Märchen und andere Geschichten

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Noch eine alemannische Geschichte:
Läbsch au noch? - mr läbt! - 59

In bschtimmte Zitte kriege bschtimmti Wörter ä ganz anders Gwiecht.

„Sag bloß, du läbsch au noch!?“, hab’ i ghört uf em Bahnsteig, wo mr einer über de Weg dappt isch, wo n i schu sitter Johre nimmi gsähne ghet hab’. Verschrecksch halt schu n ä weng, ab so n ere Begrüßung, aber losch dr nix aamerke un frogsch zruck, „wie goht s au dir un was macht d Familie, d Frau, d Kinder, d Ärwet“. „Ich hab’ schu lang ke Ärwet meh, d Frau isch mr devun, d Kinder het si mit, s isch grad räächt, des sin liedrigi Kaibe. Schlage halt de Muetter nooch!“. Ob ich au arbeitslos wär. „Nei, ich nit, Gott sei Dank“. Jo, des dääd bi mir au noch kumme, het r verkündet, gnau so wie d Krankheite, er wär aafange numme noch bim Dokter. Was ich für Krankheite hätt. „So viel i weiß, bin i gsund - i hoff s wenigschtens“, hab i schnell iigschränkt, wil i schu ä schlächt s Gwisse ghet hab, dass ich gsund bin un er nit - un ganz sicher isch mr sich jo bi so ebbis nie nit - „des kannsch nit wisse“, het r gmeint, als könnt r mini Gedanke läse un mir isches unheimlig wore, „des kannsch nit wisse, ob de wirkli gsund bisch, ich bin au gsund zum Doktor in d Praxis nii un krank widder russkumme“. Ob mi Frau noch bi mr wär un d Kinder. Jetz isch mir s uuliidig wore un i hab mi wie de Deifel devungschtohle, i müeßt uf de Zug, hab’ mi rumdrillt, bin in mi Abteil gjäschtet, uf miner reserviert’ Platz ghuckt un hab’ä Zittig gschnappt, wo nebe mir uf em leere Sitz glege isch. Bim erschte Umblättere schpickl i numme für de Bruchteil vun ere Sekund über de Zittigrand äweg un lueg in d Auge vun ere frühere Noochberi vun mir. Wie lang isch s her, dass i nix meh vun ere ghört hab? Sellemols ä jungi, buschperi Frau, wo nit numme einem Kerli de Kopf verdraiht het, un allewiil vögeliswohl isch ere s gsin, gern glacht het si un gsunge. Alli hen si welle debii han, bi jedem Geburtstag, bi jedem Fescht. „Mensch Sigrid, hab i gruefe un gmerkt, wie mr s Herz bumberet, denn i bin au arg gern nebere gsesse, hab mi vun ihrem Lache aastecke lehn un mich nit könne satt sähne ab dem lebendige, bluemefrische Gsiecht. Des isch jetz alt un müed wore gsin un mr het gmerkt, dass es Läbe vieli, vieli Gschichte draniigschriebe het. Numme d Auge hen noch d selb Wärmi un Schönheit usgschtrahlt. „Sigrid, dass i dich triff, wie goht s dr denn? Verzehl!“

„Mr läbt“, het si gsiefzget un schu sin ere Träne über d Wange grennt, „mr läbt“, het si wiederholt, aber was si sunscht noch het sage welle, isch unter immer meh Träne verstickt. „I rief di aa“, het si noch rusbroocht, wo si usgschtiege isch.


http://tinyurl.com/gac3s
 

Anne B.

Fabel von Leonardo da Vinci (1452-1519)

Die bestrafte Zunge (Aus: Favole, Atl. 67 v. a)

Es war einmal ein Junge, der hatte die Angewohnheit, über alles Maß hinaus zu reden.
"Welche Zunge!" seufzten eines Tages die Zähne. "Sie steht nicht still, sie gibt nicht Ruhe!"
"Was habt ihr zu murmeln?" antwortete hochmütig die Zunge. "Ihr Zähne seid nur Diener, beauftragt zu kauen, was ich auswähle. Zwischen uns gibt es nichts Gemeinsames, und ich erlaube euch nicht, euch in meine Angelegenheiten zu mischen."
So fuhr der Junge zu reden fort, einfach so vor sich hin, während seine Zunge in eitler Wonne jeden Tag Bekanntschaft mit neuen Worten machte. Aber eines Tages, als der Junge, nachdem er einen Schaden angerichtet hatte, seiner Zunge eine dicke Lüge zu sagen erlaubte" gehorchten die Zähne dem Herzen, machten sich selbständig und bissen die Zunge.
Diese rötete sich vom Blut, und der Junge seinerseits errötete vor Scham und Reue.
Von diesem Tag an wurde die Zunge vorsichtig und klug, und bevor sie etwas sagte, bedachte sie sich zweimal.
Ich denke mal, diese Zunge hat bestimmt keine "Märchen" mehr erzählt...:)
 
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Also,

bei Hänsel und Gretel, da ist es doch so: Obwohl der Vater seine Kinder liebt, hört er auf die böse Stiefmutter und überläßt sie ihrem Schicksal, führt sie in den Wald und läßt sie dort allein zurück. Er will keine Schwierigkeiten und er rettet seine eigene Haut. Aber als die Kinder sich befreit haben, aus eigener Kraft, sagen sie nicht "zu diesem Schwächling gehen wir nicht zurück", sondern sie gehen freudestrahlend zu ihm und teilen mit ihm sogar ihren Schatz.

Meinst Du es so?

Kuchen und Krümel,

Sanne

Weiß ja, Du kannst nicht antworten, aber lesen kannst Du's ja.
 

MisterX

Man sollte bei Märchen NIE sein Hirn einschalten - wenn man sie schon unbedingt lesen muss ... :schock:

Ich glaub Märchen waren auch schon früher nur dazu da, Menschen dazu zu bringen jeden Mist zu glauben!
Wenn also ein Kind solche Bücher nimmt und in die Ecke wirft ... ist es nicht etwa krank!!! Es ist gesund! :freu:
 
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Also:

Grimms's gesammelte Märchen sind Geschichten für Erwachsene, die in schlichter, aber ausdrucksstarker Bildsprache mit raschem Handlungsfortgang viele grundlegende menschliche Fragen und Probleme thematisieren.

Die meisten dieser Geschichten haben keinen einzelnen Urheber sind damit Volksgut mit einem Erfahrungsschatz der gewissermassen eine "verbalisierte Essenz des Menschlichen" enthält. Damit schaffen diese Geschichten einen großen Spielraum für Interpretationen.
aus: www.maerchen.com/home2.html

Heißt für mich:

Erstens:
Is' gar nich' für Kinder, sondern für ERWACHSENE (die damit umgehen können sollten).

Zweitens:
Es werden Fragen und Probleme thematisiert. Ein Anstoß zum Nachdenken mit Notwendigkeit zu interpretieren. Nirgends steht, dass man's "glauben" muss.

Drittens:
Drin steckt der Erfahrungsschatz vieler Generationen. Im Kern müssen sie schon irgendeine Botschaft in sich tragen aus einer sehr lang zurück liegenden Zeit.

Viertens:
Muss man unterscheiden zwischen o. g. Volksmärchen und Kunstmärchen, wie z. B. von Hans Christian Andersen, die fiktiv, poetisch sind.

Wenn Du damit nichts anfangen kannst, ist's ja okay. Dann schau doch Sturm der Liebe (nicht bös gemeint, sondern ganz lieb).

Und wenn ich nicht gestorben bin, dann schreibe ich bald wieder,

Sanne
 

MisterX

Ich hab natürlich ein wenig überzogen ... um meine Meinung besser rüberbringen zu können ...
Hab mal irgendwo gelesen, bei den Deutschen muss man das tun, damit man sie dazu bringt überhaupt zu reagieren ... ;)

Fügen wir doch einfach Fünftens hinzu:
Märchen können unter Umständen dazu führen, dass Menschen denken: Alles hat nun mal seinen Lauf ... :holzhack:

Lieben Gruß X
 
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Damit ich reagiere

reicht wohl EIN Wort, Ein Blick, EIne Bewegung, EINE Berührung. Irgendwie geistig und emotional hyperaktiv.
 
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Aus gegebenem Anlass:



Blaubart

Friedrich Wilhelm Gotter
1746 - 1797

Blaubart war ein reicher Mann,
hatte Haus und Hof und Garten,
schmauste, zechte, spiele Karten,
lebte wie ein Tartarchan.

Stark war seines Körpers Bau,
feurig waren seine Blicke,
aber ach! ein Mißgeschicke!
aber auch! sein Bart war blau.

Doch durch seines Goldes Kraft
trieb er jedes Herz zu Paaren
und schon zwanzig Weiber waren
durch den Tod ihm weggerafft.

Er läßt immerfort zu freien,
sich die Mühe nicht verdrießen,
setzt, den Antrag zu versüßen,
stets die Frau zur Erbin ein.

Und zwei Schwestern der Galan
wird er jetzo, Schmausereien,
Schauspiel, Ball und Mummereien
stellt er ihretwegen an.

Bietet ihnen Gold wie Heu. -
Einstens, als sie Kaffee trinket,
spricht die Jüngste : "Hm! mich dünket,
daß sein Bart so blau nicht sei."

Frisch gewagt ist halb getan,
hurtig muß ihn Trulle freien;
Schauspiel, Ball und Schmausereien

gehen nun von neuem an.

Drauf führt er sein Weibchen fort; ein Cabriolet mit Sechsen
bringt, als könnte Blaubart hexen,
sie an den bestimmten Ort.

Gleich der Feenkönigin
lebt hier Trulle, sonder Sorgen;
vor dem Spiegel geht der Morgen
und beim Spiel der Abend hin.

An Tapeten, Kanapeen,
Schilderein, Trumeaux und Vasen
können Tanten sich und Basen
stundenlang nicht müde sehn.

Dann kömmt der Bewundrung Reih
an den Schatz von Küch und Keller;
ungekostet bleibt kein Teller,
und kein Glas geht voll vorbei.

Ja man packt, beim Lebewohl,
um noch unterwegs zu naschen,
mit Konfekt und Wein die Taschen
und die Mantelsäcke voll.

Unter manchem tiefen Knicks
wird die ältre Schwester Ännchen,
fromm und sittsam wie ein Nönnchen,
täglich Zeugin ihres Glücks.

Da sah man kein bös Gesicht;
Täubchen! hieß es nur und Püppchen!
Dann und wann schlug Trull ein Schnippchen,
doch er tat, als säh er's nicht.

Es bewegt ihr Ehestand
Hagestolze selbst zum Neide;
aber Leid folgt oft der Freude,
großes Glück hat nicht Bestand!

"Ich verreise, sprach er einst,
nimm die Schlüssel, liebe Trulle!
Zimmer, Kisten und Schatulle
stehn dir offen, wenn du meinst.

Nimm dir einen Cicisbee.
um dich zu desennüyieren!
Spiel im Schachbrett, geh spazieren,
schaukle dich und trinke Tee!

Flieh die schwarze Kammer nur,
sonst ist dir der Tod geschworen!" -
Noch schallt er in ihren Ohren,
so vergißt sie auch den Schwur.

Bricht vor Eile bald das Bein;
knack! so springen alle Riegel,
und der schwarzen Kammer Flügel
öffnen sich; sie wischt hinein.

O, der Greuel, die sie sah!
Blut in Strömen! tote Leiber!
Blaubarts alle zwanzig Weiber
hingen wie Gewehre da.

Fliehn will sie, zurückgeschreckt;
Angst entstellt Blick und Gebärde;
als ein Schlüsselchen zur Erde
fällt und sich mit Blut befleckt.

Was sie sich für Mühe gab!
zehnmal wischte sie und rieb es;
blutig war es, blutig blieb es,
und das Blut ging nimmer ab.

Noch vor Nacht kommt ihr Barbar,
fragt mit aufgeworfnem Rüssel:
"Weib, wo hast du meine Schlüssel?"
Zitternd reicht sie sie ihm dar.

"Sind es alle? - Laß doch sehn!
Einer fehlet, schaff ihn wieder!" -
Weinend stürzt sie vor ihm nieder
und bekennet ihr Vergehn.

"Gut! so weißt du dein Geschick!
Jene dort sind dein gewärtig.
Mache dich zur Reise fertig!
Dein ist noch ein Augenblick!" -

Schleppt sie drauf mit eigner Hand
in des Hofes innre Mauer,
wo, in feierlicher Trauer,
ein verfallner Wachtturm stand.

Trulle sträubt sich, zappelt, schreit:
"Aufschub! Aufschub! ich will sterben;
doch die Seele vom Verderben
zu erretten, laß mir Zeit!" -

Ännchen läuft auf ihr Geschrei
atemlos zum nahen Turme;
schauet, ob dem armen Wurme
Hilfe noch zu schaffen sei.

Er, der auf und nieder geht
und den Hut ins Auge drücket,
spricht, da er den Säbel zücket:
"Bet ein kurzes Stoßgebet!" -

Trullen stockt des Blutes Lauf
beim gezückten, scharfen Säbel;
schon umringt vom Todesnebel,
seufzet sie zum Turm hinauf:

"Schwester Ännchen siehst du nichts?" -
"Stäubchen in der Sonne drehen
und des Grases Spitzen wehen,
Schwesterchen, sonst seh ich nichts!" -

"Schwester Ännchen, siehst du nichts?" -
"Stäubchen fliegen, Gräschen wehen." -
"Ännchen, läßt sich sonst nichts sehen?"
"Schwester Ännchen, sonst seh ich nichts." -

Trulle fragt ohn Unterlaß.
Ännchen ruft: "Sei guter Laune!
Dort, beim Hagebuchenzaune
reitet man in starkem Paß.

Jetzo sprengt man - langt schon an!"
Trulles beide Herren Brüder
kamen von der Beitze wieder,
mit dem schönsten Auerhahn.

Blaubart kriegt den Tod zum Lohn,
wird gekocht in heißer Lauge;
Trulle kommt mit blauem Auge
dieses Mal noch so davon.


 
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Eine Fassung:

http://www.schlossbuch.de/papiertheater/mnpap.htm

Blaubart
In einem Walde lebte ein Mann, der hatte drei Söhne und eine schöne Tochter. Einmal kam ein goldener Wagen mit sechs Pferden und einer Menge Bedienten angefahren, hielt vor dem Haus still, und ein König stieg aus und bat den Mann, er möchte ihm seine Tochter zur Gemahlin geben. Der Mann war froh, dass seiner Tochter ein solches Glück widerfuhr, und sagte gleich ja; es war auch an dem Freier gar nichts auszusetzen, als dass er einen ganz blauen Bart hatte, so dass man einen kleinen Schrecken kriegte, sooft man ihn ansah. Das Mädchen erschrak auch anfangs davor und scheute sich, ihn zu heiraten, aber auf Zureden ihres Vaters willigte es endlich ein. Doch weil es so eine Angst fühlte, ging es erst zu seinen drei Brüdern, nahm sie allein und sagte: "Liebe Brüder, wenn ihr mich schreien hört, wo ihr auch seid, so lasst alles stehen und liegen und kommt mir zu Hülfe." Das versprachen ihm die Brüder und küssten es. "Leb wohl, liebe Schwester, wenn wir deine Stimme hören, springen wir auf unsere Pferde und sind bald bei dir." Darauf setzte es sich in den Wagen zu dem Blaubart und fuhr mit ihm fort. Wie es in sein Schloss kam, war alles prächtig, und was die Königin nur wünschte, das geschah, und sie wären recht glücklich gewesen, wenn sie sich nur an den blauen Bart des Königs hätte gewöhnen können, aber immer, wenn sie den sah, erschrak sie innerlich davor. Nachdem das einige Zeit gewährt, sprach er: "Ich muss eine große Reise machen, da hast du die Schlüssel zu dem ganzen Schloss, du kannst überall aufschließen und alles besehen, nur die Kammer, wozu dieser kleine goldene Schlüssel gehört, verbiet ich dir; schließt du die auf, so ist dein Leben verfallen." Sie nahm die Schlüssel, versprach ihm zu gehorchen, und als er fort war, Schloss sie nacheinander die Türen auf und sah so viel Reichtümer und Herrlichkeiten, dass sie meinte, aus der ganzen Welt wären sie hier zusammengebracht. Es war nun nichts mehr übrig als die verbotene Kammer, der Schlüssel war von Gold, da gedachte sie, in dieser ist vielleicht das Allerkostbarste verschlossen; die Neugierde fing an, sie zu plagen, und sie hätte lieber all das andere nicht gesehen, wenn sie nur gewusst, was in dieser wäre. Eine Zeitlang widerstand sie der Begierde, zuletzt aber ward diese so mächtig, dass sie den Schlüssel nahm und zu der Kammer hinging: "Wer wird es sehen, dass ich sie öffne", sagte sie zu sich selbst, "ich will auch nur einen Blick hineintun." Da Schloss sie auf, und wie die Türe aufging, schwamm ihr ein Strom Blut entgegen, und an den Wänden herum sah sie tote Weiber hängen, und von einigen waren nur die Gerippe noch übrig. Sie erschrak so heftig, dass sie die Türe gleich wieder zuschlug, aber der Schlüssel sprang dabei heraus und fiel in das Blut. Geschwind hob sie ihn auf und wollte das Blut abwischen, aber es war umsonst, wenn sie es auf der einen Seite abgewischt, kam es auf der andern wieder zum Vorschein; sie setzte sich den ganzen Tag hin und rieb daran und versuchte alles mögliche, aber es half nichts, die Blutflecken waren nicht herab zu bringen; endlich am Abend legte sie ihn ins Heu, das sollte in der Nacht das Blut ausziehen. Am andern Tag kam der Blaubart zurück, und das erste war, dass er die Schlüssel von ihr forderte; ihr Herz schlug, sie brachte die andern und hoffte, er werde es nicht bemerken, dass der goldene fehlte. Er aber zählte sie alle, und wie er fertig war, sagte er: "Wo ist der zu der heimlichen Kammer?" Dabei sah er ihr in das Gesicht. Sie ward blutrot und antwortete: "Er liegt oben, ich habe ihn verlegt, morgen will ich ihn suchen." "Geh lieber gleich, liebe Frau, ich werde ihn noch heute brauchen." "Ach ich will dir's nur sagen, ich habe ihn im Heu verloren, da muss ich erst suchen." "Du hast ihn nicht verloren", sagte der Blaubart zornig, "du hast ihn dahin gesteckt, damit die Blutflecken herausziehen sollen, denn du hast mein Gebot übertreten und bist in der Kammer gewesen, aber jetzt sollst du hinein, wenn du auch nicht willst." Da musste sie den Schlüssel holen, der war noch voller Blutflecken.
"Nun bereite dich zum Tode, du sollst noch heute sterben", sagte der Blaubart, holte sein großes Messer und führte sie auf den Hausehrn. "Lass mich nur noch vor meinem Tod mein Gebet tun", sagte sie. "So geh, aber eil dich, denn ich habe keine Zeit lang zu warten." Da lief sie die Treppe hinauf und rief, so laut sie konnte, zum Fenster hinaus: "Brüder, meine lieben Brüder, kommt, helft mir!" Die Brüder saßen im Wald beim kühlen Wein, da sprach der jüngste: "Mir ist, als hätte ich unserer Schwester Stimme gehört; auf! wir müssen ihr zu Hülfe eilen!" Da sprangen sie auf ihre Pferde und ritten, als wären sie der Sturmwind. Ihre Schwester aber lag in Angst auf den Knien; da rief der Blaubart unten: "Nun, bist du bald fertig?" Dabei hörte sie, wie er auf der untersten Stufe sein Messer wetzte; sie sah hinaus, aber sie sah nichts als von Ferne einen Staub, als käme eine Herde gezogen. Da schrie sie noch einmal: "Brüder, meine lieben Brüder! kommt, helft mir!" Und ihre Angst ward immer größer. Der Blaubart aber rief: "Wenn du nicht bald kommst, so hol ich dich, mein Messer ist gewetzt!" Da sah sie wieder hinaus und sah ihre drei Brüder durch das Feld reiten, als flögen sie wie Vögel in der Luft, da schrie sie zum dritten Mal in der höchsten Not und aus allen Kräften: "Brüder, meine lieben Brüder! kommt, helft mir!" Und der jüngste war schon so nah, dass sie seine Stimme hörte: "Tröste dich, liebe Schwester, noch einen Augenblick, so sind wir bei dir!" Der Blaubart aber rief: "Nun ist's genug gebetet, ich will nicht länger warten, kommst du nicht, so hol ich dich!" "Ach! nur noch für meine drei lieben Brüder lass mich beten." Er hörte aber nicht, kam die Treppe herauf gegangen und zog sie hinunter, und eben hatte er sie an den Haaren gefasst und wollte ihr das Messer in das Herz stoßen, da schlugen die drei Brüder an die Haustüre, drangen herein und rissen sie ihm aus der Hand, dann zogen sie ihre Säbel und hieben ihn nieder. Da ward er in die Blutkammer aufgehängt zu den andern Weibern, die er getötet, die Brüder aber nahmen ihre liebste Schwester mit nach Haus, und alle Reichtümer des Blaubarts gehörten ihr.
www.hekaya.de/anzeigen.phtml/maerchen/grimm_m_26
 
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Max Frisch:
Bücher von Amazon
ISBN: 3518386948


www.arte.tv/de/kunst-musik/buchtipps/Alle_20Rezensionen/D-F/893406.html
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Ingeborg Bachmann hat wohl ein Gedicht über "Blaubart" geschrieben. Ich finde es nur leider nicht.
Wahrscheinlich haben sich Frisch und Bachmann da gegenseitig inspiriert in ihrer gemeinsamen Zeit.

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„Es gibt ein Blaubart-Zimmer in unserer Seele, das man nicht öffnen soll. Sie geben mir heute einen goldenen Schlüssel in die Hand; doch ich zittere vor der Tür, und ich weiß, daß dieser Schlüssel ins Blut fallen wird, wenn ich mich dem geheimnisvollen Befehl widersetze. Es gibt ein inneres Meer in unserer Seele, ein fürchterliches, wahrhaftes mare tenebrarum, in dem die seltsamen Stürme des Ungesagten und Unsagbaren wüten ...“ Maurice Maeterlinck


Die Geschichte vom Ritter Blaubart stammt von Charles Perrault und wurde in einer Märchensammlung im Jahr 1697 veröffentlicht, die unter dem Titel Contes de ma mère L’Oye (Märchen meiner Mutter Gans) bekannt geworden ist. Welcher anhaltenden Faszination sich diese literarische Extremfigur im Lauf der Jahrhunderte erfreute, belegen die zahlreichen Bearbeitungen des Blaubartstoffs, die bis ins späte 20. Jahrhundert reichen. Künstlerisch variiert wurde diese spannende und zugleich verstörende Geschichte von männlicher Gewalt und weiblicher Neugierde unter anderem von den Brüdern Grimm, Ludwig Tieck, Maurice Maeterlinck, Béla Bartók und Béla Balázs, Anatole France, Georg Trakl, Alfred Döblin, Max Frisch, Peter Rühmkorf, Pina Bausch, Margaret Atwood und Dea Loher. ...
http://fk1-tu-berlin.de/litwiss/dephil/kvv/sose03neuere.html#PS14
 
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Zur literarischen Geschichte des "Ritter Blaubarts":

www.sphinx-suche.de/elementa/blaubart.htm

Im 6. Jh. erzählt der bretonische Geschichtsschreiber Albert le Grand von einem Count Conomor, der stets seine Ehefrauen tötet, wenn sie schwanger sind; es ist die Legende vom hl. Gildas. Die letzte Frau, die von dem Heiligen erzogen wurde, wird zwar auch getötet, doch Gildas erweckt sie wieder zum Leben, und sie gebiert einen Sohn, der Gildas genannt wird.
Aus dieser Legende entwickelte sich das Blaubart-Märchen, das vor allem durch Charles Perraults 1697 gedruckte Sammlung von acht Märchen, unter denen auch „La Barbe-Bleue“ war, verbreitet wurde. Schon in Sprichwörtersammlungen des 16. Jh.s wird ein Mann mit besonders dichtem (und dunklem) Bartwuchs als Blaubart bezeichnet, ihm schrieb man ungewöhnliche sexuelle Kräfte zu. Perrault nennt den mädchenmordenden Helden erstmals Blaubart.
Das Märchen erzählt von einem reichen Mann, der die jüngste von drei Schwestern heiratet und ihr, als er einmal verreist, verbietet, ein bestimmtes Zimmer zu betreten. Als sie das Verbot übertritt, findet sie in dem Zimmer die ermordeten Frauen, die Blaubart vor ihr heiratete. Als er sie ebenfalls umbringen will, kommen im letzten Moment ihre Brüder und töten den blutdürstigen Ehemann.
Das Blaubartmärchen gehört zum Typus der Zaubermärchen, in denen eine Frau von einem dämonischen Wesen entführt wird, eine Gehorsamsprobe bestehen muss, ihre Schwestern aus der Gewalt des Unholds befreit und der Unhold getötet wird.
Während im Barbe-Bleue der negative Held ein Mensch ist, der allerdings ausnehmend hässlich dargestellt wird, gewinnt die Gestalt des Frauenmörders in dem Grimmschen Märchen „ Fitschers Vogel“ (KHM 46) dämonische Züge. Hier ist er ein Hexenmeister, der die Frauen in seinen Korb zaubert und sie auf diese Weise in sein Haus bringt, wo er sie ermordet. Die jüngste von drei Schwestern gewinnt Macht über ihn und rettet alle.
In den weiteren Umkreis dieser Erzählung gehört die sog. Mädchenmörderballade, die ebenfalls von einem Frauenmörder mit Namen Ulinger (dt.), Halewyn (niederländisch) bzw. Rullemann (norwegisch) erzählt. Auch hier zeigt der Frauenmörder dämonische Züge, denn er lockt die Frauen mit seinem Gesang an, so „dass eine jede Jungfrau, die seinen Gesang vernahm, ihm umweigerlich folgen musste“.
 
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Im „Märchenlexikon“

http://www.maerchenlexikon.de/lexikon.htm

finden sich folgende Beschreibungen:


Der Blaubart 312
Märchentyp AT: 312; cf. 311
Grimm KHM: Fitchers Vogel 46

Ein Mädchen wird von einem Ritter als seine Braut auf sein Schloss gebracht. Dort wird ihr verboten, ein bestimmtes Zimmer zu betreten. Sie tut es dennoch und entdeckt eine Menge zerstückelter Frauenleiber. Es waren die ermordeten Gattinnen des Ritters. Sie verrät sich dadurch, dass der Schlüssel zu diesem Zimmer blutig geworden ist und das Blut sich nicht abwaschen lässt. Als Ritter Blaubart sein Schwert zieht, um sie zu töten, ist ihre Schwester gerade zu Besuch. Die Schwester sieht vom Turm aus, dass ihre beiden Brüder angeritten kommen. Da bittet die bedrohte Gattin ihren Mann, wenigstens ein letztes Gebet verrichten zu dürfen. Die Brüder kommen rechtzeitig und retten ihre Schwester.

Anmerkung
Dieses Märchen ist nur eine von Charles Perrault ausgeführte Romantisierung des vorhergehenden Märchens 311. Es ist auch kein Wundermärchen im eigentlichen Sinn. Möglicherweise hat ein in ganz Europa verbreitetes Volkslied über einen Gattenmörder Rymer Perrault beeinflusst. Der Name "Blaubart" besagt nur, dass der Ritter einen schwarzen Bart hatte. Dieser Zuname findet sich schon im 16. Jahrhundert für Männer, die darauf ausgehen, Mädchen zu verführen. In der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm von 1812 erscheint ebenfalls ein Blaubart-Märchen unter der Nr. 62, welches aber dann keine weitere Berücksichtigung mehr fand.


Von einem Riesen getötet 311
Märchentyp AT: 311; cf. 312
Grimm KHM: Fitchers Vogel 46; Hasenbraut 66

Ein Mädchen wird in die Behausung eines übernatürlichen Wesens (Riesen) gelockt. Es wird ihr befohlen, Menschengebeine oder dgl. zu essen, oder es wird ihr verboten, ein bestimmtes Zimmer zu betreten. Dieses enthält zerstückelte Menschenleiber. Sie wird dadurch verraten, dass die Gebeine sprechen können, oder durch ein Tier oder dadurch, dass sie das Blut, das an einem Schlüssel oder einem anderen Gegenstand klebt, nicht abwaschen kann, und wird von dem Ungeheuer getötet. Ihre zweite Schwester erleidet dasselbe Schicksal; aber der dritten Schwester gelingt es, mit Hilfe von "Schlafdorn", eines hilfreichen Tieres (Katze) oder einer Salbe mit lebenerweckenden Kräften die Lage zu meistern, die Schwestern wiederzuerwecken und schliesslich das Ungeheuer dahin zu bringen, dass es in einer Truhe oder in einem Sack mit Gold zuerst die Schwestern und dann sie selbst nach Hause trägt. Manchmal flieht sie statt dessen in einem Federkleid wie ein Vogel und hinterlässt eine ausgestopfte Puppe in ihrem Bett.

Anmerkung
Das Märchen ist beinahe in ganz Europa und im Vorderen Orient sowie in Indien und Palästina verbreitet. In Südeuropa hat es mehrere Züge, die eindeutig orientalisch sind. Die Gestalt und Art des Ungeheuers ist sehr schwer zu bestimmen: in den nordeuropäischen, keltischen und russischen Märchen handelt es sich oft um ein Tier, in Schweden manchmal um eine Goldkatze; in Italien, am Balkan und in den westslawischen Ländern, wo das Märchen häufig vertreten ist, dürfte man ihn am treffendsten mit dem Teufel identifizieren können. Dort tritt auch die verstorbene Mutter oder die Jungfrau Maria als Helferin des Opfers auf. Wenn das Ungeheuer selbst seine zum Leben erweckten Opfer in einem Sack wegtragen muss oder dadurch genarrt wird, dass eine Puppe in das Bett gelegt wird oder dass die Heldin ein Federkleid anlegt, werden unsere Gedanken auf jene scherzhaften Märchen hingelenkt, in denen der Teufel oder der dumme Riese die Hauptrolle spielt (1091, 1115, 1132, 1405). Den weggetragenen Sack finden wir u.a. auch in einem dänischen Volkslied vom Meergeist Rosmer.


Herzliche Grüße von

Leòn
 
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Blaubart

von Franz Graf Pocci
1807 - 1876

Es lebt ein Ritter viel bekannt
auf seiner Burg im Frankenland,
Raoul der Blaubart wohl genant:
ja Blaubart - denn sein Bart war blau.
Er nahm sich manche schöne Frau;
doch war sein Herz so wild und rauh,
daß von sechs wunderholden Fraun
jedwede, die sich ihm ließ traun,
bald war nicht lebend mehr zu schaun.

Man sagte sich im ganzen Land,
er morde sie mit eigner Hand
und hing die Leichen an die Wand!
So war es auch; denn jedes Weib
nahm er sich nur zum Zeitvertreib;
bald tötet er den schönen Leib.
So waren denn sechs Weiber dort
erlegen schon dem schnoden Mard,
verborgen an geheimem Ort.
Die Siebente freit' er nun bald,
und gleich aus Volkes Mund erschallt:
"Nicht lang währt's, ist auch diese kalt!"

Als einstmals er von Hause ritt,
nahm er sein junges Weib nicht mit
und heuchelt' eine süße Bitt:
"Da geb ich einen Schlüssel dir,
der sperrt das Schloß des Zimmers hier;
und nun, lieb Weob, gelobe mir,
daß du die Neugier wohl bezähmst
und dich darob nun gar nicht grämst,
wenn du in dies Gemach nicht kämst.
Betritt es nicht - ich warne dich -
die Strafe wäre fürchterlich!
Nur wahr das Schlüsselchen für mich.
Leb wohl, ich kehre bald zurück;
verscherze nicht dein Lebensglück,
den Schlüssel nicht ins Schlößlein drück!"

So sprach er und bestieg sein Roß
und flog mit seinem Knappentroß
schenell durch das Tor hinaus zum Schloß.
Da stund die Frau nun ganz allein,
in ihrer Hand das Schlüsselein,
und das Verbot ward bald zur Pein.
"Was birgt wohl jene Kammer doch,
in die ich nie gekommen noch?
Ei was, ich guck durchs Schlüsselloch!
Durchs Schlüsselloch? - Ist's denn wohl gut?
mir scheint's fürwahr nicht Übermut,
vielleicht schau ich verborgen Gut!"
Da ward der Kopf etwas gedruckt,
ein bißchen durch das Loch geguckt
und endlich auch am Schloß geruckt.

Nun nahm die Neugier immer zu
und ließ der Armen keine Ruh:
Sie dachte spät und dachte fruh
nur an Herrn Blaubarts hart Verbot;
sie nannt es eine grause Not,
da er sogar mit Strafe droht'.
Allmählich hiert sie's nicht mehr aus.
Sie lief umher im ganzen Haus,
als wie die Katze nach einer Maus;
ja endlich eines Tages doch -
es graute kaum, der Morgen noch -
steckt sie den Schlüssel in das Loch
und dreht und dreht - o welch Geschick! -
die Tür geht auf, was sieht ihr Blick!"
Viel Blut lag auf dem Boden dick,
welchs Weiberleichen an der Wand!
Da fiel der Schlüssel auf der Hand,
und Ohnmacht ihre Sinne band.
Als sie noch halb beträubet stund,
da weckt sie ganz des Wächters Mund,
der blies vom Turm zu grüher Stund!
"O weh, o we! da kommt mein Mann!
Was fang ich armes Weib nun an?
O Himmel, wie's geschehen kann!"


http://gutenberg.spiegel.de/balladen/deutsch/blaubrt.htm
 
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Malve

"Männer in Blau" von Monika Szczepaniak - Die Problematik der Männlichkeit anhand der Figur des Blaubart:

Verkörperung der Dauerkrise

Monika Szczepaniak untersucht die Problematik der Männlichkeit anhand der literarischen Figur des "Blaubart"

Von Céline Letawe

Monika Szczepaniak, Literaturwissenschaftlerin am Lehrstuhl für Germanistik der Universität Bydgoszcz in Polen, legt mit ihrem Buch "Männer in Blau" die erste umfassende Darstellung der Blaubart-Bilder in der deutschsprachigen Literatur vor. Sie untersucht insgesamt mehr als sechzig Bearbeitungen des Blaubart-Stoffs in der Form von Märchen, Gedichten, Dramen, Erzählungen und Romanen. Ihr umfangreicher Textkorpus reicht von Charles Perraults Märchentext(1697) bis zu Judith Kuckarts Erzählung "Nadine aus Rostock" (2001).
Es handelt sich hier aber nicht nur um eine literaturwissenschaftliche Studie, sondern auch um einen Beitrag zur Problematik der Männlichkeit in der westlichen Welt. Durch die Analyse der Texte will die Autorin nämlich auch den historischen und soziokulturellen Kontext erhellen. Und Literatur ist dafür besonders gut geeignet: "Die literarischen Texte bieten - im Unterschied zu wissenschaftlichen und sozial-kulturellen Diskursen - die Gelegenheit, die einzelnen Akteure anzuschauen, die aus gesellschaftlichen Sanktionen und Tabus resultierenden rollenimmanenten Spannungen sichtbar zu machen, die Unsicherheiten und inneren Konflikte in individuellen männlichen Lebensläufen zum Ausdruck zu bringen." Die Blaubart-Figur betrachtet Szczepaniak als eine Verkörperung der sich in Dauerkrise befindenden Männlichkeit, die Blaubart-Texte als Dokumente der Problematisierung des Mannseins. Sie zeigt, wie die jeweilige literarische Figur die Zeit ihrer Entstehung widerspiegelt und stellt dadurch eine interessante Entwicklung sowohl der Blaubart-Figur als auch der Mentalitäten dar.
Blaubart fand Eingang in die Literatur dank Charles Perraults Märchen "La Barbe bleue", das als "archetypische" Blaubart-Geschichte betrachtet werden kann und als Vorlage für die Texte bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt. Den Kern dieser traditionellen Blaubart-Geschichten hält Szczepaniak in einer farbspielerischen Zusammenfassung fest: "Da ist ein reicher, erfahrener Mann, in dessen Adern meistens blaues Blut fließt und ein recht blauäugiges Mädchen, das von ihm umworben wird. Er verspricht ihr das Blaue vom Himmel herunter, sie lässt sich mit ihm ein, muss aber bald ihr blaues Wunder erleben. Er stellt nämlich harte Bedingungen und ärgert sich grün und blau, weil sie sich nicht daran hält. Die Lage ist kritisch, sie ist vom Tode bedroht, doch kommt sie mit einem blauen Auge davon."
Bei den Blaubart-Texten, die später entstanden sind, herrscht dagegen eine große Heterogenität. Die Varianten reichen "von extremen Radikalisierungen einerseits bis hin zu brisanten Entschärfungen und Verharmlosungen andererseits".
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wird von verharmlosenden Blaubart-Bildern dominiert: Blaubart existiert nur als Hirngespinst, "als Ausgeburt der Phantasie von hysterischen Frauen oder sensationslüsternen Bediensteten". Szczepaniak diagnostiziert in den Texten der Zeit eine Tabuisierung des Themas, die sich auf das damals herrschende repressive Klima zurückführen lässt. Bei Eulenbergs "Ritter Blaubart" (1905) stellt sie dann einen klaren Bruch fest. Männlichkeitskrise, Antifeminismus und Veränderungen in der Mentalität, die unter anderem mit der Entstehung der Psychoanalyse verbunden sind, lassen Blaubart in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Neurotiker erscheinen; die Blaubart-Bilder sind in extremer Weise von Gewalt und Sexualität dominiert. Das Ende des 20. Jahrhunderts ist, stellt Szczepaniak fest, von einer zweiten Männlichkeitskrise geprägt, die in den Blaubart-Texten einmal mehr deutliche Spuren hinterlässt. Der Titel der Anthologie "Blaubärtchen" (1990) ist in diesem Sinne viel sagend. Von Brautwerbung kann meistens nicht mehr die Rede sein - nun sind es die Frauen, die sich bemühen, um den Mann zu gewinnen. Blaubart erscheint auch nicht mehr als Frauenmörder, sondern als "ein schwacher, passiver Mann, der die Frau nicht lieben kann".
Die Studie beruht auf einer guten theoretischen Grundlage: Das erste Viertel des Bands enthält Überlegungen zu der Geschichte und der Problematik der Männlichkeit, die auch einzeln gelesen werden können. Erfreulich sind auch die vierundvierzig Abbildungen, die den Text begleiten. Neben Gemälden von Lucas Cranach und Lithografien von Franz Pocci stehen viele neuere Illustrationen zum Thema Liebe und Gewalt, zu denen auch erstaunlichere Beiträge wie zum Beispiel eine anonyme Schülerzeichnung zu Perraults Blaubart zählen.
In ihrer Untersuchung gelingt es Szczepaniak, ein Märchen, das ursprünglich als Warngeschichte über weibliche Neugier geschrieben und gelesen wurde, aus der Sicht der Männlichkeitsforschung neu zu perspektivieren. Sie fragt nach dem Grund für Blaubarts beunruhigende Gewalt - und wagt sogar eine Antwort: "male trouble - ein Männlichkeitsproblem, das nicht manifest werden darf und sorgfältig kaschiert werden muss".


Monika Szczepaniak: Männer in Blau. Blaubart-Bilder in der deutschsprachigen Literatur.
Böhlau Verlag, Köln 2005.
325 Seiten, 44,90 EUR.
ISBN 3412156051
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=8946&ausgabe=200601
 
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10.01.04
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Elisabeth nannte sich "Frau Ritter Blaubart", die ihr Gruselkabinett mit "Eselshäuten" tapeziert. Mit dem wienerischen "Gefrett" meinte sie all die Scherereien, die es zwischen ihr und Franz Joseph lebenslänglich gab. Sie war sich ihrer Liebe zu ihm gewiß und erst recht seiner Liebe zu ihr.

Seine Liebe war viel größer als die ihre, er war darin rührend hilflos und anhänglich. Sein Liebesunglück war primitiver, aber tiefer als ihr Lebensunglück, das durch Romantik, Ironie, Melancholie sublimiert schien.

Elisabeth galt als schweigsam, aber sie hinterließ 600 Seiten mit Gedichten. Die Leichtigkeit, mit der sie dahindichtete, hat ihren literarischen Ruf dauerhaft beschädigt. Aber es finden sich immer wieder Passagen mit Tiefgang, Witz und echtem Gefühl, das ins Leserherz schneidet.
http://zeus.zeit.de/text/1998/11/sisi.txt.19980305.xml

(Mit Elisabeth ist die Kaiserin von Österreich-Ungarn, die Sissi, gemeint)

Uta
 
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