Lob des Geburtenrückgangs

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Heute Morgen hörte ich im Radio das Interview mit der Abgeordneten Christa Müller Deutschlandfunk - Interview - Mit Familienförderung den Bevölkerungsrückgang stoppen. Dadurch bin ich auf das letzte Buch von dem Soziologen karl Otto Hondrich aufmerksam geworden. Der Autor ist Anfang des Jahres verstorben.
Karl Otto Hondrich - Wikipedia


Während des Interviews musste ich an diesen Thread denken http://www.symptome.ch/vbboard/nachdenken/3865-stimmt-diese-welt-uberbevoelkerung-leidet.html .
Darin wurde unter anderem das "Aussterben der Deutschen beklagt".

Aus nationalkonservativer Sicht erscheinen Schrumpfungsprozesse nationaler Bevölkerungen als lebensbedrohlich. Bevölkerungswissenschaftler wie Herwig BIRG und Soziologen wie Franz-Xaver KAUFMANN haben in ihren Büchern die Apokalypse ausgemalt, die am Ende von Schrumpfungsprozessen steht.
Karl Otto Hondrich - Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist



Das postum von Hondrich erschienene Buch sagt etwas ganz anderes:

Wider die Vermehrungspropaganda;) !


Hondrich hat zwei Argumente.

Erstens: Die Anpassungsfähigkeit moderner Gesellschaften macht sie weitgehend unabhängig von "natürlichen" Vorgaben. Es schrumpfen also gar nicht die Gesellschaften, es schrumpft nur die Zahl ihrer Mitglieder. Die soziale Entwicklung selber sei davon aber nicht unmittelbar betroffen.

Und zweitens: Es geschieht nicht aufgrund moralischen Zerfalls oder mangelnder Einsicht, dass die Familien in modernen Gesellschaften kleiner werden und die Zahl der Alleinlebenden und Kinderlosen zunimmt. Sondern es folgt einer gewissen sozialen Vernunft. Die Wirtschaft lebt beispielsweise auf Kosten der großen Familien. Am liebsten hat sie junge Leute, die keine Kinder haben. Das steigert ihre Produktivität. Aber auch die Bildung lebt auf Kosten von Kindern, denn lange Ausbildungszeiten führen dazu, dass viele junge Leute die Entscheidung für Kinder hinausschieben.
Deutschlandradio Kultur - Buchkritik - Weniger Menschen, mehr Möglichkeiten

Zum Beispiel die so genannte Überalterung. Für Hondrich ist das Älterwerden der Gesellschaft keine Dekadenzerscheinung, sondern,

eine großartige Errungenschaft moderner Kultur: eine notwendige Begleiterscheinung von Wohlstand, Bildung, Freiheiten, sozialen Absicherungen, Medizin, Hygiene, Ernährungswissenschaft ...

Wollen wir, fragt er ironisch, auf diese Fortschritte und auf die gewonnenen Jahre verzichten?

Wollen wir) lieber jung sterben, als alt werden? Wer selbst ein langes Leben führen möchte, sollte aufhören, Vergreisung wie einen Vorwurf zu behandeln.

Kapitel für Kapitel entkräftet Hondrich die verbreiteten Befürchtungen. Ein etwaiger Arbeitskräftemangel zum Beispiel sei durch die vermehrte Einbeziehung von Frauen, Migranten oder eben den jetzt frühzeitig aussortieren Älteren leicht zu kompensieren. Entscheidend aber sei, dass man gar keinen reichlichen Nachwuchs mehr brauche. Technisierung, Rationalisierung und funktionale Differenzierung sorgten dafür, dass ein Einzelner immer mehr für das Bruttosozialprodukt leisten könne. Diese "Produktivitätsspirale" mache es auch finanzierbar, dass immer mehr Rentner immer weniger Rentenbeitragszahlern gegenüberstehen.
Deutschlandfunk - Politische Literatur - Wider die Vermehrungspropaganda

Also ernsthaft: Darüber kann man ja mal nachdenken! :)

Herzliche Grüße von

Leòn
 
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