Predigt zum Ewigkeitssonntag 2003

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"Leben nach dem Tod" -
Predigt am Ewigkeitssonntag 2003
über ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz



Liebe Gemeinde,
was geschieht mit uns nach dem Tod? Eine der Fragen, die viele Menschen stark beschäftigt. Besonders dann, wenn ein naher Angehöriger stirbt. Die Sehnsucht ist groß, dass etwas von uns übrig bleibt, dass etwas aufgehoben wird für immer. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang von Auferstehung, von der Hoffnung auf das ewige Leben. Und dieser Gedanke ist schon für viele ein Trost. Aber dann geht die Frage weiter: wie soll ich mir das vorstellen? "Lebe" ich irgendwie weiter? Oder mein Mann, meine Frau, mein Opa, meine Oma? Und werde ich sie wiedersehen? Wird es noch einmal eine Gemeinschaft geben, so wie früher, hier auf Erden? Fragen über Fragen.
Ein bekannter kleiner Witz macht darauf aufmerksam, dass die Sache noch komplizierter ist:
Fragt jemand seinen Pfarrer:
"Herr Pfarrer, werde ich im Himmel einmal meine Lieben wiedersehen?"
Antwort: "Ja, aber die anderen auch!"
Die anderen auch... Da gibt es ja auch all die problematischen Beziehungen, die mit Schuld behaftet sind, mit Ärger, Verletzungen und Kränkungen. Die muss ich nicht unbedingt wiedersehen. Doch: was ist, wenn der Pfarrer recht hat? Ist dann der Himmel einfach nur die endlose Fortsetzung des irdischen Lebens? Das wäre für manchen eine unerträgliche Vorstellung.

Wenn Sie all die biblischen Geschichten über das, was nach dem Tod kommt, hintereinander weg lesen würden, dann kämen Sie zu dem Ergebnis, dass sich diese Geschichten nicht alle miteinander vereinbaren lassen, manche widersprechen sich sogar.
Und wenn Sie noch genauer hinschauen, dann stellen Sie fest, dass es sich bei vielen dieser Geschichten um Bilder, um Visionen, Vorstellungen und Symbolen handelt. Es gibt das ewige Leben, die goldene Stadt, Leben mit einem himmlischen Leib, es gibt die Beschreibung eines himmlischen Paradieses und einer ewigen Verdammnis, es gibt die Vorstellung, dass alles und jedes am Ende bei und in Gott aufbewahrt wird für immer.
Dieses im ersten Augenblick merkwürdige Nebeneinander macht aber eines ganz deutlich: mit Logik, mit glasklaren Beschreibungen lässt sich die Frage nach dem, was nach dem Tod kommt, nicht beantworten. Aber Worte können mehr.
Worte sind zwar oft scharf und präzise, doch mitunter auch schwebend und nicht fassbar. Und manchmal erschließt sich in diesen schwebenden, nicht greifbaren Worten Sinn, der anders verschlossen bleibt. Rainer Maria Rilke hat dies in einem Gedicht so beschrieben (und Xavier Naidoo hat daraus vor kurzem ein Lied gemacht):
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heisst Hund und jenes heisst Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Sie wissen alles, was wird und war.
Kein Berg ist ihnen mehr wunderbar.

Ich will immer warnen und wehren:
Bleibt fern!
Die Dinge singen höre ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Vielleicht muss man manche Dinge umkreisen und verschwommen beschreiben, weil sie nicht dazu geeignet sind, mit messerscharfer Logik zerlegt zu werden. Manchmal ist es die Sprache der Dichter und Poeten, die uns Einsichten in die Wirklichkeit eröffnet. Ich glaube, nur diese Sprache ist geeignet, uns einen Blick jenseits dieser Grenze zu vermitteln, die der Tod uns zieht.
Auf der Beerdigung von Udo Daniel vor einigen Wochen hat Pfarrer Eickmeier ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz gelesen, auf dass ihn Udo Daniel in den Wochen vor seinem Tod aufmerksam gemacht hat. Dieses Gedicht ist, so meine ich, bestens geeignet, uns einen Eindruck von dem zu verschaffen, was nach dem Tod kommt; von dem, was uns die Bibel in vielen Bildern verheißt; von der Hoffnung, die mit der Auferstehung Jesu in unsere Welt gekommen ist.
Glauben Sie fragte man mich
An ein Leben nach dem Tode
Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich
Keine Auskunft zu geben
Wie das aussehen sollte
Wie ich selber
Aussehen sollte
Dort

Ich wusste nur eines
Keine Hierarchie
Von Heiligen
auf goldenen Stühlen sitzend
Kein Niedersturz
Verdammter Seelen
Nur
Nur Liebe frei geworden
Niemals aufgezehrte
Mich überflutend

Kein Schutzmantel starr aus Gold
Mit Edelsteinen besetzt
Ein spinnwebenleichtes Gewand
Ein Hauch
Mir um die Schultern
Liebkosung schöne Bewegung
Wie einst von tyrrhenischen
Wellen

Wie von Worten die hin und her
Wortfetzen
Komm du komm

Schmerzweb mit Tränen besetzt
Berg- und Talfahrt
Und deine Hand
Wieder in meiner
So lagen wir
Lasest du vor
Schlief ich ein
Wachte auf
Schlief ein
Wache auf
Deine Stimme empfängt mich
Entläßt mich und immer
So fort

Mehr also, fragen die Frager
Erwarten Sie nicht nach dem
Tode?
Und ich antworte
weniger nicht."

Leben nach dem Tod
(Marie Luise Kaschnitz)

Mehr erwarten Sie nicht? Nur Liebe? Mich überflutende Liebe? Mehr nicht? Weniger nicht.
Liebe, die alles in sich aufnimmt. Mich. Mit allen meinen Erlebnissen und Widerfahrnissen. Meinen Erfolgen und Misserfolgen. Meinen Siegen und Niederlagen. Meiner Schuld und meiner Barmherzigkeit. Meinen Freuden und Leiden.
Aber auch die anderen! All die anderen. Die mir gut gesonnen waren und die mir spinnefeind waren. Die meine Seele aufatmen ließen und die meine Seele sich in sich zurückziehen ließen. Die mir geholfen haben und denen ich geholfen habe. Die mir geschadet haben und denen ich geschadet haben.
Unvorstellbar im ersten Moment.
Aber wenn Gott ein glühender Backofen voller Liebe ist, wie Martin Luther einmal gesagt hat, dann kann es gar nicht anders sein.
Und so wollen wir diesen Tag gemeinsam begehen. Uns an diejenigen erinnern, die von uns gegangen sind. Im letzen Jahr oder schon vor langer Zeit. In Gottes glühender Liebe sind sie gut aufgehoben. Genauso wie wir auch in diesem Leben. Das ist Hoffnung, das ist Trost.
Glauben Sie fragte man mich
An ein Leben nach dem Tode
Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich
Keine Auskunft zu geben
Wie das aussehen sollte
Wie ich selber
Aussehen sollte dort

Ich wusste nur eines:
Nur Liebe frei geworden
Niemals aufgezehrte
Mich überflutend

Mehr also, fragen die Frager
Erwarten Sie nicht nach dem
Tode?
Und ich antworte
weniger nicht."
Amen.
 
Beitritt
28.03.05
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Hallo Uta,

ich wünsche Dir einen schönen Ostersonntag.
Das ist eine schöne Seite und hat mir heute morgen gut getan.

Liebe Grüße
Anne S.
 
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