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Es gibt eine ganze Menge an Medikamenten, die zu Schlafstörungen führen können. Deshalb sollte man sich auf jeden Fall den Waschzettel durchlesen und sich nicht unbedingt auf die Aussage verlassen, daß genau dieses Medikament gegen die eigenen Schlafstörungen hilft.

Gentest hilft bei Antidepressiva-Auswahl

Der Trend geht in Richtung personalisierte Pharmakotherapie. Da Nebenwirkungen wie Schlafstörungen auch vom Blutspiegel abhängen, ist eine patientenorientierte Auswahl sinnvoll. Pharmakogenetisch unterscheidet man Slow Metabolizer, Ultrarapid Metabolizer und Intermediate Metabolizer. Zahlreiche Psychopharmaka werden über ein oder mehrere der hepatischen CYP-P-450 Enzyme metabolisiert. Verfügt der Patient genetisch bedingt über eine relativ geringe Menge an CYP-Enzymen, ist der Blutspiegel im Vergleich zu einem Intermediate Metabolizer höher und die Nebenwirkungen stärker ausgeprägt. Beim Ultrarapid Metabolizer hingegen ist die Wirksamkeit der Arzneimittel gemindert. Der Gentest untersucht, wie bei 16 gängigen Antidepressiva die Verstoffwechselung in der Leber stattfindet. Der Test, der ca. 400 € kostet, wird von den Kostenträgern meist nicht erstattet.

Psychopharmaka: Nimm's persönlich!

Der Wirkstoffspiegel im Blut lässt jedoch keine Auskunft darüber zu, wie viel Substanz die Blut-Hirn-Schranke überwindet. Hierzu wurde vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie der ABCB1-Test entwickelt. Dieser kann voraussagen, auf welches Psychopharmakon der Patient ansprechen kann. Diese Entscheidungshilfe führt zielsicherer zum Therapieerfolg.
Das ABCB-1-Gen kodiert das P-Glycoprotein, dass das Überwinden der Blut-Hirn-Schranke moduliert. Der Auswärtstransporter P-Glycoprotein schleust Arzneistoffe aus dem Gehirn hinaus. Der Efflux kann übrigens auch durch Zitrusfrüchte, Loperamid sowie Chinin (Tonic Water!) gehemmt werden.

Auch Betablocker lassen die Monster erscheinen

Neben Psychopharmaka können zahlreiche andere Arzneimittel den Schlaf beeinflussen. Laut Fachinformation tritt unnormales Träumen sehr häufig bei Einnahme des Malariamittels Mefloquin auf. Auch das zur Raucherentwöhnung eingesetzten Vareniclin lässt die Monster aus dem Schrank kommen. Der HIV-Wirkstoff Efavirenz löst ebenfalls häufig abnorme Träume aus. Die Blockbuster Betablocker können heftige Traumreaktionen oder Schlafwandeln auslösen. Die Fachinformationen von Bisoprolol und Metoprolol weisen auf Albträume beziehungsweise eine verstärkte Traumaktivität hin.

Arzneimittel und Schlafwandeln

Eine Schlafstörung der anderen Art, ist das Schlafwandeln (Somnambulismus). Auch Arzneimittel werden als Auslöser in Verbindung gebracht. Dazu zählen unter anderem die Z-Substanzen.
In den Fachinformationen von Zolpidem- und Zopiclon-haltigen Präparaten findet sich folgender Hinweis: Schlafwandeln und damit assoziierte Verhaltensweisen wurden von Patienten berichtet, die Zolpidem/Zopiclon eingenommen hatten und nicht vollständig wach waren. Auch über Schlaffahren wurde berichtet sowie über Telefonieren, Geschlechtsverkehr oder das Verzehren von Speisen in Trance. Der Betroffene kann sich nach dem Erwachen meist nicht daran erinnern, was nachts passiert ist.
Neben den Z-Substanzen werden noch andere Arzneistoffe verdächtigt, Somnambulismus auszulösen. Davor warnte bereits vor mehr als 10 Jahren das Arzneimitteltelegramm. Dazu gehören Antidepressiva wie Doxepin und Sertralin, Benzodiazepine wie Bromazepam und Flunitrazepam sowie Neuroleptika und Chloralhydrat. Laut Arzneitelegramm wurden aber auch Antibiotika wie Clarithromycin und Ciprofloxacin sowie Ketotifen, Pravastatin und Propranolol damit in Verbindung gebracht. Auch Chlorpromazin, Thioridazin, Perphenazin, Desipramin, Amitriptylin, Lithium, Chloralhydrat und weitere können dazu führen, dass der Patient auf dem Dach spazieren geht.

Agomelatin-Therapie: Eine Alternative?

Führen Antidepressiva immer dazu, dass der Patient agitiert oder sediert ist? Eine Ausnahme bildet Agomelatin. Der Melatonin-Agonist ist das erste melatonerge Antidepressivum. Die Substanz reguliert den Schlafrhythmus über die MT1- und MT2-Melatoninrezeptoren.
In Studien konnten die Patienten mit Agomelatin-Therapie auch wieder besser einschlafen. Schlafunterbrechungen nahmen schon in der ersten Woche ab und der Tiefschlaf besserte sich, der REM-Schlaf wurde nicht beeinflusst. In einer Untersuchung bekamen 322 Patienten initial 25 mg/Tag Agomelatin oder 75 mg/Tag Venlafaxin. In der Studie von Yardimci et al. wird Agomelatin als „Multi-Target-Treatment“ beschrieben, weil die Substanz antidepressiv wirkt, den Schlafrhythmus normalisiert und bei postmenopausaler Osteoporose helfen kann.
Einen guten Überblick und Hilfe zur Diagnostik und Therapieentscheidung bietet die DEGAM-Anwenderversion zur S3 Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen. Mein Tipp: Therapiert proaktiv, fragt den Patienten nach Auffälligkeiten im Schlafrhythmus unter einer Pharmakotherapie. Denn meist macht der Patient seine Arzneimittel nicht für die nächtlichen Monster verantwortlich. ...


Grüsse,
Oregano
 
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