Neurostress

Kategorien: Stress



Schlafstörungen, Leistungsabfall, Unruhe, Angst, Depressionen, chronische Schmerzen u.a. – der Einfluss einer durch anhaltende Belastung, auch im Zusammenspiel mit toxischen und genetischen Faktoren, verlorenen Balance „anregender“ und „dämpfender“ Signalsysteme im Netzwerk der Stresshormone und Neurotransmitter

 ⇒ Forum Neurostress – Symptome.ch – Das Ende der Symptombekämpfung
 ⇒ Übersicht Stress (inhaltlich zusammenhängende Artikel)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Definition

Neurostress (wörtlich etwa „Nervendruck oder -anspannung“; von griech. neūron u.a. für Nerv und lat. stringere für u.a. ziehen, schnüren, zusammendrücken) ist der Sammelbegriff für eine Vielzahl von neuro-endokrinen (das Gehirn, die Nerven und die Hormone absondernden Organe betreffenden; von griech. neūron u.a. für Nerv, endos für innen und krinein für abscheiden) Funktionsstörungen des Immunsystems, bei denen biochemische Störungen objektiv nachgewiesen werden können und die dadurch einer – zumeist – biologischen Therapie zugängig sind. Die Neurotransmitter Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin (zusammen mit den daraus ableitbaren Verbindungen als Katecholamine bezeichnet) und Serotonin stellen das funktionale Regelsystem des Nervensystems in Bezug auf Stimmung, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Motivation, Lernen, Schmerzempfindung, Suchtverhalten, Appetitsteuerung dar. Die neurobiologische Forschung konnte inzwischen zeigen, wie wichtig die Ausgewogenheit dieser Substanzen für Psyche und Verhalten sind. Ein akutes Stressereignis wird zuerst über bestimmte Katecholamine (Noradrenalin, Dopamin und Adrenalin) unter Beteiligung von Serotonin, und dann deutlich langsamer (ca. 20-30 Min verzögert) über Hormone, allen voran Cortisol, dem Körper vermittelt. Zuerst wirkt sich das auf der molekularen Ebene aus, dann auf der zellulären und zum Schluss im Verhalten / Empfinden. Kurzgefasst läuft Neurostress über die Achse: Hirnrinde – Locus coeruleus (Noradrenalin) – Hypothalamus – Hypophysenvorderlappen – Nebennierenrinde unter Beteiligung von Katecholaminen, Serotonin und Cortisol. Die Therapie zielt ab auf die Wiederherstellung der Balance zwischen exzitatorischer (erregender) und inhibitorischer (dämpfender) Gehirnchemie.

Geschichte und Stand der Forschung

Der „Vater des Stresses“, Prof. Hans Selye, schuf schon 1930 den Begriff Stress und die neurophysiologischen Grundlagen, indem er erforschte, wie spezifische äußere Reize (Stressoren) definierte psychische und physiologische Reaktionen bei Menschen hervorrufen, die zum einen zur Bewältigung besonderer Anforderungen befähigen, und zum anderen zu körperlicher und geistiger Belastung führen. Seit einigen Jahren erst gibt es nun die Labortechnik, die es ermöglicht, auch feinste biochemische Spuren des komplexen Systems zu detektieren. Der Begriff Neurostress wird in Deutschland mit den Pionieren Dr. W.P. Bieger und Dr. A. Neuner in Verbindung gebracht. Placebokontrollierte Doppelblindstudien in diesem Bereich fehlen bislang, die relevanten Laboruntersuchungen und Behandlungsmaßnahmen sind keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen.

Symptome

Die Vielfalt der Gesundheitsstörungen, die offensichtlich auf Störungen dieses komplexen neuro-endokrinen Netzwerks basieren, ist bemerkenswert. Erstmals wurden diese in den späten neunziger Jahren beschrieben, als man die medizinischen Erkenntnisse der Leib-Seele-Verbindung aus der Psychologie, Neurologie, Endokrinologie und Immunologie unter dem Namen Psychoneuroendokrinoimmunologie (PNEI) zusammenbrachte. Die Forschungen und Arbeiten auf diesem Gebiet haben insbesondere in Amerika schon große Erfolge erwirkt und es gibt Mediziner, die behaupten, dass die PNEI für das 21. Jahrhundert eine ähnlich große Bedeutung haben wird, wie die Entschlüsselung des Erbmaterials und die Gentechnik im letzten Jahrhundert. Störungen der neuroendokrinen Balance werden mit folgenden Gesundheitsstörungen in Verbindung gebracht:

  • Schlafprobleme wie Ein- und Durchschlafstörungen und Tagesmüdigkeit
  • Müdigkeit, Erschöpfung (Fatigue, CFS)
  • Menopausale Beschwerden mit Symptomen wie Hitzewallungen, nächtliches Schwitzen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Schmerzempfindungen
  • PMS und Dysmenorrhoe mit Symptomen wie Stimmungsschwankungen, Aggressivität, Reizbarkeit, Libidoverlust, Schwermut, Schmerzen
  • Gewichtsprobleme und mangelnde Appetitkontrolle, z.B. Fresssucht, Heißhunger, Kohlehydrathunger
  • Depression und Burnout mit Symptomen wie Schwermut, Motivationsverlust, Stimmungsschwankungen
  • Migräne, Kopfschmerzen
  • Aufmerksamkeitsstörungen (ADS), Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Fehlen von Motivation
  • Lernschwierigkeiten und Entwicklungsstörungen v.a. bei Kindern
  • Hyperaktivität (ADHS) bei Kindern und Erwachsenen
  • Fibromyalgie (FMS)
  • Angstzustände und Panikattacken mit Symptomen wie Reizbarkeit, Nervosität, Besessenheit, Zwanghaftigkeit, Unsicherheit, jagende Gedanken und Rastlosigkeit
  • Fehlen des sexuellen Antriebs bei Mann und Frau (Libido- und Potenzprobleme wie Erektile Dysfunktion)
  • Reizdarm, Koliken, Spasmen, Durchfälle oder Verstopfung (Irritables Kolon, Reizdarmsyndrom)
  • Ohrgeräusche (Tinnitus)
  • Multiple Chemikalien-Sensibilität (MCS)
  • Restless Legs
  • Alkohol- und Nikotinabhängigkeit

Ursachen

Fundamentale Veränderungen unserer Lebensweise und Umwelt mit den negativen Auswirkungen falscher Ernährung, Bewegungsmangel, Schlafmangel, Reizüberflutung und wachsender physischer und psychischer Stressbelastung können zu Erkrankungen führen, die mit tiefgreifenden neuroendokrinen und sogar immunologischen Anpassungsreaktionen einhergehen. Die Genetik des Einzelnen (Neurotransmitter-Synthese, -Rezeptoren, -Transportsysteme, -Metabolismus, Cortisol-Rezeptoren etc.) spielt ebenfalls ursächlich eine bedeutende Rolle. Toxische Einflüsse durch z.B. Schwermetalle wie Quecksilber und durch Peroxinitrit, das durch Reaktion von Stickoxid (NO) mit Superoxid entsteht, sind naheliegend. Hier gibt es eine Verbindung zum oxidativen und nitrosativen Stress. Häufig sind hormonelle Funktionsstörungen beteiligt, ist z.B. die Schilddrüsenfunktion – parallel zur Serotoninblockade – eingeschränkt. Eine (latente) Schilddrüsen-Unterfunktion zeigt eine ähnliche Symptomatik wie isolierte neuroendokrine Störungen. Sie ist oft nicht am TSH-Anstieg ablesbar und muss durch sorgfältige klinische Beobachtung festgestellt werden. Eine Fructosemalabsorption (von lat. malus für schlecht und absorbere für aufsaugen) kann zu einer eingeschränkten Serotoninsynthese mit entsprechenden Symptomen führen. Dabei kommt es durch die hohe Konzentration der Fructose im Darm zur Komplexbildung mit der essentiellen Aminosäure und Serotoninvorstufe Tryptophan und damit zu einer mangelnden Aufnahme von Tryptophan, das dann bei der Serotoninsynthese fehlt.

Stress ist mit der Aktivierung entzündlicher Mechanismen verbunden und hat bei chronischem Verlauf anhaltende systemische Konsequenzen. Umgekehrt führen Infektionen, Entzündungen, Autoimmunerkrankungen oder Tumoren ihrerseits zu psychoendokrinen Veränderungen, die vor allem über proentzündliche Zytokine (körpereigene Substanzen, die von bestimmten Zellen während der Immunantwort freigesetzt werden) vermittelt werden.

Ursachen von Neurotransmitter-Störungen zusammengefasst:

  • Stress, Schockerlebnisse
  • Ernährungsmängel
  • Schlafmangel
  • Umwelttoxine
  • Genetische Faktoren
  • bestimmte Krankheiten (Entzündungen, Infektionen u.a.)

Diagnostik

Allgemeine Diagnostik

Die Diagnose der zugrunde liegenden Mangel- oder auch Überschusssituation erfolgt durch innovative Labordiagnostik. Dabei werden alle relevanten Neurotransmitter, Hormone und Entzündungsbotenstoffe bestimmt. In der Regel wird ein Cortisol- und DHEA-Tagesprofil aus dem Speichel erstellt, sowie Neurotransmitter aus dem 2. Morgenurin bestimmt. Bei einigen Indikationen kommen noch Blut-Parameter dazu. Untersucht werden routinemäßig Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, GABA, Glutamat, und Nebennierenhormone wie Cortisol, DHEA und Adrenalin. Erweitere Profile schließen aber auch einen Test auf Kryptopyrrolurie, Histamin, PEA, Glycin, Taurin, Leptin, Insulin, Adiponectin, Testosteron, Östradiol, TSH, Interleukine, Vitamin B6, TNF und vieles mehr mit ein. Anhand der biochemischen Muster kann man objektiv differenzieren zwischen akutem und chronischem Stress, Burnout Syndrom, CFS sowie Major Depression. Weitergehende Informationen werden durch Genanalyse typischer Genprofile einzelner psychoneuroendokriner Krankheitsbilder gewonnen. Auch über die Untersuchung bestimmter organischer Säuren im Urin ist es möglich, eine Aussage über den Neurotransmitter-Stoffwechsel zu gewinnen. Diese wird z.B. im Rahmen von umfassenden Stoffwechseluntersuchungen von einigen Laboren in Frankreich, England und den USA angeboten. Allerdings deckt diese Untersuchung nur einen Teil der oben genannten Bereiche ab (Stresshormone sind z.B. nicht enthalten).

Die Labordiagnostik ist notwendig, um eventuelle Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems, der Hypophyse oder Nebenniere zu erkennen, und unverzichtbar für eine gezielte, individuell angepasste Substitutionsbehandlung. Vor Behandlungsbeginn sollte zudem nach der eigentlichen Ursache der Neuroregulationsstörungen gesucht und diese im Behandlungskonzept berücksichtigt werden.

Differenzialdiagnostik

Die Differenzialdiagnostik kann nur gezielt bei einzelnen Krankheitsbildern angedacht werden und würde hier den Rahmen sprengen. Ein Reizdarmsyndrom beispielsweise ist eine Ausschlussdiagnose, nachdem sorgfältig somatische Erkrankungen wie z.B. Krebs, chronisch entzündliche Darmerkrankungen oder eine Divertikulose ausgeschlossen werden konnten.

Therapie

Therapiekonzepte

Die anschließende Therapie ist maßgeschneidert und besteht aus natürlichen Mikronährstoffen, z.B. Aminosäuren, die als direkte Vorstufen der betreffenden Neurotransmitter fungieren, z.B. Tryptophan oder 5-Hydroxytrypotphan (5-HTP) als Serotoninvorstufen oder Tyrosin als Katecholaminvorstufe. Diese werden in verschiedenen Therapiephasen unterschiedlich dosiert und der Verlauf wird labormäßig verfolgt. Natürlich braucht jedes der obigen Syndrome völlig unterschiedliche Mischungen. Eine Besonderheit stellen die Aminosäure-Präparate zur Behandlung von Neurostress-bedingten Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen dar. Der Neurostress erfasst nahezu alle Organisationsebenen unseres Organismus, sowohl neuronale Mechanismen der Wahrnehmung und des Verhaltens, das subjektive psychische Befinden, sowie umfangreiche somatische, zelluläre und molekulare Prozesse und Zustände. Durch den ganzheitlichen Ansatz hat diese nebenwirkungsarme therapeutische Intervention einen besonderen Wert begleitend oder als Alternative zu gängigen Antidepressiva und anderen Psychopharmaka.

Behandlungsdauer und Prognose

Es werden 4 Stufen vorgeschlagen:

  1. Durchführung des Basis-Testprogramms und Behandlungsplanung.
  2. In dieser Phase werden unter Berücksichtigung der Basis-Testergebnisse bevorzugt Aminosäurevorstufen inhibitorischer Neurotransmitter wie 5-HTP (Serotonin), Glutamin (GABA) und der Neuromodulatoren Taurin, Glycin oder L-Theanin eingesetzt. Erst später erfolgt gleichzeitige Behandlung mit inhibitorischen plus exzitatorischen Neurotransmittervorstufen.
  3. Neuroendokrine Balance nach 4-8 Wochen: Nach den ersten vier Behandlungswochen Laborkontrolle der Neurotransmitter und eventuell der Speichelsteroide – bei pathologischem Erstbefund; Balancierung der Behandlung mit inhibitorischen und nun verstärkt auch mit exzitatorischen Aminosäurevorstufen. In dieser Phase werden die inhibitorischen und exzitatorischen Neurotransmitter gleichermaßen angesprochen. Der aktuelle Bedarf muss regelmäßig an Hand der klinischen Symptomatik ermittelt werden. Eine Kontrolltestung einschließlich der Speichelsteroide ist nach 3 und 6 Monaten ratsam, um die Dosierung und die Aminosäurekombinationen anzupassen.
  4. Dauertherapie nach 3-6 Monaten: Fortsetzung der Behandlung bis zur Wiederherstellung der Gesundheit. Gegenüber Stufe 3 wird nun die Dosierung der einzelnen Aminosäurepräparate auf das notwendige Minimum eingestellt. Für die Dauer der Substitutionsbehandlung sind keine festen Regeln aufstellbar. Sie hängt vor allem von den individuellen Ursachen der Gesundheitsstörung ab. Sehr häufig handelt es sich um die Folgen anhaltender, übermäßiger Stressbelastung, seltener handelt es sich um eine toxische neuronale Schädigung mit fraglicher Restitutionsfähigkeit; oft handelt es sich um ein vorübergehendes Substratdefizit bzw. eine Neurotransmitter-Synthesehemmung infolge toxischer, alimentärer Einflüsse; nicht selten sind genetisch disponierende Faktoren für die Etablierung und Fortdauer der Störung maßgeblich. Besonders die Wiederherstellung der HPT-HVL-NNR-Funktionsachse kann längere Zeit in Anspruch nehmen. Relativ schnell kommt die Regeneration der Serotoninspeicher in Gang, dann normalisiert sich Noradrenalin, später erst Adrenalin (und ggf. Dopamin) und häufig erst nach Monaten löst sich die Blockade der Stresshormonachse. Die Herstellung der Balance exzitatorischer und inhibitorischer Signale ist Voraussetzung für die Normalisierung der HPT-HVL-NNR-Achse.

Quellen

  1. Dissertation von Martin Greetfeld: Mechanismen der zentralen Stresshormonregulation – Der Einfluss von Stressexposition auf die Genexpression beteiligter Hormone und Rezeptoren http://edoc.ub.uni-muenchen.de/archive/00003560/01/Greetfeld_Martin.pdf
  2. Bieger, Dr. med. W.P.: Neuroscience Guide – Ein innovatives, diagnostisches und therapeutisches Stufenprogramm bei Neurotransmitter-Störungen, Stand: 11.07.2006. Nicht mehr online, Dokument mit vermutlich teils gleichen Inhalten: Bieger, Neuroscience Guide
  3. Bieger, Dr. med. W.P. und Neuner, Dr. rer. nat. A.: Neurostress, gezielte Aminosäuretherapie – ein innovatives Therapieprogramm zur Behandlung neuroendokriner Störungen (leider wohl kein Link mehr im Web verfügbar), Stand: August 2007
  4. Ganzimmun-Labor für funktionelle Medizin AG: Kohlenhydratintoleranzen: Laktose – Fruktose – Sorbit (Fachbroschüre FBR 0013), Cortisol und DHEA bei Stress und Alterungsprozessen (Fachbroschüre FBR 0017), beide nicht mehr online verfügbar
  5. de Kloet, E. Ron, F Holsboer et al; NATURE Rev Neuroscience 6:463, 2005
  6. Naturheilzentrum Breidenbach, ehemals Hollmann: Neurostress
  7. NeuroStress.CRH.Depression.DualEffects-ANYAS.1032.2004
  8. Pace, J, et al. Am J Psychiatry 163:1630-1633, 2006
  9. Schechter, LE, et al. NeuroRx. 2005 October; 2(4): 590-611
  10. Walther, DJ, et al., Science 299: 76, 2003

Siehe auch

Relevante Wiki-Artikel

Relevante Foren-Beiträge

Literatur

  • Bieger, Dr. med. W.P.: Neuroscience Guide – Ein innovatives, diagnostisches und therapeutisches Stufenprogramm bei Neurotransmitter-Störungen, Stand: 11.07.2006 (nicht mehr online, Dokument mit vermutlich teils gleichen Inhalten: Bieger, Neuroscience Guide)
  • Bieger, Dr. med. W.P. und Neuner, Dr. rer. nat. A.: Neurostress, gezielte Aminosäuretherapie – ein innovatives Therapieprogramm zur Behandlung neuroendokriner Störungen (leider wohl kein Link mehr im Web verfügbar), Stand: August 2007

Weblinks

Autor: Hollmann, letzte Aktualisierung (Links) Kate 03/2020

Oben