Scheuklappendenken, Fixierung, Stereotype, Vorurteile

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Stereotype sind im Langzeitgedächtnis gespeichert und beeinflussen unser Verhalten im Alltag oft ohne unsere bewusste Kontrolle. So erleichtern sie die Wahrnehmung und Verarbeitung solcher Informationen, die zu eben diesen vorgefertigten Meinungen passen. Andererseits erschweren Stereotype die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, die unseren Erwartungen widersprechen.

Sozialpsychologen haben ermittelt, dass Menschen hochgradig aufnahmebereit für Gesetzmäßigkeiten in ihrer Umwelt sind, dass sie aus den wahrgenommenen Zusammenhängen aber oftmals falsche Schlussfolgerungen, so genannte „Scheinkorrelationen“ ableiten. Wenn zum Beispiel an Universität A die Mehrheit der Studierenden männlich ist und an Universität B weiblich, und wenn darüber hinaus an Universität A bessere Studienabschlüsse gemacht werden als an Universität B, so wird hieraus leicht der Schluss gezogen, dass männliche Studierende besser sind als weibliche. Tatsächlich aber können die weiblichen Studierenden innerhalb der Universitäten A und B genauso gut oder auch besser abschneiden als ihre männlichen Kommilitonen.
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Gegen die eigenen Stereotype anzukämpfen ist nicht leicht. „Eine bewusste Unterdrückung von Stereotypen ist nur eingeschränkt möglich und kann sogar zu Bumerangeffekten führen“, erläuterte Meiser. Man kann klischeehafte Vorstellungen dennoch verändern – aber nur langsam, wie in anderen Untersuchungen gezeigt wurde.
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Werden Personen hingegen mit mehreren Informationen konfrontiert, die einem Stereotyp leicht entgegenwirken und sich deshalb nicht als Ausnahmen ausgrenzen lassen, so kann das Klischee schließlich aufgeweicht werden. Meiser: „Kein Stereotyp muss bis in die Ewigkeit unverändert bleiben.
Stereotype: Was hilft gegen Scheuklappendenken?. www.psychologie-heute.de

Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung: Theorien, Befunde und ... - Google Books

Die Scheu-Klappe:
umgangssprachlich; Die Scheuklappe ist ein am Kopf des geschirrten Pferdes angebrachtes Lederstück, das den Blickwinkel der Augen des Pferdes so einengt, dass es nur nach vorne blicken kann. So wird es durch Vorgänge, die neben seinem Kopf passieren, nicht abgelenkt oder scheu gemacht. Mit der älteren Form "Scheuleder" finden wir diese Redensart schon im Jahre 1512 in ihrer übertragenen Bedeutung. Das frühe 19. Jahrhundert entdeckt die politischen "Scheuklappen" der Parteipolitik
Scheuklappen haben

Hier ist der Begriff auf gesellschaftliche und soziologische Zusammenhänge bezogen mit den entsprechenden Folgen wie Diskriminierung, Mobbing usw.

Der Begriff gilt aber meiner Meinung nach genauso für Themen, von denen man selbst betroffen ist. In diesem Forum z.B. für gesundheitliche Themen, vor allem aus eigener Erfahrung. Die Fixierung auf die eigene Erfahrung verlegt dann oft den Blick auf andere Meinungen, was manchmal schade ist.
Was auch dazu gehört: durch diese Fixierung werden manchmal Diskussionen von der Sachebene auf die persönliche Ebene verlagert, was ihnen absolut nicht dienlich ist.

Mir fällt in diesem Zusammenhang der Satz ein aus der "Feuerzangenbowle" im Chemieunterricht "Da stelle mer uns mal janz dumm...."
Die Feuerzangenbowle: Die schönsten Zitate aus dem deutschen Kultfilm | The collected Words

Grüsse,
Oregano
 
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Ich sinniere einfach mal ein bißchen weiter:

Es muß ja einen Grund geben, warum es (Lebens-)Themen gibt, von denen man nicht loskommt, auf die man fixiert ist, und die es einem mehr als schwer machen, auch das Drumherum nüchtern und sachlich anzuschauen.
Das könnte z.B. eine innerliche Unsicherheiten sein, die die Haltung der Gelassenheit deshalb nicht zulassen, weil das ja ein Spiel mit Unbekannten bedeuten würde? Gelassenheit könnte auch bedeuten, daß der Schutz-Zaun, den ein Mensch um sich herum errichtet hat, Löcher bekommt, eben weil neue Aspekte zugelassen werden? DAs bedeutet aber auch ein gewisses Risiko, das bei innerer Unsicherheit/Angst/Un-Vertrauen dann eintritt, wenn der Zaun am Ende sogar abgerissen wird?
Wahrscheinlich ist das ganze noch nicht einmal so einfach. Es gibt ja auch viele Menschen, die sich gerne als "Durchblicker" sehen, es oft auch sind, und trotzdem im Tunnel-Blick stecken bleiben. Denn diese "Kontrahenten" sehen zwar vieles außerhalb der gesellschaftlichen Normen/Mythen, aber dafür eher nicht, was auch wiederum Positives an den gesellschaftlichen Normen/Mythen dran ist.
Gelassenheit - einer meiner Lieblingsbegriffe - scheint mir die Haltung zu sein, die den Blick von oben, unten, rechts und links und von innen nach außen ermöglicht. - Die Draufsicht sozusagen.

Ich finde, dieser Artikel beschreibt das ganz gut:
Zitat:

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Ambivalenzen gibt es in der Gesellschaft, in Organisationen, in jeder Person. Für uns ist es deshalb so schwierig, mit Widersprüchen – also eigentlich mit dem Leben – gelassen umzugehen und Zufriedenheit zu entwickeln, weil unsere westliche Kultur uns Mythen suggeriert, die diese Haltung extrem erschweren.

Die wichtigsten Anti-Gelassenheitsmythen sind:


1. Mythos: Richtig ist, was widerspruchsfrei ist. Es gibt nur ein Entweder-Oder, sonst ist man
unlogisch und chaotisch.
2. Mythos: Erfolgreiche Helden können nicht gelassen sein, sie sind dynamisch und lassen
nicht locker, bis sie ihr Ziel erreicht haben.
3. Mythos: Gelassenheit ist Selbstaufgabe. Sie bedeutet Resignation und Tod. In der westlichen
Welt muß man kämpfen.
4. Mythos: Wer grundsätzlich zufrieden ist, mit dem stimmt was nicht. Unzufriedenheit ist der
Motor des Lebens.
5. Mythos: Wenn man unzufrieden ist, muß man aktiv sein, sich das holen, was einem fehlt, um
wieder alles unter Kontrolle zu bekommen. Hat man das Fehlende, ist die Welt in Ordnung. Die
Zufriedenheit liegt nicht in uns selbst, sondern außen.
6. Mythos: Jeder Mensch hat ein Recht auf Glück. Wenn nötig, muß man es erzwingen – und das
möglichst rasch. Die Vorsilbe „un“ beim Wort Unglück suggeriert, daß das Glück das Selbstverständliche
sei, daß das Vorhandensein von Unglück einer Erklärung bedürfe. Das Unglück ist eine Störung, eine Beraubung.
7. Mythos: Zeit ist Geld. Es bleibt wenig Zeit für Besinnung, Ruhe, Muße, denn es kann nie genug
Leistung erbracht werden.

Diese Mythen sind Ausdruck einer geschichtlich gewachsenen Grundhaltung unseres Fortschrittsglaubens,
unserer Leistungsgesellschaft – der postmodernen Werte. Ohne diese Entwicklung im Detail beschreiben zu wollen, seien einige Punkte benannt, die zu diesem Wert- und Wahrnehmungsgefüge führen.
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Schon Descartes sagt:
„Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.“
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Ohne sich so zu lassen, wie man ist – ohne Selbstachtung – kann man auch andere nicht so sein lassen, wie sie sind. Gelassenheit setzt Selbstakzeptanz voraus.
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Gelassenheit hängt nicht vom Ausmaß dessen ab, was das Schicksal bringt, sondern von der Grundannahme, wie gut oder schlecht das Leben ist. Zufriedenheit erleben nur Leute, die bereit sind, zufrieden zu sein. Der Gelassene schiebt die Schuld nicht auf die Umstände, auf andere. Er ist in der Lage, aus jeder Situation das Beste zu machen, weil er sich für sein Leben voll verantwortlich fühlt. Wenn ihm etwas mißlingt, fühlt er
sich auch nicht schuldig, sondern er trägt im Bewußtsein seiner Verantwortung die Konsequenzen.
Er weiß, dass er selbst Verursacher seines Lebensgefühles ist und schiebt Belastendes weder seinen Eltern, noch seinen Vorgesetzten zu.
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Gelassenheit bedeutet Durchlässigkeit positiv und negativ besetzten Dingen gegenüber. Damit ist auch gemeint, Gefühle und Wünsche zuzulassen, für die man sich schämt, die man nicht wahrhaben will. Alles, was man wegschiebt, abschiebt, unterdrückt, führt zu Verspannungen, Energieblockaden, Symptomen.
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Ein zu starres Festhalten an Überzeugungen schränkt unsere Erlebnisbereitschaft oft stark ein. Das Wort „Überzeugung“ weist mit seinem „Über“ auf den Zusammenhang mit einem „Zuviel“ einer Zeugung hin. Was in unsere Überzeugung nicht hineinpasst, wird entweder gar nicht wahr genommen oder abgewertet oder umetikettiert.
Die Überzeugung verstellt uns den Blick für andere Aussichten, für das Verstehen anderer Wahrheiten.
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www.koenigswieser.net/uploads/media/Gelassenheit.pdf

Grüsse,
Oregano
 
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