Magersucht

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10.01.04
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Dieser Thread wurde 2006 eröffnet und zeigt ganz gut, in welcher Richtung damals in Bezug auf die Magersucht/
Anorexia nervosa gedacht wurde. Er wurde in die "Sucht" verlegt, weil die Betrachtung der Magersucht damals und lange danach so gut wie immer als psychische Störung angesehen wurde.
Das scheint sich gerade wenigstens teilweise zu ändern:


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AUF EINEN BLICK
RÄTSELHAFTE ANOREXIA NERVOSA
  1. Noch Anfang dieses Jahrtausends sah man familiäre Probleme als primären Auslöser der Anorexia nervosa an. Dies hat sich jedoch als falsch erwiesen. Die Magersucht beruht möglicherweise auch auf einer Stoffwechselveränderung, die erblich beeinflusst ist.
  2. Magersüchtige Patientinnen haben oft eine anders zusammengesetzte Darmflora, was sich negativ auf Stoffwechsel, Immunlage und Gehirn auswirken könnte. Daher untersuchen Forscher derzeit, ob der Wiederaufbau des »Mikrobioms« die Genesung fördert.
  3. In einem Projekt der Universitätsklinik an der RWTH Aachen werden die Eltern während des Klinikaufenthalts der Tochter intensiv geschult. Bei Erfolg kann die Behandlung bereits nach acht Wochen zu Hause weitergeführt werden.

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Erst im Jahr 2010 gab es eine erlösende Stellungnahme der internationalen Akademie für Essstörungen. Die Verfasser stellten fest, dass keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, die familiäre Einflüsse als alleinige oder primäre Ursache der Magersucht nachweisen. Zugleich forderten sie Therapeuten und Medien auf, entsprechende Behauptungen künftig zu unterlassen. Trotzdem suchen immer noch viele Familien die Schuld für die Erkrankung bei sich selbst. Mehr als die Hälfte der Eltern glauben, so ergab eine Befragung durch uns im Jahr 2014, dass sie von den meisten Menschen für weniger fürsorglich und vertrauenswürdig gehalten werden.
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Einiges deutet darauf hin, dass die Anorexia nervosa nicht nur eine psychische, sondern zugleich eine metabolische Erkrankung ist. Die Patientinnen scheinen dabei von Natur aus eine Stoffwechselkonstellation zu besitzen, die der Gewichtszunahme entgegenläuft. Ganz neu war der beobachtete genetische Zusammenhang mit dem Stoffwechsel der Hormone Insulin und Leptin. Das erste steuert die Zuckeraufnahme aus dem Blut und seine Verarbeitung im Körper: Je stärker die genetische Veranlagung zur Magersucht, desto sensibler reagiert eine Person auf das blutzuckerregulierende Hormon und desto niedriger sind ihre Insulinwerte beim Fasten. Somit zeigt sich hier das genaue metabolische Spiegelbild zur Adipositas, die mit hohen Insulinspiegeln und herabgesetzter Insulinempfindlichkeit einhergeht.

Ähnliches gilt für Leptin. Es beeinflusst den Appetit, bremst aber auch den Drang, sich zu bewegen. Bei akuter Magersucht sinkt der Spiegel extrem ab, was unter anderem zu dem starken Bewegungsbedürfnis der Patientinnen beiträgt. 2020 behandelte ein Team um Johannes Hebebrand vom LVR-Universitätsklinikum Duisburg-Essen drei Patientinnen zwei Wochen lang mit einem synthetischen Leptin. Dies verbesserte bei zweien von ihnen deutlich das Wohlbefinden und verringerte außerdem ihre Angst, zu dick zu werden. Allerdings gingen die Effekte nach Absetzen der Substanz wieder zurück. Nun gilt es abzuwarten, ob eine längere Behandlungsdauer zu einer nachhaltigen Besserung führen kann.
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Während man früher der Meinung war, eine Trennung von Eltern und Kind begünstige die Gesundung, geht man heute davon aus, dass es gut für den Heilungsprozess ist, Bezugspersonen aktiv einzubeziehen. Zu dieser therapeutischen Neuausrichtung hat vor allem der Erfolg der Familienbasierten Therapie (FBT) beigetragen, die primär am Maudsley Hospital in London entwickelt wurde und in den USA bereits vielfach angewandt wird. Die Eltern werden dabei zu »Kotherapeuten« ausgebildet und spielen somit einen wichtigen Part bei der Genesung.

Wir entschlossen uns daher, eine neue Therapieform für Kinder und Jugendliche, das so genannte Home Treatment, zu etablieren, bei dem die in der Klinik behandelten Patientinnen möglichst schnell in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren. Dafür verkürzten wir die stationäre Behandlung auf höchstens zwei Monate, ein großer Unterschied zu den in Deutschland im Schnitt üblichen 15 Wochen.
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Die Kosten für die kombinierte Behandlung (zwei Monate stationär plus vier Monate Home Treatment) lagen übrigens ein Viertel unter jener für die übliche vollstationäre Betreuung von 15 Wochen. Bisher konnten wir nur Patientinnen versorgen, die in maximal einer Stunde Entfernung zu unserer Klinik wohnen. Doch im Frühjahr 2021 werden wir damit beginnen, Schulungen in verschiedenen Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie abzuhalten, die das Konzept übernehmen wollen.
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Grüsse,
Oregano
 
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