß ich nicht. Die Ziel-Reize sollte ich zählen (was mir schwergefallen ist) - wohl mit der Intention, dass ich versuche, mich auf diese Reize zu konzentrieren.

Quellen:
deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=974006734&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=974006734.pdf (Dissertation Ute Pfüller, 2004; pdf-Datei)
www.charite.de/dgsm/dgsm_alt/ger/vigil2.pdf - Diagnostische Instrumentarien zur Messung müdigkeits- und schläfrigkeitsbezogener Prozesse und deren Gütekriterien (div. Autoren und Arbeitsgruppe Vigilanz der DGSM)
deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=973584688&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=973584688.pdf (Dissertation von Guido Hesselmann, 2004; pdf-Datei)
 
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4.3 Visuell evozierte Potentiale

Abk. VEP

Zweck
Hinweise auf die Funktion der Sehbahn vom Auge (auch: Makula) über den Sehnerv bis zur Sehrinde und auf bestimmte Erkrankungen (Durchblutungsstörungen, degenerative Prozesse, Entzündungen). Teil der Diagnostik der Multiplen Sklerose.

Durchführung
Visuelle Reizung der Retina meist mit einem Schachbrettmuster mit Kontrastumkehr in mehreren Mustergrößen (meist 2-3). Dabei wird ein Punkt in der Mitte des Musterfeldes fixiert. Durch die gleichbleibende Helligkeit des Monitors ist diese für die Auslösung der Reizantworten irrelevant, entscheidend ist der Musterwechsel. Die Sehinformation wird von den Ganglienzellen in der inneren Schicht der Netzhaut über deren Zellfortsätze (Axone), die den Sehnerv bilden, zum Gehirn geleitet, dort über weitere Nervenzellen bis zur Sehrinde im Großhirn (unter dem Knochen des Hinterkopfes). Ableitung der in der Sehrinde erzeugten Potentiale.

Auswertung/Referenzbereiche
Typische Kurve: Maximum bei ca. 80 ms (N80), Minimum bei 100 ms (P100), weiteres Maximum bei ca. 135 ms (N135). Wichtigstes Kennzeichen ist die positive Welle P100.

P100-Latenz: 95-115 ms
P-100-Amplitude (mittlere Differenz zu N80 und N135): 5-30 µV

Quellen
Visuell evoziertes Potential ? Wikipedia
Untersuchungsmethoden - Visuell evozierte Potenziale (RetinaScience, Prof. Dr. U. Kellner)
 
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4.4 Vestibulär evozierte myogene Potentiale

Abk. VEMP; "jüngste" otoneurologische Untersuchung (1994), vestibulär von lat. vertere für drehen, heißt auf das Gleichgewichtsorgan bezogen (der Vestibulapparat im Innenohr ist das wichtigste Gleichgewichtsorgan des Menschen)

Begriffe
Sacculus ("Säckchen"): Abschnitt des Gleichgewichtsorgans, erstes Sinnesorgan des Innenohrs
Klick-Reiz: in diesem Zusammenhang ein kurzer, breitbandiger akustischer Reiz
ipsilateral: auf der gleichen Seite befindlich
EMG: Elektromyogramm, Messung der elektrischen Muskel-Aktivität
Musculus sternocleidomastoideus: dt. großer Kopfwender; Muskel zwischen Brustbein, Schlüsselbein und Schädelbasis
Cochlea: Hörschnecke

Zweck
Messung des Reflexes des Gleichgewichtsorgans auf akustische Reize. Selektive und seitenspezifische Untersuchung der Funktion des Sacculus. Diagnostik verschiedener Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans (u.a. Morbus Menière, Nervenentzündungen des Gleichgewichtsnervs).

Durchführung
Reizung des Sacculus i.a. durch Klick-Reize über Kopfhörer. Dieser wird dadurch mechanisch erregt. Die Erregungen werden zentral umgeschaltet und lösen eine reflektorische Antwort der Halsmuskulatur in Form einer ipsilateralen Muskelerschlaffung aus. Messung mittels EMG am Musculus sternocleidomastoideus.

Auswertung / Referenzbereiche
Die typische Reizantwort besteht aus zwei Potentialkomplexen:
  • "vestibulärer Komplex" - vom Sacculus ausgehend: p13 und n23
  • "cochlearer Komplex": bei 34 und 44 ms
Schallleitungsschwerhörigkeiten von mehr als 10 dB können zu einem Fehlen der Reizantwort führen (daher sollte vorher ein Tonschwellenaudiogramm durchgeführt werden). Die mit Klick-Reizen erhobenen Befunde sind reproduzierbar und haben zu einer Standardisierung der Methode geführt.

Quellen
Vestibulär evozierte myogene Potentiale ? Wikipedia
Elektromyografie ? Wikipedia
deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=988133725&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=988133725.pdf (Dissertation von Eglė Vabulaitė, 2007)
Der Gleichgewichtssinn: Neues aus Forschung und Klinik - Google Bücher (Hans Scherer)
 
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5. Corpocraniographie nach Claussen
mit ultraschallsensorgesteuerter Aufzeichnung des Rombergschen Stehversuches sowie des Unterbergschen Tretversuches


Begriffe
vestibulo-...: auf das Gleichgewichtsorgan bezogen
spinal: zu Wirbelsäule/Rückenmark gehörig
zentralnervös: Siehe Wikipedia Zentralnervensystem
Läsion: von lat. laesio Verletzung; Schädigung, Verletzung oder Störung einer anatomischen Struktur oder physiologischen Funktion

Beide Untersuchungen dienen der Prüfung der Kopf-Körper-Gleichgewichtsfunktion, sie gehören zu den sogenannten vestibulospinalen Prüfungen. Richtungsabweichung oder Fallneigung weist auf die Seite der Unterfunktion hin.

Es gibt weitere vestibulospinale Prüfungen, die allerdings keine wesentlich anderen Aussagen liefern. Dazu zählt der Blindgang zur Prüfung des dynamischen Körpergleichgewichtes (Patient läuft mit geschlossenen Augen auf einer gedachten Linie geradeaus), dessen Aussagekraft jedoch geringer ist als die des Unterbergschen Tretversuchs, den Sterngang, Einbeinstand, Seiltänzergang oder Schreibtest. Zu berücksichtigen ist, dass das vestibuläre System nur einen geringen Anteil an der Gesamtfunktion liefert.

5.0 Exkurs zu Claussen

Claus-Frenz Claussen ist HNO-Arzt und erster Hochschullehrer für Neurootologie in Deutschland, Autor und Herausgeber sowie bildender Künstler und Erfinder. Während seiner Zeit als wissenschaftlicher Assistent war er zu Forschungsaufenthalten zur damals noch neuen Neurootologie in Schweden und entwickelte zahlreiche neurootologische Tests – einer davon ist die Cranio-Corpo-Graphie (Titel seiner Habilitation: "Über die Aufzeichnung und Auswertung ausgewählter quantitativer Gleichgewichtsfunktionsprüfungen"). Während eines Forschungsaufenthaltes in Buenos Aires formulierte er ein eigenes Konzept der Äquilibriometrie (objektive und quantitative Messung des Gleichgewichtssinnes), das er auch in einem Lehrbuch veröffentlichte. An zwei deutschen Unikliniken entwickelte er entsprechende Abteilungen. Bis zur Emeritierung 2004 war er Extraordinarius für Neurootologie in der Uni-Klinik Würzburg. Dort baute er 1967 bis 1982 eine Datenbank mit Informationen über 30.000 neurootologische Patienten auf. Durch deren Auswertung wurden Rückschüsse auf Erkrankungen (wie Schwindel, Bildertanzen und Doppeltsehen, Hörstörungen und Tinnitus) möglich. Seit dem bestehen auch wissenschaftliche Kooperationen in alle Erdteile. 1974 war Claussen Mitbegründer der internationalen "Gesellschaft für Neurotologie und Aequilibriometrie" (GNA) und 1981 der "Gesellschaft zur Erforschung von Geruch-, Geschmack-, Gehör- und Gleichgewichtsstörungen" (4-G-Forschung). Er hält nach wie vor Kongresse zum Thema ab, auf denen es auch um Therapie geht.
 
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5.1 Romberg Stehversuch (1846)

Zweck
Prüfung des Geradestehens in Ruhe und damit einer der wichtigsten motorischen Funktionen des Menschen. Standardisierte Untersuchung, die aber als nicht so aussagekräftig gilt wie der Unterberger Tretversuch (5.2).

Durchführung
Der Patient steht mit geschlossenen Füßen und horizontal vor sich erhobenen Armen. Die bei offenen und/oder geschlossenen Augen auftretenden Körperschwankungen und Richtungsabweichungen werden beurteilt.

5.2 Unterberger Tretversuch (1938)

Zweck
Prüfung des dynamischen Körpergleichgewichtes.

Durchführung
Ausgehend von der Romberg-Grundhaltung, tritt der Patient forciert auf der Stelle. Körperschwankungen und -abweichungen werden beurteilt.

Beurteilung (Kriterien der Arbeitsmedizinischen Grundsatzuntersuchung G41)
Als auffällig gelten:
  1. Lateralschwankung ab 20 cm
  2. Seitenabweichung weiter als 70 Grad nach rechts oder links
  3. Abwanderung mehr als 1 m nach vorn
Mittels einer Differenzierung nach reiner Seitenabweichung und Körpereigendrehung (z.B. mithilfe der CCG, siehe 5.3) kann die Störung entsprechend den klinischen Erfahrungen einer peripheren vestibulären, zentralnervösen oder kombinierten Läsion zugeordnet werden (Claussen 2005). In Die Bedeutung der Prüfung des Gleichgewichtsorgans in der arbeitsmedizinischen Praxis auf Seite 26 sind zwei CCGs abgebildet mit unauffälligem/auffälligem Befund beim Tretversuch.

5.3 Corpocraniographie nach Claussen (Auswertung)

Auch: Corpokraniographie, Cranio-Corpo-Graphie, Abk. CCG

Die CCG wurde von Claussen 1968 für arbeitsmedizinische Untersuchungen entwickelt als fotooptische Methode der objektiven quantitativen Dokumentation von Tretversuch und Stehversuch. Diese werden dadurch leicht reproduzierbar.

Bei der ursprünglichen Methode werden an Kopf und Schultern des Patienten Markierungslämpchen angebracht und die Leuchtspuren seiner Bewegung mittels eines oberhalb angebrachten Konvexspiegels zu einer Kamera projiziert. Dabei wird ein Koordinatensystem für die Auswertung eingeblendet. Eine Weiterentwicklung der Methode mit neuen Möglichkeiten der Quantifizierbarkeit ist die Ultraschall-CCG. Dabei werden die Markierungslämpchen durch kleine Ultraschallsender ersetzt. Ultraschallmikrofone mit Auswerteelektronik nehmen die von den Ultraschallsendern laufend abgegebenen Impulse auf und bestimmen die Entfernung zu den Mikrofonen durch Laufzeitmessung. So sind u. a. exakte 3-dimensionale numerische und graphische Zeit-/Raum-Darstellungen von Bewegungen möglich und damit bedeutende klinische Aussagen. Die Auswertung erfolgt automatisiert durch ein Computerprogramm, es kann direkt mit dem digitalisiertem Ergebnis gearbeitet werden. Nach Müller-Kortkamp ermöglicht nur diese Methode eine valide Verlaufskontrolle.

Quellen Kapitel 5 (auch voriger Beitrag)
Claus-Frenz Claussen ? Wikipedia
deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=988133725&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=988133725.pdf (Dissertation von Eglė Vabulaitė, 2007)
Die Bedeutung der Prüfung des Gleichgewichtsorgans in der arbeitsmedizinischen Praxis (von Claussen u.a.)
deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=975731009&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=975731009.pdf (Dissertation von Katja Seidel, 2004)
Neurootologie - nicht nur Gleichgewichtsstörungen (Praxis Müller-Kortkamp)
 
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