Weniger atmen - mehr Luft kriegen

Windpferd

WENIGER ATMEN -
MEHR LUFT KRIEGEN
Die Buteyko-Methode
In einem alten buddhistischen Text las ich, jeder Mensch habe eine bestimmte Zahl von Atemzügen zur Verfügung. Wenn die aufgebraucht sei, sterbe er.

„Was für ein Unsinn“, dachte ich. Eine Behauptung, die grundsätzlich nicht zu verifizieren oder zu falsifizieren ist. Also ohne Sinn.

Aber danach fragte ich mich, ob ich nicht vielleicht doch mehr Aufmerksamkeit auf meine Atmung verwenden, vielleicht in der Tat achtsamer atmen solle.

Notmalerweise denkt jeder – wenn er nicht an einer Erkrankung des Respirationssystems leidet - seine Atmung sei schon richtig; er atme eben, um genügend Luft zu kriegen. Andernfalls würde er ja sterben.

Vladimir Buteyko (*1921) russischer Physiolog und Arzt, kriegte schon lange nicht mehr genug Luft. Er litt an schwerstem Asthma; seine Ärzte gaben ihm kein Jahr mehr zu leben. Blutdruck 220 / 110, unter vielem anderen. Buteyko beobachtete differenziert seine Atmung, modifizierte sie schrittweise und entwickelte die nach ihm benannte Methode. Er wurde 80.

Die empirischen Untersuchungen, mit denen er die Wirkungen der Methode in den 50er Jahren testete, erwiesen, dass Asthmatiker nach Erlernen der Technik – verglichen mit dem Zustand davor - nur noch ca. 40% der Kortikosteroide und ca. 10% der beta-Agonisten benötigten. Die Fachwelt diffamierte Buteyko als Fälscher: so etwas sei unmöglich.. Neuere Untersuchungen (seit den 90ern, als auch die Methodik des Experimentierens viel weiter entwickelt war) bestätigten seine ursprünglichen Ergebnisse.

Die Buteyko-Methode ist bei weitem nicht nur für Asthmatiker hilfreich. Er selber entdeckte die therapeutische Wirkung bei Angst- und Panikstörungen. Es bessern sich oder verschwinden auch Schnarchen, Schlafstörungen und Schlafapnoe; Erschöpfung (incl. schweren CFS); ADS, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen; Durchblutungsstörungen (Gehirn, Herz), Glaukom; Depression und andere Stimmungsschwankungen; schwere neurologische Erkrankungen (z.B. Parkinson).

Die Grundidee: Wir leben – v.a. infolge von Streß, mangelnder Bewußtseinsdisziplin und Fehlernährung - in einer chronisch hyperventilierenden Zivilisation. Wir denken, wir bekämen nicht genügend Sauerstoff – also atmen wir schneller und evtl. auch tiefer. Aber je hektischer wir atmen, desto weniger Sauerstoff bekommen wir, v.a. Gehirn und Herz. Ein Teufelskreis, der beim Asthmatiker dramatisch deutlich wird.

(Vielleicht gibt es eine Parallele zu der buddhistischen Empfehlung: den Magen nicht ganz zu füllen sondern nur zu 2/3. Wenn wir uns „vollfressen“, kriegen wir faktisch weniger essentielle Nährstoffe.)

Wir können uns selber beobachten: Was geschieht, wenn der Ausatem zu Ende gegangen ist? Dann ist da „an sich“ erstmal eine Pause. Sekundenbruchteile, evtl. auch ein paar Sekunden. Leere. Dann kommt spontan der nächste Einatem. Er folgt einem deutlich spürbaren Bedürfnis, evtl. den ersten automatischen Aktivitäten der Atemmuskulatur.

Aber was tu ich? Ich warte (ruhe) keineswegs in dieser „Leere“, bis der nächste Einatem von selber kommt. Die Leere ist mir unheimlich. (Vielleicht kommt ja gar nichts mehr?) Also: ich komme „vorsichtshalber“ dem organismischen Einatem ein wenig zuvor. Oder auch mehr als ein wenig. Dahinter, tja – Angst vorm Ersticken. Im Alltag natürlich nicht reflektiert. Aber es geschieht im Alltag. In dem mich ja auch Panikattacken überfallen. Und auf den es ja allein ankommt. Jedenfalls, ich atme unnötig schnell und z.T. auch unnötig tief.

Man weiß heutzutage ziemlich genau, welche physiologischen Prozesse bei Hyperventilation auftreten und welche Wirkungen sie im einzelnen haben. Darüber ein andermal in diesem Thread. Zunächst die Methode. Sie ist sehr einfach. Aber, wie alle Methoden, funktioniert sie nur, wenn man sie macht. Nicht wenn man darüber nachdenkt.

Also: man sitzt aufrecht oder man liegt auf dem Rücken und atmet eine Weile „normal“. Immer durch die Nase und immer Zwerchfellatmung. (Die Brust bewegt sich nicht.) Dann, am Ende eines Ausatems, verschließt man die Nase mit zwei Fingern, schaut auf eine Uhr und wartet, bis der nächste Einatmungs-Impuls deutlich spürbar ist. Dies nennt Buteyko Control Pause. Danach ein „normaler“ Einatem, nicht besonders tief.

Dann ein paar Minuten – und wieder Control Pause mit Stoppuhr. > 40 Sekunden ist optimal; < 15 Sekunden deutet auf stark chronifizierte Hyperventilation.

Und dann kann man soviel üben, wie man will. (Schwangere und Patienten mit Herzinsuffizienz oder Arrhythmien sollten vorsichtig sein.) Am einfachsten ist das Üben im Alltag, während des Autofahrens, Spazierengehens, Schreibens: Aufmerksamkeit auf jeden Ausatem – und danach eben nicht vorzeitig die Luft einziehen, sondern warten, bis der Reflex von selber kommt.

So simpel das ist – ich finde es sehr interessant. Zunächst: deutliche Angst. (Angst und Enge sind Wörter mit derselben Wurzel.) Ausatmen ist – ich muß das nicht notwendigerweise denken – die körperliche Entsprechung von Loslassen, Hingeben. Letztlich: Sterben. Klar: lebenslang atme ich meine Angst weg. (Nun, ich bin ein Angsttyp – aber vielleicht nicht der einzige.) Dann: nichts als dabeibleiben. Irgendwann – das kann eine Weile dauern – merke ich, dass ich definitiv nicht ersticke. Der Atemreflex kommt genau zur rechten Zeit. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Zugleich ein Gefühl von Wachheit und weicher Energie. (Auch spät am Abend.) Etwas erstauntes Lächeln. Die Angst hat sich klammheimlich verkrümelt. Intensiviertes Spüren des eigenen Körpers. Zuhause, nicht stranguliert. Die Nase läuft ein wenig, mehr Speichel als sonst (Vagotonus, klar), die Augen etwas feuchter. Hände, Wangen, Ohren wärmer. Von fern verwandt der Körperempfindung nach Arginin-Einnahme. (Darauf kommen wir noch.)

Das beste Einschlafmittel, das ich kenne. Bei viel zu frühem Aufwachen mit kreisenden Gedanken, Besorgnissen, Angst. Höchstens 10 Minuten den Atem herunterregeln auf „normal“ – das reicht.

Für Rabiate: Plötzlich die Nase verschließen, bis man’s nicht mehr aushält. Dann normaler Atem. Dann wieder verschließen. 6 – 10 Mal. Aber das muß nicht sein.

Für noch Rabiatere: Buteyko-Atmung kombiniert mit Training. Nicht bloß mit Gewichtheben oder Kreislauftraining sondern mit HIT (High Intensity Training), bei dem man sich 30 Sekunden absolut maximal verausgabt, 90 Sekunden ruht – und das Ganze 10 Mal. Zur Vorbeugung gegen plötzlichen Herzstillstand bei hochtrainierten Sportlern, der ja nicht selten ist. (Da halt ich mich vorerst noch raus.)

Ich vermute, dass die Normalisierung des Atems (wie die der Nahrungsaufnahme) die Lebenseinstellung, den „outlook“ verändern könnte. Ähnlich wie das in den Upanishaden durch Pranayama (1. Jahrtausend v. Chr.) geübt wurde.

Interessant ist auch, was dabei physiologisch passiert. Wodurch die Atemtätigkeit überhaupt gesteuert wird. Es hängt zusammen mit den Sauerstoff- und Kohlendioxyd-Partialdrucken in der Lunge und in den Zielorganen. Mit der Bindungsaffinität von Hämoglobin und Sauerstoff in Abhängigkeit vom pH-Wert des Blutes. Mit der Sauerstoffsättigungskurve des Blutes und mit deren Links- oder Rechtsverschiebung. Mit dem supergiftigen Stickstoffmonoxyd. Und mit Christian Bohr, der nicht nur Niels Bohr (den mit dem Atommodell) gezeugt hat und Großvater war von Aage Bohr (der gleichfalls den Nobelpreis für Physik erhielt) sondern genialerweise den „Bohr-Effekt“ entdeckte, ohne den wir längst erstickt wären. Wirklich.

Gute Nacht!
Bis dann
Windpferd
 
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Datura

in memoriam
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Langsamer atmen - mehr Luft kriegen

Danke, Windpferd!

Bei mir im Bücherregal (und in meinem Herzen) ist "Heilatmung" von Prof. Lothar Gottlieb Tirala, neu bearbeitet von Dr. Klaus Hoffmann mit demselben Tenor, schön und spannend zu lesen.

Kleine Ergänzung: Durch das langsame Atmen wird Parasympaticus angeregt und Sympatikus runtergeregelt. Nur im Parasympatikusmodus kann Heilung passieren, laufen wir syampaticoton, müssen wir "kämpfen oder flüchten", keine Zeit für Heilung.

Viele Grüße von Datura
 

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Windpferd

Langsamer atmen - mehr Luft kriegen

Hallo,

freu mich über das Echo.

Mich hat gewundert, daß ich nichts gefunden habe über die Wirkung der Buteyko-Atmung auf Krebs. (Freilich hab ich nicht sehr intensiv recherchiert,)

Plausibel wäre ein Zusammenhang durchaus. Nach der Warburg-Hypothese ist Sauerstoffmangel ursächlich für Krebsentstehung. Nun ist Sauerstoffmangel eben bedingt durch chronische (subklinische) Hyperventilation - entgegen der verbreiteten Irrlehre, tiefe Atmung sei gesund. - Andererseits verschiebt Hyperventilation (infolge der vermehrten Abatmung von CO2) den pH-Wert des Blutes in Richtung Alkalose - während doch m.W. gerade Azidose Krebs fördert? (Wieder mal ein Punkt, an dem man was von elementarer Physiologie verstehen sollte - was ich leider nicht tu. :confused:)

Dennoch mehr über die Prozesse bei Buteyko-Atmung - sobald ich dazukomme.

Vorerst etwas vielleicht noch Wichtigeres: In der klassischen buddhistischen Meditationsanleitung heißt es, man solle die Aufmerksamkeit auf dem Ausatem ruhen lassen. (Der Einatem "geschieht einfach" - er wird nicht besonders beachtet.) Nun gibt es verschiedene sog. "Geistesgifte", die den Meditierenden stark ablenken können. Eines davon ist der Komplex Aggression & Angst. Die ja gerade - in ihrer Polarität und Verwandtschaft - den Impulsen Kampf & Flucht (also Sympathikotonus) entsprechen. Nun haben gerade die Buddhisten viel Mitgefühl für Anfänger mit deren Schwierigkeiten, d.h. es gibt für so ziemlich jedes Leid ein "Gegenmittel". Im Fall von Aggression / Angst ist die Zusatzinstruktion: "Achte besonders auf die Zartheit des Ausatems, besonders wenn der zu Ende geht (sich im Raum auflöst)." Das ist, scheint mir, die subtilste Form von Buteyko-Atmung - nicht direkt manipulativ sondern durch leichte Veränderung der Aufmerksamkeitsverteilung, die sich relativ rasch und erlebbar auf die Atmung selbst auswirkt - im Sinne eines Zulassens der natürlichen "Lücke" zwischen Aus- und Einatmung.

Wenn man das eine Weile macht, wird man friedlich bei eher gesteigerter Wachheit. Allerdings gibt es u.U. Entzugserscheinungen in Form von Langeweile, die viele vom Dabeibleiben abhält. (Kampf und Flucht sind eben manchmal ziemlich unterhaltsam.) Langeweile gilt traditionell als Zeichen guter Meditation.

Alles Liebe,
Windpferd
 
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30.12.12
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Hallo Windpferd,
in deinem 1. Beitrag schreibst du, das man "gut" atmet, wenn zwischen aus- und einatmen mehr als 40 sek vergehen.
Hab ich das richtig verstanden?

Und ich dachte, ich hab schon `ne gute Atmung, wenn ich mit 3-4 Atemzüge /Minute hinkomme.

viele Grüße
donnerseele
 

Windpferd

Ja, Donnerseele,

das hast Du leider richtig verstanden. Ich fühle mich eigentlich - unter Berücksichtigung meine Alters - relativ fit. Aber das werde ich nie erreichen. Ich liege unter 15 Sekunden. Und die Übung macht mir trotzdem - oder deshalb? - Körperfreude. (Nach einem anderen Text liegt die unterste Kategorie nicht unter 15 sondern unter 10 Sekunden. Also etwas freundlicher.)

Eine in Asien lebende Freundin berichtete, es gebe Yogis, die's mehrere Minuten ohne äußere Atmung aushalten. Ohne zu ersticken. Wie deren innere Atmung funktioniert, ist vermutlich nicht erforscht.

Oder vielleicht doch nicht ganz richtig verstanden: Gemeint ist nicht der durchschnittliche Abstand zwischen Aus- und Einatem sondern der zwischen Ausatem und dem ersten deutlichen Impuls, wieder einzuatmen.

Die Zahl der Atemzüge ist nicht relevant. Denn dabei kann man ja mogeln, indem man maximal tief einatmet.

Bei dem Buteyko-Training scheint es vor allem um die Erhöhung der CO2-Toleranz zu gehen. Sauerstoff kriegen wir - entgegen unserer Auffassung - ohnehin genug, solange der O2-Partialdruck > 50 mmHg. Das wäre "atemberaubend" wenig. Und je höher der CO2-Partialdruck, desto geringer der pH-Wert des Blutes, desto entspannter (d.h. weiter) Broncheolen und Kapillaren und desto geringer die Bindungsaffinität von Hämoglobin und O2. (Letzteres ist der sog. Bohr-Effekt; konkret: desto schneller und in desto höherem Maß gibt Hb O2 frei.) Diese drei Faktoren wirken alle auf eine höhere Verfügbarkeit von O2 hin.

Also, wenn wir uns nah am Ersticken fühlen, verwenden wir unser Lebenselixier optimal. Ist es nicht schön, daß die Realität uns gegen den Strich bürstet? ("Raffiniert ist der Herrgott, aber boshaft ist er nicht", sagte Einstein.)

Schönen Abend,
Windpferd
 
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Hallo Windpferd,
danke dir für die schnelle Antwort -
und ich werd es einfach mal probieren...

gute Nacht
donnerseele
 
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Hallo Windpferd,
Du schreibst:

Also, wenn wir uns nah am Ersticken fühlen, verwenden wir unser Lebenselixier optimal. Ist es nicht schön, daß die Realität uns gegen den Strich bürstet?
("Raffiniert ist der Herrgott, aber boshaft ist er nicht", sagte Einstein.)
Talismane

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;

jenes bedrängt, dieses erfrischt;
so wunderbar ist das Leben gemischt.

Du danke Gott, wenn er dich preßt,
und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.

J.W.v. Goethe

Macht Euch also keine Sorgen, atmet einfach :)

Liebe Grüße
Rota
 

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Datura

in memoriam
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Guten Morgen,

Also, mein Heilatmungsbuch, dieses hier:

Heilatmung. Gesundheit ohne Medikamente: Amazon.de: Lothar Gottlieb Tirala: Bücher

scheint mir realistischer, diesseitiger, zuerst wird die Bauchatmung erlernt, dann die Tiefenatmung (Heilatmung), vor dem Ausatmen werden nur wenige Sekunden physiologische Pausen gemacht.

Man kann die Heilatmung nach Tirala sogar im Gehen machen (wenn man sie erstmal gelernt hat), ich wende sie bei meinen Hundegängen an, wenn ich dabei alleie bin, man atmet gegen einen gewissen Druck aus , bildet ein U (nach Tirala) beim Ausatmen, ich bilde ein stimmhaftes S, Sch, F beim Ausatmen, das trainiert gleichzeitig die Stimme.

Und sowas

In einem alten buddhistischen Text las ich, jeder Mensch habe eine bestimmte Zahl von Atemzügen zur Verfügung. Wenn die aufgebraucht sei, sterbe er.
kann man GLAUBEN, ich halte es für falsch, Unsinn und dabei bleibe ich, unabhängig davon, dass ich die Heilatmung, wie ich sie praktiziere, großartig finde.

Zum Krebs: In meinem Buch gibt es ein Kapitel zu Krebs, es sei auch an Manfred von Ardenne, der bei Krebs den Suerstoffpartialdruck anhebt (Sauerstoffmehrschritttherapie), erinnert.

Und danke zum Schluss: Wir alle kennen womöglich das merkwürdige Phänomen, dass wir etwas tun , was uns superguttut (und keine Mühe macht, keine Zeit kostet, nur "dran denken " kostet) und das wir nach einiger Zeit vergessen, es zu tun.

Ich werde wieder dran denken!

Datura
 

Windpferd

Hallo Rota,

nein, „Sorgen“ brauchen wir uns tatsächlich nicht zu machen. Weil wir eben u.a. mit der Buteyko-Methode eine Möglichkeit haben, die bei uns vorherrschende, pathogene Hyperventilation durch Training richtiger Atmung zu ersetzen. Eine Atmung, die – mehr als verbale Ermahnungen oder willentliche Selbstkontrolle – das Sich-Sorgen-Machen (worrying) überwinden hilft.

„Atmet einfach.“ Hm. Ich musste nach einer Hüft-TEP-Einpflanzung und längerer Immobilisierung wieder Gehen lernen. War schwierig. Eine Physiotherapeutin wies mich ungeduldig an „Nun gehen Sie doch normal!“ Muß ich beschreiben, wie hilfreich das für mich war? - Und wenn wir jahrzehntelang hyperventiliert haben – ob dann die Instruktion „Atmet einfach“ wirklich der Weisheit letzter Schluß ist? Ich bin als Kind – wie viele meiner Generation – von meinem Vater, einem schmucken Nazi-Oberleutnant, kommandiert worden „Brust heraus und Bauch hinein!“, und Angst – maximal hyperventilationsfördernd - hatte ich ohnehin, da dieser Offizier sadistisch prügelte. Woher sollte ich wissen, wie man korrekt atmet? – Wer jemals bei einem Asthma-Anfall oder bei einer Panikattacke dabei war – ich glaube nicht, dass dem eingefallen ist, zu sagen „Atme einfach“.

Das von Dir zitierte Goethe-Gedicht mag ich, klar. (In meiner Jugend hab ich eine Parodie gehört; erinnere nur die letzten zwei Zeilen: „Drum danke dem Mädchen, wenn es dich presst, / und dank’ ihm, wenn es Dich wieder entlässt.) Nur hat es keinerlei Bezug zu der – z.T. naturgegebenen, z.T. in unserer Zivilisation verfälschten – Asymmetrie von Aus- und Einatem.

Aber mit Goethe sind wir mitten im Thread-Thema und es wird richtig spannend. Goethe hat, so ist zu vermuten, mindestens in wichtigen Situationen stark hyperventiliert. Man braucht nur seine zahlreichen frühen Liebesgedichte zu lesen: Morgenstimmung, Begeisterung – und atemloser, sympathikotoner Speed. „Geschwind, zu Pferde . . .“; „Herz, mein Herz, was soll das geben . . .“ Arrythmien bis in die Versfüße. Und zwar jeweils bei der Annäherung an die Geliebte oder potentielle Geliebte.

Es gibt eine berühmte, sehr quellenkundige, respektvoll eindringende Abhandlung des Psychoanalytikers Kurt R. Eissler: „Goethe. Eine psychoanalytische Studie 1775-1786“. 2 Bände, Frankfurt, 1987 (amerikanisch 20 Jahre früher). (Der Autor, Wiener Jude, mit seiner Frau vor den Nazis in die USA geflohen, einer der bedeutendsten und produktivsten Analytiker seiner Zeit, Direktor des berühmten Sigmund-Freud-Archivs.) Eines der (zahlreichen) Ergebnisse der Studie: Goethe litt lebenslang an extremer Ejaculatio präcox (EP), derart, dass er bereits während des Küssens – er küsste leidenschaftlich – zum Erguß kam. In dieser Zeit eine Katastrophe, denn es gab damals keinerlei Diskurs über das Thema noch Ideen über den Umgang damit. Die Frauen ratlos und irritiert – und Goethe ergriff regelmäßig die Flucht; eine Serie von Trennungen.

Heute weiß man über EP wenigstens oberflächlich Bescheid. Daß – je nach Definition – mindestens ein Drittel der Männer mindestens zeitweilig darunter leidet aber aus Scham nur zu geringem Teil Behandlung sucht; dass Angst ein entscheidender auslösender Faktor ist. (Egal wovor – vor dem eigenen „Versagen“, vor der unglaublichen sexuellen Überlegenheit der Frau, vor dem Verglichenwerden mit anderen Männern usw. – meistens sind’s narzißtische Kränkungen.) Nach asiatischen Traditionen hätten wir Westler zu fast 100% EP; dort gilt, wenn nicht gerade ein Kind gewollt wird, Ejakulation - gerade bei höchster Erregung - als unangemessen. (Die Traditionen und ihre Methoden sind z.T. zugänglich, etwa in den Büchern von Mantak und Maneewan Chia.) – Natürlich wird auch dieses Problem unter dem Einfluß der Pharmaindustrie fehlbehandelt, z.B. mit Antidepressiva; eines davon ist speziell für EP zugelassen. Schrecklich. (Die moderne "Existentielle Sexualtherapie" nach David Schnarch weiß es besser.)

EP hatte Goethe nur – auch das ein Phänomen in der klinischen Praxis noch heute – wenn die Geliebte ihm in wesentlicher Hinsicht (Bildung, intellektuelles Niveau, Lebenserfahrung) etwa ebenbürtig oder überlegen war. Zum ersten Mal keine EP mit Faustina, der Gastwirtstochter auf seiner langen Italienreise, über die er in den „Römischen Elegien“ mit großer Direktheit schreibt. (Über den „Glanz der Nächte“; darüber, wie er auf Faustinas nacktem Rücken das Metrum der Elegien klopfte.) Und nicht mit Christiane, seinem „Bettschatz“ (wie seine Mutter sie nannte), einer lebensfrohen, tüchtigen, sehr einfachen Frau, mit der er 4 oder 5 Kinder hatte. In den Texten, die mit diesen Frauen zu tun haben, fehlt jede sympathikotone Überregtheit; es herrschen gelassene, zufriedene Genußfreude. Vagotonus. Sie machten ihm keine Angst.

Er selber hat seine EP mehrfach gestaltet, verhüllt zwar aber doch kaum verkennbar. Eine Leistung, die ich sehr bewundere. Etwa in dem etwas rätselhaften Gedicht „Der Fischer“; der folgende Link enthält neben Goethes Text eine freche Umdichtung, genauer: den Subtext:
http://hoppenkamps.com/leo/Persiflat Der Fischer.pdf
Schon lange hatte man sich über die Zeilen gewundert, etwas ironisch zitiert:
"Halb zog sie ihn, halb sank er hin / Und ward nicht mehr gesehn." Hinsinken - nicht genau das, was Frau und Mann sich wünschen.

Natürlich sind Psychoanalytiker besonders darauf trainiert, Subtexte zu entziffern und zu verifizieren; Freud war ja – was immer man von seinen Theorien halten mag – ein sehr kluger Mensch.

(Von Peter Hacks gibt es ein tolles Ein-Frau-Stuck "Gespräche im Hause von Stein über den abwesenden Herrn von Goethe". Nur Charlotte von Stein, eine frühere Geliebte, spricht. Das Stück ergreift Partei für die Frau. Die äußerste Kälte des fernen Dichters. Was EP so alles produziert. Hacks kannte die Untersuchungen von Kurt Eissler.)

EP lebenslang kann schon eine Tragödie sein. In Goethes Fall kulminierte diese in der Beziehung zu Marianne von Willemer, die in Frankfurt lebte, der „Suleika“ des „West-östlichen Divan“, zweifellos einem Gipfel der Weltliteratur. Die faszinierende Neuentdeckung von Welt und Liebe durch den Alternden (65). In 2 Jahren wenige Wochen Begegnung im Bereich von Mariannes Ehemann. (Goethe hatte die Ehe selber gefördert.) Marianne erwiderte seine Liebesgedichte direkt. Nicht unterscheidbar von seiner Sprache; 3 oder 4 davon nahm er in seine Publikation auf (was damals nicht Plagiat sondern Ehrerbietung war). Ihre Gedichte waren berühmt, schon ehe die Urheberschaft bekannt wurde. (Das geschah Jahrzehnte später, durch die Forschungen von Jakob Grimm.) Franz Schubert vertonte 2 davon.

Dann die Peripetie, wie in der klassischen Tragödie: Willemer, der Ehemann, willigte im voraus in die Scheidung ein, zugunsten der Verbindung seiner Frau mit Goethe. Sehr taktvoll bot er dem Dichter seine Frau an. Goethe konnte damals so ziemlich alles bekommen. Man zahlte für seine Haarlocken hohe Preise. (Heute nicht mehr vorstellbar, auch nicht bei Rilke, Hesse, Mann.)

Nun, Goethe begab sich, im dritten Jahr der Verbindung, noch einmal auf die Reise von Weimar nach Frankfurt. Kurz nach dem Aufbruch brach die Achse seiner Kutsche. (Tja, ein allzu lesbares Symbol.) Er brach die Reise ab, erklärte nichts, kam in den 16 Jahren der ihm verbleibenden Lebenszeit nie wieder nach Frankfurt, seiner Heimatstadt. (Er hätte nicht reisen können, ohne dass dies sofort in den Zeitungen gestanden hätte.) Marianne und ihr Mann luden ihn mehrfach ein; er antwortete nicht. Er schrieb in sein Tagebuch in persischen Zeichen (die niemand in seiner Umgebung lesen konnte; nur er hatte Persisch studiert): „Ich schreie vor Schmerz.“

Wenige Wochen zuvor war seine Frau Christiane gestorben. Er war also „frei“. Sie war 1 oder 2 Jahre schwer krank gewesen, Schlaganfall, Niereninsuffizienz. Aber mit Tod konnte er nicht umgehen. Zur Beerdigung seiner Mutter war er nicht gekommen. Er verfügte, das Christianes Leichenzug nicht an seinem Haus vorbeikommen dürfe. (Das wäre der nächste Weg zum Friedhof gewesen.)

Das gehört auch dazu. Daß die Pause zwischen Aus- und Einatem eine Entsprechung des Todes ist (und dass viele – die sich der Erfahrung überhaupt stellen – davor entsprechende Angst haben), war schon zu Beginn des Thread erwähnt worden.

Was hat EP mit Buteyko-Atmung zu tun? Nun, sexuelles Verhalten und Erleben sind bei beiden Geschlechter sehr komplex. Sie erfordern Zusammenwirken von Sympathikotonus (Herzfrequenz, Blutdruck ansteigend) UND Vagotonus (Gefäßerweiterung im Schwellkörper des Penis und in Klitoris, Labien und äußerem Teil der Vagina). Zugleich „Aggression“ im wörtlichen Sinn (nämlich von ag-gredi = nahe treten) UND Loslassen, Entspannung. Dominanz des Sympathikotonus – durch chronische, situativ gesteigerte Hyperventilation – führt zu EP. Zudem führt Hyperventilation zu gesteigerter Abatmung von NO, dem entscheidenden Vasodilator (der, zusätzlich zur Kontraktion glatter Muskulatur und den Blutabfluß blockierender Arterien, Erektion aufrechterhält.)

EP ist ein Faktor unter mehreren, die Erfüllung von Liebe behindern oder unmöglich machen. Sie alle haben möglicherweise mit Tragödien zu tun. Aber EP ist vermeidbar – auf eine generell gesundheitsfördernde Weise. Buteyko und anderen sei Dank!

Herzlich
Windpferd
 
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Datura

in memoriam
Beitritt
09.01.10
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4.819
Nein, nix für mich:

Daß die Pause zwischen Aus- und Einatem eine Entsprechung des Todes ist
Ich lass Dich wieder allein damit, auch mit Deinem Goethe und anderen, mache Tiefenatmung, einfach so, weils guttut.

Datura
 

Windpferd

Hallo Datura,

ja, es gibt viele Atemtherapien, die tiefe Atmung propagieren, v.a. Zwerchfellatmung. Letztere ist sicher besser als die vielfach eingefleischte Brustatmung. Mit dem Thema dieses Thread – Buteyko, chronische subklinische Hyperventilarion – haben sie m.E. wenig zu tun. (Man kann mit Zwerchfellatmung sehr intensiv hyperventilieren.)

Lothar Gottfried Tirala, Deinen Lieblingsautor, kenne ich nicht. Sein Buch ist ein halbes Jahrhundert nicht mehr aufgelegt worden. Er hat sich seine Atemtherapie gegen Ende seines Lebens ausgedacht, als er in einem entsprechenden Krankenhaus arbeitete.

Ich schaue mir gern die Persönlichkeiten an, ehe ich deren Werke lese:

Tirala, ursprunglich Mediziner, war ein österreichischer Nazi der allerersten Stunde. Er war eng befreundet mit Houston Stewart Chamberlain, dem „pangermanischen“ Antisemiten, Sozialdarwinisten, Vertreter der „Dolchstoßlegende“ nach 1918 (mit besonderer Betonung der „Schuld“ der Juden). Einer der wichtigsten Ideengeber der Nazi-Ideologie (v.a. für Alfred Rosenberg). - Ferner mit Othmar Spann, der Zentralgestalt der Austrofaschisten, einem relativ Gemäßigten. - Gleichfalls war Tirala liiert mit Julius Streicher, dem Herausgeber von „Der Stürmer“ (einer antisemitischen, z.T. pornographischen Hetz-Zeitschrift), beteiligt am Hitler-Ludendorff-Putsch 1923, besonders vulgärer Antisemit, Gauleiter (der als solcher in seine eigene Tasche wirtschaftete, so dass es selbst seiner NS-Obrigkeit zuviel wurde; Hitler persönlich intervenierte zu seinen Gunsten), in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen als Hauptschuldiger wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zum Tod verurteilt und gehenkt.

1933 (!) erhielt Tirala den Lehrstuhl für „Rassehygiene“ (damals ein etabliertes Fach) an der Universität München durch Intervention von Julius Streicher (s.o.) Die Medizinische Fakultät wurde nicht gefragt. Schon 1936 wurde er wegen Unfähigkeit, Bestechlichkeit und illegalen Abtreibungen aus dem Dienst entfernt.

Immerhin schrieb er in dieser Zeit (1935) in einem Pamphlet „Rasse, Geist und Seele“ u.a. dieses: „Es geht nicht an, daß ein germanisches Mädchen einen jüdischen Mann zum Freund oder Ehemann hat und auf diese Weise die Bastardisierung in unserem Volke gefördert wird . . . Wir fordern als Rassenhygieniker Strafandrohung für jeden Deutschen, der mit einer fremdrassigen Frau, und für jede Deutsche, die mit einem fremdrassigen Mann ein Verhältnis hat oder dieses Verhältnis durch Ehe legitimiert.“


Willst Du wirklich Deinen Atem – prana, Deine Lebensenergie – diesem Menschen anvertrauen?

Was hältst Du von Integrität – der Idee, dass man die ver-schiedenen Lebensäußerungen eines Menschen eben nicht trennen kann?

(Konkret: Hör Dir doch mal einen Ausschnitt einer Rede von Hitler oder Goebbels an. Kann man ja noch. Diese hektischen, gepreßten Kopfstimmen. Ist denn da nach Deiner Meinung noch der geringste Rest von menschlicher Atmung?)

Würde mich schon interessieren.

Zusammenfassend: ich finde es schade, dass Du Dich – wie mir scheint – der Diskussion entziehst.

Gruß
Windpferd


PS: Von der Idee, jeder Mensch habe eine limitierte Anzahl von Atemzügen, hatte ich mich selbst (#1) distanziert. Sie ist nicht etwa „falsch“, wie du schreibst, sondern, schlimmer, gar nicht überprüfbar, somit inhaltleer. Andererseits wirft sie, wie beschrieben, Fragen auf.

Die Erfahrung, dass der Umgang mit dem letzten Ausatem etwas mit dem Umgang mit dem bevorstehenden Tod zu tun hat, stammt nicht von mir. So genial bin ich nicht. Daß Du ihn abwehrst, verbindet Dich mit vielen. Vielleicht – so Buteyko - hyperventilieren wir deshalb, zur Abwehr?

Es gibt nicht „meinen“ Goethe wie Du schreibst „Der West-östliche Divan“ beispielsweise - auf den ich mich v.a. beziehe - ist Weltkultur-Erbe.
 
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Beitritt
07.04.10
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Langsamer atmen - mehr Luft kriegen

Hallo

.....die sich relativ rasch und erlebbar auf die Atmung selbst auswirkt - im Sinne eines Zulassens der natürlichen "Lücke" zwischen Aus- und Einatmung.
Also ich kenne das so, dass die Pause zwischen Ausatmen und Einatmen abhängig von der jeweiligen Aktivität ist.

Gehen wir oder sprechen wir, ist die Pause natürlicherweise sehr kurz aber vorhanden - denn in der Pause kommt das Zwerchfell zur Ruhe (soz. in die Nullstellung) und kann von da aus seine "Arbeit" optimal übernehmen.

In Ruhe verlängert sich die Pause und im Schlaf kann die Pause sehr lang werden.

Je länger die Pause ist, umso entspannter sind wir. Und um so entspannter wir sind, umso länger wird die Atempause.
(Bei Menschen mit Depressionen) sollte die Pausenlänge nicht allzu sehr unterstützt werden , weil dies den Hang zur Inaktivität verstärken könnte.)

Richtig ist, dass man die Pause nicht künstlich verlängern soll; sondern wie von WP beschrieben durch Achtsamkeit und Vertrauen auf den richtigen Impuls zur rechten Zeit den Einatem zugelassen werden.

Die Atmung hat einen Dreierrhythmus: Ein -Aus - Pause. Nur ist dieser Rhythmus nicht regelmäßig, sondern wie oben erwähnt der Situation angepasst....

Dies jetzt aus atem-und sprechfunktionaler Sicht.

Liebe Grüße, mondvogel
 
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Beitritt
10.01.04
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66.091
Ich kenne u.a. eine Atemübung aus dem Jin Shin:

Atemübung | Judith's Jin Shin Jyutsu

Es ist erstaunlich, wie schnell und wirksam diese Übung wirkt, wenn eine Gruppe, die von draußen kommt, sich hinsetzt, die Hände entsprechend legt und dann diese 36 Mal atmet. Je nach Atem-Rhythmus sind manche recht schnell fertig, andere wiederum brauchen ein ganzes Stück länger. Aber am Ende sind doch alle ruhig geworden und bereit, mit dem Thema des Tages weiter zu machen.

Grüsse,
Oregano
 
Beitritt
13.09.13
Beiträge
6
Danke für den Tipp. Ich werde es mal ausprobieren und ein Feedback hinterlassen.

Grüße,
Eunice
 
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