Opium für das Volk

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Liebe Leute.
Heute bin ich im Kopf über den Satz gestolpert:
" Religion ist Opium für das Volk "
Ich bin erstaunt, wie viel dieser einfache Satz eigentlich enthält. Je nach Blickwinkel ergibt sich ein anderer Sinn.
Dann habe ich im Netz folgendes dazu gefunden:
http://www.zeit.de/2004/42/Stimmts_P_42
Was löst dieser Satz im ersten Moment bei euch aus?
Und wie sieht es nach einigem Nachdenken aus?
Liebe Grüsse, Sine
 
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28.09.05
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hallo sine,

ich denke, es gibt religion und religion.

die eine religion ist die, bei der die leute einfach ihre gebete runter plappern, die madonna anhimmeln, in singkreise gehen, in der kirche däumchen drehen und blabla.

die andere religion ist die, welche man in seinem herzen findet.
siebraucht keine symbole. sie braucht keine kirche. sie braucht kein runtergeplapper von rosenkränzen und blabla.

die erste religion ist tatsächlich opium für das volk.
die leute steigern sich hinein und vergessen dabei, was eigentlich die wahre religion ist.
sie gehen sogar so weit, sich deswegen umzubringen. nur um ihr opiumrausch aus zu leben.
manchmal driften sie in ihrem rausch auch nur in sogenannter spiritualität ab. sie werden von schatten getäuscht und denken, das wären nun himmlische eingebungen gewesen.

also bei mir löst dieser satz bei mir aus, dass er durchaus so wahr ist, doch einen kleinen aspekt vielleicht in den boden gräbt. nämlich den, der wahren religion.

viele liebe grüsse von shelley :wave:

p.s.: ich habe den text aus dem link nicht gelesen!
 
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28.09.05
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nach einigem nachdenken sieht es immer noch gleich aus.
ausser, dass ich denke, dass der erste mensch, der das gesagt hat religiöser war, als sich ein sogenannter religiöser mensch vorstellen kann.

:wave:
 
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15.10.06
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Und wie siehts unter verschiedenen Umständen aus?
Für einen Amerikaner, einen Afrikaner, oder einen Tibeter?
Mit verschiedenen politischen Lagen, mit verschiedenen Glaubensbekenntnissen?
 
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19.03.06
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Für und des - wen kümmert es

Hallo Sine,

solche und ähnliche Gedanken sind in der Aufklärungszeit und danach sicher häufiger gedacht und auf die eine oder andere Weise gesagt worden.
Besonders bekannt geworden - durch Marx und später weiter kolportiert durch Lenin, wurde ja die Aussage "Religion ist das Opium des Volkes!"

Wenn ich den Satz so lese, assoziiere ich dazu: "Jawoll, um sich abzulenken von Problemen, aber auch von der Verantwortung, selbst an Lösungen mitzuwirken, berauschen wir (das Volk:D ) uns mit Religion und Glauben. Wir ziehen uns hinter Gottes oder des Schicksals Allmacht zurück und versinken im Rausch süßer Erwartungen an das Jenseits. Der mittelalterliche Glaubenssatz: Alle gesellschaftliche Ordnung ist von Gott gemacht wirkt noch. Und dann fallen mir dabei auch Selbstmordattentäter ein."

In dieser Lesart: "Religion ist Opium für das Volk" assoziiere ich: "Jawoll, die Machthaber, Kirchen, Gruppierungen, etc. schüren diese "Opiumsucht", sie wird instrumentalisiert, um eine gewisse, leicht zu händelnde Grundhaltung zu erzeugen oder zu fördern. - Religion kann entpolitisieren - muss es aber, heute im 21. Jahrhundert nicht mehr zwangsläufig!"

In beiden Formulierungen kann ich eher keinen religiösen sondern nur einen religionskritischen Ansatz erkennen!

Herzliche Grüße von

Leòn
 
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19.03.06
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P.S.: Danke, Sine, für diesen anregenden Thread!

:)
Herzliche Grüße von

Leòn
 
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Jetzt hast du mich aber erschreckt! Bitte, gerne geschehen.
In diesem Zusammenhang gehen mir heute immer wieder die tibetischen Buddhisten durch den Kopf.
Aber ich kann noch nichts Genaues dazu formulieren...
Sine
 
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19.03.06
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Hallo Sine,

entschuldige, ich wollte niemanden erschrecken.

Da du den tibetischen Buddhismus erwähnt, assoziiere ich in dem Zusammenhang mit der titelgebenden Aussage: religiöse/ meditative Versenkung - als Weltflucht, vielleicht? - Ich möchte aber niemandem damit zu nahe treten!

Grüße von

Leòn
 
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Oder als Linderung der Leiden, damit man befähigt wird, Gewalt nicht mit Gegengewalt vergelten zu müssen?
 
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Wie ist es in Amerika, wo sogar der gute George das Wort Gott nicht oft genug erwähnen kann?
 
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Wie ist es in Amerika, wo sogar der gute George das Wort Gott nicht oft genug erwähnen kann?
Hallo Sine,

wenn der Anhänger einer (ich glaube) methodistischen Splitterkirche, George W. Bush, den Namen Gottes führt und damit kriegerische Akte rechtfertigt, steckt für mich zumindest, der selbe mittelalterliche Gedanke dahinter, der auch die ersten Kreuzfahren, Ende des 11. Jahrhunderts führte, und dessen Ruf sie begleitete: "Deus lo vult! - Gott will es!", womit die Verantwortung wieder auf eine andere Ebene geschoben wird.

Herzliche Grüße
Leòn
 
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25.01.05
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Grüss euch,

Religion, so wie sie heute erscheint, muss sie nicht fast in einem Atemzug mit Wirtschafts-, Medizin- und Wissenschaftsgläubigkeit etc. genannt werden?

Beim Konsum von Alkohol verändert sich die Sicht bekanntlich in Richtung "Tunnelblick", was weder Durchblick noch Rundsicht noch Weitsichtigkeit bedeutet. Möglicherweise liesse sich bei Opiumkonsum dieses Phänomen auch beobachten... Also doch Opium für's Volk?

Insofern können gewisse religiös, aber auch ideologisch gefärbte Glaubens- und Denkweisen durchaus ihre Anhänger und Gläubigen in drogenhafter Manier zum Tunnelblick - einer eingeschränkten Wahrnehmung - führen... Eindrückliche Beispiele dazu finden sich denn auch meist schon in unmittelbarer Umgebung, wie auch die Anhänger allermöglichen Heilsverfahren gerade auch hier in diesem Forum immer wieder unschwer erkennen lassen... :)

Dazu Wikipedia:
Nach entsprechendem Alkoholkonsum kann Tunnelblick eintreten, einer der Gründe, warum das Führen von Fahrzeugen oder Maschinen nach Alkoholgenuss nicht ratsam bzw. verboten ist. Ebenso spricht man von einem Tunnelblick, wenn man sich schnell fortbewegt, zum Beispiel bei hohen Geschwindigkeiten mit dem Pkw auf der Autobahn; auch hier schränkt sich das Sichtfeld auf einen kleinen Bereich dessen ein, was das Auge im Stehen erfassen könnte.

Fasst man den Begriff des Sehens weiter, nämlich eher im Sinne von „Einsehen“, „Wahrnehmen“ oder „Erkennen“, bekommt auch Tunnelblick eine erweiterte Bedeutung. Ein Tunnelblick in diesem Zusammenhang meint die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Dinge wahrzunehmen, die außerhalb dessen liegen, wofür sich der Betroffene aktiv interessiert. Man spricht auch im übertragenen Sinne von „Scheuklappen“, denn Scheuklappen verhindern, dass ein Zugpferd Dinge sieht, die seitlich passieren und es von seiner Aufgabe ablenken könnten.
http://de.wikipedia.org/wiki/Tunnelblick

Nun wäre es natürlich zu einfach, jeden und jede die sich religiös betätigt gleich eines Tunnelblickes zu bezichtigen, ebenso des nicht sehenwollens was sie umgibt.

Das Ausmass an nicht-wahrnehmen-wollen oder -können unserer heutigen Gesellschaften, scheint mir auf ein hohes Mass an Tunnelblick, ergo an "Opiaten aller Arten" hinzuweisen. So investieren wir immer mehr in unsere Umwelt - immer schön in Tunnelsicht - und tun uns immer noch schwer mit dem Erkennen unserer Mitwelt. Vielleicht ist es einfach das Übermass an Informationen, das täglich auf uns niederprasselt, das uns (gezielt?) von der ganzheitlichen Wahrnehmung hin zum Tunnelblick führen will? Also auch hier ein Fall von Opium für's Volk?

Längst sind es nicht mehr die Religionen alleine, auf die das Prädikat Opium für's Volk passt. Der Tunnelblick ist längst - wenn auch unausgesprochen - die methodische Vorgehensweise der alles analysieren wollenden Wissenschaft geworden. Überall wo Glauben mit im Spiel ist, sind Rausch und Kater nicht weit weg...

Sine - so ein Thema inspiriert, wie Leòn sagt, tatsächlich...

herzlichst - Phil

PS. Dabei wollen wir nicht all die guten Momente vergessen, die wir bei allem dennoch immer wieder hatten, haben und auch weiterhin haben werden.
 
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19.03.06
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Ja, der "Tunnelblick" .... ich denke ja auch, dass die zeitgemäße Variante der Aussage "Ideologie ist das Opium für das/ des Volkes!"
sein könnte! - Das schließt, nach meiner Auffassung, die Religion gleich mit ein.

Herzliche Grüße von

Leòn
 
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28.09.05
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Und wie siehts unter verschiedenen Umständen aus?
Für einen Amerikaner, einen Afrikaner, oder einen Tibeter?
Mit verschiedenen politischen Lagen, mit verschiedenen Glaubensbekenntnissen?

und sollte das an einer situation ändern?
ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe. das gilt für alle menschen auf dieser erde. egal, welcher religion, welcher volksgruppe, welcher politischer lage und blabla sie angehören...


:lolli:
 
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15.10.06
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Hallo Shelley, Leòn, Phil.
Danke, dass ihr meinen Faden aufgenommen habt.
Ich hatte gestern noch kurz Bedenken, ob ich den Thread wirklich eröffnen soll.
Aber er entwickelt sich prima so!
( Entwickeln im Sinne von: Ordnung in Sines Fadenkorb bringen ;) )
Liebe Grüsse, Sine
 

Horaz

in memoriam
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05.10.06
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Das Zitat "Religion als Opium fürs Volk" ist historisch gebunden an die Entwicklung des Kommunismus. Heinrich Heine, der überzeugt war, dass dem Kommunismus die Zukunft gehörte, hat es angedacht, Karl Marx hat es formuliert, für Lenin war es politisches Programm.
Marx verstand diesen Satz aber nicht als Aufforderung zur Abschaffung der Religion, sondern zur Beseitigung der Mißstände, die dafür verantwortlich waren, dass das Volk "Opium als Schmerzmittel" benötigte. Es ging um die Abschaffung der Ausbeutung der Arbeiterklasse!

Natürlich kann man auch andere Gedanken hineininterpretieren, aber bei einem derart klassischen Zitat fällt mir das schwer. Religionen befriedigten seit altersher tiefe Bedürfnisse der Menschen. Ebenso oft wurden sie als Herrschaftsinstrument verwendet. Zu Opiaten wurden sie immer dann, wenn sie zur bewußten Ruhigstellung des Volkes eingesetzt wurden.

Gruss, Horaz
 
Beitritt
02.05.06
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hi,

na ja da wird gesagt religion is opium für das volk,das würde bedeuten können,es betäubt der sinnen,oder es macht süchtig.
aber guilt das nicht für vieles im leben?
selbst kann ich nicht viel damit.
trotzdem wird ich diese thema gern weiter verfolgen.
liebe grüss soul
 
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15.10.06
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Hallo Horaz.
Danke für die klärenden Worte.
Mir ist gestern eben auch Folgendes durch den Kopf gegangen:
Dieses Zitat liest man so oft. Aber ich glaube, jeder, der sich nicht damit befasst hat, interpretiert das Zitat eben auf seine Weise.
( Mich eingeschlossen)
Oder man denkt sich: "Ach, das könnte man ja auch anders verstehen..."
Liebe Grüsse, Sine
 
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10.01.04
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Einstens importierten die Engländer Opium nach China - man stelle sich das vor!
Zur Stabilisierung der Handelsbilanz begann Großbritannien mit einem verstärkten Export bengalischen Opiums nach China mit dem Zweck, die Chinesen vom Rauschgift abhängig und so die chinesische Wirtschaft handlungsunfähig zu machen. Allein zwischen 1821 und 1837 verfünffachte sich die umgeschlagene Menge. Nicht zuletzt aus tiefer Besorgnis um die Volksgesundheit bemühte sich Kaiser Daoguang jahrelang nachdrücklich, aber mit mäßigem Erfolg um eine Eindämmung des Opiumhandels: Die britischen Wirtschaftsinteressen wurden weiterhin mit dem äußerst massiven Einsatz von Opium gegen die chinesische Bevölkerung durchgesetzt....
http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Opiumkrieg

Zu der Zeit war Opium also schlicht und einfach Rauschgift und eine Möglichkeit für die nach Exportmöglichkeiten suchenden westlichen Länder, China zu "knacken" - wirtschaftlich und volkswirtschaftlich.

Die Opiumhöhlen in China waren bekannt:
Die Entwicklung zur Metropole mit Weltbedeutung begann jedoch erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, nach den Opium-Kriegen und unter europäischem Einfluss. Die Stadt wurde auf dem Handel mit Seide, Tee und Opium von den westlichen Kolonialmächten aufgebaut. Shanghai wurde zum Inbegriff für Sünde und Korruption mit seinen zahllosen Opiumhöhlen, Spielhöllen und Bordellen....
http://www.chinaseite.de/china-reise/shanghai/shanghai-geschichte.html

Ich könnte mir vorstellen, daß diese Szenerie bei dem Ausspruch von Heine 1797-1856) auch eine Rolle spielte.

Gruss,
Uta
 
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