Wissen im Gesundheitswesen

Paula3

Wie entsteht Wissen im Gesundheitswesen?

Einige Zitate

Deutsches Ärzteblatt: BK-Fortbildungskongress: Fächerbergreifendes Lernen für Ärzte unerlässlich
Mittwoch, 30. Januar 2013
Auf die Bedeutung der ständigen berufsbegleitenden Fortbildung hat die Bundesärztekammer (BÄK) …hingewiesen …„Dabei müssen Ärzte nicht nur im eigenen Fach, sondern auch in benachbarten Disziplinen den Stand der Wissenschaft kontinuierlich im Blick behalten“, betonte der Vize-Präsident der BÄK, Max Kaplan, der auch Vorsitzender des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung der BÄK ist.
Deutsches Ärzteblatt: Weiterbildung: Plädoyer für die evidenzbasierte Medizin
Dtsch Arztebl 2012
Die Weiterbildung in „wissenschaftlich begründeter Medizin“ bewerten Assistenzärztinnen und -ärzte durchweg schlechter als die in anderen Kernkompetenzen.
Deutsches Ärzteblatt: Weiterbildung: Ist die Bevölkerung damit zufrieden? (10.02.2012)
BRIEFE
Dtsch Arztebl 2012
Die Evaluation der Qualität der ärztlichen Weiterbildung hat eine hohe gesellschaftliche Bedeutung, da sich Patienten darauf verlassen können müssen, dass Ärzte in ihrem jeweiligen Fachgebiet kompetent weitergebildet werden.
Deutsches Ärzteblatt: Situation der Weiterbildung in Deutschland: Erkennen, wo der Schuh drückt (06.02.2009)
Dtsch Arztebl 2009
Die gefühlte Unzufriedenheit mit der ärztlichen Weiterbildung ist groß.
Deutsches Ärzteblatt: Patienteninformation: Navigieren durchs Gesundheits-Web (28.09.2012)
Dtsch Arztebl 2012
relevantes medizinisches Wissen in Form vergleichender Studien wird nahezu ausschließlich in Englisch produziert. Für nichtenglischsprachige Länder sei diese Sprachbarriere „eine ernsthafte Bedrohung für die Versorgung“, meint Prof. Dr. Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg, weil dadurch viele neue Erkenntnisse erst mit großer zeitlicher Verspätung die medizinische Praxis erreichten. Bei circa 20 000 vergleichenden Studien, die jährlich auf Englisch publiziert werden, vergrößert sich die Wissenskluft immer weiter, weil der Wissenszuwachs schlicht nicht verarbeitet werden kann.
... Antes zufolge wollen 80 Prozent der deutschen Ärzte keine englischen Artikel lesen. … „Deutschland hat den Anschluss bei medizinischer Wissensgenerierung und bei der Organisation der Wissensnutzung verloren“, lautet sein Fazit (2).

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Zugang zur medizinischen Datenbank: Mehr Lesefreiheit für Oberärzte! - Forschung und Lehre - FAZ

Zugang zur medizinischen Datenbank - Mehr Lesefreiheit für Oberärzte!

01.07.2013 Wenn der Doktor es genau wissen will: In Norwegen haben Ärzte und Laien jetzt offenen Zugang zu medizinischen Fachzeitschriften. Nun fordern deutsche Ärzte dieselben Rechte.

ZITAT Mediziner und Vertreter der Gesundheitsberufe [in Deutschland] kommen nur selten an die vollständigen Texte in medizinischen Fachjournalen heran.

ZITAT „Einige Leute haben sich damals zusammengesetzt“, beschreibt Kjell Tjensvoll bescheiden den unspektakulären Planungsbeginn der „Norwegian Electronic Health Library“ oder NEHL vor knapp einem Jahrzehnt. Es handelt sich um einen öffentlich finanzierten medizinischen Informationsservice von überragender Qualität. … Tjensvoll … erläutert, dass man lediglich eine norwegische IP-Adresse benötigt, um sich online von zu Hause aus oder am Arbeitsplatz die besten Quellen für medizinisches Wissen zu erschließen

ZITAT „Die Nutzung ist seit den Anfängen deutlich angestiegen …weiß Tjensvoll zu berichten. Allen voran nutzen Ärzte und Vertreter aus Gesundheitsberufen diesen elektronischen Wissensservice: Die letzte Erhebung zeigte, dass fünfunddreißig Prozent der Ärzte, und fast die Hälfte der Hausärzte sich mindestens einmal wöchentlich bei diesem kostenlosen elektronischen Wissensservice schlaumachen. Fast drei Viertel tun dies, um sich bei einer konkreten Frage zur Therapie eines Patienten auf den neuesten Stand zu bringen („Lancet“, Bd. 375). Inzwischen beraten die Norweger andere Länder, beispielsweise Schweden, wo ein ähnliches Projekt geplant ist.
ZITAT Hierzulande werden hingegen gestandene Oberärzte schon mal zu … Bittstellern, wenn sie an den Originaltext einer wichtigen medizinischen Studie herankommen wollen. Sie fragen zum Beispiel einen Studenten, der noch an eine Universitätsbibliothek Anbindung hat, ob er die Studie, die zu seiner Ausbildung hilfreich wäre, herunterladen kann. Denn der Oberarzt kann es oft nicht, ihm sind die digitalen Pforten zur Universitätsbibliothek im Zweifel verschlossen. usw.
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und ein aktuelles BUCH

Deutsches Ärzteblatt: Sapere aude! Wie entsteht Wissen im Gesundheitswesen? (17.05.2013)
Dtsch Arztebl 2013
Gerd Gigerenzer, J. A. Muir Gray (Hrsg.): Bessere Ärzte, bessere Patienten, bessere Medizin. Aufbruch in ein transparentes Gesundheitswesen. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2013, 388 Seiten, 39,95 Euro

„Sauberes Wasser war im 19. Jahrhundert die wichtigste Ressource für Gesundheit. Im 21. Jahrhundert ist dies „sauberes Wissen“. Wie entsteht Wissen im Gesundheitswesen? Wie wird es vermittelt? Wie wird es verstanden und umgesetzt? Eine hochkarätige Gruppe internationaler Wissenschaftler hat sich im Rahmen eines Seminars des Ernst-Strüngmann-Forums diese Fragen gestellt. Antworten findet man in diesem Buch wieder. Es beschreibt die außerordentlichen Möglichkeiten, die in der Hebung des Schatzes „Wissensbasierung“ für die Patientenversorgung liegen. Dazu gehören die Erfassung der tatsächlichen Bedürfnisse und Nöte von Patienten, die Grundlagen einer neuen systematischen medizinischen Wissenschaft, die insgesamt ihre Potenziale in der Versorgungsforschung, durch Outcome-Research oder Register, nutzt. Durch „sauberes Wissen“ werden Ärzte besser befähigt, zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen und damit ihrer Verantwortung für das Wohl und Wehe kranker Menschen besser gerecht zu werden.

Die dazu nötige Methodik, das Wissen und die bereits bestehenden Erfahrungen sind über den gesamten Globus verstreut und werden hier zusammengetragen. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Gebiet der „Health literacy“, also dem besseren Verständnis der medizinisch-wissenschaftlichen Aussagen. Die bestehende Unkenntnis über elementare Fakten, wie zum Beispiel den Unterschied zwischen absoluter und relativer Risikoreduktion, ist beunruhigend, aber vergleichsweise leicht lösbar. Dieses Buch hilft, mit besserem Wissen eine bessere Patientenversorgung zu gewährleisten, die sowohl einfacher als auch individueller gestaltet ist. Denn Patienten haben das Bedürfnis, mit ihren eigenen Problemen individuell behandelt zu werden, und dies gelingt dann, wenn Ärzte wissen, welche medizinischen Maßnahmen im Einzelfall tatsächlich einen Nutzen für die Patienten stiften und welche nicht.
Dieses Buch klärt im besten Sinne auf. Das „Sapere aude! – Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ nach Immanuel Kant (1784) wird hier wiedergeboren. … „ Günther Jonitz

Bücher von Amazon
ISBN: ISBN-10: 3941468820

Gerd Gigerenzer, J. A. Muir Gray (Hrsg.): Bessere Ärzte, bessere Patienten, bessere Medizin.

Mit Beiträgen von: G. Antes, H. Bastian, J. Bousquet, B. Bower, H. Brighton, H. Buchan, A. Coulter, D.A. Davis, M. Diefenbach, N. Donner-Banzhoff, G. Elwyn, M.A. Feufel, W. Gaissmaier, D. Ghersi, G. Gigerenzer, B. Goldacre, J.A. Muir Gray, M. Härter, R. Hertwig, G. Jonitz, D. Klemperer, K. Kolpatzik, J. Kreis, F. Légaré, W.-D. Ludwig, M. Mäkelä, T. Miron-Shatz, I. Mühlhauser, A.G. Mulley Jr., D.E. Nelson, N. Schmacke, G. Schott, J. Schulkin, H. Schünemann, L.M. Schwartz, D. Simon, R.S.W. Smith, D. Spiegelhalter, J. Steurer, O. Wegwarth, J.E. Wennberg, C. Wild, S. Woloshin, H. Wormer

Entgegen der allgemeinen Annahme besteht das Hauptproblem bei der gerechten Verteilung von Gesundheitsleistungen nicht in einem Mangel an Geldmitteln, sondern es fehlt an Wissen sowohl auf der Seite der Ärzte als auch der Patienten!

Die Autoren zeigen auf, dass viele Ärzte und die meisten Patienten die verfügbaren Informationen zur Diagnostik und Therapie von Krankheiten nicht verstehen. Besonders in dem zentralen Thema der Risiko-Nutzen-Relationen von medizinischen Untersuchungen oder Behandlungen sind viele Ärzte wahre Risiko-Analphabeten. Dieses fehlende Verständnis ist besonders fatal, da das Marketing für Untersuchungs- und Behandlungsverfahren genau diesen Umstand ausnutzt und sich häufig auf irreführende Statistiken stützt. Das hat zur Folge, dass beispielsweise Millionen damit verschwendet werden, dass an Frauen, denen die Zervix entfernt wurde, weiterhin Pap-Abstriche zur Krebsfrüherkennung durchgeführt werden. Und die Strahlenbelastung durch die übermäßige und oft unnötige Nutzung von CTs führt jedes Jahr zu Zehntausenden neuen Krebserkrankungen.

Die Autoren dieses Werkes beleuchten auch die Ursachen dieser Entwicklungen: Zum einen werden die Schwerpunkte in der medizinischen Forschung häufig mit profitorientiertem Blick auf sogenannte Blockbuster-Medikamente von der Industrie selbst gesetzt, während die Ausbildung der Ärzte oft nicht ausreicht, wissenschaftliche Ergebnisse einzuordnen. Hinzu kommen Interessenskonflikte, die zu irreführender Berichterstattung in medizinischen Zeitschriften, in Patientenbroschüren und den Medien führen. Und schließlich fühlen sich viele Ärzte aus Angst vor dem Patienten als möglichem Kläger zu defensiver Medizin genötigt und führen unnötige MRTs oder CTs durch oder verschreiben Medikamente, die dem Patienten am Ende mehr schaden als nutzen.

Doch es geht den Autoren nicht darum, einzelne Industriezweige, Politiker oder Ärzte an den Pranger zu stellen. Stattdessen analysieren sie ein System, das nicht immer das bestmögliche Ergebnis für den Patienten zum Ziel hat und zeigen konkrete Verbesserungsmöglichkeiten auf: Wie kann Forschungsfinanzierung transparent und patientenorientiert gestaltet werden? Welchen Richtlinien können Journalisten folgen, wenn sie über Gesundheitsthemen berichten? Wie kann die medizinische Ausbildung verbessert werden?

Antworten auf diese Fragen weisen den Weg zu einem aufgeklärteren Gesundheitssystem, in dem Ärzten und Patienten aus Forschungsergebnissen die richtigen Schlüsse ziehen können und mit informierten Entscheidungen eine bessere medizinische Versorgung möglich machen.
 

Clematis

Hallo Paula,

vielen Dank für diesen ausführlichen Beitrag!
Über die Tatsache, daß aktuelle und fundierte Informationen zu gesundheitlichen Fragen oftmals nur in englisch verfügbar sind, habe ich mich schon oft geärgert. Hinzu kommt, daß im deutschsprachigen Netz etwa Studien, Kritik an Medikamenten bzw. deren detaillierte Beschreibungen oftmals als "Geheimsache" behandelt werden. Man findet sie dann aber häufig im englischen Bereich. Da wundert es nicht, daß selbst Oberärzte Probleme haben Zugang zu Studien zu bekommen.

Bei der Beurteilung von Studien und ob sie tatsächlich die Aussagen lieferten, die dann in einer Zusammenfassung genannt werden, braucht man eben mehr als die Zusammenfassung. Man braucht die eigentlichen und detaillierten Zahlen und diese vollständig. Denn was später in Prozenten ausgedrückt sehr schön aussieht, kann in absoluten Zahlen völlig anders aussehen. JEDER Arzt muss Zugang zu diesen Daten haben. Auch für Laien sind verfälschte Zahlen häufig erkennbar, für Imformatiker, Mathematiker, Statistiker sowieso.

Was die von Ärztekammern und Gesundheitsministerium anerkannten, von Heilpraktikerverbänden usw. angebotenen bzw. empfohlenen Weiterbildungen angeht, so werden diese allzu häufig von Pharmafirmen organisiert - steht etwa Diabetes als Krankheit als Thema fest, dann wird sehr viel Zeit des Lehrgangs damit vertan, daß die Pharmazeutika und deren Wirkungen im Vordergrund stehen und nicht etwa die Diabetes und zahlreiche unterschiedliche Behandlungsmethoden. Die Weiterbildung kommt hier entschieden zu kurz.

Diese Seite fand ich kürzlich und dachte: Fein - endlich ein Portal, bei dem für alle diese wichtigen Informationen zur Verfügung stehen! Doch weit gefehlt:

compendium.ch
Willkommen bei compendium.ch, dem neuen Webauftritt des Arzneimittel-Kompendiums!
Viele neue Daten und Funktionen wie Interaktionscheck, Identa, compendium updates und Integration von Spitallisten sind nun verfügbar. Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen. Der Zugang zu compendium updates und Interaktionen ist vorerst frei; zu einem späteren Zeitpunkt wird eine Anmeldung via Swiss-Rx-Login nötig sein.
Das bedeutet wohl nichts anderes, als daß Patienten der Zugang versperrt werden wird und nur Therapeuten Zugang haben sollen. Wer derzeit Medikamenteninformationen sucht, sollte diese dort SOFORT abfragen, bevor der Zugang gesperrt wird. Die Informationen dort sind sehr gut...

Beim Arzneimittel-Telegramm kann man als Laie so manche Information abrufen. Doch die meisten Beiträge sind gesperrt und nur Fachabonnenten zugänglich. Warum wird dieses Wissen nicht öffentlich gemacht? atd

Zum Ärzteblatt 2012, wie von Dir zitiert:
Auf der anderen Seite gibt es Versuche, die Informationsflut aus englischsprachigen Fachzeitschriften in deutscher laienverständlicher Sprache online zu präsentieren.
Das kann manchmal weiter helfen, doch sind diese Übersetzungsversuche kritisch zu sehen, weil sie meist stark verkürzt werden, wichtige Details nicht enthalten und je nach dem, wer die Übersetzung macht, sogar noch verfälscht sein können. Das ist bei den Wikipedia-Versionen sehr gut zu beobachten - vergleicht man deren Aussage sorgfältig mit den Originalen stößt man sehr schnell auf Ungereimtheiten. Ähnliches geschieht auch bei anderen Seiten. Besondere Vorsicht ist bei Google-Übersetzer geboten, der Aussagen meisterlich verdrehen kann.

Das norwegische Projekt weist in die richtige Richtung und Schweden wird dem Beispiel sicherlich bald folgen. Doch ich bezweifele, daß ein derartig offenes Informationssystem in Deutschland Einzug halten wird, denn es führt auch dazu, daß negative Berichte und Studien, etwa zu Medikamenten offen gelegt werden und dagegen wird die in D besonders starke Pharmalobby, massiven Protest einlegen. Vielleicht kann es in der Schweiz eingeführt werden, weil die Bevölkerung hier mehr Mitspracherechte genießt und über das Netz könnten dann auch Bürger aus Österreich und Deutschland Zugang bekommen. Da können wir nur hoffen...

Zu dem Buch:
Doch es geht den Autoren nicht darum, einzelne Industriezweige, Politiker oder Ärzte an den Pranger zu stellen. Stattdessen analysieren sie ein System, das nicht immer das bestmögliche Ergebnis für den Patienten zum Ziel hat und zeigen konkrete Verbesserungsmöglichkeiten auf: Wie kann Forschungsfinanzierung transparent und patientenorientiert gestaltet werden? Welchen Richtlinien können Journalisten folgen, wenn sie über Gesundheitsthemen berichten? Wie kann die medizinische Ausbildung verbessert werden?

Antworten auf diese Fragen weisen den Weg zu einem aufgeklärteren Gesundheitssystem, in dem Ärzten und Patienten aus Forschungsergebnissen die richtigen Schlüsse ziehen können und mit informierten Entscheidungen eine bessere medizinische Versorgung möglich machen.
Es ist zwar lobenswert, daß die Autoren niemanden an den Pranger stellen wollen. Leider bedeutet das aber auch, daß sie den Kern des Problems umgehen.

Zu den von mir unterstrichenen Fragen wären die wichtigsten Antworten:

Zur ersten Frage: Wie kann Forschungsfinanzierung transparent und patientenorientiert gestaltet werden?
Das kann nur gelingen, wenn der Lobbyismus der Pharma stark eingeschränkt bzw. verboten würde. Auch da hat die Pharma viel zu viel Einfluß. Die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Forschung ist bereits abhanden gekommen. Um dies positiv zu beeinflussen, müssen Forschungsabteilungen der Universitäten wieder vom Staat selbst gefördert und die Annahme von Geldern aus anderen Quellen verboten werden.

Zur zweiten Frage: Welchen Richtlinien können Journalisten folgen, wenn sie über Gesundheitsthemen berichten?
Die Journalisten sind hier nicht die eigentlich Verantwortlichen, sie sind eher widerwillige Mitläufer. Verantwortlich sind vielmehr die Medienkonzerne, für die sie arbeiten und die Berichterstattung steuern. Weiteres Kriterium: So lange die Medien von der Anzeigenschaltung der Pharma abhängig sind, um finanziell überleben zu können, wird sich hier nichts ändern lassen.

Zur dritten Frage: Wie kann die medizinische Ausbildung verbessert werden?
Das gelingt nur, wenn auch hier die Ausbildung ohne Einflußnahme, Zuschüsse usw. der Pharma unabhängig wird und diesem Industriezweig kein Mitspracherecht bei der Wahl der Unterrichtsthemen, Ausbilder usw. eingeräumt wird. Der große Ausbildungsschwerpunkt Pharmakologie - also die Präsentation der Medikamente, muß auf das rechte Maß eingeschränkt werden und andere medizinische Themen wieder in den Vordergrund rücken.

Da hier Entscheidungen zur Verbesserung der Situation durch die Politik und Gesetzgebung das wichtigste Element sind, schließt sich der Kreis: der Lobbyismus muss verboten bzw. stark eingeschränkt werden. Gesetze dürfen nicht mehr von den betroffenen Industriezweigen formuliert werden usw. usf. Abgeordneten muß untersagt werden Spenden jeglicher Art anzunehmen, für die Industrie in jeglicher Form tätig zu werden. Sie werden ja fürstlich entlohnt, gerade weil sie unabhängig bleiben und solche Tätigkeiten nicht ausführen sollen.

Der Kooperationsvertrag, den BAYER mit der Kölner Universität abschloß, dessen Inhalte der Öffentlichkeit nicht bekannt gegeben wurden, liefert ein Paradebeispiel für den Mißbrauch einer Universität zugunsten eines Pharmariesen. Siehe hier: CBG - Uni-Kooperationen der BAYER AG

Gruß,
Clematis
 
Beitritt
22.07.13
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Das Buch "Wo ist der Beweis?"

Wo ist der Beweis?: Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin: Amazon.de: Imogen Evans, Hazel Thornton, Iain Chalmers, Paul Glasziou, Karin Beifuss: Bücher

ist jetzt bis auf Unterkapitel hinunter gegliedert auf der Webseite

Testing Treatments interactive

oeffentlich zugaenglich.


Damit wird eine enorme Luecke an guten deutschprachigen erklaerenden Texten in diesem Themenfeld verkleinert.

In Aus-, Fort- und Weiterbildung kann vor allem auch in EDV-gestuetzten Kursen direkt auf einzelne Kapitel oder Beispiele
verlinkt werden.
Z. B. bzgl. des Innovationshypes auf das Kapitel "Neu - aber auch besser?"

1. Neu

oder bzgl. der missratenen "Vorsorge"-Debatte auf das Kapitel "Frueher ist nicht zwangslaeufig besser"
4. Früher ist nicht zwangsläufig besser - Wo ist der Beweis? Testing Treatments interactive - Deutsch » Wo ist der Beweis? Testing Treatments interactive - Deutsch

Bei letzterem ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel das Neuroblastom - Screening bei Kindern
Lehren aus dem Neuroblastom-Screening - Wo ist der Beweis? Testing Treatments interactive - Deutsch » Wo ist der Beweis? Testing Treatments interactive - Deutsch

an dem man alle Tuecken falscher Weisheiten bzgl. Screening erkennen kann. Das ist uebrigens auch eins der wenigen
Beispiele, zu denen aus Deutschland entscheidende Beitraege kamen.


Ein wesentlicher Wert der Webseite ist neben den allgemeinen Aussagen vor allem die Fuelle an Beispielen, von denen
viele in Deutschland nicht bekannt sind.


Mit besten Gruessen Gerd Antes
 

Clematis

Hallo Gantes,

vielen Dank für den Hinweis auf dieses Buch! Nachdem ich einige Kapitel gelesen habe, möchte ich es meinerseits jedem empfehlen, denn es hilft auch Patienten, Informationen, die öffentlich zugänglich sind besser einzuschätzen bzw. zu hinterfragen.

Herzliche Grüße,
Clematis
 

Clematis

Hallo,

Bayer versucht schon seit Jahren Aspirin als Krebsvorsorge zu vermarkten, was die Umsatzzahlen natürlich in die Höhe schnellen ließe. Nun wird dieser Versuch sogar über DocCheck "vermarktet", obwohl Bayer eben wegen dieser Aussage in den USA zu einer Werbekampagne verurteilt wurde, die diese Wirkung öffentlich verneint.

„Dieser betrifft hauptsächlich weiße Männer mittleren Alters“, so Maley. Ein Barrett-Ösophagus entwickle sich aber nur selten zu Speiseröhrenkrebs. Studien deuten darauf hin, dass das Risiko für die Ausbildung eines Adenokarzinoms, des sogenannten Barrett-Karzinoms, auf Boden eines Barrett-Ösophagus zwischen 0,12 und 1,5 Prozent pro Patientenjahr liegt. Weitere Studien hatten gezeigt, dass die Einnahme von NSAIDs dieses Risiko signifikant reduzieren kann. Die Gewebeproben von 11 der 13 Patienten zeigten, dass die Mutationsrate durch die Einnahme von ASS um das 10fache abnahm. Ein Patient, bei dem dies nicht der Fall war, erhielt im Verlauf der Studie die Diagnose Speiseröhrenkrebs. „Wahrscheinlich wirkt ASS nicht bei allen Menschen gleich“, vermuten die Studienautoren als Grund dafür. Eine Studie mit mehr Probanden könnte diese Frage klären.
Unser täglich ASS gib uns heute - Newsletter: DocCheck News - DocCheck-News - DocCheck News
Dieser Bericht zeigt deutlich wie hier mit Fallzahlen und Prozentzahlen jongliert wird, deren Bezugsgrößen nicht genannt werden. Zudem geht diese Aussage "Ein Barrett-Ösophagus entwickle sich aber nur selten zu Speiseröhrenkrebs" völlig unter. Die Gefahr, daß sich dieser Krebs überhaupt entwickelt ist also sehr gering, dennoch und trotz ASS-Behandlung (oder deswegen?) entwickelte einer von 13 Patienten diesen Krebs!!! Seltene Krebsarten entwickeln sich bei 10.000 Personen vielleicht ein- oder zweimal oder gar nicht. Wenn hier einer von 13 befallen wurde, dann ist das, soweit überhaupt beweiskräftig, für Aspirin jedenfalls eine absolut negative Aussage.

Metastudien, die Ergebnisse vieler Studien zusammen fassen, sind ohnehin fragwürdig, weil jede Studie anders angelegt ist und jede auch irgendwelche Mängel aufweist, die bei der Auswertung nicht berücksichtigt werden. Lancet - vollkommen von den Anzeigenschaltungen der Pharma finanziell abhängig - hat sich zudem schon öfter als willfähriges Medium der Pharma erwiesen.

Dieser ganze reißerisch aufgemachte Artikel, mit einem völlig geschmacklosen und irreführendem Bild, wirft mehr Fragen auf als er beantwortet.

Es wurden schon hunderte Male Medikamente und Impfungen gegen Krebs angekündigt, die Aktienkurse der beteiligten Firmen schnellten hoch, von den Ankündigungen hörte man danach nie wieder etwas. Einziges Ergebnis: wer bei hohen Preisen seine Aktien verkauft, macht riesige Gewinne!

Umso wichtiger ist das Buch: "Wo ist der Beweis".

Gruß,
Clematis
 

Paula3

Oh, Herr Antes!

Willkommen.

Vielen Dank für den Hinweis auf dieses Buch und vor allem diese Internetseite.


Wenn man krank ist, ist die Situation, von der hier die Rede ist, ganz besonders schlimm und man kann sich nur annäherungsweise damit beschäftigen, sonst verliert man den Verstand. Für viele Patienten bedeuten die auch von Ihnen immer wieder angemahnten Versäumnisse vernichtete Lebensmöglichkeiten.

Es ist nicht mehr zu übersehen: immer weniger Kranken wird mit diesem System geholfen. Krankheiten werden nicht ursächlich in ihrer Entstehung behandelt. Neues Wissen wird in nur sehr geringem Umfang in die Behandlung integriert, und wenn, dann dauert es oft 10 oder auch 20 Jahre, bis etwas in den Niederungen der Praxen ankommt. Viel Forschung geht an dem, was Patienten heute benötigen, vollkommen vorbei usw. usw.

Ich weiß gar nicht, wie das ist: Darf man eigentlich in der Privatmedizin „alles“ machen, außer natürlich man bringt jemanden um?

Was ich wahrnehme ist jedenfalls, daß sich in den letzten 20 Jahren immer mehr Ärzte GEZWUNGEN sahen, und der Trend ist anhaltend, privatmedizinisch zu arbeiten, weil es NUR DORT einen „Freiraum“ zu geben scheint, neue Therapieansätze in die Behandlungen zu integrieren. Dabei schöpfen viele dieser Ärzte nicht aus „dem Blauen“, sondern beziehen sich auf eine Mischung aus Studien aus dem Ausland, Berichten aus der Grundlagenforschung, Erfahrungen Anderer, ja und auch Promotion von Firmen. Also auch hier keineswegs eine transparente Situation, vielleicht sogar die am wenigsten transparente. Und dazu extrem ungerecht, immer ungerechter.

Wenn ich allein zahlreiche Beiträge hier im Forum ansehe, wie verzweifelt Viele sind, wie händeringend kompetente Ärzte gesucht werden, wie Patienten keine Mühen scheuen, wie sie durch die Republik reisen, nur um einen weitergebildeten, am Patienten orientierten Arzt zu finden – das ist erschütternd. Und das, wie man auch an diesem Forum sehen kann, obwohl viele dieser Patienten alles tun, was man nur selber tun kann, weit mehr als was das Gesundheitssystem fordert, oder die i.d.R. lächerlichen Präventionsprogramme der Krankenkassen. Von erstaunlichem Wissen über Ernährung und entsprechendem Verhalten bis zu Spezialwissen aus z.B. englischsprachigen Büchern und Veröffentlichungen. Wie es ein Arzt kürzlich formulierte (frei aus dem Gedächtnis wiedergegeben):

„And these people are motivated! They come here glutenfree, they are dairyfree, they get their 8 hours of sleep, they do trained exercise, they are eating the purest diet, they don’t watch bad movies on TV, … … they are doing sauna, colonics …. I mean, they do everything.”

Und trotz dieser ganzen Vorleistungen werden sie in diesem System hoffnungslos allein gelassen, abgespeist mit zynischen Sätzen wie „So gute Blutwerte wie Sie möchte ich auch mal haben!“ Das ist so grotesk. Engagierte, informierte Patienten sind in diesem Land besonders schlecht dran, denn sie wissen, was sein könnte, daß es Möglichkeiten gäbe … Aber wenn der Arzt überhaupt keinen einzigen Parameter untersucht, in dem die Pathologie überhaupt zu finden wäre, ja was bleibt dem Patienten dann anderes übrig als sich zum ach so verpönten „Arzt-Hopping“ aufzumachen!

Ich könnte mit den Absurditäten fortfahren. Es ist einfach so schwer zu verstehen, warum sich nichts ändert. Es gibt so viele grundlegende Probleme, und es gibt sie schon so lange, angefangen davon daß immer weniger ursächlich behandelt wird, bis dahin, daß Ärzte scheinbar verlernt haben, daß der Organismus als ein Ganzes funktioniert. Aber der Kardiologe sieht nur „das Herz“ ohne z.B. an die Schilddrüse zu denken, die Schilldrüsenärzte sehen nur „die Schilddrüse“ und vergessen die Nebennieren, obwohl beide in enger Verbindung stehen und unzählige Körperaspekte beeinflussen. Man kann einfach nicht glauben, daß sich nichts ändert.

Wenn ich von den Patienten spreche, ist das nicht anonym, ich bin eine von ihnen.

Viele Grüße,

Paula
 
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Clematis

Hallo,

ich habe das Buch "Wo ist der Beweis" nun gelesen und muß leider feststellen, daß die gleiche Kritik, die ich zu dem Buch von Gigerenzer zu Punkten 1) bis 3) unten geschrieben habe auch hier zutreffend ist. Politische und juristische Aspekte werden komplett ausgeklammert, Lobbyismus nur am Range erwähnt und die Pharmaindustrie wird mit Glacéhandschuhen angefaßt.

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Durchführung zuverlässiger und ehrlicher Studien. Im Prinzip ein ehrenwertes Ziel. Doch die Art, wie sich die Autoren das vorstellen ist dann doch höchst merkwürdig. Die Verantwortung dafür wird den Ärzten und Patienten zugeschoben. Die Pharma dabei kaum benannt und wenn, dann nur äußerst "feinfühlig".

Patienten sollen sich für Studien zur Verfügung stellen und gemeinsam mit ihren Ärzten dafür sorgen, daß die 1001 Fragen, formale, wie, was usw. richtig berücksichtigt werden. Ich stelle mir gerade einen Patienten vor, dem vor zwei Wochen ein großer Tumor operativ entfernt wurde, derzeit mit Chemotherapie und Bestrahlung behandelt wird und deswegen erschöpft, ausgelaugt, zu nichts fähig, ängstlich, deprimiert ist. Dieser Patient soll dann seinen Arzt um Aufnahme in eine Studie bitten und wie beschrieben an ihr mitarbeiten? Eine derartige Forderung ist reiner Zynismus! Zusätzlich riskiert er während der Studie mit einem völlig unerprobten Medikament behandelt zu werden, das ihn sein Leben kosten kann.

Eine Studie zu Prostatakrebs wird beschrieben, für die nicht genügend Teilnehmer gefunden werden konnten. Man ging dann daran das diesbezügliche Gespräch zwischen Studienwerberarzt und den Verweigerern anders zu formulieren, um mehr Zustimmung zu erreichen. Das ist die schlimmste Form der Manipulation, die ich mir vorstellen kann.

Der Eindruck, daß es bei dem Buch um eine Werbekampagne geht, die darauf abzielt mehr Teilnehmer für Studien zu gewinnen, verdichtete sich bei mir immer mehr. Schon heute geht Pharma nach Afrika und Indien, um dort ihre Studien durchzuführen, wobei sie ganze Hundertschaften umbringt, weil sie in den Industrieländern nicht genug Teilnehmer findet. Das soll mit diesem Buch wohl geändert werden. Wurde das Buch deshalb kostenlos zur freien Verfügung ins Netz gestellt?

Sicher, es wird viel Kritik an Studien geübt, und das stimmt soweit auch alles. Doch die wirklich Verantwortlichen für Manipulation, Verschweigen von Nebenwirkungen usw. usf. werden selten und dann nur mit schönen Worten benannt.
Seite: 225f Die selektive Berichterstattung von Forschungsergebnissen kann zu schwerwiegenden systematischen Fehlern führen. Einige «negative» Studien kommen niemals zur Veröffentlichung, weil ihre Ergebnisse den Erwartungen der Studienleiter oder Sponsoren nicht entsprechen. Ohne die Veröffentlichung eines Studienberichts, der über die Studie Auskunft gibt, verschwinden diese Studien aber von der Bildfläche, ohne die geringste Spur zu hinterlassen.8 Zudem kann es vorkommen, dass selektiv über die Ergebnisse von veröffentlichten Studien berichtet wird, d. h., dass einige Ergebnisse von der Veröffentlichung ausgeschlossen werden, weil sie für die untersuchte Therapie nicht so «positiv» oder günstig ausfallen.9 Es mussten schon Patienten leiden und sterben, weil Forschungsberichte über die Wirkungen von Therapien verzerrt wiedergegeben wurden. Deshalb ist eine solche Vorgehensweise sowohl unethisch als auch unwissenschaftlich.
Unethisch??? Unwissenschaftlich??? Das richtige Wort für dieses Verschweigen ist wissentlicher, vorsätzlicher Mord aus Profitgier, denn sie kennen die Folgen ihres Handelns ganz genau und tun es trotzdem. Die Toten und lebenslänglich Erkrankten aufgrund dieser Handlungsweise sind der Pharma schnurz-piep-egal! Dafür vergeben Gerichte normalerweise die schärfsten Strafen, noch höhere als bei einem Mord im Streit oder Affekt, d.h. wenn es einen von uns hier beträfe. Die Pharma darf das jedoch sogar hundert- und tausendfach - völlig straflos!!!

Über diese Schönfärberei habe ich mich derart geärgert, daß ich erst mal einen Tag verstreichen ließ, bevor ich diesen Kommentar schreibe. Der nächtliche Regen half mir beim Abkühlen etwas, aber meine Empörung ist geblieben.

Das 13. und letzte Kapitel läßt mich an den berüchtigten schwarzen Freitag, den 13. denken. Und wieder wird Patienten und Ärzten die Verantwortung zugeschoben:
Seite 227: 1. Das Allgemeinwissen über die Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Therapieeffekten verbessern
Eine Bedingung für den Wandel besteht in einem stärkeren Bewusstsein der Öffentlichkeit dafür, inwieweit die Belege für die Effekte von Therapien durch systematische Fehler und Zufallsfaktoren ernsthaft verzerrt sein können. Eines der wichtigsten Kennzeichen wissenschaftlicher Untersuchungen – und zwar die Erkennung und Minimierung von systematischen Fehlern – gehört heutzutage nicht wirklich zum «Allgemeinwissen». Daher bedarf es größerer Anstrengungen, um diese wichtigen Verständnislücken zu füllen und diese Begriffe in den allgemeinen Bildungskatalog aufzunehmen, und zwar schon in der Schule.
Auch hier kein Wort zu den bewußten Manipulationen! Diese Forderung wäre völlig überflüssig, wenn da angesetzt würde, wo die falschen Darstellungen herkommen. Jetzt soll klein Fritzchen lernen, wann und wie die hochstudierten Piefkes die Zahlen und Daten fälschten? Wo leben die Autoren eigentlich? Wie wäre es stattdessen die Pharma wortstark, unter Androhung schwerer Strafen, zur Ehrlichkeit zu erziehen?

Und wieder sollen es die Kranken sein, die aktiv werden! Meine Anmerkungen jeweils in blau:
Seite 231f: Ein Aktionsplan: Was Sie selber tun können
• Identifizieren Sie Fragen zu Therapieeffekten, die Ihnen wichtig sind.
• Lernen Sie Unsicherheiten erkennen. Sagen Sie Ihre Meinung. Stellen Sie Fragen, und verlangen Sie ehrliche Antworten.
• Scheuen Sie sich nicht, Ihren Arzt danach zu fragen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, was passieren könnte, wenn Sie sich für eine bestimmte Therapie entscheiden, UND was passieren könnte, wenn Sie das nicht tun.

Angesichts der Tatsache, daß man beim Arzt generell kaum Gelgenheit bekommt überhaupt seine Symptome zu schildern, geschweige denn Fragen zu stellen, sind diese drei Forderungen Phantasterei. Die Autoren waren mit Sicherheit noch nie als Kassenpatient bei einem Arzt, wo im Wartezimmer noch weitere 30 Patienten auf Behandlung warten.
(...)
• Bewahren Sie sich eine gesunde Skepsis gegenüber unbegründeten Behauptungen und Medienberichten über «therapeutische Durchbrüche» und gegenüber der Art und Weise, wie die Medien mit «Zahlen» umgehen – vor allem mit großen Zahlen in den Schlagzeilen!
• Misstrauen Sie Therapien, die Ihnen oder Ihren Angehörigen angeboten werden und die auf Überzeugungen und Dogmen gründen, aber nicht durch verlässliche Evidenz untermauert sind.

Und wie bitte soll ein Patient das erkennen können? Soll er/sie bevor er krank wird noch schnell ein Medizin-, Statistik-, Forschungstudium absolvieren?
• Hüten Sie sich vor unnötiger «Krankheitsetikettierung» und übermäßiger Diagnostik (s. Kap. 2 und 4). Finden Sie heraus, ob die fragliche Krankheit für Sie mit einem hohen oder niedrigen Risiko verbunden ist. Fragen Sie nach, was passieren würde, wenn eine Behandlung nicht sofort eingeleitet würde.

Wer in Deutschland bei Ärzten nicht "folgsam" ist, zu viele unbequeme Fragen stellt, wird als Querulant oder Psychofall deklariert und schnell zur psychiatrischen Behandlung abgeschoben. Ärzten sind solche Frager nur lästig, ihr erstes Ziel ist, sie los zu werden. Nicht alle Ärzte sind so, aber viel zu viele, wie man an den Fragen und Leidenswegen hier im Forum unschwer erkennen kann.
• Erklären Sie sich zur Teilnahme an einer klinischen Studie nur unter der Bedingung bereit, dass 1. die Studie registriert und das Studienprotokoll öffentlich zugänglich gemacht wird, 2. im Studienprotokoll Bezug auf systematische Übersichtsarbeiten zur vorhandenen Evidenz genommen und dadurch nachgewiesen wird, dass die Durchführung der Studie gerechtfertigt ist, und 3. Ihnen schriftlich versichert wird, dass die vollständigen Studienergebnisse veröffentlicht und an alle Teilnehmer verschickt werden, die den entsprechenden Wunsch äußern.

Wenn man schon krank ist, ist es eine Zumutung zu verlangen, sich einer Studie anzuschließen, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen und sich durch Erprobung völlig unbekannter Medikamente noch zusätzlich zu gefährden. Die Forderungen 1-3 kann man ja stellen, doch wenn die Studienergebnisse der Pharma nicht gefallen, wandern sie trotzdem in deren Tresor. Da können Patienten dann bis zum St. Nimmerleinstag klagen und bekommen trotzdem keine Kopie, weil sich die Pharma vor Gericht damit herausredet, die Daten fielen unter das Geschäftsgeheimnis. Selbst IQWIG bekommt solche Daten nicht.
• Unterstützen Sie Ärzte, Wissenschaftler, Forschungssponsoren und andere, die bemüht sind, Forschungsprojekte zu fördern, die sich mit unzureichend beantworteten Fragen zu Therapieeffekten, die Sie selbst als wichtig erachten, auseinandersetzen, und arbeiten Sie mit ihnen zusammen.

Als wenn die hier genannten Gruppen an unseren Informationen interessiert wären! Patienten, die es versuchen werden höchstens abgewimmelt. Nennt man einem Arzt eine Nebenwirkung - wiegelt er ab oder erklärt einen für doof. Wissenschaftler und Forscher wollen gar keine kritischen Anmerkungen. Ohne fühlen sie sich in ihrem Elfenbeinturm wohler. Daß einer dieser Herren oder Damen die Scheuklappen ablegt, weil ihnen ein Bürobote sagt, daß ihr Medikament nichts taugt, weil es diese und jene Probleme aufwirft, das möchte ich mal erleben! Nichts gegen Boten - sie üben einen ehrenwerten Beruf aus!
• Treten Sie für eine breitere Aufklärung über die Auswirkungen von
systematischen Fehlern (Bias) und Zufallsfaktoren ein, und nehmen Sie über Ihren gewählten politischen Vertreter und andere Einfluss, damit dies – und zwar schon ab der Grundschule – in die schulische Bildung aufgenommen wird.

Na prima, wieder sollen es die Patienten richten, am besten melden wir uns gleich allesamt zu einem Medizinstudium an, denn sonst hört uns niemand von ihnen an. Laien, auch ausgezeichnet informierte, sind doch nur lästig, werden von den "Fachleuten" für Spinner gehalten, diffamiert und in den Dreck gezogen, das kann sogar hochqualifizierten Ärzten passieren, wenn sie eine abweichende Meinung haben. Extrem auffällig ist, daß bei diesen Punkten niemals die Pharma zu Ehrlichkeit, umfassender Information, Werbung mit nachvollziehbaren und wahren Zahlen usw. aufgefordert wird. Da ich den Autoren nicht abnehme so blauäugig zu sein, wie sie tun, spielen hier offenbar ganz andere als die dargelegten Motive eine Rolle.
Die Ehrlichkeit dieses Buches muß aufgrund weiterer Tatsachen in Frage gestellt werden: Goldacre sagt im Vorwort: Homöopathie wirkt nicht. Punkt. Er würde sich wohl auch weigern eine bewährtes homöopathisches Mittel wenigstens mal auszuprobieren. Nennt man das unvoreingenommen?

Im gesamten Buch werden kein einziges Mal die zahlreichen wirksamen Naturheilmittel und Komplementärtherapien erwähnt. Für diese Autoren gibt es diese einfach nicht. Ein Vergleich etwa zwischen einem Chemotherapeutikum und einem Naturheilmittel wird nirgendwo angesprochen.

Werden die Kehrseiten der derzeitigen "Forschung mittels Studien" nur deshalb so genau beschrieben, um bei Patienten das Interesse daran zu wecken und um an ihr Pflichtgefühl zu appellieren? Die Pflicht sich für Studien zur Verfügung zu stellen, damit die gewonnenen Erkenntnisse anderen Patienten zugute kommen? Ihnen selbst kann es bestenfalls nichts bringen, schlimmstenfalls aber das Leben kosten.

Ich war noch nie dafür, mich an einer Pharmastudie zu beteiligen und nicht abschätzbare Risiken einzugehen. Und solange Korruption bei der Pharma die bevorzugte Methode ist, möchte ich auch jedem anraten es mir gleich zu tun. Studienteilnehmer sollen auf die Gefahren ehrlich hingewiesen werden, daß eine korrupte Pharma dies tatsächlich tun würde, kann keiner erwarten, sie wird alles verharmlosen und der Teilnehmer darf die Suppe dann auslöffeln. Nein, Danke!

Es gibt genug bewährte Medikamente. Und dort wo sie fehlen, wird ohnehin nicht geforscht, weil es sich nicht um potentielle Blockbuster handelt.

NICHT erwähnt wird im Buch, daß die Pharmaindustrie der größte Nutznießer einer halbwegs positiven Studie ist, ob manipuliert oder nicht: Milliardengewinne mit Blockbustern!

Gruß,
Clematis
 
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Clematis

Hallo,

warum Wissenschaft sich selbst ein Bein stellen kann und es im medizinischen Bereich leider auch allzu häufig tut, sah Edmund Husserl schon sehr früh voraus:

II. Wissenschaftstheorien und Wissenschaftskritik
(...)
Eine bedeutende Kritik der Entwicklung abendländischer Wissenschaft lieferte Edmund Husserl in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Deren Engführung auf objektiv Feststellbares habe philosophische Fragen nach Sinn, Vernunft, Verantwortung und Freiheit verdrängt bzw. ihrer Brisanz beraubt. Seine Diagnose mündet im Vorwurf der Naivität einer immer weiter sich spezialisierenden Wissenschaft:

"Den verselbständigten Spezialwissenschaften fehlt das Verständnis für die prinzipielle Einseitigkeit ihrer Leistungen; es fehlt ihnen das Verständnis dafür, daß sie erst den vollen Seinssinn ihres jeweiligen Gebietes theoretisch umgreifen, wenn sie die methodische Scheuklappe wieder ablegen, die durch die ausschließliche Einstellung auf ihr besonderes Gebiet unvermeidlich wurde; mit anderen Worten wenn sie ihre Forschungen hineinlenken in die Universalität des Seins und seine prinzipielle Einheit. An dieser Lage ist, wie gesagt, die Logik selbst mitschuldig, weil sie, wie wir hier auch ergänzen können, statt ihren historischen Beruf fest im Auge zu behalten und sich als reine und universale Wissenschaftslehre auszuwirken, vielmehr selbst zu einer Spezialwissenschaft geworden ist." (Seite 2)
(...)
2) Wissen ist nicht neutral, sondern Resultat sozialer Prozesse Wissenschaft ist ein sozialer Prozess, der nicht nur nach logischen, rationalen Kriterien abläuft, sondern von Interessen (mit)bestimmt wird. Aufgabe von Wissenschaftskritik wäre es demnach, diese Interessen zu entschlüsseln und zugleich die Vorstellung einer Werturteilsfreiheit als eine Ideologie zu entlarven, welche die real existierenden Verbindungen von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft unsichtbar machen will.
(Seite 5)
(...)
V. Wissenskommunismus?
Von der Verknappung und Kontrolle von Wissen .....
Die durch ökonomische Verwertungsinteressen angestossene "Öffnung" der Wissensproduktion wird vielfach kritisiert, weil sie dazu tendiere, Wissen wieder zu schliessen. Am Beispiel der Pharmaforschung zeigt etwa die Initiative med4all, wie Forschungsergebnisse geheim gehalten werden bzw. wie deren gesellschaftliche Aneignung durch ein immer weiter ausufernde Patentierung blockiert wird. Zur polit-ökonomischen Einordnung der Pharmaindustrie vgl. den Beitrag von Hans Schäppi und Roland Herzog sowie allgemein zur Privatisierung von Wissen das Buch Wissensallmende. Gegen die Privatisierung des Wissens der Welt von Sebastian Bödeker, Oliver Moldenhauer und Benedikt Rubbel. (Seite 9)
Hervorhebung von mir. Quelle:
http://www.denknetz-online.ch/IMG/pdf/Infobrief_19_Wissensproduktion.pdf

Gruß,
Clematis
 
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