Es war einmal - vor mehr als 60 Jahren

nicht der papa

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Ja den meine ich ja. "Nun Volk steh auf, und Sturm brich los". Grauenhaft.
Ganz offensichtlich wollten das die meisten Deutschen und die Aufforderung hatte ja auch große Begeisterung unter den Anwesenden ausgelöst. Zu groß war die Schmach aus dem vorangegangenen verlorenen Krieg mit den nachfolgenden Repressalien aus dem Versailler Vertrag.
Ich habe mich zeitweise sehr intensiv damit beschäftigt und denke, man kann das, was damals passierte, nur dann halbwegs verstehen, wenn man die ganze Situation betrachtet.
Dazu hatte ich mir auch mal eine der neu aufgelegten Zeitung aus der Zeit vor der Machtergreifung durch Hitler gekauft. Die große Armut, die hohe Arbeitslosigkeit, die wechselnden politischen Parteien. Selbst 14-jährige waren damals schon politisch sehr aktiv.

Es gab verschiedene schwerwiegende Umstände, die dazu geführt haben, dass es soweit kommen konnte. Und man darf nicht vergessen, von der Industrie, die davon profitierte, wurden Hitlers Vorhaben unterstützt.

Der Hass auf die Juden war dabei eine Sache, die schon vorher über Jahrhunderte geschwelt hatte.

Aber es war ja nicht nur der Krieg und die KZs, sondern auch die Art und Weise, wie das ausgeführt wurde.
Wie z.B., wie
- Millionen Menschen, nicht nur Juden, sondern auch Menschen fremder Nationen als billige Arbeitssklaven der Industrie gehalten wurden
- viele Menschen als Material für unethische Menschenversuche dienten
- viele Deutschen verrohten und Menschen denunzierten, um billig an deren Hab und Gut zu kommen (und dazu habe ich ein Video gesehen, dass ich niemals vergessen werde können)

Das war mit Kriegsende Vergangenheit, und war es doch nicht. Denn die Ärzte, Lageraufseher, Politiker, und Millionen anderer, die sich aus Überzeugung aktiv an diesem Krieg und seinen Auswüchsen beteiligt hatten, haben danach ja meist völlig unbehelligt einfach unter uns gelebt und soweit sie vorher hohe Posten hatten, hatten sie die danach in der neuen BRD auch. Es waren nur wenige, die eine Strafe erhielten und Einigen der Schlimmsten hat auch noch die Kirche zur Flucht ins Ausland verholfen.
Es ist doch völlig absurd und gleichzeitig so bezeichnend, wenn ein Brite, wie vor einigen Jahren passiert, das Drama seiner Familie recherchierte, und der verantwortliche Altnazi für die Vernichtung seiner Familienmitglieder bis dato völlig unbehelligt in einer hessischer Kleinstadt lebte. Wo wurde da in Wirklichkeit nach dem Krieg was aufgeklärt? Es wurde nur zugedeckt.

Es wurde so gut zugedeckt, dass man dem Polen Demjanjuk (sie haben manchen Polen damals das Angebot gemacht, anstatt im KZ gefangen gehalten oder erschossen zu werden, als KZ-Wärter zu arbeiten) als KZ-Wärter den Prozess gemacht hat. Einem Mann, der weil er mit einem anderen KZ-Wärter verwechselt wurde, bereits mehrere Jahre in Israel in Haft und mittlerweile krank schwer war. Den man aus den USA im Krankentransport hierher geflogen hat.
Zu dieser Zeit hat man viele Zeitungsartikel über den Prozess gegen Demjanjuk lesen können. Der Altnazis aus Hessen wurde zur gleichen Zeit entdeckt und war gerade mal eine Mininachricht in der Zeitung wert.

Von der ehemaligen DDR habe ich kürzlich gelesen, dass sich die Altnazis da unbehelligt treffen konnten. Und wer soll sie hier gehindert haben?

Das ist vielleicht das Schlimmste daran. Die Ideologie lebt in den Menschen weiter.
Eine Zeit lang habe ich gedacht, die Menschen mit dieser Ideologie sterben irgendwann alle aus. Doch eine Ideologie stirbt nicht aus. Sie ist heute stark wie nie.
Und ausgerechnet diejenigen, die heute das 3.Reich am Liebsten wieder auferstehen lassen würden, würden den Schuldkult, der uns daran erinnert, was die Deutschen an Verbrechen begangen haben, gerne löschen.

Was mich angeht, so denke ich nicht, dass die Sache bis heute wirklich aufgearbeitet wurde. Sie wurde damals totgeschwiegen und während man einerseits seit Jahren vieles veröffentlicht hat, wurde in gewisser Weise bis zum Schluss alles totgeschwiegen. Denn viele der Täter werden nicht mehr leben.
Warum machte man keinen öffentlichen Prozess gegen einen der deutschen Altnazis, aber einem Polen, der damals in einer Zwangssituation war, wird stellvertretend für die deutschen Naziverbrecher der große spektakuläre Prozess gemacht.
Für mich ist der öffentliche Umgang mit unseren Verbrechen aus der Nazizeit jedenfalls von Anfang bis Ende der totale Hohn, der mit dem Prozess Demjanjuk dann völlig auf die Spitze getrieben wurde.

Das Ganze wurde dann nur noch dadurch getoppt, dass wir, um Milliarden an Entschädigungszahlungen zu umgehen, keinen Friedensvertrag gemacht haben, sondern mit einem geschickten Vertragswerk unter Einwilligung der beteiligten Alliierten, die sicher entschädigt wurden, alle anderen geschädigten Länder noch mal kräftig gelinkt haben.:cool:
 
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"bis zur Vergasung" - das traue ich mich kaum zu schreiben hier.


Allerdings habe ich das selber gesagt in den Siebzigern, glaube ich, war das eine übliche Redenswendung. Ich habe es mir komplett und strikt damals abgewöhnt - und ich habe diese Redewendung auch glücklicherweise nicht mehr gehört. Seit Langem nicht mehr.....




auf dass wir stets aufmerksam sind - auch was die Sprache anbelangt.


Liebe Grüße,
 
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Felis hatte es ja schon verlinkt, mondvogel :)
daraus:
... kam kurz nach dem Ersten Weltkrieg auf und wurde zunächst vor allem von Soldaten, Schülern und Studenten verwendet.
denn ...
Nachdem im Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges vor allem an der Westfront von beiden Seiten Giftgas eingesetzt worden war, soll die Redewendung bei deutschen Soldaten erstmals gebräuchlich gewesen sein.
In der Soldatensprache ausgedrückt blieb man „bis zur Vergasung“ auf seinem Posten.
In gedruckter Form fand der Ausspruch unter anderem auf sarkastischen Feldpostkarten Verwendung.
 

Felis

"bis zur Vergasung" - das traue ich mich kaum zu schreiben hier.
........................................
auf dass wir stets aufmerksam sind - auch was die Sprache anbelangt.

Heute habe ich - in einem anderen Zusammenhang - etwas aus meinem Wortschatz entdeckt, das ich Gott sei Dank in der ganzen mir bekannten Fassung nie von mir gegeben habe, obwohl ich es von meiner Mum öfters gehört habe. Sie sagte das aber einfach nur manchmal "jemanden" nachsprechend, und in einem Ton, als würde sie ein freches Verslein aufsagen.

"Flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl".

Ich gab es unwissend und aus Scherz irgendwann an meinen Sohn weiter, mit dem Hinweis auf seine Radlerwaden. "zäh wie Leder, hart wie Stahl".
Es war mir bis heute nicht bewusst, wer die eigentliche Variante von sich gab.

Der Hier:


In unseren Augen muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.“
 
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Ich bin weiter davon überzeugt, daß auch heute noch das Dritte Reich nachwirkt. Und diese Nachwirkungen beziehen sich ja nicht nur "national" auf Deutschland sondern auf viele Ländern, die damals betroffen waren. Aber auch auf Länder und deren Bevölkerung, die inzwischen mit Kriegen zu tun haben, und das sind viele ...

Grüsse,
Oregano
 
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Obwohl die Schweiz im 2. Weltkrieg neutral war, spielte er dennoch für dieses Land eine Rolle und war schwierig.


... Vor 75 Jahren endet der Zweite Weltkrieg. Der Aufbruch in der Schweiz ist zögerlich: Zuerst müssen Altlasten entsorgt werden, dann zieht auch schon der Kalte Krieg auf. Einblicke in eine widersprüchliche Zeit. ...

Grüsse,
Oregano
 
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Was geschah denn nun vor 60 Jahren, also im Jahr 1960?
Hier kann man nachlesen:


Grüsse,
Oregano
 
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Durch einen anderen Thread, wo es um die Lagerung von Kartoffeln ging, kamen bei mir heute viele Kindheitserinnerungen wieder zum Vorschein.🙂

Die Kartoffeln kamen mit dem Pferdewagen, auch die Kohle und der Höhepunkt war immer der Pferdewagen, der Stangeneis für die ersten Kühlschränke brachte.
Auch an den Lumpensammler, den Scherenschleifer und Schrottmann erinnere mich ganz genau.

Für unseren Garten waren die "Pferdeäppel " als Dünger sehr gefragt. Sie zu organisieren war unsere Aufgabe und das sah so aus: Mein großer Bruder fuhr mit dem Fahrrad vorneweg und erkundete auf welcher Straße sie lagen und pfiff dann, mein mittlerer Bruder zog den Handwagen und ich, die Jüngste, musste oft zum Gespött anderer Kinder die Äpfel von der Straße sammeln. Oft gab es eine deftige Pferdeäpfelschlacht unter uns Geschwistern oder mit anderen Kindern, die uns nicht durch ihr Revier lassen wollten und uns auslachten.

Für mich kaum zu glauben, dass das vor mehr als 60 Jahren war....
 
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Da fällt mir auch das Stangeneis ein, das einmal in der Woche für das "Fliegenschränkle" auf dem kleinen Balkon geliefert wurde ...

Wir wohnten damals in einem drei-Familien-Haus mit einem Garten und einem Hinterhof, in dem ein Bildhauer seine Statuen baute (im dritten Reich war er zu einer relativen Berühmtheit gekommen, weil sein Stil gefiel. Nach dem Krieg ging es ihm und seiner Familie eher schlecht). Und der Hausbesitzer hatte seine Gipserei ebenfalls im Hinterhof, ,was unsere Mütter nicht unbedingt freute, weil wir öfters voller Gipsstaub nach Hause kamen, und das ohne Waschmaschine... An eienr Seite des Hofs wurden Kaninchen gehalten, neben den Ställlen machten wir "Spreissele" (Holzsplitter zum Anfeuern) für die Öfen.

Grüsse,
Oregano
 
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stangeneis hab ich nicht mehr kennengelernt (bin noch nicht ganz 70), auch normalverdiener hatten als ich klein war schon kühlschrank und waschmaschine usw., aber in der stadt, in der ich damals gewohnt habe, gab es noch einige ruinen und viele neubauten und beides war für uns (ich hab bis 11 immer mit älteren jungs gespielt, weil ich die mädchenspiele langweilig fand) super zum spielen und klettern.

überhaupt war es eine tolle zeit, weil es immer nur aufwärts ging. mehr wohlstand für alle, so daß auch normalverdiener sich fernseher und urlaubsreisen usw. leisten konnten.

und es gab zunehmende gleichberechtigung und viel mehr möglichkeiten bzgl. beruf und hobby für frauen und mädchen, die ich reichlich genutzt habe.


lg
sunny
 
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Doch, ich konnte es noch in meiner Kindheit sehen, auf welche Weise in einem Dorf Stangeneis von einem Kühlwagen abgeladen und in eine Gastwirtschaft zum Kühlschrank befördert worden ist.
 
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überhaupt war es eine tolle zeit, weil es immer nur aufwärts ging. mehr wohlstand für alle, so daß auch normalverdiener sich fernseher und urlaubsreisen usw. leisten konnten.

und es gab zunehmende gleichberechtigung und viel mehr möglichkeiten bzgl. beruf und hobby für frauen und mädchen, die ich reichlich genutzt habe.

Hallo sunny,
vor mehr als 60 Jahren hatten wir oft nicht genug zu essen und ich weiß noch genau wie sich Hunger anfühlt und von Wohlstand war lange nichts zu spüren. Normalverdiener? Meine Mutti war wegen uns Kindern (4) Jahre zu Hause und so sah es in vielen anderen Familien auch aus.

Ich sehe meine Mutti heute noch mit dem Waschbrett über der Zinkwanne und wie sie jeden Groschen umdrehen musste. Es hat sehr lange gedauert bis wir eine Waschmaschine hatten und Urlaub kannte meine Familie nicht.

Wir Kinder waren aber täglich bis abends draußen und das war wirklich eine tolle Zeit!!!!

Mal eine Frage sunny, du schreibst in deinen Beiträgen immer, dass du fast 70 Jahre alt bist und dachte, du hast bald Geburtstag. Darf ich dich fragen wie alt du bist?

Lieber gerold, wir standen schon immer wartend auf der Straße, wenn wir auf den Eishändler warteten, denn es musste schnell gehen, der Verkauf und dann das Raufbringen in den 4. Stock.

Liebe Grüße
 
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stangeneis hab ich nicht mehr kennengelernt (bin noch nicht ganz 70), auch normalverdiener hatten als ich klein war schon kühlschrank und waschmaschine usw., aber in der stadt, in der ich damals gewohnt habe, gab es noch einige ruinen und viele neubauten und beides war für uns (ich hab bis 11 immer mit älteren jungs gespielt, weil ich die mädchenspiele langweilig fand) super zum spielen und klettern.

überhaupt war es eine tolle zeit, weil es immer nur aufwärts ging. mehr wohlstand für alle, so daß auch normalverdiener sich fernseher und urlaubsreisen usw. leisten konnten.
Hallo sunny,

meine Oma arbeitete in einem Hotel. Manchmal durfte ich sie dort besuchen. Das muß um 1955 herum gewesen sein. Um das Bier kühl zu halten, wurde damals regelmäßiig Eis geliefert, das teilweise im Winter aus den Seen geschnitten wurde und dann zum Kühlen verkauft wurde. In dieser Zeit hatte im Bekanntenkreis meiner Eltern noch kaum jemand einen Kühlschrank und erst recht keine Waschmaschine. Da wurde noch in der Waschküche im Keller gewaschen, was ganz schön anstrengend war.
Ein Auto gab es auch noch nicht. Wir waren froh, daß die Oma uns schwere schwarze Fahrräder geschenkt hat.
Meine Eltern haben um 1960 herum eine Waschmaschine gekauft ... Mein Vater war kleiner Beamter.

Grüsse,
Oregano
 
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12.10.18
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vor mehr als 60 Jahren hatten wir oft nicht genug zu essen

das war wohl regional verschieden.

ich hab damals in einer rel. gr. stadt im rheinland gewohnt und da waren auch für normalverdiener (andere hab ich erst kennengelernt als ich mit 11 auf ein sehr elitäres gymnasium kam) fernseher, kühlschrank, waschmaschine, urlaubsreisen usw. völlig normal.

da meine mutter sehr krank war (auch aip), konnte sie nur halbtags arbeiten und die witwenrente war winzig, weil mein vater wegen ärztl. fehldiagnosen schon mit 25 gestorben ist und daher hatten wir zwar fernseher, kühlschrank und waschmaschine, aber die reisen in den ferien waren für mich fast immer aufenthalte bei verwandten, die ein paar hundert km entfernt wohnten und einmal eine jugendfreizeit im berg. land, die sehr billig, aber sehr schön und abenteuerlich war.


Darf ich dich fragen wie alt du bist?
es dauert keine 2 mon. mehr bis ich 70 bin und dann werden die leute noch erstaunter gucken, wenn ich sage wie alt ich bin. :)


lg
sunny
 

James

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Mir ist noch gut in Erinnerung, wie man Rübensirup oder wenn es möglich war Pflaumenmus im Waschkessel kochte, damit man was für´s Brot hatte. Bis der Jahresvorrat in Gläsern war, dauerte es ein paar Tage. Ich selbst betreute im Winter den Kanonenofen nach der Schule, der im Laden meines Großvaters stand und briet öfters Bratäpfel aus dem Garten. Mein erster "Nebenverdienst", denn etwas zum Essen war rar. Eines Tages ging ein Raunen durch die Belegschaft: Beim Fleischer gibt es Fleischsalat! Sofort wurde eine Verkäuferin delegiert sich dort in der Schlage anzustellen. Das Ergebnis war ernüchternd. Mehr als eine kleine Kostprobe war nach der Zuteilung nicht drin. Aber immerhin war das "mein erstes mal".
 
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24.10.05
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Diesbezüglich ist mir noch in guter Erinnerung, daß es in der Nachkriegszeit kaum Ärzte gegeben hat. Nur in Sonderfällen hat man den Praktischen Arzt aufgesucht, ansonsten kam in katholischen Orten eine Krankenschwester vom Elisabethorden, in evangelischen Orten eine Diakonisse jeweils mit ihrer großen Tasche ins Haus. Da war dann auch immer ein Irrigator sowie die Rizinusölflasche dabei - das gehörte in der damaligen Zeit einfach dazu.
 
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