Hochinteressant! Lest mal! MIKROBIOM

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Mikrobiom: Blick ins FaecesBook

Verschiedene Bakterienarten sind normalerweise im Darm zu Hause. Ihre Zusammensetzung bestimmt nicht nur die geregelte Verdauung, sondern auch über Krankheiten anderer Organe und schließlich auch über die Persönlichkeit des Wirts.

Abgeschlossen von allem Bösen der Aussenwelt haben Föten rund neun Monate Zeit, sich auf Gefahren jenseits des Geburtskanals vorzubereiten. Ganz abgeschlossen und steril scheint das Gebärmutter-Zimmer aber doch nicht zu sein, wenn sich die Ergebnisse spanischer Mikrobiom-Forscher bestätigen. Pilar Francino von der Universität von Valencia und ihre Kollegen fanden nicht nur im Mekonium von Mäusen eine gut entwickelte Bakteriengesellschaft, sondern auch bei den ersten Exkrementen von rund 20 menschlichen Neugeborenen. Nicht alle haben dabei die gleichen Kommensalen. Bei einigen sind laktatproduzierende Mikroben in der Mehrheit, bei anderen Enterobakterien.


Fötenentwicklung mit Mikrobiom nach Maß?
Ist das wichtig? Ja, denn das Treiben der Einzeller in unserem Körper scheint unser Leben vom Kreisssaal bis zum letzten Atemzug zu bestimmen. Noch nach 4-7 Jahren lassen sich die Konsequenzen der ersten Besiedlung feststellen. Milchsäurebakterien sorgen bei den Kindern eher für Asthmaanfälle, währen E.coli und Co eher Ekzeme begünstigen. Immer mehr verdichten sich die Hinweise darauf, dass Bakterien die Plazentaschranke überwinden und das spätere Verdauungssystem des Heranwachsenden schon während der Schwangerschaft besiedeln. Einen weiteren Mikrobenschub gibt die Geburt selber dem Säugling mit. Je nach Vaginalgeburt oder Kaiserschnitt bestimmt die vaginale oder Hautflora der Mutter die Besiedlung im jungen Darm. Lactobacillus johnsonii sorgt normalerweise dort für die Milchverarbeitung. Bei der Schwangerschaft findet es sich auch in der Vagina, um dann bei der Geburt den Wirt zu wechseln. Dem Säugling hilft es dann vom ersten Augenblick an beim Zugang zur Muttermilch.

Schon jetzt nutzt etwa Nestle diesen Keim in seinen probiotischen Joghurts. Nicht allzu viel Phantasie ist notwendig, sich eine mikrobielle Analyse des ersten Darminhalts eines neuen Erdenbewohners der Zukunft vorzustellen. Je nach Krankheitsrisiko gibt es dann die maßgeschneiderten Zusätze zur Milch von der Brust. Eines Tages vielleicht sogar schon beim Ernährungsplan der werdenden Mutter. „Wir könnten dann vorsorgen, dass die Bakterien noch vor der Geburt des Föten am Zielort sind“, meint Pilar Francino.

Fettleibig durch falschen Enterotyp
Aus dem Biochemie-Labor des Europäischem Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBO) stammen neue Erkenntnisse zu „Enterotypen“, die Peer Bork und seine Mitarbeiter aus ganz Europa letztes Jahr in „Nature“ publizierten. Sie sequenzierten das komplette Metagenom von rund zwei Dutzend Probanden aus den entsprechenden Fäzes-Proben. Drei unterschiedliche Besiedlungsmuster kristallisierten sich aus den Daten heraus, je nachdem, ob sich in den Proben vor allem Mikroorganismen der Sorte „Bacteroides“, Prevotella oder Ruminococcus fanden. „Sie sind vergleichbar mit den Blutgruppen“ beschreibt der Forscher seine Einteilung der Untersuchten nach Enterotypen. Der „Bacteroides-Typ“ sollte demnach bei seiner Nahrungsaufnahme aufpassen. Seine Darmflora macht aus dem Nahrungsbrei große Mengen an Kohlehydrate für den Körper verfügbar, der daraufhin dazu neigt, Speck anzusetzen. Die beiden anderen Typen scheiden dagegen mehr an unverdautem Zucker aus und haben damit weniger Gewichtsprobleme.

Dass neben den genetischen Anlagen zur Fettleibigkeit auch unsere Darm-Untermieter ein entscheidendes Wort dabei mitreden, zeigen Versuche an Mäusen, die zuerst fettarme pflanzliche Nahrung bekamen und erst mit dem Wechsel zu reichhaltiger „Western Diet“ eine dementsprechend füllige Statur entwickelten. Transferierte man die Darmflora dieser Mäuse in den Verdauungsapparat steril aufgezogener Artgenossen, die vegetarische Kost im Futternapf hatten, half auch kalorienreduziertes Fressen nicht mehr. Die Mäuse wurden dick.

Glücklich ist, wer richtig isst.
Wer in unserem Darm haust, bestimmt aber nicht nur mit, für welche Krankheiten wir besonders anfällig sind, sondern auch über die Entscheidungen, die im Gehirn fallen. Versuchstiere, die in steriler Umgebung aufwachsen, haben nicht nur Stoffwechselprobleme, sondern benehmen sich auch recht merkwürdig. Stephen Collins von der kanadischen McMaster Universität in Ontario beschreibt seine Labormäuse folgendermaßen: „Sie reagieren unkontrolliert und haben Lernschwächen.“ Bekommen sie den fertigen Mikrobencocktail in den Darm, benehmen sie sich auch wieder genau wie ihre „unsterilen“ Artgenossen. Allein durch solche Transfers lassen sich auch Charaktereigenschaften zwischen verschiedenen Züchtungen übertragen. So wurden etwa aus friedlichen BALB/c-Mäusen aggressive Nager, wenn sie den Darminhalt von angriffslustigen Swiss-Mäusen bekamen. Je nach Nahrungsangebot und damit entsprechender Flora verändert sich im Mäusegehirn der Spiegel an GABA-Rezeptoren und Kortikosteroiden. So sorgt etwa Lactobacillus rhamnosus für Stressresistenz und weniger Ängstlichkeit. Antibiotika bewirken dort eine Veränderung des Nervenwachstumsfaktors BDNF. „Persönlichkeit ist etwas recht Kompliziertes.“, meint auch der Mikrobiom Spezialist James Kinross vom Londoner Imperial College, „Was Du bist, hängt nicht allein von Mikroben ab, aber sie spielen sicher eine Rolle in der Entwicklung unseres Charakters.“

Darmtherapie: Fäkaltransplantate aus der Gefriertruhe
Vielleicht gehen wir Zeiten entgegen, in denen Kinder je nach Wunsch verschiedene Bakteriensuspensionen oder entsprechende Nährstoffe für den Zoo in ihrem Darm bekommen. Bei Darmbeschwerden sind Fäkaltransplantationen inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr. (DocCheck berichtete). Meistens sorgen sie dafür, den unerwünschten Keim Clostridium difficile aus seinem Habitat zu vertreiben. Inzwischen lassen sich die entsprechenden „Spenden“ für die spätere Übertragung einfrieren oder sogar gewünschte Bakterien daraus extrahieren, sodass in Kürze auch der „Ekel-Faktor“ wegfällt, der Patienten und Ärzte von solchen Prozeduren abhält. Während die Lebensmittelbranche große Finanzmittel für das Marketing ihre probiotischen Produkte aufwendet, dürften diese medizinischen Therapieansätze erst eingehend in Studien getestet werden, bevor sie in der Klinik zur Routine werden.

Auch im letzten Abschnitt unseres Lebens spielen unsere Untermieter eine wichtige Rolle bei Gesundheitsfragen. Erst vor einigen Wochen berichtete ein „Nature“-Paper über die Beziehungen zwischen Agilität und Bakterienvielfalt. Peter O‘Toole aus dem irischen Cork untersuchte knapp 180 Senioren im Alter um die 78 Jahre und fand je nach Mikroben-Komposition verschiedene Gruppen, die zunehmende Gebrechlichkeit anzeigten. Anhand des Bakterienbilds konnte er die Senioren entweder einem Pflegeheim oder dem Leben in der Gemeinde zuordnen. Grundsätzlich setzt sich die Darmflora im Alter aus mehr unterschiedlichen Spezies als bei Jüngeren zusammen. Lässt jedoch die Diversität nach, wird aus dem rüstigen schnell ein pflegebedürftiger Mensch.
Schweine mit humaner Darmflora
Der Mensch beherbergt in seinem Darm rund 160 -200 Bakterienarten. Sie produzieren mehr als ein Drittel der kleinen Moleküle, die sich im menschlichen Blut wiederfinden. Mehr als 100 Millionen Dollar gibt die staatliche amerikanische Gesundheitsforschung mit dem „Human Microbiom Project“ aus, um das menschliche Mikrobiom zu entschlüsseln. Auch die EU betreibt mit MetaHIT (Metagenomics of Human Intestinal Tract) ähnlich große Anstrengungen. Inzwischen gibt es auch schon Schweinemodelle, in die sich die menschliche Darmflora transferieren und vor Ort analysieren lässt. Peer Bork von EMBO Heidelberg setzt dagegen auf „Social Networks“, um im Darm einen besseren Durchblick zu bekommen. „my.microbes.eu“ soll in einigen Jahren rund 5000 Teilnehmer zusammenbringen, die sich für ihr Innenleben interessieren und sich damit Aufklärung über mögliche Beschwerden erhoffen. Teilnehmer mit ähnlichem Profil können rund um die Welt Kontakt miteinander aufnehmen und sich so über Erfahrungen und wohltuende Behandlungen austauschen.


Wer allein die Statistik der Zellzahlen des Menschen betrachtet, wundert sich längst nicht mehr darüber, welche Auswirkungen Veränderungen in unserem Darm auf unseren gesamten Organismus haben. Schließlich bestehen wir zu 90 Prozent aus Bakterien.

(Quellenangabe: Dr.rer.nat. Erich Lederer)

Lieben Gruß:fans:, Vanilla
 
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Hochinteressant! Lest mal!

Ich finde den Bezug zur Psyche sehr beeindruckend, was meint ihr?
Grüße von Vanilla:daumendrueck:
 
Hochinteressant! Lest mal!

Das ist interessant Vanilla,:)

und ich könnte mir vorstellen, dass der umgekehrte Schluss evt. auch etwas bewirkt, wenn sich beispielsweise Bewusstsein und Psyche verändern, verändert sich die Darmflora.

an Mäusen kann man das sicher nicht testen und unter sterilen Verhältnissen sicher auch nicht. Aber ähnliches findet man in der Homöopathie, wodurch ein neues energetisches Gleichgewicht hergestellt wird. Wenn es funktioniert, verändern sich auch die Darmflora und der Stoffwechsel und evt. die Psyche.

Grüsse Juliette
 
Hochinteressant! Lest mal!

In diesem Artikel geht es um das gleiche Thema.
Ausschnitt:

...
Aber was ist Ursache und was Wirkung? »Die Verbindungen zwischen Gehirn und Darm verlaufen immer in beide Richtungen. Das macht es so schwer, zu sagen, was jeweils die Ursache ist«, sagt Mayer. »Wenn aber die Mikroben im Darm tatsächlich mit psychischen Problemen zusammenhängen, könnte man dort eventuell mit einer Behandlung ansetzen«, hofft er.

Mithilfe spezieller Probiotika oder mit genveränderten Bakterien lässt sich die Darmflora und damit auch die Stimmung vielleicht positiv beeinflussen, spekuliert Mayer. Hinweise, dass das funktionieren könnte, gibt es schon: In einer Studie mit 132 gesunden Teilnehmern an der Universität Cork, die 2007 im European Journal of Clinical Nutrition erschien, verbesserte sich nach drei Wochen, in denen die Probanden ein spezielles probiotisches Milchgetränk zu sich nahmen, die Laune vor allem bei denjenigen, die vorher schlechter Stimmung waren. Ähnlich fiel das Ergebnis einer achtwöchigen Pilotstudie an 35 Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom aus: Die Probanden, die Probiotika einnahmen, waren am Ende der Untersuchung weniger ängstlich.
...
Ernährung und Psyche: Wie wirkt die Damflora auf unser Wohlbefinden? | Wissen | ZEIT ONLINE

Dieses Prinzip der gegenseitigen Beeinflussung, wobei noch nicht klar ist, was nun zuerst da war - Ei oder Henne - gilt nicht nur für den Bereich der Darmflora sondern ebenso für Hormone und Psyche:

Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei?
Diese Frage beschäftigt uns in vieler Hinsicht. Bis dies geklärt ist machen wir uns zu Nutze, dass aus dem Huhn auch mal ein Ei kommt und aus dem Ei mal ein Huhn wird.
Und damit ergibt sich die Tatsache, dass wir Ihnen Möglichkeiten bieten können Sie natürlich zu unterstützen, über den Körper oder die Psyche oder umgekehrt oder Beides,
in Phasen von:
- Angst/ Panik
- Stress
- Burn Out
- Depressionen
- Stimmungsschwankungen
- und auch bei AD(H)S

Körper und Geist gehören zusammen. Und damit ergeben sich immer 2 Ansatzpunkte um Sie zu unterstützen und beides wieder in Einklang zu bringen.
Hormone, der Stoffwechsel und die Psyche

Grüsse,
Oregano
 
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Hier habe ich noch weitere Artikel zu diesem Thema gefunden:

Der Darm steuert Emotionen

Die Quellen sind jeweils als Link oder PDF zu lesen.

Fermentation und Probiotika

HealthBioCare - Verdauung - Mikrobiota , Nerven, Psyche

Ein gesunder Darm als Wurzel unseres Krpers - Tipps vom Experten

Hier aber habe ich auch noch Warnungen vor probiotischen Joghurts gefunden!

"Probiotische" Bakterien zerstren die Darmflora

Was bedeutet probiotisch? » worlds of food - gemeinsam geniessen

www.oekotest.de ÖKO-TEST Online Testberichte Joghurt, probiotisch

wellfit.freundin.de/2010/08/joghurt-alles-rund-um-probiotika-bio--naturjoghurt.html

Fazit: Naturjoghurts bevorzugen, oder Joghurt selber herstellen.

Lieber Gruß
LieberTee
 
AW: Hochinteressant! Lest mal!

Es gibt offensichtlich einen Zusammenhang zwischen allergischen (intoleranten?) Reaktionen und dem Mikrobiom des Darmes. Wenn ich das richtig verstehe, konnte das Mikrobiom aber bisher gar nicht wirklich bestimmt werden, was jetzt durch eine neue Methode möglich ist:

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In der Vergangenheit bestand die Schwierigkeit bei Untersuchungen des Darmmikrobioms darin, die Bakterienvielfalt exakt zu bestimmen. Wenn man versucht hat, Bakterien klassisch im Labor auf den üblichen Nährböden anzuzüchten, konnte man nur 1 Prozent der vorhandenen Bakterien zum Wachstum bringen. Die restlichen 99 Prozent wuchsen entweder nicht an oder wurden von dominanteren Bakterienstämmen verdrängt.



Außerdem bekommt man nun viel mehr Informationen über das Mengenverhältnis der einzelnen Bakterienstämme zueinander. Durch die Deep Sequencing-Methode kommt die Mikrobiom Forschung nun massiv in Gang.
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Nahrungsmittelallergie, Anaphylaxie, Mikrobiom: NOD2-Rezeptor?

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Der Begriff „Mikrobiom“ wurde von dem 2008 verstorbenen US-Molekularbiologen Joshua Lederberg in Anlehnung an das Humangenomprojekt geprägt. Primär gehören dazu die Bakterien des Darms, aber auch von Haut, Urogenitaltrakt, Mund, Rachen und Nase. Lederberg erkannte, dass die Mikroflora ein Teil des menschlichen Stoffwechselsystems ist.
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Deutsches Ärzteblatt: Mikrobiomforschung: Wie körpereigene Keime als „Superorgan“ agieren

Grüsse,
Oregano
 
Ergänzend:

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Für die Mikrobiomforscher ist das Darmmikrobiom eine Art Superorgan, das mit vielen Körperfunktionen in dynamischer, wechselseitiger Verbindung steht. Der Anspruch der Wissenschaftler an ihre Disziplin ist hoch: Sie wollen nichts Geringeres als fundamentale biologische Sachverhalte zu erklären. Dazu gehören grundsätzliche Fragen zur Evolution von Lebewesen, zur frühkindlichen Entwicklung und zum Zusammenspiel von Körpersystemen im Erwachsenenalter. Gleichzeitig wollen die Forscher klären, inwieweit die Bakterienpopulationen des Darms unsere Individualität bestimmen (Stichwort Enterotypen).

So unterschiedliche Fragestellungen setzen eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Mikrobiologen, Molekularbiologen, Bioinformatikern und Apothekern voraus. Mikrobiomforscher nutzen Theorien aus der Ökologie, beschäftigen sich mit Genomik und Metabolomik, profitieren von Erkenntnissen der modernen Immunologie und nutzen in der Arzneimittelforschung etablierte Techniken.

Vermutlich können rund 10 000 Bakterienarten im Darm des erwachsenen Menschen vorkommen. Die meisten dieser Mikroorganismen lassen sich auf Nährböden nicht anzüchten. Die Zusammensetzung des Darmmikrobioms kann deshalb nur mit molekularbiologischen Methoden bestimmt werden.

Nach der Geburt ist der Darm eines Neugeborenen steril. Die ersten Bakterienspezies, die den Darm besiedeln, stammen aus dem Geburtskanal und setzen sich aus Vaginalbakterien und Keimen aus der Blase der Mutter zusammen. Peu à peu werden andere Bakterienarten aus der Außenwelt übernommen. Kinder, die mit einem Kaiserschnitt entbunden werden, bilden die Darmflora aus dem Hautmikrobiom der Mutter. Sie haben eine verringerte Anzahl – oder eine verringerte Artenvielfalt – von Bakterien der Gattung Bacteroides und Bifidobacterium im Vergleich zu Kindern, die vaginal geboren wurden (4).
...
Auchin diesem Experiment gingen die Veränderungen von Gewicht und Darmflora parallel. Wurden die Gruppen vertauscht, änderten sich die Ergebnisse entsprechend – ein deutlicher Hinweis für eine kausale Beziehung zwischen Darmmikrobiom und Stoffwechselprozessen im Gewebe (5). Inzwischen wurden die Ergebnisse in Studien mit keimfrei aufgezogenen Ferkeln, deren Darm dem des Menschen sehr ähnlich ist, reproduziert.
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Verändert sich die Zusammensetzung der Darmflora infolge übermäßigen Fettkonsums, so ändert sich die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut, einer aus zahlreichen Schichten unterschiedlicher Zellen aufgebauten, gleichwohl dünnen Barriere (7). Toxische Moleküle, die normalerweise diese Barriere nicht durchdringen können, gelangen in die Blutbahn und verursachen in inneren Organen subtile Entzündungsreaktionen.

Nachgewiesen ist das beispielsweise für Lipopolysaccharide. Diese komplexen Zuckermoleküle sind Bestandteil der Zellwand gramnegativer Bakterien. Lipopolysaccharide setzen die Synthese unterschiedlicher Zytokine in Gang, die wiederum den intrazellulären Stoffwechsel beeinflussen. Mit dem Ergebnis, dass überflüssige Kalorien nicht »verbrannt«, sondern in Fettsäuren umgewandelt und in Fettzellen deponiert werden (8).
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Mikrobiomforscher haben mittlerweile zahlreiche Indizien dafür zusammen*getragen, dass Bioverfügbarkeit und Nebenwirkungen eines oral eingenommenen Medikaments durch die Zusammensetzung des Mikrobioms beeinflusst werden (12). Dies ist eine wichtige Erkenntnis für die Pharmakologie. Denn Enzympolymorphismen oder individuelle krankheitsbedingte Faktoren können die teilweise dramatischen intra*individuellen Unterschiede in der Bioverfügbarkeit eines Arzneistoffs nur zum Teil erklären.
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Bereits eine einwöchige Einnahme eines Antibiotikums ändert die Zusammensetzung und Aktivität der Darmflora in dramatischer Weise. Dutzende Spezies verschwinden, andere nehmen ihren Platz ein. 88 Prozent der rund 2000 üblicherweise im Stuhl nachweisbaren und vorhandenen chemischen Metaboliten (das ist sozusagen ein Fingerabdruck der gesamten Bioaktivität aller Bakterienpopulationen) erscheinen in veränderten Konzentrationen.

Wissenschaftler vom Imperial College in London zeigten, dass dieser Mechanismus tatsächlich existiert (16). Probanden bekamen die Substanz Paracetamol (p-Acetylaminophenol). Vor und nach der Einnahme wurde die Blutkonzentration von p-Cresol gemessen, ein Stoffwechselprodukt verschiedener Mitglieder des Darmmikrobioms. Bei Probanden, die Paracetamol nur teilweise metabolisierten, war die Konzentration von p-Cresol vor Einnahme des Wirkstoffs signifikant höher als bei Probanden, die den Arzneistoff komplett verstoffwechselten. Da Acetylaminophenol und p-Cresol in der Leber durch identische Sulfonierung inaktiviert und anschließend ausgeschieden werden, ist dies ein Hinweis dafür, dass Bakterien, die p-Cresol produzieren, indirekt den Abbau des Xenobiotikums hemmen und damit dessen Nebenwirkungen beeinflussen können.
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Ein medizinisches »Parkmanagement« sollte versuchen, die Effizienz der mikrobiellen Ökosystem-Dienstleister zu vergrößern. Beispielsweise könnte eine Diät mit präbiotischen Lebensmitteln den besonders nützlichen Darmbakterien bessere Vermehrungsmöglichkeiten als schädlichen Konkurrenten bieten.

Zur Erinnerung: Präbiotika sind Lebensmittel oder Bestandteile davon, die das Wachstum und/oder die Funktion von Bakterienspezies fördern, die günstige Eigenschaften auf Steuerfunktionen des Körpers haben. Dagegen enthalten Probiotika Mikroorganismen oder Arzneimittel, die bei oraler Aufnahme eine positive Wirkung auf den Darm beziehungsweise auf andere Spezies des Mikrobioms haben.

In Einzelfällen wurde bereits eine sogenannte Stuhltransplantation bei Patienten mit pseudomembranöser Enterokolitis ausprobiert. Darunter versteht man die Übertragung des kompletten Mikrobioms von einer gesunden Person auf einen Patienten (10).

Voraussetzung für diese Art einer medizinisch-ökologischen Steuerung ist allerdings, dass das Mikrobiom eines gesunden Menschen quantitativ und qualitativ erfasst und regelmäßig überprüft wird. Wird er krank, müsste ein »Mikrobiom-Check« erfolgen, damit der Arzt weiß, welche Mitglieder des »Parks« unterstützt werden müssen. Dies lässt sich auf absehbare Zeit nicht in die Praxis umsetzen.
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Pharmazeutische Zeitung online: Mikrobiom: Lebenswichtiges Getümmel im Darm

Grüsse,
Oregano
 
Metformin, das eines der häufig verschriebenen Medikamente bei Diabetes Typ 2 ist, hat eine bekannte Wirkung auf den Darm:

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Gut beschrieben ist allerdings der Einfluss, den Metformin auf die Darmmikrobiota hat. Das orale Antidiabetikum wird häufig bei Typ-2-Diabetikern eingesetzt und kann zu intestinalen Störungen führen. Diese gehen vermutlich auf die Zunahme an Escherichia-Spezies zurück, die Wijmenga und ihre Kollegen bei Metformin-behandelten Patienten feststellten. Außerdem regelt der Wirkstoff einige bakterielle Stoffwechselwege hoch, wie die Degradation und Nutzung von D-Glucarsäure und D-Galactarsäure, berichten die Forscher. Es steigt die Produktion von kurzkettigen Fettsäuren wie Acetat und Butansäure, die mit positiven Gesundheitseffekten in Verbindung gebracht werden. In einer vorhergehenden Untersuchung konnten Forscher um Professor Dr. Peer Bork vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg bereits zeigen, dass auf der Beeinflussung der Darmflora ein Teil der therapeutischen Wirkung von Metformin beruht (»Nature«, DOI: 10.1038/nature15766).
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Pharmazeutische Zeitung online: Mikrobiom und Medikation: Ein komplexes Wechselspiel

Grüsse,
Oregano
 
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Studie
Diese belegt, dass eine Antibiotikatherapie im Kleinkind-Alter die Entwicklung der Darmflora stört. ...
Resultat: Vor allem sogenannte Makrolide veränderten auch langfristig die Zusammensetzung und den Stoffwechsel des Mikrobioms. Manche Bakterienarten wurden häufiger, andere seltener, vor allem konnten die Forscher auch Bakterien nachweisen, die gegen Makrolide resistent waren. Auch eine Beziehung zwischen Makrolideinsatz und Asthma sowie Übergewicht wurde sichtbar: Die Darmflora von Kindern mit Übergewicht und Asthma ist anders zusammengesetzt als jene gesunder Kinder. Das Team stellte ebenso fest, dass Penicilline einen weniger markanten Einfluss auf die Darmflora hatten als Makrolide.
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dass eine Behandlung mit dem probiotischen Milchsäurebakterium Lactobacillus rhamnosus einige Veränderungen des Mikrobioms nach einer Penicillintherapie verhindern kann.
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https://idw-online.de/de/news654156

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Ein weiterer Nachteil der Makrolid-Antibiotika ist die Hemmung von Leber-Enzymen der Cytochrom-P450-Gruppe, welche auch für den Abbau anderer Wirkstoffe sehr wichtig sind. Dadurch ergeben sich vielfältige Wechselwirkungen:
Makrolide verstärken die Wirkung von
- Theophyllin (gegen Asthma),
- Gerinnungshemmern (Antikoagulanzien) vom Cumarin-Typ,
- Benzodiazepinen (Schlaf- und Beruhigungsmittel) und
- opioiden Schmerzmitteln.
Ebenfalls in der Wirkung verstärkt wird das
- Herzmedikament Digoxin, indem Makrolide seine Ausscheidung verzögern.
- Die gleichzeitige Gabe von Makroliden und Terfenadin (gegen Allergien), Diphenhydramin (Schlafmittel) oder Cisaprid (Magenmittel) kann Herzrhythmusstörungen hervorrufen.
- Statine (gegen Cholesterin) und Makrolide können gemeinsam eine Rhabdomyolyse hervorrufen.
- Ergotamin zusammen mit Makroliden kann eine überschießende Gefäßverengung verursachen.
- Bei Ciclosporin fördern Makrolid-Antibiotika die Giftigkeit auf Leber, Nieren und Nerven.
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Makrolide: Makrolid-Antibiotika: Medikamente, Wirkstoffe, Anwendungsgebiete, Wirkung - Onmeda: Medizin & Gesundheit

Neuere Makrolide -- pharma-kritik -- Infomed Online
Hier werden als Indikationen für die Verschreibung von Makroliden genannt:
Helicobacter pylori, nicht-tuberkulöse Mykobakteriosen, Pneumonien,
Nicht-Gonokokken-Urethritis (Chlamydia trachomatis und Ureaplasma urealyticum), Pharyngitis/Tonsillitis, Sinusitis, Otitis media, Bronchitis.

... Makrolide: Makrolide sind mit ihrem günstigen Wirkspektrum bei gleichzeitug sehr guter Verträglichkeit vor allem für Kinder reserviert. Vom breiten Einsatz auch im Erwachsenen-Bereich ist wegen der alarmierend steigenden Zahl Makrolid-resistenter Stämme eher zu warnen. Makrolide sollten für pädiatrische Fälle vorbehalten werden, denn bei Kindern sind nur wenige therapeutische Alternativen verfügbar!
...
Die glorreichen Sieben

Auch bei der (Neuro-)Borreliose werden Makrolide eingesetzt: Informationen und Therapievorschläge zur Borreliose und Neuroborreliose (lyme disease)

Daß sowieso viel zu viele Antibiotika verschrieben und geschluckt werden, ist bekannt. Daß diese Makrolide aber zu schwerwiegenden Nebenwirkungen führen können, eher weniger, zumal der Arzt beim Verschreiben ja nicht sagt: das ist ein Makrolid ...
Vorsicht ist immer angesagt!

Grüsse,
Oregano
 
Die Darmmukosa: physikalische und biochemische Darmbarriere:

https://www.lab4more-online.de/images/stories/lab4more/pdf/information/mikrobiom_teil2.pdf

Hier werden verschiedene Parameter beschrieben:

...
Ein ausgeklügeltes System an Resorptions-, Abwehr- und Kontrollmechanismen ist notwendig um den Körper optimal versorgen zu können und die physiologische Darmfunktion aufrechtzuerhalten. Folgende Teilbereiche der Darmbarriere tragen dazu bei: Das darmassoziierte Immunsystem (immunologische Barriere), die physikalische Barriere, die biochemische Barriere sowie die mikrobielle Barriere (intestinale Mukus-assoziierte Mikrobiota). Sie stehen in enger Wechselbeziehung zueinander und sind mehr oder weniger in identischer Ausprägung in allen Darmabschnitten wiederzufinden.
...
sekretorisches IgA bzw. ß-Defensine
...
Als natürliche Antibiotika sind ß-Defensine wichtiger Bestandteil der angeborenen, unspezifischen Immunabwehr. Sie besitzen ein breites Wirkungsspektrum und können effektiv grampositive und - negative Bakterien (u.a. E.coli, Pseudomonas-Spezies), Pilze, Hefen (u.a. Candida albicans), Protozoen (u.a. Gardia lamblia) und sogar einige membranumgebene Viren (u.a. Herpes) abtöten. Verminderte ß-Defensin-Spiegel deuten auf eine Störung der Darmschleimhaut-Integrität und eine unzureichende Antigenneutralisation mit Folge erhöhter Infektanfälligkeit, toxischer Belastung und/oder
Sensibilisierungen gegenüber Nahrungsmittelantigenen hin, während bei einer akuten Entzündungsreaktion und verstärkten Abwehrreaktion gegen Mikroben, Antigenen und Toxinen eine Überexpression der ß-Defensine vorherrscht.
Der Mukosaschleim ist auch mit sekretorischem Immunglobulin A (sIgA) angereichert
...
Das in der Leber gebildete Alpha1-Antitrypsin, ein Proteaseinhibitor, weist vorrangig auf eine Entzündung an der Darmschleimhaut hin. Erhöhte Konzentrationen im Stuhl sind auf gesteigerte enterale Verluste aufgrund erhöhter Permeabilität der Darmschleimhaut zurückzuführen, so dass A1AT als sicherer Marker für das Leaky-Gut-Syndrom gilt.
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das pankreatische Gykoprotein 2 (GP2)].
...
Die Intaktheit der Barriere korreliert dabei mit der Expression von Zonulin und der Tight-Junction-Anbindung zytosolischer Gerüstproteine (Aktinfilamente). Anti-F-Aktin- Autoantikörper wurden erstmalig bei Zöliakiepatienten identifiziert, kristallisieren sich aber zunehmend als allgemeiner Indikator einer mäßigen bis schweren Atrophie der Mikrovilli, auch außerhalb einer Zöliakie, heraus.
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https://www.lab4more-online.de/images/stories/lab4more/pdf/information/mikrobiom_teil2.pdf

Einleuchtend: ja! Die Frage ist für mich: inwieweit kann ich durch Ernährung Einfluß auf diese Faktoren nehmen, inwieweit spielen Allergien und Intoleranzen hier eine Rolle, inwieweit spielen genetische Faktoren eine Rolle.
Wie gehe ich vor: die Kardinalfrage!

Grüsse,
Oregano
 
Noch mehr zum Mikrobiom (das scheint zur Zeit DAS Thema zu sein).
Hier wird mit Rob Knight gesprochen, der auch bei dieser Konferenz dabei sein wird:

Was heißt es, Mensch zu sein – und ändert sich dies mit dem Wissen um unsere Billionen Mikrobenmitbewohner? Auch darüber wird Rob Knight am 9. November 2016 in Berlin auf der Falling Walls Conference sprechen.

Mehr Informationen zu der hochkarätig besetzten Konferenz über künftige Durchbrüche in Wissenschaft und Gesellschaft und Knights Vortrag "BREAKING THE WALL TO OUR MICROBIAL SELF. How Microbiome Research Redefines Our Idea of Being Human" finden Sie auf der Falling-Walls-Website:

Falling Walls | Falling Walls
Falling Walls | Falling Walls

Mikrobiom-Forschung: Wie Mikroben uns prägen - Spektrum der Wissenschaft

Grüsse,
Oregano
 
Ein Film über "Die unsichtbare Macht der Mikroben" auf Arte:

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Im menschlichen Körper befinden sich zehnmal so viele Bakterien wie Zellen, und die Wissenschaft beginnt heute zu verstehen, warum. Denn ohne diese winzigen Mitbewohner würde vieles nicht funktionieren. Dank der Symbiose mit Bakterien kann der vor Hawaii lebende Zwergtintenfisch von innen heraus leuchten und sich gegen Fressfeinde behaupten; ein Meereswurm vor der Küste Elbas kann sich ernähren, ohne einen Verdauungsapparat zu besitzen, und eine Wespenart pflanzt sich mit Hilfe einer Bakterie eingeschlechtlich fort.

Seit einigen Jahren beschäftigen sich Forscher verstärkt mit Bakterien, die andere Lebewesen besiedeln. Dabei kamen sie zu einigen bahnbrechenden Erkenntnissen über den Menschen und seine Entwicklung. Bakterien könnten bei der Evolution und der Entstehung der Arten eine viel größere Rolle gespielt haben als bisher angenommen – eine Untersuchung der unsichtbaren Macht der Mikroben.
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ARTE MEDIATHEK | ARTE | Die unsichtbare Macht der Mikroben

Grüsse,
Oregano
 
Es ist gerade ein Sonderheft aus der Reihe Orhtomolekulare Medizin und Ernährung erschienen:

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Sie lesen Texte unter anderem von:

Angelika Hecht, Martin Monzel, Dr. med. Götz Beylich-Oswald, Dr. med. Christoph Milczynski, Dr. rer. nat. Arzu Yalcin, Dr. med. Rudolf Raßhofer, Dr. med. Martin Lemperle, Dr. med. Burkhard Schütz, Dr. med. Bettina Hees, Em. O. Univ. Prof. Dr. Werner Pfannhauser, Dr. med. Susanne Schnitzer, Dr. med. Rainer Schmidt, Dr. med. Lutz Koch, Robert Schneider, Dr. med. Ortwin Zais
SH04 „Darm" (Mikrobiota) - Sonderhefte - OM & Ernährung

Grüsse,
Oregano
 
Die einen essen gerne salzig, andere gerne eher salzlos. Bisher wurde Salz in der Ernährung vor allem in einem Zusammenhang mit Bluthochdruck gesehen.
Jetzt haben sich noch weitere Zusammenhänge ergeben, vorläufig bei der Forschung mit Mäusen:

... Laktobazillen gleichen schädliche Salz-Effekte aus

Zuviel Kochsalz in der Nahrung kann Bluthochdruck fördern und sogar den Krankheitsverlauf der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose negativ beeinflussen.
Nun zeigte Müller mit seinem Forschungsteam an Mäusen, dass ein Übermaß an Salz die Laktobazillen im Darm dezimiert. Gleichzeitig stiegen Blutdruck und die Zahl von Th17-Helferzellen. Diese Immunzellen stehen mit Bluthochdruck und Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose in Verbindung.

Erhielten die Tiere jedoch probiotische Laktobazillen zusätzlich zur salzreichen Nahrung, ging die Zahl der Th17-Helferzellen wieder zurück und der Blutdruck sank. Die Probiotika milderten auch die neurologischen Symptome von experimenteller autoimmuner Encephalomyelitis, einem Krankheitsmodell für Multiple Sklerose.

Damit identifizierten die Forscher das Mikrobiom als einen wichtigen Faktor für durch Salz beeinflusste Erkrankungen. Der Erstautor und ECRC-Wissenschaftler Dr. Nicola Wilck sagt: „Darmbakterien beeinflussen den Wirtsorganismus, außerdem ist im Darm das Immunsystem sehr aktiv.“
...
https://idw-online.de/de/news684621

Grüsse,
Oregano
 
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