Musikergehirne sind anders

Kate

Moderatorin
Teammitglied
Themenstarter
Beitritt
16.11.04
Beiträge
10.987
... nicht neu (der Artikel im ersten Link stammt von 2003), aber für mich immer noch faszinierend.

Aus FAZ - Leben und Gene - Gehirnforschung - Studie: Musiker haben mehr im Hirn:
Ein Vergleich der Gehirne von Profimusikern, Amateuren und Nichtmusikern hat ergeben, daß Musiker-Gehirne in den Bereichen für Hören, Sehen sowie für Kontrolle und Umsetzung von Bewegungen besser ausgebildet ist.

(...) Das haben Christian Gaser von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Gottfried Schlaug von der Harvard Medical School in Boston durch einen Vergleich der Gehirne (...) herausgefunden. Die Ergebnisse sind im "Journal of Neuroscience" (Okt. 2003 Vol. 23(27), S. 9240-9245) erschienen.

"Musiker sind beliebte Forschungsobjekte von Hirnforschern", sagt Gaser. Denn das Spielen eines Instruments (...) stelle hohe Anforderungen an das Gehör und die Feinmotorik des Menschen. Darüber hinaus müßten Musiker die visuelle Information "schwarzer Notenpunkte" rasch in Bewegung der Finger umsetzen. (...)

... konnten wir gleichzeitig einen Zusammenhang zwischen der Intensität des absolvierten musikalischen Trainings und den unterschiedlichen Anteilen grauer Substanz herstellen", so der Jenaer Wissenschaftler weiter. (...)
Mittlerweile weiß man mehr, nämlich
..., dass bei Jazzpianisten andere Hirnprozesse ablaufen als bei klassischen Pianisten, selbst wenn sie das gleiche Musikstück spielen. "Miles Davis ist nicht Mozart", betonen die Leipziger Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in ihrer Studie vom Januar 2018. Der Grund: Die beiden Musikstile fordern den Musikern unterschiedliche Fähigkeiten ab. (...)

Die Aufgabe von Klassikpianisten ist es, ein Stück einfühlsam zu interpretieren. Demnach konzentrieren sich klassische Pianisten bei ihrem Spiel besonders darauf, wie sie ein Stück spielen. (...)

Bei Jazzpianisten geht es vor allem darum, eine Melodie einfallsreich zu variieren. Sie fokussieren sich vor allem auf das "Was" und sind darauf vorbereitet, zu improvisieren und ihr Spiel flexibel an überraschende Harmonien anzupassen. "Tatsächlich konnten wir die bei Jazzpianisten trainierte Flexibilität beim Planen von Harmonien während des Klavierspiels auch im Gehirn sehen", erklärt Roberta Bianco, Erstautorin der Studie.(...)
https://www.br.de/themen/wissen/musik-forschung-hirnforschung-100.html

Dass laut der eben genannten Quelle in
...Musikerhirnen die Verbindung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte, das sogenannte Corpus callosum, deutlich kräftiger ausgebildet ist. Und (...) mehr graue Substanz in Regionen vorhanden [ist], die für die Motorik, die auditive und die räumlich-visuelle Wahrnehmung zuständig sind.
... lässt vermuten, dass Musiker Fähigkeiten entwickeln, von denen sie auch in anderen Lebensbereichen profitieren können. Aber macht Musizieren wirklich intelligenter? Und welche Rolle spielt die Begabung?
Pianisten verfügen über erstaunliche motorische Fähigkeiten (...) Neurowissenschaftler finden bei ihnen vergrößerte Areale unter anderem in den für koordinative Leistungen wichtigen Hirnbereichen. Zudem zeigen sie dickere Nervenstränge in einer Struktur, die die beiden Gehirnhälften miteinander verbindet, (...)

Pianisten können gleichzeitige Reize verschiedener Sinne im Gehirn besser verarbeiten: In der Wissenschaft spricht man hier von einer verbesserten sensorischen Integration. (...)

Aber ... Was ist hier Ursache, was Wirkung? Diese Frage lässt sich in allen Studien, die das Gehirn bereits aktiver Musiker untersuchen, nicht endgültig beantworten. Vielleicht hatten diese bereits auf Grund einer Veranlagung besser vernetzte Hirnstrukturen und sind deshalb Musiker geworden? (...)

Mehr und Kollegen fanden 2013 nur fünf Studien weltweit, die auf randomisierten Experimenten beruhen und damit seriös kausale Zusammenhänge belegen können. Nur eine von ihnen zeigte einen leicht positiven, statistisch aber nicht signifikanten Effekt des Musizierens auf andere Fähigkeiten. Auch Mehrs Experiment, in dem er Kinder zufällig in zwei Gruppen einteilte und eine von ihnen sechs Wochen lang zur musikalischen Früherziehung schickte, ergab keinen Effekt auf die kognitiven Fähigkeiten. Dass die Medien aber prompt titelten "Musik macht eure Kinder nicht intelligent", ärgerte Mehr: "Unsere Studie hat nicht ergeben, dass musikalische Erziehung keine kognitiven Vorteile bringt." Nur in diesem einen Fall von kurzzeitiger musikalischer Früherziehung habe sich kein Effekt gezeigt.
https://www.spektrum.de/news/macht-musik-intelligent/1405209

Es bleibt also spannend...

Manche Menschen lässt Musik auch kalt, wie Neurowissenschaftler um Josep Marco-Pallarés von der Universität Barcelona im März 2014 herausgefunden haben:
... einige Menschen völlig immun gegen jede Wirkung von Musik sind. (...) In Tests erkannten die Teilnehmer zwar, ob Musik fröhlich oder traurig war, aber sie ließen sich von den Gefühlen nicht anstecken. Die Forscher gehen davon aus, dass ihr Belohnungssystem im Gehirn anders arbeitet. Denn die Probanden waren durchaus zur Freude fähig, beispielsweise, wenn sie in einem Spiel Geld gewinnen konnten.
Und das, obwohl
Fast jeder Mensch (...) mehr oder weniger, musikalisch [ist]
https://www.br-klassik.de/themen/kl...ste-erklaert-von-eckart-altenmueller-100.html

Bei HSPs scheint das musikalische Empfinden teils besonders ausgeprägt: Neuronales Phänomen Hochsensitivität/High Sensitive Person (HSP)

Auch in der Medizin wird Musik zunehmend mehr genutzt, z.B. zur Schmerzbehandlung, denn
Der Schmerzeindruck entsteht im Gehirn im limbischen System, dort, wo die Emotionen sitzen. Musik belegt die gleiche Stelle und kann somit als eine Art Filter gegen Schmerzen fungieren.
Aber auch bei Schlaganfällen, denn
Beim Musikmachen, aber auch beim Hören, vollbringt das Gehirn Höchstleistungen. Hirnregionen verbinden sich und das kommt besonders Schlaganfallpatienten zu Gute. Vor allem im Bereich Gedächtnistraining, Aufmerksamkeit und Motorik führt die Therapie mit Musik oft zu schnelleren Erfolgen. Nicht zu vergessen: die Stimmung der Betroffenen.
Das funktioniert aber offenbar nur, wenn die Musik individuell ausgewählt wird. Und dabei mögen wir, was wir kennen:
Das auditive Gedächtnis kann auf alles trainiert werden – auch auf dissonante Musik.
https://www.br-klassik.de/themen/kl...ste-erklaert-von-eckart-altenmueller-100.html

Gruß
Kate
 
Zuletzt bearbeitet:
Beitritt
10.01.04
Beiträge
66.082
Hallo Kate,

das ist ein sehr interessantes Thema.
Es erinnert mich an frühere Veröffentlichungen und Seminare von Dr. John Diamnond, die u.a. hier zu sehen sind:
https://www.lifeenergyarts.com/product-category/lectures/audio/cds-by-category/music-2/

Wenn Patienten zu ihm kamen, die länger Zeit hatten, hat er ihnen sehr nahe gelegt, daß sie lernen, Instrumente zu spielen. Eine seiner Schülerinnen lernte bei ihm in kurzer Zeit, wie man ein Didgeridoo, Posaune und Trompete spielt und meinte, das hätte ganz viel bei ihr verändert: Atem, Konzentration, Freude ...

Es gab ein Buch von ihm, das ich leider nicht mehr finde mit dem ungefähren Titel "Why conductors live longer". Darin geht er auch auf die Rechts-Links-Hirn-Verbindung ein, die bei Dirigenten ganz besonders stark ausgebildet sei durch ihre ständige Bewegung mit beiden Armen beim Dirigieren.

https://www.symptome.ch/vbboard/histamin-intoleranz/84700-wirkung-musik-histamin-blut-speichel.html
https://www.symptome.ch/vbboard/dem...uenstlerisch-neurologische-musiktherapie.html
https://www.symptome.ch/vbboard/staerkung-fuer-psyche-geist-seele/3068-heilende-klaenge.html

Grüsse,
Oregano
 
Zuletzt bearbeitet:

Kate

Moderatorin
Teammitglied
Themenstarter
Beitritt
16.11.04
Beiträge
10.987
Hallo Oregano,

vielen Dank für Deine Ergänzungen und Links.

Was sich - denke ich - auch besonders lohnen kann, ist das Anknüpfen an Fähigkeiten im Instrumentalspiel, die man sich als Kind angeeignet hat. Erfahrungsgemäß lässt sich da recht schnell einiges (wenn auch vielleicht nicht alles, je nach Alter) reaktivieren und man spart sich die Mühen und schrägen Töne des Anfängers. Auch manche Wechsel innerhalb einer Instrumentengruppe sind leichter möglich, als neu etwas anzufangen.


x
x
x
x
x
x
x


Schade finde ich persönlich folgendes (Hervorhebung von mir):
Demnach konzentrieren sich klassische Pianisten bei ihrem Spiel besonders darauf, wie sie ein Stück spielen. Für sie gehe es darum, ein Stück technisch einwandfrei und persönlich ausdrucksstark wiederzugeben. "Dadurch scheinen sich unterschiedliche Abläufe im Gehirn etabliert zu haben, die während des Klavierspielens ablaufen und den Wechsel in einen anderen Musikstil erschweren", so Daniela Sammler, Neurowissenschaftlerin und Leiterin der Studie.
https://www.br.de/themen/wissen/musik-forschung-hirnforschung-100.html
(der Link war im Eingangsbeitrag auch schon dabei)

Gruß
Kate
 
Zuletzt bearbeitet:
Beitritt
10.01.04
Beiträge
66.082
Hallo Kate,

die Smileys sind köstlich :D!

Dieses Thema hatten wir auch schon mal; ich finde es nur im Moment nicht: Auch Pflanzen reagieren unterschiedlich auf Musik und hören lieber Mozart und Haydn statt Rock:

Why 'Good Vibrations' May be Bad

Grüsse,
Oregano
 
Beitritt
02.10.10
Beiträge
4.312
Was sich - denke ich - auch besonders lohnen kann, ist das Anknüpfen an Fähigkeiten im Instrumentalspiel, die man sich als Kind angeeignet hat.
Dann suche ich mal meine Blockflöte, passend zur Weihnachtszeit ;) Spannende Infos jedenfalls.

Viele Grüße
 

Kate

Moderatorin
Teammitglied
Themenstarter
Beitritt
16.11.04
Beiträge
10.987
Hallo zusammen
Dieses Thema hatten wir auch schon mal; ich finde es nur im Moment nicht: Auch Pflanzen reagieren unterschiedlich auf Musik und hören lieber Mozart und Haydn statt Rock:...
Da gab es doch schon in den 70ern(?) ein Buch "Das geheime Leben der Pflanzen"? Dass deren "Vorlieben" eher "klassisch" und harmonisch sind, erinnere ich auch.

Laut meinen o.g. Quellen ist die Vorliebe aber bei Menschen anpassbar (durch Gewohnheit) und daher verschieden. Das finde ich im Grunde erstaunlich, denn Harmonien (das diatonische System) sind ja vermutlich nicht ganz zufällig entstanden, sie entsprechen jedenfalls physikalischen Gegegenheiten (man denke an die Naturtonreihe, also die Töne, die von Natur aus aus einem Rohr - z.B. Alphorn oder Didgeridoo - kommen, auch auf Saiten kann man diese erzeugen durch Flageolett-Töne).

Nun ja, vielleicht findet man für die 12-Ton-Musik auch Pendants in der Natur...? Oder aber der Mensch ist tatsächlich ein über die Maßen anpassungsfähiges Wesen.

Wichtig war mir bei meinem Beitrag auch, dass es sich um präszise nachweisbare Prozesse und Veränderungen (Bildgebung, Laboruntersuchung) beim Menschen handelt, die durch Musikausübung entstehen. Bei den Pflanzen wurden natürlich auch systematische Beobachtungen gemacht, aber woran es nun genau lag, welche physiologischen Prozesse abliefen, blieb wohl im Dunkeln - den neusten Stand kenne ich allerdings nicht.

Dann suche ich mal meine Blockflöte, passend zur Weihnachtszeit ;)
Haha, wir könnten uns ja über Skype verbinden und zweistimmig Blockflöte spielen:D

Querflöte geht bei mir auch:)
Ich kann auch gern was beisteuern (Gruppen-Skype, geht das?), nur müsste ich, um Euch nicht an die Wand zu blasen :eek:) dann wohl auf Nr. 2 der Smilies zurückgreifen.

Gruß
Kate
 

Kate

Moderatorin
Teammitglied
Themenstarter
Beitritt
16.11.04
Beiträge
10.987
Hallo zusammen,

ich setze nochmal an bei den medizinischen Wirkungen:

Auch in der Medizin wird Musik zunehmend mehr genutzt, z.B. zur Schmerzbehandlung, denn
Der Schmerzeindruck entsteht im Gehirn im limbischen System, dort, wo die Emotionen sitzen. Musik belegt die gleiche Stelle und kann somit als eine Art Filter gegen Schmerzen fungieren.
Aber auch bei Schlaganfällen, denn
Beim Musikmachen, aber auch beim Hören, vollbringt das Gehirn Höchstleistungen. Hirnregionen verbinden sich und das kommt besonders Schlaganfallpatienten zu Gute. Vor allem im Bereich Gedächtnistraining, Aufmerksamkeit und Motorik führt die Therapie mit Musik oft zu schnelleren Erfolgen. Nicht zu vergessen: die Stimmung der Betroffenen.
Das funktioniert aber offenbar nur, wenn die Musik individuell ausgewählt wird. Und dabei mögen wir, was wir kennen:
https://www.br-klassik.de/themen/kl...ste-erklaert-von-eckart-altenmueller-100.html
... in diesem Fall mit präventivem Aspekt - es geht um eine Studie über den Einfluss von Musik auf das Altern, der Beitrag stammt aus der NDR-Sendung DAS! vom 5.3.20:
https://mediandr-a.akamaihd.net/progressive/2020/0305/TV-20200305-1100-0700.hq.mp4
Alternativer Link über die NDR-Mediathek: https://www.ardmediathek.de/ndr/pla...e-ueber-den-einfluss-von-musik-auf-das-altern

Gruß
Kate
 
Oben