Was ist Autismus?

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Geschichtlicher Hintergrund:

Der Begriff “Autismus” wurde 1911 durch den Schweizer Psychiater Eugen Bleuler geprägt. Autismus nannte er ein Grundsymptom der Schizophrenie, das die Zurückgezogenheit in die innere Gedankenwelt bei an Schizophrenie erkrankten Menschen meinte.

Leo Kanner (1943) und Hans Asperger (1944) nahmen diesen Begriff unabhängig voneinander auf und benannten so ein Störungsbild eigener Art. Im Unterschied zu Menschen mit Schizophrenie, die sich aktiv in ihr Inneres zurückziehen, beschrieben Kanner und Asperger Menschen, die von Geburt an in einem Zustand der inneren Zurückgezogenheit leben. Damit unterlag der Begriff „Autismus“ einem Bedeutungswandel. Heutzutage wird der Begriff „Autismus“ zur Bezeichnung des von Kanner und Asperger beschriebenen Störungsbildes gebraucht.

Kanner’s Nachforschungen, die den Begriff Autismus eng fassten und im wesentlichen den heute so genannten frühkindlichen Autismus beschrieben, erlangten internationale Anerkennung und wurden zur Grundlage der weiteren Autismusforschung. Die Veröffentlichungen Aspergers hingegen, die den Begriff Autismus weiter fassten und auch leichtere Fälle mit einbezogen, wurden zunächst international kaum rezipiert, zum einem wegen des Zweiten Weltkrieges und zum anderen, weil Asperger auf Deutsch publizierte. Erst in den 1990er Jahren erlangten die Forschungen Aspergers internationale Bekanntheit in Fachkreisen. Die englische Psychologin Lorna Wing (1981) führte in den 1980er Jahren die Forschungen Aspergers fort und definierte die von Asperger beschriebenen leichteren Fälle von Autismus als Asperger-Syndrom.
aus: https://www.akzschweiz.ch/autismus-autismus-de.html


Man unterscheidet also zwischen Kanner Autismus und Asperger Autismus. Für Asperger hab ich einen separaten Thread eröffnet. Hier wenden wir uns also dem Kanner Autismus, resp. dem frühkindlichen Autismus zu:

Die beiden international gebräuchlichen Klassifikationssysteme für Krankheiten, ICD 10 und DSM-IV, nennen vier diagnostische Kriterien für frühkindlichen Autismus:
  1. Qualitative Beeinträchtigungen wechselseitiger sozialer Interaktionen

    Die Beziehungsaufnahme zu Personen, Ereignissen und Dingen ist stark auffällig und bedeutet eine extreme Kontaktstörung. Betroffene können soziale und emotionale Signale nicht angemessen erkennen, einschätzen und anwenden. Einfühlungsvermögen (Empathie) in andere Menschen ist kaum vorhanden. Frühe Symptome: kein Antwortlächeln, keine oder wenig Aufnahme von Blickkontakt, fehlende Unterscheidung von Eltern und anderen Personen, keine antizipatorische Handlungen (z.B. Ausstrecken der Arme, wenn es hochgenommen werden will), kein „Rückversichern“ (soziales Referenzieren) bei den Eltern, kein Teilen von Erfahrungen (Gegenstand bringen oder darauf zeigen, um die Eltern darauf aufmerksam zu machen).
  1. Qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation

    Fehlen oder starker Mangel sozialen Gebrauchs sprachlicher Fertigkeiten. Auch besteht ein Mangel an emotionaler Resonanz auf verbale und nonverbale Annäherungen durch andere Menschen. Die nonverbale Kommunikation und Sprachmelodie sind stark beeinträchtigt.
  1. Repetitive und stereotype Verhaltensmuster

    Betroffene zeigen meist einen hohen Widerstand gegen Veränderungen, sie können in Angst-, Panik- oder Aggressionszustände geraten, wenn sich in ihrer Umgebung etwas ändert. Viele Betroffene zeigen Stereotypien, die als Selbststimulation von Sinnesbereichen gedeutet werden können (z.B. Augenbohren, Auf und ab hüpfen, Flattern der Hände vor den Augen).
    Das Spiel ist meist nicht funktional, sondern mechanisch (z.B. am Rad des Autos drehen, anstatt das Auto fahren lassen).
  1. Manifestation vor dem 3. Lebensjahr

    Darüber hinaus nennt ICD-10 noch unspezifische Probleme wie Befürchtungen, Phobien, Schlafstörungen, Essstörungen, Wutausbrüche, Aggressionen und selbstverletzendes Verhalten.
aus: https://www.akzschweiz.ch/autismus-preautismus-de.html


Es gibt noch mehr Unterteilungen:

Einteilung nach Klassifikationssystem ICD-10
Autismus wird in der ICD-10, dem Klassifikationssystem für Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), als tiefgreifende Entwicklungsstörungen unter dem Schlüssel F84 aufgeführt und wie folgt unterteilt:
F84.0: Frühkindlicher Autismus
F84.1: Atypischer Autismus
F84.10: Autismus mit atypischem Alter des Auftretens der Symptome
F84.11: Autismus mit atypischer Symptomatik
F84.12: Autismus mit atypischem Alter des Auftretens der Symptome und
atypischer Symptomatik
F84.5: Asperger-Syndrom
aus: https://www.akzschweiz.ch/autismus-icd-de.html



Begleitsymptome:

Mögliche Begleitsymptome des Autismus
-Sensorische Auffälligkeiten: Übersensibilität auf Licht, Töne, Berührungen,
Materialien, auch Untersensibilität (z.B. Schmerz)
-Motorische Auffälligkeiten: Feinmotorik, Grobmotorik, Ungeschicklichkeit,
Koordination
-Emotionale Regulierung: Ängste, Depression, Aggression
-Physische Auffälligkeiten (Verdauung): Allergien, Diäten
-Stereotype Verhaltensweisen: repetitive Handlungen, z.B. sich im Kreis drehen.
Diese Störungen oder Symptome treten zwar gehäuft bei Menschen mit Autismus auf, sie sind aber nur Begleitsymptome des Autismus und gehören nicht zur Definition des Störungsbildes.
aus: https://www.akzschweiz.ch/autismus-begleitsymptome-de.html




Die sozialen Schwierigkeiten des Autisten ähneln jenen des AD(H)S-Betroffenen:

Autismus-Spektrums-Störungen (ASS)
Diese neuere Bezeichnung basiert auf der Auffassung, dass die autistischen Störungen sich nicht qualitativ unterscheiden, sondern lediglich quantitativ, also in Bezug auf den Schweregrad der Störung. Damit wird ein dimensionaler Ansatz vertreten, der annimmt, dass sich die verschiedenen autistischen Störungen nicht in klar unterscheidbare Kategorien unterteilen lassen. Die Ausprägungsgrade haben eine grosse Variationsbreite, welche eine Diagnostizierung dieser Störungen erschweren, was leider dazu führt, dass immer noch viele Kinder erst spät erfasst und somit behandelt werden.
Zentrale Defizite des Autismus
Aufgrund der Erkenntnisse aus der Autismus-Forschung der letzten Jahre haben sich folgende zentralen Defizite des Autismus herauskristallisiert, welche laut „Gutstein“ die Autismus-Spektrums-Störung definieren.

Dynamische Analyse: Die Fähigkeit, die relative Bedeutung und den Wert von Informationen fest zu stellen und flexibel auf die ändernden Umstände zu reagieren. Episodisches Gedächtnis, Widerstandsfähigkeit, Selbsterkenntnis: Die Fähigkeit zu reflektieren (überlegen), voraus zu schauen, zu regulieren, zu evaluieren (einschätzen) und zu hypothetisieren. Mit Unsicherheit in einer produktiven Art und Weise umgehen können.(Mit)Teilen von Erfahrungen: Die Fähigkeit, unterschiedliche Ansichten zu teilen, mehrere Informationskanäle zu integrieren und ein Verständnis für das „Gut-Genug-Konzept“ zu haben. Flexible und kreative Problemlösestrategien: Die Fähigkeit, mehrere Lösungen für ein Problem zu entwickeln, das „Gut-Genug-Konzept“ annehmen und anwenden können.

Zusammen genommen können diese zentralen Defizite als „Beziehungs-Intelligenz“ umschrieben werden. Wenn diese fehlt, müssen sogar Menschen mit hohen intellektuellen und guten sprachlichen Fähigkeiten kämpfen, um in dynamischen Interaktionen, aus welchen unsere alltägliche Welt besteht, erfolgreich zu sein.
aus: https://www.akzschweiz.ch/autismus-ass-de.html
 
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wundermittel
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Noch die Sicht der Swiss-Pädiatrics:

Ist eine Früherfassung von Kindern mit autistischer Störung möglich und sinnvoll?


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1. Einleitung

Vor 60 Jahren publizierte Kanner (1) seinen Artikel über „Autistische Störungen des affektiven Kontaktes“. Er beschrieb bei seinen jungen Patienten eine Unfähigkeit soziale Bezüge herzustellen und Sprache zum Zweck der Kommunikation normal einzusetzen, sowie den zwanghaften Wunsch Gleichheit zu bewahren und die Faszination für Objekte. Die Störung muss vor dem Alter von 2 ½ Jahren erkennbar sein. Seine Darstellung des kindlichen Autismus ist in den Grundzügen bis zum heutigen Tag gültig.

In den aktuellen diagnostischen Klassifikationsschemata (ICD-10, DSM-IV) ist der Begriff „Unfähigkeit“ durch „Beeinträchtigung“ ersetzt worden. Damit ist die Idee verknüpft, dass es neben einer Kerngruppe von Kindern, die fast völlig kontakt- und kommunikationsunfähig wirken, eine grössere Anzahl von Kindern mit quantitativen und qualitativen Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion gibt. Aus einem genau definierten Krankheitsbild wurde das Spektrum autistischer Störungen, die gemeinsam als tiefgreifende Entwicklungsstörungen (ICD-10, vgl. Tab. 1) oder Pervasive Developmental Disorders PDD (DSM-IV) bezeichnet werden.

Tab. 1: F 84 tiefgreifende EntwicklungsstörungenF 84.0Frühkindlicher AutismusF 84.1 Atypischer AutismusF 84.2Rett-Syndrom F 84.3 Sonstige desintegrative Störung des Kindesalters F 84.4Überaktive Störung mit Intelligenzminderung und BewegungsstereotypienF 84.5 Asperger-SyndromF 84.8Sonstige tiefgreifende EntwicklungsstörungenF 84.9Nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörungen

Während Jahrzehnten haben viele Studien gezeigt, dass der klassische frühkindliche Autismus (auch Kanner-Autismus genannt) bei etwa 4 - 5 auf 10'000 Kinder auftritt. Die Häufigkeit der übrigen Autismusformen wurde etwa gleich hoch eingeschätzt, total ergab sich also ein Wert von ca. 1 auf 1'000. Untersuchungen der letzten Jahre (2,3) liefern deutlich höhere Werte, nämlich 0,2 - 0,5% für den frühkindlichen Autismus und 0,4 - 0,5% für die anderen autistischen Störungen, v.a. für das Asperger-Syndrom. Die totale Prävalenz würde also bei 0,6 - 1% liegen. Alle Störungen des autistischen Spektrums treten bei Knaben sehr viel häufiger auf als bei Mädchen.

Es ist z.Zt. noch undeutlich, ob es sich bei diesen neuen Werten um eine wirkliche Zunahme der Morbidität handelt oder ob gesteigerte Aufmerksamkeit, bessere Screeningverfahren und veränderte diagnostische für den Anstieg verantwortlich sind.
Während Kanner ursprünglich von biologischen Ursachen der autistischen Störung ausgegangen war, standen in den 50er und 60er Jahren psychodynamische Erklärungsmodelle im Vordergrund. So bezeichnete Bettelheim die Mütter seiner autistischen Kinder als „refrigerator mothers“ und sah in ihrer angeblichen Gefühlskälte die Ursache des kindlichen Autismus. In den letzten 20 Jahren haben viele Untersuchungen das ursprünglich biologische Konzept von Kanner bestätigt. Familienuntersuchungen zeigen, dass genetische Komponenten eine wichtige Rolle spielen. Dabei handelt es sich sicher nicht um eine monogene Störung. Neben den genetischen Einflüssen können wahrscheinlich auch prä- oder postnatal verlaufende exogene Störungen der Hirnentwicklung, z.B. durch Neurotoxine oder Infektionen, autistische Störungsbilder verursachen.


2. Wann wird die Diagnose in der Regel gestellt ?

Studien aus England (4) sowie Angaben aus Schweizer Befragungen weisen darauf hin, dass die Diagnose des kindlichen Autismus oft erst im Alter von 5½ bis 6 Jahren gestellt wird. Eltern sind dann in vielen Fällen schon mit 5 bis 8 Fachpersonen in Kontakt gekommen. Schwedische Resultate zeigen, dass eine frühere Erfassung dieser Kinder möglich ist. Bei einer 1999 vom Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie Zürich gemeinsam mit dem Elternverein Autistischer Kinder organisierten Tagung wurde deutlich, dass die Frage einer frühen Diagnose bei den Eltern einen hohen Stellenwert besitzt. Die betroffenen Eltern berichten, dass der lange Zeitraum zwischen dem Auftreten erster Symptome und der endgültigen Diagnose für sie extrem verunsichernd und belastend war. Daneben sollte eine Früherfassung auch aus therapeutischen Gründen angestrebt werden. Es gibt viele Hinweise, dass eine frühe intensive Förderung von Kindern mit autistischen Störungen ihre Entwicklungsmöglichkeiten stark verbessert. Den Pädiatern und Pädiaterinnen kommt bei diesen Bemühungen eine Schlüsselrolle zu.


3. Wodurch fallen junge autistische Kinder auf ?

Bei Kindern mit klassischem frühkindlichem Autismus gibt es zwei Verlaufsformen. Die Mehrheit der Kinder zeigt schon während des ersten Lebensjahres Auffälligkeiten, die im Verlauf des zweiten Lebensjahres deutlicher werden. Etwa ein Drittel der Kinder scheint sich bis zum Alter von 12 bis 18 Monaten weitgehend unauffällig zu entwickeln, bevor es zu einem Stillstand oder sogar zum Verlust von kommunikativen Fähigkeiten kommt. Eine unauffällige Entwicklung während mehr als zwei Jahren mit einem anschliessenden Auftreten autistischer Symptome ist ausgesprochen selten (Desintegrative Störung des Kindesalters). Daneben gibt es sicher Fälle von atypischen Autismus und v.a. vom Asperger-Syndrom, bei denen die Verhaltensauffälligkeiten erst später, zum Teil nach dem Schuleintritt deutlich werden.

Die Entwicklung des Kindes im ersten Lebensjahr ist stark mit Aspekten der sozialen Wahrnehmung und Interaktion verknüpft. Diese sind genetisch programmiert und spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation von Erregungszuständen. Im akustischen Bereich zeigt das Baby eine ausgesprochene Bevorzugung für die menschliche Stimme, insbesondere die seiner Mutter. Es erkennt die Laute der Muttersprache und reagiert auf die stark modulierte mütterliche Stimme („motherese“). Mit zunehmender Sehschärfe richtet das Baby sein Blickverhalten stark auf die Gesichtspartie und besonders die Augen des Gegenübers. Im taktil-kinästhetischen Bereich spielt die Regulation von Erregungszuständen über das Wiegen (Tiefensensorik) oder das Streicheln (Oberflächensensorik) eine zentrale Rolle.

Wenn man Eltern von autistischen Kindern befragt, was ihnen als erstes aufgefallen ist, erwähnen sie Verhaltensweisen aus diesem Bereich. Dabei geht es um die fehlende Reaktion des Kindes auf menschliche Stimmen, v.a. auf die Namensnennung, den auffälligen oder fehlenden Blickkontakt oder ungewöhnliche Reaktionen auf Körperkontakt.
Eine zuverlässige Diagnose des kindlichen Autismus im ersten Lebensjahr ist aber nur in Ausnahmefällen möglich. Ausserdem gibt es ja, wie erwähnt, eine beträchtliche Anzahl autistischer Kinder, die sich im ersten Lebensjahr noch weitgehend unauffällig entwickeln. Während des zweiten Lebensjahres treten komplexere soziale Interaktionen auf. Diese werden dann zu den Stützpfeilern einer sicheren Diagnostik.


Die Basis für diese Verhaltensweisen ist die gemeinsame Aufmerksamkeit des Kindes und einer zweiten Person, meistens der Mutter, die auf ein Objekt gerichtet ist (Joint-Attention). Das Kind folgt z.B. mit seinem Blick dem Blick der Mutter oder zeigt auf etwas, nicht nur weil es den Gegenstand haben, sondern weil es die Aufmerksamkeit der Mutter darauf lenken will. Das Kind beginnt auch in unsicheren Situationen auf das Gesicht des Anderen zu achten und sucht dort Informationen, ob es sich um "Spiel oder Ernst" handelt (Referentieller Blick). Solche Verhaltensweisen entwickeln sich bei normale Kindern gegen Ende des 1. Lebensjahres und sind mit etwa 15 Monaten bei der Mehrheit der Kinder sicher etabliert. In Screeningverfahren wie dem CHAT (5) (vgl. Anhang) wird im Alter von 18 Monaten nach diesen Verhalten gefragt, und sie werden auch während der Untersuchung beobachtet. Wenn sie fehlen, besteht ein starker Verdacht auf eine autistische Störung. Eine zuverlässige Beurteilung ist vor allem schwierig, wenn ein Kind aufgrund eines generellen Entwicklungsrückstandes erst ein Entwicklungsalter von unter 1 Jahr erreicht hat, so dass diese spezifischen Verhaltensweisen noch nicht erwartet werden können.


Im 2. Lebensjahr entwickelt sich auch das Spielverhalten der Kinder stark. Sie beobachten und imitieren genau, spielen Alltagsaktivitäten wie Telefonieren, Kochen oder Autofahren nach. Ausserdem beginnen sie vermehrt, die Sprache kommunikativ einzusetzen. Diese Verhaltensweisen fehlen bei autistischen Kindern, allerdings auch bei Kindern mit einem starken allgemeinen Entwicklungsrückstand.


Im Alter von 18-24 Monaten sollte es für Pädiater möglich sein, im Sinne eines Screenings Autismus-verdächtige Kinder zu erfassen und einer speziellen Stelle zur weiteren Abklärung und Beurteilung zuzuführen. Neben dem bereits erwähnten CHAT haben verschiedene Autismusberatungsstellen in der Schweiz Entwicklungsbögen zur Früherfassung zusammengestellt (Adressen im Anhang). Die bisherigen Erfahrungen mit dem CHAT (6) zeigen eine hohen positiven prädiktiven Wert, d.h. dass bei positiv erfassten Kindern mit grosser Wahrscheinlichkeit die Diagnose einer autistischen Störung gestellt werden kann.

Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass seine Sensitivität ungenügend ist, d.h. dass zu viele Fälle von autistischen Störungen mit dem CHAT nicht erfasst werden. In diesem Sinne eignet er sich zur Zeit nicht als alleinige, breitflächig angewandte Screeningmethode. Wenn aber von Eltern Verhaltensauffälligkeiten berichtet werden oder gewisse Entwicklungsmeilensteine fehlen, kann er zu einer ersten Weiterverfolgung des Verdachtes eingesetzt werden. Dabei empfiehlt es sich, die Untersuchung bei einem positiven Screeningbefund nach einem Monat zu wiederholen.

Falls die Auffälligkeiten weiter bestehen, sollte das Kind einem Spezialisten zugewiesen werden. Wenn die Untersuchung beim zweiten Mal negativ ausfällt, sollte der Pädiater im Alter von 24 Monaten das Kind noch einmal untersuchen, um sich ein sicheres Bild der weiteren Entwicklung machen zu können. Jeder Entwicklungsrückschritt, insbesondere jeder Verlust von bereits erworbenen kommunikativen Fähigkeiten, ist in höchstem Mass für eine autistische Störung verdächtig und sollte weiter abgeklärt werden. Auch wenn bis zum Alter von 16-18 Monaten keine Einzelworte verwendet werden, sollte ein Screeningverfahren bezüglich einer autistischen Störung eingesetzt werden. Die Mehrheit der betroffenen Kinder sind Knaben. Eltern, die sich wegen der fehlenden Sprachentwicklung ihres Sohnes Sorgen machen, werden oft mit dem Hinweis auf den späten Sprachbeginn von Knaben vertröstet. Dabei wird manchmal das Vorliegen einer autistischen Störung übersehen.

Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass die Diagnose einer autistischen Störung sehr stabil ist. Es kann zwar zu diagnostischen Verschiebungen innerhalb des autistischen Spektrums kommen. Kinder, die im Alter von 2-3 Jahren als autistisch beurteilt werden, haben aber in fast allen Fällen Jahre später noch deutlich erkennbar autistische Symptome (7).


4. Die therapeutische Bedeutung einer frühen Diagnose

Neben der schon erwähnten Entlastung der betroffenen Eltern durch eine frühe Diagnose, gibt es aus Untersuchungen der letzten Jahre viele Hinweise, dass die Entwicklung autistischer Kinder durch eine intensive frühe Förderung positiv beeinflusst werden kann. Am genauesten untersucht sind verhaltenstherapeutische Ansätze, die auf den Pionierarbeiten von Ivar Lovaas an der University of California in Los Angeles beruhen (8). In den USA sind in den letzten 10 Jahren an vielen Orten ähnliche Therapiezentren aufgebaut worden. Die Resultate dieser Arbeit sind sehr ermutigend und haben gezeigt, dass bei einem beträchtlichen Anteil der autistischen Kinder grosse Entwicklungsschritte eingeleitet und im Idealfall sogar eine Integration in eine normale Schullaufbahn erreicht werden können.

Neben den verhaltenstherapeutischen Ansätzen kommen auch andere intensive Behandlungsmodelle zum Einsatz (Floor-Time, Option, Mifne).
In der Schweiz gibt es bis jetzt keine vergleichbaren Angebote für intensive Frühförderungen. Trotzdem haben in den letzten Jahren Familien mit einem jungen autistischen Kind begonnen, nach solchen Therapiemöglichkeiten zu suchen. Die verbesserte Information der Eltern über das Internet spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie sind entweder mit ihrem Kind ins Ausland gereist oder haben mit Hilfe von ausländischen Fachleuten Therapieprogramme für ihre Kinder durchgeführt.

Im Moment laufen verschiedene Bemühungen, das Angebot für betroffene Eltern in der Schweiz zu verbessern. Wir haben durch den Einbezug von Psychologiestudenten in solche Therapieprogramme Familien entlasten können. Ausserdem haben wir die Möglichkeit, Fachpersonen in einem längeren Praktikum in einem Lovaas-Zentrum in den USA ausbilden zu lassen. Diese sollten danach in der Lage sein, autistische Kinder zu evaluieren, ein individuelles Förderprogramm zusammenzustellen und die Umsetzung zu begleiten.


5. Zusammenfassung

Es ist in vielen Fällen möglich, bei jungen autistischen Kindern im Alter von 3 Jahren eine zuverlässige Diagnose zu stellen. Einem vorgängigen Screening durch Primärversorger wie z.B. Kinderärzte kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Sie müssen dabei einerseits die von den Eltern vorgebrachten Sorgen Ernst nehmen, andererseits mit Entwicklungs-Checklisten wichtige Aspekte der sozialen Entwicklung bei Kindern im Alter zwischen 18 und 24 Monaten überprüfen. Die weitere Untersuchung kann dann an spezialisierte Stellen delegiert werden.
Eine frühe Diagnose ist nicht nur für die betroffenen Eltern eine Erleichterung, sondern ermöglicht auch eine gezielte Förderung der betroffenen Kinder, wodurch sich ihre Entwicklungsmöglichkeiten deutlich verbessern.


R. Gundelfinger, Zürich
aus: https://www.swiss-paediatrics.org/paediatrica/vol13/n6/autismus_psy_ge.html
 
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Hier ist das Phänomen Autismus nochmals ganz gut erklärt, sogar mit bildlicher Anschauung plus Buchempfehlungen und ganz zuunterst noch diverse hilfreiche Links:

Autismus
 
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regulat-pro-immune
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Hallo Zusammen

Manifestation vor dem 3. Lebensjahr
Heutzutage gibt es immer mehr Kinder, bei denen erst im 3 Labensjahr die ersten Anzeichen auftauchen.

Neben den verhaltenstherapeutischen Ansätzen kommen auch andere intensive Behandlungsmodelle zum Einsatz (Floor-Time, Option, Mifne).
In der Schweiz gibt es bis jetzt keine vergleichbaren Angebote für intensive Frühförderungen. Trotzdem haben in den letzten Jahren Familien mit einem jungen autistischen Kind begonnen, nach solchen Therapiemöglichkeiten zu suchen. Die verbesserte Information der Eltern über das Internet spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie sind entweder mit ihrem Kind ins Ausland gereist oder haben mit Hilfe von ausländischen Fachleuten Therapieprogramme für ihre Kinder durchgeführt.

Das ist leider so, speziell bezüglich Loovas ABA/VB, wo es fast niemand gibt, aber es geht langsam etwas.

Was natürlich im ganzen Artikel nicht erwähnt wird, sind die sehr guten erfahrungen mit biomedizinsichen Ansätzen. Aber ob jemals ein Psychiater sich auf so was herunterlässt (oder es versteht bzw verstehen und akzeptieren will wie einige sagen), ist immer noch offen.
 
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