Medizin der Emotionen

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P.M. Perspektive 01/2006

Medizin der Emotionen
Ein Mediziner empfiehlt: Hilf dir selbst - du brauchst keinen Arzt!

Der Psychiater und Neurowissenschaftler David Servan-Schreiber sorgt für Aufsehen: Er sagt, wir müssten nur auf unseren Körper und unsere Seele hören, dann wären Tabletten und Psychotherapie überflüssig. Ein kühner Vorschlag – aber der Arzt und Buchautor hat gute Argumente.



Es ist halb sieben, der Wecker rasselt, draußen ist es noch dunkel. Wir schleppen uns unter die Dusche, bringen den Kreislauf mit Kaffee auf Touren, sitzen schließlich um acht oder neun gähnend am Schreibtisch. Wie soll man so schlapp den Tag überstehen? Ist es normal, jeden Morgen fix und fertig zu sein? Ist es nicht, sagt David Servan-Schreiber. Aber wir sind nicht krank, meint der Mediziner aus Pittsburgh – wir sind nur falsch aufgewacht.

Unser Körper mag es nämlich gar nicht, aus dem Schlaf gerissen zu werden. Jahrtausendelang war das menschliche Gehirn darauf programmiert, mit dem Heraufdämmern des Tages allmählich auf den Befehl »Aufwachen« umzuschalten: Die ersten Lichtstrahlen teilten dem Hypothalamus mit, dass es an der Zeit sei, den Übergang aus dem Schlaf einzuleiten. Die morgendliche Kortisonproduktion begann, die Körpertemperatur stieg an. Der tiefe Schlaf ging in einen leichten über, und nach etwa einer Dreiviertelstunde waren unsere Vorfahren in ihren Höhlen vollständig wach.

Dieses steinzeitliche Programm schlummert immer noch tief in uns – und dass wir ihm jeden Tag erneut zuwider handeln, macht uns zu schaffen. Die Folge: Wir fühlen uns erschöpft und ausgelaugt, manchmal sogar körperlich krank. Und beginnen womöglich eine Odyssee durch die Sprechzimmer von Ärzten und Psychotherapeuten oder greifen zu Antidepressiva.

Völlig überflüssig, meint Servan-Schreiber. Sinnvoll wäre ein an Wecker und Nachttischlampe gekoppelter Sonnenaufgangs-Simulator, der beginnt, das Licht 45 Minuten vor dem Rasseln des Weckers langsam, aber kontinuierlich heraufzudimmen. »Warum sollte man beim schrillen Klingeln eines Weckers, das unsere biologischen Rhythmen durcheinander bringt, in die Höhe schrecken«, fragt der Arzt, »wenn es doch möglich ist, jeden Tag aufs Neue nach den natürlichen Regeln der Evolution sanft auf dem Boden der Gegenwart zu landen?«
Autor(in): Margot Weber
 

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noch einer zum Thema BMI aus der P.M.

Endlich fasst jemand Mut, dem ganzen Gesundheitswahn gesunden Menschenverstand entgegenzusetzen:

Schluss mit dem Gesundheitsterror

Auf der einen Seite unsere Sehnsucht nach einem langen Leben. Auf der anderen eine geschäftstüchtige Medizin-Industrie. So ist ein völlig neues Phänomen entstanden: Gesundheit ist zur Religion geworden. Aber diese Religion setzt ihre Gläubigen unter Druck und macht sie krank. Welches sind die Tricks der Gesundheits-Lobby? Und wie können wir uns wehren?

Haben Sie ein reines Gewissen? Sind Sie sicher, dass Sie heute wirklich alles für Ihre Gesundheit getan haben? Sind Sie ausreichend gejoggt, selbstverständlich nach vorschriftsmäßigem Aufwärmen und Stretching? Haben Sie dabei den Puls kontrolliert? War nicht der Blutdruck nach dem Aufwachen etwas zu hoch? Musste das zusätzliche Knäckebrot beim Frühstück unbedingt noch sein? Haben Sie auch Ihre tägliche Ration an Vitaminpillen und den cholesterinsenkenden Fitnessdrink nicht vergessen? Enthielt die Fischmahlzeit am Mittag die richtigen Omega-3-Fettsäuren? Das Gläschen Weißwein – war es wirklich notwendig? Und Hand aufs Herz: Zeigte die Waage nicht ein paar Gramm mehr an als gestern?

Für das höchste Gut, die Gesundheit, ist uns keine Mühsal zu groß. Denn die Belohnung für alle Entbehrungen ist ein langes, gesundes Leben. Wirklich?

Das oberste Gebot für die Aufnahme in den strengen Orden der Gesundheitsapostel ist die schlanke Linie: Du sollst kein Übergewicht haben, und wenn doch, sollst du es mit allen Mitteln bekämpfen. Aber wie vorgehen? Bis vor kurzem galt Fett mit seinen neun Kalorien pro Gramm als das Böse schlechthin – verschrien als Hauptverursacher von Übergewicht und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Also schworen wir der Schweinshaxe und der Sahnetorte ab und begnügten uns mit Pasta, Reis und Brot. Bereitwillig nahm die Nahrungsmittelindustrie die Low-Fett-Lehre an und beglückte uns mit entfetteter Leberwurst, LightkäseSchöpfungen und Magermilchjoghurt-Kreationen. Doch der Erfolg ist – langfristig – ausgeblieben.

Was ist, wenn alles nur eine dicke fette Lüge war?, titelte die New York Times am 7. Juli 2002, denn maßgebliche Studien hatten ergeben, dass fettarme Kost auch nichts Wesentliches gegen das Übergewicht ausrichten kann. Nach zwanzig Jahren Fett-Verteufelung geriet das Dogma ins Wanken. Immer mehr Fachleute vertreten jetzt die Meinung, dass die Fettspar-Empfehlungen ebenso wirkungslos wie falsch waren. Denn wie sich herausstellte, waren es in den westlichen Gesellschaften nicht etwa die renitenten Fett-Konsumenten, die häufiger unter Herzbeschwerden litten – sondern die Folgsamen, die hauptsächlich Kohlenhydrate aßen. Noch bevor unser Gehirn die volle Brutalität der Erkenntnis, dass Fett gar nicht so schädlich ist, akzeptieren konnte, wurde bereits ein neuer Feind ausgemacht: Diesmal waren es die eben noch heilig gesprochenen Kohlenhydrate – und die konnte man natürlich nur vermeiden, indem man fleißig Low-Carb-Produkte kaufte.

Was bis heute bleibt, ist grenzenlose Verwirrung. Und dabei schien der Kampf um die schlanke Linie doch geradezu auf wissenschaftlicher Basis stattzufinden: Der Body-Mass-Index (BMI) sagte dem gläubigen Gesundheitsapostel, ob er abspecken musste. Dieser Wert – ermittelt aus dem Körpergewicht, geteilt durch die Körpergröße zum Quadrat – wurde von der Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1997 erneut strenger gefasst. Das geltende Dogma besagt: Bis zu einem BMI von 25 sind wir schlank, zwischen BMI 25 und 30 haben wir bedenkliches Übergewicht und ab BMI 30 ein ernstes Gesundheitsproblem. Eine Einteilung, die heute weltweit als Standard gilt. Pech für Kinder, die gerade auf ihren nächsten Wachstumsschub warten, aber auch für Muskelprotze und Menschen mit schweren Knochen oder anderen abweichenden Merkmalen: Für sie ist das BMI-Raster falsch – und für manchen sogar kränkend.

Wer erst einmal als zu dick gilt, wird in der Öffentlichkeit wie ein armer Sünder gegeißelt und zur Buße verpflichtet. So werden in einigen Bundesstaaten der USA die BMI-Werte von Schulkindern sogar im Internet veröffentlicht, Eltern bekommen regelmäßig »Fettbriefe«. Ob sie ihr Kind abtreiben würden, wenn es eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit hätte, dick zu werden, wurden junge amerikanische Paare gefragt – 75 Prozent antworteten mit Ja. In England wehren sich Aktivisten mit dem Slogan »Fett ist das neue Schwarz« gegen die zunehmende »Rassendiskriminierung« der Dicken.

Auch in Deutschland werden Dicke in der Öffentlichkeit immer öfter gehänselt – aber die »ketzerischen« Stimmen gegen den herrschenden Schlankheitswahn werden lauter. So schreibt Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften, in seinem provokanten Enthüllungsbuch »Esst endlich normal«: »Übergewicht ist ebenso wenig eine Krankheit wie Übergröße, deshalb kann man es auch nicht mit Diäten, Sport oder gar Verhaltenstraining ›behandeln‹. Aber es wird wahrscheinlich noch Jahrzehnte dauern, wahrscheinlich Millionen von Menschen in tiefes Leid stürzen und nicht wenige Todesopfer fordern, bis diese Einsicht auch die Medizin durchdringt.« Die Aussagekraft des BMI hält Pollner schlicht für einen Aberglauben. Er findet es falsch, alle Menschen über einen Kamm zu scheren. Außerdem basiert der BMI auf uralten Erhebungen von Versicherungen aus dem Jahr 1951 – Daten, die nicht unter kontrollierten Bedingungen erfasst wurden und die nicht einmal unterscheiden zwischen Alter, unterschiedlichem Körperbau oder ethnischen Besonderheiten.

Im April 2005 platzte schließlich eine Bombe, die das zentrale BMI-Dogma der Gesundheitsapostel zum Einsturz brachte. Die amerikanische Medizinerin Kathrin Flegal hatte mit ihrem Team die repräsentativen Daten von drei groß angelegten amerikanischen Erhebungen der »National Health and Nutrition Examination Surveys« ausgewertet. Das überraschende Ergebnis: Die »Normalgewichtigen« mit einem BMI unter 25 starben im Durchschnitt früher als die »Übergewichtigen« mit einem BMI zwischen 25 und 30! Erst ab einem Wert von mehr als 35 stieg das Sterberisiko merklich an. Aber das tat es auch bei einem BMI unter 18,5 – also bei Untergewichtigen!

»Das eigentliche Übel«, sagt Paul Campos, Mediziner und Autor des Buches »Mythos Fettleibigkeit«, sei nicht das Übergewicht, sondern »der Diätwahn einer essgestörten Mittelklasse und ihrer Anti-Fett-Krieger«. Tatsächlich können Diäten mit ihrem nachfolgenden Jojo-Effekt gefährlich sein. Langzeitstudien in Großbritannien, Norwegen und Amerika belegen: Menschen, deren Gewicht stark schwankt, leben mit einem höheren Risiko, an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu sterben. Nur rund fünf Prozent schaffen es tatsächlich, mit einer Diät dauerhaft abzunehmen, wie der Potsdamer Ernährungsmediziner Andreas Pfeiffer errechnet hat.

Wenn das alles bekannt ist – warum schützen Ärzte ihre Patienten dann nicht besser vor dem Diätwahn? Jerome Kassirer, der frühere Chef des New England Journal of Medicine und einer der besten Kenner der amerikanischen Medizin-Szene, gibt die Antwort: »Auf dem Gebiet des Übergewichts haben Ärzte stets eng mit der pharmazeutischen Industrie zusammengearbeitet. Diese Verquickung ging in vielen Fällen sehr weit.« So weit, dass »parteiische Daten produziert, parteiische Vorträge gehalten und parteiische Fachartikel zum Thema Fettleibigleit veröffentlicht« wurden. Wegen der Komplizenschaft von Medizin und Big Business macht sich Kassirer ernsthaft Sorgen um die Gesundheit der US-Bürger.

Bei uns läuft es nicht anders. Während die ausufernden Kosten das Gesundheitssystem überfordern, laufen die Geschäfte der Pharmaindustrie glänzend. Für das Marketing gibt die reiche Branche inzwischen mehr Geld aus als für die Forschung. In seinem Bestseller »Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden« beschreibt der renommierte Wissenschaftsautor Jörg Blech die Strategie, mit der die Pharmaindustrie neue Märkte für Medikamente aufbaut: Mithilfe von willigen Ärzten, Fachorganisationen und Public-Relations-Agenturen wird trickreich ein gesundheitliches Problem erfunden – das sich selbstverständlich nur mit neuen vorbeugenden Medikamenten lösen lässt.

Trick 1: Normale Prozesse des Lebens werden zu einer Gesundheitsgefahr erklärt. Das Kunststück, eine gesunde Bevölkerungsgruppe in behandlungsbedürftige Hormonmangelwesen umzudeuten, haben Pharmakonzerne und Ärztegruppen schon einmal hinbekommen: In Deutschland schluckt heute jede vierte Frau über 40 Jahre irgendein Östrogenpräparat. Inzwischen sind auch die Männer reif für den künstlichen Hormonstoß: Testosteron-Mittel boomen.

Trick 2: Persönliche und soziale Probleme werden zu medizinischen Problemen umdefiniert – und medikamentös behandelt. So erfindet man im Umkreis von Depression und Angst immer neue Störungen. Schüchternheit zum Beispiel wird zur »sozialen Phobie«.

Trick 3: Gesundheitliche Risiken werden zur Krankheit erklärt. Dazu setzt man die Normwerte etwa für den Blutdruck und den Cholesterinspiegel oder den Body-Mass-Index so weit herunter, dass der Kreis der Kranken ständig wächst– und die Vorsorge-Industrie boomt. Besonders beliebt sind neuerdings Laboruntersuchungen, die so genannte Tumormarker messen. Das sind Messwerte, die unter bestimmten Umständen Hinweise auf eventuelle Krebserkrankungen geben sollen. Beispiel: die Aminosäure Serotonin. Liegt ihr Wert über 200, gibt er als »Tumormarker Dünndarm« Anlass zur Sorge, dass im Verdauungstrakt ein Karzinom entstehen könnte. Liegt der Wert unter 200, erscheint die »seelische Befindlichkeit« gestört. Mit anderen Worten: Egal, welcher Wert gemessen wird– er liefert immer einen Anlass, dem Patienten weitere Untersuchungen zu empfehlen. Zum Beispiel eine Computertomografie. In den USA stehen Tomografen sogar schon in einigen Einkaufszentren bereit.

Trick 4: Seltene Symptome werden zur grassierenden Seuche erklärt. So breitet sich seit der Einführung von Viagra die Impotenz in der Männerwelt erstaunlich aus. Laut Internetseite des Viagra-Herstellers sind bereits 50 Prozent der Männer zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr davon betroffen! Das widerspricht jeder Lebenserfahrung.

Trick 5: Leichte Symptome werden als Vorboten schwerer Leiden verkauft. Diffuses Bauchgrimmen wird so zu einem schwer zu therapierenden »Reizdarmsyndrom«.

Inzwischen ist eingetreten, was der Schriftsteller Aldous Huxley (»Schöne neue Welt«) schon vor Jahrzehnten prophezeit hat: »Die Medizin ist so weit fortgeschritten, dass niemand mehr gesund ist.« Wie gut, dass es Mittel gegen dies und das heute nicht mehr nur in der Apotheke, sondern sogar im Supermarkt gibt. Denn auch die Nahrungsmittelindustrie hat sich unserer Sorge um die Gesundheit angenommen und neue, besonders »gesunde« Produkte entwickelt. Statt Low-Fett- und Low-Carb-Produkten essen wir nun »Probiotic plus Oligofructose«, »LC-1« oder mit Omega-3-Fettsäuren versetzte Eier – so genanntes Functional Food, ein Zwitter aus Lebensmittel und Medikament. Die mit künstlichen Vitaminen, Mineralien, Antioxydantien oder Mikroorganismen angereicherte Nahrung soll das Immunsystem stärken oder sonstige Wunder vollbringen und gilt als Megatrend. Bereits im Jahr 2000 wurden in Deutschland mit Functional Food 1,5 Milliarden Euro umgesetzt, Prognosen sagen einen Marktanteil von bis zu 50 Prozent voraus.
Autor(in): Marianne Oertl
 
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Das Geschäft mit den Vitaminen dagegen läuft schon lange. Fast alle nehmen sie zur Nahrungsergänzung, denn wer ist schon sicher, dass er mit dem Essen alle Nährstoffe in optimaler Dosis zu sich nimmt? Verschwiegen wird aber gern, dass die Wirkungszusammenhänge der Ergänzungsmittel kaum erforscht sind. Auch ist keineswegs nachgewiesen, dass Vitamine in Pillenform ähnlich wirken wie solche in natürlicher Nahrung. Sogar die vorbeugende Wirkung von natürlichen Vitaminen in Obst und Gemüse wurde überschätzt, wie die Deutsche Krebsgesellschaft zugibt. Auch sie hatte zunächst »5 am Tag« unterstützt: die Kampagne eines gleichnamigen Vereins in den USA. Fünf Stück Obst jeden Tag sollen der Entstehung von Tumoren vorbeugen, propagiert der Verein – der sich vor allem aus Saftherstellern, Konservenfabrikanten und Fruchthandelsgesellschaften zusammensetzt.

Schon immer war Angstmacherei eine fabelhafte Geschäftsgrundlage. Was heute die Angst vor Krankheit ist, war früher die Angst vor dem Jüngsten Gericht. »Diätbewegungen gehen als wellenförmige Massenbewegungen übers Land, in ihrem asketischen Ernst die Büßer- und Geißlerbewegungen des Mittelalters bei weitem übertreffend«, sagt der Psychiater und Theologe Manfred Lütz. Für ihn handelt es sich bei dem neuen Gesundheitsbewusstsein, das beinahe die ganze Gesellschaft erfasst hat, um eine Ersatzreligion, die umfassende Unterwerfung fordert: »Nie hätte ein mittelalterlicher Beichtvater gewagt, seinem Beichtkind Bußwerke aufzuerlegen, wie sie heute jeder Hausarzt ohne mit der Wimper zu zucken dem ganz gesunden Herrn Müller auferlegt. Da gibt es Verhaltensvorschriften im Stil verschärfter Ordensregeln, die das ganze Leben betreffen, von morgens bis abends, von Arbeit bis Freizeit, von Essen bis Trinken.«

Zur langen Litanei der empfohlenen Bußübungen gehört auch das Joggen: ein sportlicher Nachklang des protestantisch-calvinistischen Denkens, wonach man sich erstens mächtig anstrengen müsse, auf dass man zweitens Erfolg habe, der einen drittens in den Rang der Erwählten Gottes erhebe. Jeder vierte Deutsche schnürt sich mittlerweile mehr oder weniger regelmäßig die Trainingsschuhe und hetzt durch Wälder, Parks und Straßenschluchten. In Städte-Marathons zeigen Führungskräfte ihr Durchhaltevermögen. »Zu schnell«, »zu weit« oder »zu oft«: So kommentieren Sportmediziner das Training der meisten Jogger. Fast die Hälfte der Läufer bekommt früher oder später Probleme mit Knie, Schienbein oder Achillessehne.

Ein hoher Preis für einen Gesundheitswahn, den ein Heer von Sportartikelherstellern mit immer neuen Hightech-Modellen wie »dem ersten intelligenten Schuh der Welt« oder dem »Barfußschuh« immer weiter nährt. Wer nicht joggen mag, praktiziert wenigstens Nordic Walking. Doch hier braucht man neben Puste auch einige Zivilcourage, denn nicht selten müssen die Stecken schwingenden Walker den Spott »ungläubiger« Passanten über sich ergehen lassen. Die notorischen Besucher von Fitnessstudios sehen sich ebenfalls den mitleidigen Blicken von untrainierten Couch-Potatoes ausgesetzt – aber die werden schon sehen, wohin die Faulheit führt. Glaubensfest halten die Fitnessjünger an ihren Bußübungen fest, unangefochten von Untersuchungen, die vor den Gefahren des allzu eifrigen Joggens, Walkens oder Bodybuildings warnen.

Wer hart an seinem Körper arbeitet, gehört oft auch zu jener Art von Gesundheitsaposteln, die ständig und geradezu zwanghaft überprüfen, ob sie auch wirklich gesund sind. Eine wichtige Informationsquelle über mögliche Erkrankungen ist das Internet. Für jedes Symptom finden sich hier unzählige passende Krankheiten. Gibt man etwa das Symptom »Schwindel« ein, hat man die Wahl zwischen Hunderten von Krankheitsbildern wie Tinnitus, Defekte der Hörnerven, Angsterkrankungen oder Schädigungen des Hirnstamms bzw. des Kleinhirns. Bernd Nissen, Leiter der Arbeitsgruppe Hysterie und Hypochondrie bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, hat beobachtet, dass sich Hypochonder über das Internet regelrecht »anfixen« und mit »Stoff« versorgen, der die Furcht vor nachlassender Gesundheit und Vitalität wohltuend anheizt. Dabei gibt es nationale Unterschiede: In Deutschland konzentrieren sich Krankheitsängste besonders auf Herz und Kreislauf, Franzosen sorgen sich um den Zustand ihrer Leber (Stichwort: »crise de foie«), und Amerikaner fürchten vor allem, sich durch Keime zu infizieren.

Aber nicht nur durch gesunde Ernährung und Sport punktet der wahre Gesundheitsapostel – seine gesamte Lebensführung unterwirft er dem Diktat, dass Gesundheit machbar sei. Und weil Lachen ja so gesund ist, sieht man in größeren Orten gelegentlich Lachgruppen zusammen trainieren. Ho ho ho ha ha ha, wiehern sie im Chor – aber nicht etwa, weil sie die lustigen Seiten des Lebens entdeckt hätten, sondern weil sie ihre siebzehn Hauptgesichtsmuskeln trainieren, ihre gesamte Muskulatur entspannen und den Sauerstoffgehalt des Blutes erhöhen wollen! In Berlin z. B. kann man in Lachjoga-Kursen das »richtige«Lachen erlernen. Sex wurde endlich ebenfalls zum Herz-Kreislauf-Hausmittel umdefiniert – wer dabei auch noch von Herzen lachen kann, dürfte gesundheitsmäßig schon auf dem Weg zum ewigen Leben sein. Auf jeden Fall sollte man heiraten: Es erhöht die Lebenserwartung beträchtlich!

Sogar der Glaube an Gott soll gesund sein: »Als kürzlich Untersuchungen feststellten, dass Menschen, die beten und fromm sind, gesünder sind und länger leben, kam es zum Offenbarungseid der real existierenden offiziellen Religionen«, schreibt Manfred Lütz. »Mit Begeisterung wurden diese Berichte dort aufgenommen. Kirchliche Zeitungen druckten die Meldung ab, mit dem Unterton, das sei doch endlich mal eine frohe Botschaft. Man stelle sich vor: beten und fromm sein – nicht, um möglichst sicher in den Himmel zu kommen, sondern um möglichst spät und möglichst gesund in den Himmel zu kommen.« Wo bleibt eigentlich die Lebensfreude, fragt sich Lütz, wenn sich alles nur um ein Ziel drehe, das man auf Dauer gar nicht erreichen könne? Denn am Ende gewinne doch immer der Tod.

Was die Anhänger der Gesundheitsreligion nicht wahrhaben wollen, ist, dass Gesundheit eben nicht machbar ist. Im Gegensatz zu Krankheiten, die sich genau definieren lassen, entzieht sich der scheinbar selbstverständliche Begriff Gesundheit einer genauen Bestimmung. Ist nur gesund, wer nicht oft genug untersucht wurde, wie der Volksmund behauptet? Fest steht, dass die Anzahl der ermittelten krankhaften Werte mit der Zahl der Untersuchungen ansteigt. Auch was die WHO als Definition anbietet, führt nicht weiter: Gesundheit sei der Zustand des völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Wenn man die Messlatte so hoch legt, dürfte es auf Erden nur sehr wenig Gesunde geben.

Die alten Griechen waren der begrifflichen Engführung viel weniger erlegen als die heutigen Gesundheitsapostel. Sie hielten Gesundheit für ein Geheimnis, für eine geradezu göttliche Kraft, die in jedem Menschen aus sich heraus wirkt.»Gesundheit ist nicht feststellbar wie eine Krankheit und daher auch nicht herstellbar«, schreibt Manfred Lütz, »denn herstellbar ist nachweislich nur etwas, was hinterher zumindest feststellbar ist. Man gewinnt fast den Eindruck: Gerade dann, wenn man der Gesundheit zu nahe tritt, entweicht sie ins Unwägbare.«

»Über die Verborgenheit der Gesundheit« lautet denn auch der Titel eines Buches, in dem der berühmte deutsche Philosoph Hans Gadamer seine Gedanken zum Thema zusammengefasst hat: Demnach ist Gesundheit verborgen – wie alles Wichtige im Leben. Trotz aller Verborgenheit kommt sie in einer Art Wohlgefühl zutage, und mehr noch darin, dass wir vor lauter Wohlgefühl unternehmungsfreudig, erkenntnisoffen und selbstvergessen sind und selbst Strapazen und Anstrengungen kaum spüren – das ist Gesundheit. Macht über sie habe aber niemand, auch nicht die Medizin.

Ein Gesundheitsapostel sieht das selbstverständlich anders. Und wenn es nur um seine eigene Person ginge, könnten wir ihn lächelnd links liegen lassen. Aber die Risiken und Nebenwirkungen der neuen Gesundheitsreligion gehen uns alle an. Denn die Vorstellung, dass das Leben nur lebenswert ist, wenn man gesund, schön und sexuell aktiv ist, hat sozialpsychologische Folgen: Sie degradiert Kranke, Alte und weniger Schöne zu Menschen zweiter Klasse. Manfred Lütz denkt noch weiter: »Um jemandem ein in diesem Sinne würdeloses Leben zu ersparen, fügt man den Schlussstein in die Gesundheitskathedrale ein: Wer definitiv nicht gesund, nicht schön oder sexuell nicht befriedigt ist, dem feiert die Gesundheitsreligion ein sorgfältig inszeniertes Requiem.« Eine Totenmesse für die Zweitklassigen, die es auszumerzen gilt – Lütz scheut sich nicht, dieses Endziel des Gesundheitswahns auszusprechen: »Euthanasie nennt man das, den ›guten Tod‹ geben.«

Dass wir als Gesellschaft nicht auf »die tödliche Schattenseite des Gesundheits-, Schönheits- und Sexualitätsideals« (Lütz) geraten wollen, darüber dürfte Konsens herrschen. Der grassierenden Gesundheitshysterie entgegenzutreten ist nicht nur notwendig – sondern auch ganz einfach, und jeder kann es, wenn er will: statt auf die Heilsversprechen der Gesundheitsapostel auf die Botschaften des eigenen Körpers hören – der weiß am besten, was ihm gut tut. Immun werden gegen den Machbarkeitswahn und sich von der puren Lust am Leben anstecken lassen – so bleiben wir wir selbst. Denn darum geht es doch: um Selbstbestimmung. Wenn jetzt die nächste Welle von Frühjahrsdiäten auf Sie zurollt, können Sie gleich damit anfangen: einfach ignorieren! Wenn schon Diät, dann empfehlen wir Ihnen die P.M.-Frühjahrsdiät: Essen Sie doch einfach, was Ihnen schmeckt.
Das macht richtig Spaß!
 
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Zum Buch von Dr. Servan-Schreiber

Hallo Mike,
da warst Du ja richtig fleißig :) ...
Ich habe das Buch von Dr. Servan-Schreiber gelesen und war einigermaßen enttäuscht. Die Ankündigung klingt ja sehr vielversprechend, vor allem als Selbsthilfe-Möglichkeiten-Buch.
Letzten Endes fand ich, daß zwei Hinweise darin hilfreich waren:
- Omega-3-Fettsäuren helfen durchaus bei depressiven Zuständen,
- Die "Herz-Kohärenz" scheint mir als Übung lohnend.
Sonst fand ich das Buch zu diesem Preis nicht wirklich gut.
http://medizin-der-emotionen.de/index/einfuehrung.html

Gruss,
Uta
 
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Völlig überflüssig, meint Servan-Schreiber. Sinnvoll wäre ein an Wecker und Nachttischlampe gekoppelter Sonnenaufgangs-Simulator, der beginnt, das Licht 45 Minuten vor dem Rasseln des Weckers langsam, aber kontinuierlich heraufzudimmen.
Das gibt es bereits! ;) ist sicher praktisch, habe mir auch schon überlegt, ob ich mir so was zu tun will.

http://www.medi-furst.ch/BioBright_de.htm
Das nur als kleine Nebenanmerkung
 
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es gibt eine sehr effektive, und gleichzeitig einfache übung, um herz-kohärenz zu erzeugen:

man erinnert sich dabei an eine besonders schöne erfahrung und erzeugt eine innere wertschätzung/dankbarkeit dafür. dieses gefühl projiziert man auf den bereich der thymusdrüse (herzchakra) und hält dieses gefühl dort für ca. 5 minuten. man kann dies noch durch auflegen der hände auf die thymusdrüse verstärken.

die damit erreichten effekte - z.b. der anstieg bestimmter wachstumsfaktoren, verstärkte ausschüttung von dhea - halten ca. 6 stunden lang an. prof. tiller von der stanford uni hat die effekte untersucht (einige kennen ihn bestimmt aus "what the bleep do we know")

es ist eine wirklich überaus angenehme übung, die man auch imm alltag, z.b. beim autofahren praktizieren kann - dann aber besser ohne zuhilfenahme der hände ;)

lg
wikinger
 
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Irgenwo habe ich gelesen, dass Klöpfeln auf's Brustbein auch die Thymusdrüse anregen soll, worauf Glückshormone ausgeschüttet werden sollen.
 
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Back to the Roots ist mir eingefallen das unsere pelzigen Vorfahren die unliebsame Angewohnheit hatten, sich vor einer lautstarken Machtdemonstration durch Grunzlaute auf eben diesen Punkt mit beiden zusammengeknäulten Armen kräftig zu hauen. Ich denke nicht das es dabei nur um dem Trommeleffekt ging, denn ein Schulkammerad hat das auch immer kurz vor einem Wutausbruch praktizeiert (nein, ich war nicht in der Urwaldschule und meine Schulkollegen waren nicht pelzig!) und man hat so gut wie nichts gehört aber er brauchte das wohl für irgendwas.

Und dann geht es an besagtem Punkt auf den früher wohl schon geklopft wurde mit Schmuck weiter. Auch schon bei den Kelten und Ihren Vorfahren sowie eigentlich rund um die Welt (Männlein wie Weiblein) hängten sich immer was großes oder kleines davor. Bsonders ausgeprägt sind einige Stämme in Afrika in Ihrer Hochkultur damit umgegangen und bei großen Festen hingen dort ganze Girlanden schwer herunter die beim Tanzen und springen immer wieder auf die selbe Region nieder gerasselt sind. Aber auch Indianer und Mayas kannten den Modeschmuck aus verschiedensten Materialien.

Heute sind es vorwiegend die Weibchen (Damen) die sich aus modischen Gründen aber ohne jegliche kulturelle Abstammung mit Schmuck im Wert steigern. Rückblickend sicher nicht so praktisch wie der kleine Stein mit Lederschnur aus der Kreidezeit aber auch nicht so aktivierend. Denn heute gleitet die Dame von Welt über die Laufstege und das rennen und hüpfen haben die Autos und Fahrstühle übernommen.
 
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Die ganze Wahrheit über Eulen und Lerchen

Warum Eulen zu Rauchern werden

Wolf-Dieter Roth 30.03.2006

Chronischer chronobiologischer Jetlag erhöht den Drogenkonsum

Nachtmenschen rauchen besonders viel – das wird jeder bestätigen, der sich gerade wieder einmal durch verqualmte Kneipen gequält hat. Dass nicht nur der "Herdentrieb" Ursache für dieses Verhalten ist, zeigt sich daran, dass Raucher ja auch zuhause rauchen. Allerdings steigert ein nicht zu den regulären Schul- oder Arbeitszeiten passender Schlaf- und Wachrhythmus die Neigung zum Konsum von Kaffee, Zigaretten, geistigen Getränken und anderen Drogen, um mit dem sozial erwünschten Rhythmus gleichziehen zu können.



Das Internet schläft nie. Und wenn man sich ansieht, zu welchen Uhrzeiten Kollegen und Ansprechpartner so manchmal E-Mails verschicken oder Artikel schreiben, dann weiß man, was am nächsten Morgen Thema Nr. 1 sein dürfte. Die sogenannten "Eulen", die erst spät am Tag wach werden und dafür abends nicht müde, arbeiten halt abends und nachts am besten.

Doch ein Mitarbeiter, der dann am nächsten Morgen auf der Tastatur oder gar in einer zähen Konferenz einschläft, macht sich ausgesprochen unbeliebt. Also wird der Körper mit Koffein und Nikotin getreten, um auch an einem trüben Wintermorgen in Schwung zu kommen, und wenn das nicht reicht, auch noch mit Pillen (Rund um die Uhr wach), um die Arbeitszeit zu verlängern. Am Abend, wenn die nun erwünschte Müdigkeit nicht kommen will, wird dann mit anderen Mitteln wie Alkohol gegengesteuert.

Die "frühen Vögel", die "Lerchen", sind in unserer Gesellschaft immer noch angesehener; die üblichen Arbeitszeiten und der morgendliche Schulbeginn kommen ihnen mehr entgegen. Doch auch sie ecken mit ihrem Wachrhythmus an – allerdings weniger im Büro, als in der Freizeit: Wenn es abends erst so richtig lustig wird, sind sie längst bettreif.

An Werktagen führt dies für alle, die noch Arbeit haben, zu einem ständigen Kampf mit dem Wecker. Dieses Problem (Vorsicht, wenn der Wecker klingelt!) wird auch durch immer weitere technische Tricks beim Weckgerät wie flüchtende Wecker oder sensible Stirnbänder und Armbanduhren nicht wirklich gelöst und so manches Experiment mit moderner Technik geht am Ende kläglich in die Hose.

Die Forscher um Professor Dr. Till Roenneberg am Zentrum für Chronobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München beschäftigen sich seit Jahren mit dem Problem der verschiedenen Wachrhythmen (Der frühe Vogel fängt nicht immer den Wurm). Sie werteten jetzt die Angaben von mehr als 500 Versuchspersonen zu ihrem Chronotyp, ihrem Wohlbefinden und dem persönlichen Konsum von Koffein, Nikotin und Alkohol aus und veröffentlichten die Ergebisse des Euclock-Experiments in Chronobiology International.

> Wenn die von der Gesellschaft auferlegten Zeitpläne den individuellen Schlafpräferenzen nicht entsprechen, führen die Unterschiede zwischen dem erwarteten Schlafverhalten an Arbeitstagen und dem, was die innere Uhr diktiert, zu einem "social jetlag". Dieser kann weit reichende Folgen für die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Betroffenen haben. Er ist dem Jetlag vergleichbar, den wir nach Flügen über Zeitzonen erfahren, nur begleitet er die Betroffenen meist ein Leben lang.
Prof. Dr. Till Roenneberg

Der Chronotyp, also ob die innere Uhr eher vor- oder nachgeht, wird weitgehend durch die individuellen Erbanlagen bestimmt – das Alter kommt dann noch hinzu und schiebt den Rhythmus bei jungen Leuten Richtung Eule, bei älteren Richtung Lerche. Bezogen auf unsere sozialen Zeiten sind allerdings die meisten Menschen heutzutage eher Eulen. Dies liegt unter anderem daran, dass wir heute zu wenig Licht sehen – selbst in gut ausgeleuchteten Räumen ist es 100 bis 1000 Mal schwächer als unter freiem Himmel und dann oft auch noch von "Gute-Nacht"-Lichtfarbe. Je schwächer aber das Licht, desto später stellt sich bei den meisten Menschen die innere Uhr ein und je später der Chronotyp, desto größer sind die Probleme, sich an soziale Zeitpläne zu halten.

> Eulen zeigen die größte Differenz zwischen ihren Schlafzeiten an Arbeits- und an freien Tagen. Es kommt zu einem beträchtlichen Schlafdefizit unter der Woche, das dann am Wochenende ausgeglichen wird. Aber auch Lerchen können unter sozialem Jetlag leiden, wenn sie zum Beispiel an Wochenenden dem Druck der vorwiegenden Eulenfreunde nachgeben, viel zu spät ins Bett kommen und dennoch am nächsten Morgen zur gewohnt frühen Zeit aufwachen.
Prof. Dr. Till Roenneberg

Gefragt wurde unter anderem nach den tatsächlichen Schlaf- und Wachzeiten, getrennt nach Arbeits- und freien Tagen, so dass der Chronotyp einer Person bestimmt werden kann. Dazu kamen in der Studie Fragebögen zur Schlafqualität, dem aktuellen und zurückliegenden psychologischen Wohlbefinden sowie zum Konsum von Koffein, Nikotin und Alkohol und ähnlichen Substanzen. "Das gab uns die Möglichkeit, die Verbindung zwischen sozialem Jetlag, Schlafqualität, psychologischem Wohlbefinden und dem Genuss von stimulierenden Substanzen zu erforschen", so Roenneberg. "Wir konnten zeigen, dass der Konflikt zwischen der biologischen Uhr und der gesellschaftlichen Zeit zu einer chronischen Form von Jetlag führt." Die meisten Eulen akkumulieren nicht nur unter der Woche ein Schlafdefizit, sondern berichten auch häufiger von geringer Schlafqualität und Müdigkeit am Tag.

"Je stärker der soziale Jetlag, desto mehr greifen Individuen nach Stimulanzien", berichtet Roenneberg. "Desto häufiger sind sie auch Raucher." Letzteres erwies sich als besonders auffälliger Zusammenhang. "Nikotin-, aber auch Alkoholgenuss deuten oft auf Schwierigkeiten hin, mit sozialen Anforderungen fertig zu werden", meint Roenneberg. "Das hat uns zu der Hypothese geführt, dass Schlafprobleme und Nikotinkonsum vor allem dann auftreten, wenn der innere Schlaf-Wach-Rhythmus nicht mit den gesellschaftlichen Zeitplänen übereinstimmt."

Auch unter Schichtarbeitern, deren Leben selten nach der inneren Zeit ablaufen kann, finden sich signifikant mehr Raucher als unter den Menschen, die zu "normalen" Zeiten arbeiten. Die starke Korrelation zwischen sozialem Jetlag und Nikotin ist deshalb von besonderem Interesse, weil Raucherkarrieren oft in der Jugend beginnen, also dann, wenn der soziale Jetlag besonders ausgeprägt ist.
_____________________

> Jugendliche, deren innere Uhr Schlafzeiten zwischen 2 und 10 Uhr vorgibt, sind Schichtarbeiter, wenn sie um 6 Uhr – entsprechend ihrer inneren Mitternacht – aufstehen müssen.
Prof. Dr. Till Roenneberg

Dies ist aber nur eine mögliche Folge, die Auswirkungen auf das gesamte Leben der Betroffenen haben kann. So ist auch bekannt, dass Eulen als Schüler oft weniger gut in der Schule abschneiden, was mit ihrem chronischen Schlafdefizit und der mangelnden Schlafqualität zu tun haben könnte. Auf Dauer kann diese Einschränkung lebenslang das Leistungsvermögen behindern. "Wir schließen daraus, dass Heranwachsende und junge Erwachsene außerordentlich profitieren würden, wenn ihre innere Uhr stärker berücksichtigt würde", meint Roenneberg. "Dazu gehört unter anderem die Anpassung der Schulzeiten – vor allem bei Jugendlichen zwischen 15 und 25. Aber auch flexible Arbeitszeiten für Erwachsene wären nötig, damit diese eher ihrer inneren Uhr folgen können. Wahrscheinlich ließen sich der soziale Jetlag und seine gesundheitsschädlichen Folgen aber nur durch weitgreifende Änderungen in der gesellschaftlichen Organisation vermeiden."
Quellenangabe: heise.de gesundheitpro.de
 

Wolfgang Jensen

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16.03.06
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Hallo Mike!

Du hast ein tolles Thema aufgemacht. Wenn ich Dich richtig verstanden habe, meinst du, es gibt neben der "Geistheilung" einen weiteren Bereich der Selbstheilung.

Wie denkst Du über einen emotionaliserten Menschen, der fühlt: "Das macht mich ganz krank". (?)

Eigentlich müßten wir über die Differenzierung von Emotion und Gefühl diskutieren, aber das würde wohl den Rahmen Deines Ansatzes sprengen.

Beste Grüße an Dich

Wolfgang
 
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Wolfgang, komm mal klar auf die Welt!

Wenn ich mich schneide und die Wunde zusammenbackt und dann irgendwann die Kruste abfällt hat das nix mit Geistheilung zu tun. Wenn ich mich am Kopf kratze und die Schuppen zu Boden fallen hat das auch nix mit Geistheilung zu tun.

Du hättest mich richtig verstanden wenn Du meinst das es "neben" einer Geistheilung auch eine manifeste Form der Heilung gibt. Nur habe ich leider nichts darüber geshrieben oder mein Rechner ist verflucht und ich kann Passagen meines nicht geschriebenen leider nicht lesen.

Eigentlich möchtest Du über die Differenzierung von Emotion und Gefühl diskutieren, aber das würde wohl den Rahmen Meines Ansatzes sprengen der nichts damit zu tun hat.

Der richtige Arbeitstitel wäre wohl eher: höre auf die Stimme in Dir und alles wird anders. Die eingentliche Ändererung erfolgt aber erst wenn eine kritische Masse erreicht ist oder Vernunft über Gier (und/oder) Trieb siegt. Bei der Produktionsdynamik die wir (Menschen) aufzuweisen haben (Deine scheinbar endlosen Fragen und Ihre Beantwortung vorab) eher unwahrscheinlich das so etwas passiert.

in der Hoffnung das Du ein Einzelstück bist

gnädigst

Mike
 
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Hallo Mike,
ich kann dem Prof. Roenneberg nur zustimmen: ich - Eule - habe es immer bedauert, daß die Schule bzw. Arbeit so früh anfängt. Für mich wäre ein Arbeitsanfang so ungefähr um 1/2 11 Uhr morgens viel angenehmer, dann eben bis um 18.30 Uhr. - Aber man kann es nunmal nicht in allen B ereichen allen recht machen. Blöd ist es für die Eulen-Schüler, die die ersten Stunden eher noch schlafen als aufnehmen.
Ist nicht in Bayern gerade im Gespräch, später als 8 Uhr mit der Schule anzufangen?

DAnke und Gruss,
Uta
 

Wolfgang Jensen

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Aus meinem Fundus:
Emotionen werden im allgemeinen als sehr real und bestimmt empfunden, fast so, als wären sie wirkliche Dinge. Wir glauben, daß wir ein ganzes Repertoire von Emotionen haben: Zorn, Liebe, Eifersucht und so weiter. Für jede Emotion haben wir ein Substantiv, und so messen wir ihnen auch Substanz bei, als wären sie Dinge, die wir erfahren wie einen Stein oder den Himmel. Und wenn wir diese Dinge erfahren, dann sind wir eben in dem entsprechenden Zustand: Wenn wir Zorn erfahren, sind wir zornig. Man sagt nicht: «Ich erfahre Zorn dir gegenüber», sondern einfach: «Ich bin wütend auf dich.» Wenn also in unserer Erfahrung eine Emotion auftritt, so benennen wir sie und identifizieren uns mit ihr. «Ich» wird dann identisch mit dieser Emotion.
Emotionen sind demnach Dinge, die wir werden oder mit deren Qualitäten wir uns zumindest identifizieren können. Natürlich ist diese Identifikation nur partiell und zeitweilig. Eine Emotion endet oder verändert sich, und dann identifizieren wir uns nicht mehr mit ihr. Wir sagen: «Es tut mir leid, daß ich wütend auf dich war; ich bin jetzt nicht mehr wütend.» Wir sagen oder denken nicht: «Das Ich, das wütend war, besteht nicht mehr», obwohl das eigentlich richtiger wäre. Partiell ist die Identifikation deshalb, weil sie in der Regel von einem laufenden inneren Kommentar begleitet wird, der ständig neu bestimmt, was «Ich» gerade fühle. Nur in sehr seltenen Fällen intensiver emotionaler Erregung geht diese Betrachtungs-Distanz gänzlich verloren, so daß wir uns der Gefühle nicht mehr bewußt sind.
Zitat aus dem Buch "Die Erforschung der Innenwelt" von Jeremy W. Hayward (Kernphysiker und Molekularbiologe).

Ich bleibe beim Fragen: machen (schlechte) Emotionen krank und (gute) Gefühle gesund?

Wolfgang
 
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Also die Substanz einer Sprache und Ihre Gültigkeit aus dem Sprachgebrauch abzuleiten ist schwach. Das kannst Du dem Hayward gerne schreiben. Denn der Chinese schaltet das Licht ein und die Dunkelheit. Die kennen kein an und aus sondern nur >ist< Zustände.

- Licht ist an.
- Dunkelheit ist an.

Also alles eine verbale Kompetenzkomponente mit der (und deren Spielereien) sich natürlich ganze Bücher füllen lassen wie andere Sprachen ganz einfach halbe Bücher auflösen würden.

Wenn ich den Text richtig verstehe muss es nach der These das (schlechte) Emotionen krank machen und (gute) umgekehrt wohl gesund auch die Möglichkeit geben für 5 Minuten krank zu sein. Auch wieder eine Frage der verbalen Kompetenz wenn ich mir erlaube in die 5 Minuten Emotionalität als postiven oder negativen krankhaften Zustand zu definieren.

Ergo: bin ich für einen Moment glücklich bin ich in Wirklichkeit partiell positiv krank. Somit wäre die Frage dann wohl ausreichend beantwortet, oder hättest Du es gerne anders formuliert ? Interessant wird's ja eh erst wenn ich mir auf den Finger hämmer und anfange zu lachen und vor lauter Glück weine ! Aber wir sind ja alle ein bisschen Bluna...
 
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Zitat von Wolfgang:
Ich bleibe beim Fragen: machen (schlechte) Emotionen krank und (gute) Gefühle gesund?

Ich denke ja, denn "schlechte" Emotionen sind ein Energiestau und "gute" sind Energiefluss.
Im Emotionalbereich "versenkt" liegen viele Ursachen für Krankheit... :schock:

Man weiss schon länger, dass das Gehirn mit seinem Immunsystem kommuniziert und es dementsprechend beeinflusst.
 
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Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen ;) ?

Also wären Emotionen schlecht und Gefühle gut? Dann müßte noch genauer definiert werden, was genau Emotionen sind und was GEfühle...

Der total "geläuterte" Mensch, der sein "Ich" oder "ego" gegen das "wahre Ich" eingetauscht hat, hätte demnach keine Emotionen mehr sondern nur noch "wahre Gefühle"?

Naja ...
Uta
 
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Ich mache da keinen Unterschied betreffend Emotionen und Gefühle. Mann/Frau weiss was gemeint ist, dazu benötigt man keine Goldwaage.
Es geht nicht um ein "entweder - oder" sondern um ein "sowohl als auch"
 

Wolfgang Jensen

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Hallo Uta - Du machst auf einen für mich (seit vielen Jahren) interessanten Zusammenhang aufmerksam: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Erst gestern Nacht geisterte die Idee in mir herum.

Was ich (an einigen Personen) wahrnehmen konnte: wer verdrängt, kriegt Probleme mit der Schilddrüse (Kröpfchen?) Klar, jeder Mernsch ist ein Verdränger - als Ursache für eine Krankheit braucht es aber wohl ein Maß an Bedeutung.

Gerade assoziiere ich: von Haß zerfressen, mir kommt die Galle hoch. Aber es gibt eben auch Emotionen mit anderer Wirkung: ich habe mir Luft gemacht. (gehört das ins Thema Blähungen? - rhetorische Frage für die Mundwinkel)

Nach meiner Auffassung ist der Ansatz "Positives Denken" nicht praktikabel, weil: die Ursache für Denken ein Gefühl (oder Emotion) ist. Wenn das richtig wäre: ein Mensch, der gute Gefühle hat, hat auch gute Gedanken.

Beispiel: ich habe gute Gefühle, und den Gedanken: ich fahre mit dem Rad in den Wald. Dort wird eine andere Ebene von mir mobilisiert, ich werde angenehm erregt von Bäumen und Tieren, von Duft und Klang. Klar habe ich dann auch gute Gedanken, die sich einstellen als Folge von ...

Wolfgang
 
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19.03.06
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Gute und schlechte Gefühle

Uta schrieb:
Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen ;) ?

Also wären Emotionen schlecht und Gefühle gut? Dann müßte noch genauer definiert werden, was genau Emotionen sind und was GEfühle...

Der total "geläuterte" Mensch, der sein "Ich" oder "ego" gegen das "wahre Ich" eingetauscht hat, hätte demnach keine Emotionen mehr sondern nur noch "wahre Gefühle"?

Naja ...
Uta
Also, das interessiert mich nun doch auch. Es gibt also "gute" und "schlechte" Gefühle - respektive Emotionen?:confused:
Heißt das, Trauer und Wut oder Angswt ist schlecht und Lust, Fröhlichkeit, Liebe etc. sind gut?
Das halte ich persönlich für wenig hilfreiche Sicht- bzw. Denkweisen, denn beide Gruppierungen haben ihre Berechtigung und stellen wichtige Funktionen der Persönlichkeit dar - und sind beidesamt unverzichtbar.
 

Wolfgang Jensen

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16.03.06
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León, hallo. Ist mein Gefühl richtig? Woher kommen meine Emotionen?

In einem anderen Thread habe ich bereits versucht über das Wesen von Gefühl und Emotion zu sprechen. Mir scheint aber, daß dieses Thema ein Heiliger Bezirk ist. Würde mich freuen, wenn das Thema für uns beidesamt den Wert hat, dran zu bleiben. Alleine macht es mir keine guten Gefühle, von sehr persönlichen Emotionen überschüttet zu werden.

Beste Grüße

Wolfgang
 
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