Bisphenol A schädigt Hirngewebe

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sorry für den langen Text...

Pressemitteilung vom 15. Dezember 2005



Hirnentwicklung durch BPA gestört / Marktführer ist BAYER-Konzern

„Bisphenol A in Lebensmittel-Verpackungen verbieten“



Eine in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Endocrinology veröffentlichte
Studie weist nach, dass schon kleinste Mengen der Chemikalie Bisphenol A
(BPA) die Hirnentwicklung stören können. BPA wirkt wie ein künstliches
Hormon und gefährdet bei einer Exposition insbesondere Säuglinge.
Unfruchtbarkeit, Fehlbildungen und verfrühte sexuelle Reife können die Folge
sein.



Größter europäischer Hersteller der Chemikalie ist der BAYER-Konzern. Prof.
Jürgen Rochlitz, Mitglied der Deutschen Störfallkommission und Beirat der
Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Bisphenol A und andere hormonaktive
Substanzen haben in Produkten des täglichen Bedarfs absolut nichts
verloren." Philipp Mimkes vom Vorstand des Vereins ergänzt: „Seit
Jahrzehnten ist die hormonelle Wirkung von Bisphenol A bekannt – trotzdem
verharmlost der größte deutsche Hersteller, der Leverkusener BAYER-Konzern,
beharrlich die Risiken und verhindert durch politische Einflussnahme ein
Verbot risikoreicher Anwendungen. Wir fordern ein sofortiges Verbot in allen
Produkten, die mit Nahrungsmitteln in Kontakt kommen“. Auch das
Umweltbundesamt fordert seit Jahren, die Verwendung von Bisphenol A in
Lebensmittel-Verpackungen zu reglementieren - kann sich jedoch gegen die
Interessen der Industrie nicht durchsetzen.



Besonders brisant sind die neuen Studienergebnisse, da Bisphenol A in
Babyflaschen, Konservendosen und Verpackungen eingesetzt wird und in
Lebensmittel austreten kann. Nach Angaben des Bundesinstituts für
Risikobewertung ist die von deutschen VerbraucherInnen täglich aufgenommene
Menge BPA sogar höher als die Konzentration, die in den aktuellen
Untersuchungen zu Schädigungen führten. Dr. Scott Belcher von der
Universität Cincinnati, der die Studie erstellt hat, bezeichnet die
Ergebnisse als beunruhigend. „Die von Menschen aufgenommene Menge Bisphenol
A liegt in der selben Größenordnung wie die BPA-Konzentration, bei der wir
Schädigungen beobachtet haben“, so Dr. Belcher.



In den USA werden jährlich über eine Million Tonnen BPA produziert, in
Europa rund 700.000 to. Die größten Produzenten sind BAYER, Dow Chemicals
und GE Plastics. BAYER produziert die Chemikalie in Baytown/USA, Uerdingen
und Antwerpen. In den vergangenen Jahren hat BAYER neue BPA-Fabriken in
Thailand und China eröffnet.





Lesen Sie hierzu auch einen Artikel, der diese Woche in Spiegel Online
erschienen ist:



Lebensmittelverpackungen: Weichmacher könnte Hirngewebe schädigen



Ein Weichmacher in Lebensmittel-Verpackungen steht seit Jahren im Verdacht,
die Gesundheit zu gefährden. Jetzt stellt sich heraus, dass schon winzige
Mengen der Substanz namens Bisphenol A die Hirnentwicklung bei Kindern und
Ungeborenen stören könnten. Behörden sind alarmiert.



Experten verdächtigen den chemischen Weichmacher Bisphenol A (BPA) schon
lange, der Gesundheit von Verbrauchern nicht eben zuträglich zu sein.
Ergebnisse einer jetzt im Fachblatt "Endocrinology" veröffentlichten Studie
rücken die Substanz jetzt weiter ins Zwielicht - und könnten massive
Auswirkungen auf den europäischen Verbraucherschutz haben.



Ein Forscherteam um Scott Belcher von der University of Cincinnati konnte
erstmals im Tierversuch zeigen, dass BPA gerade in kleinsten Dosierungen die
Hirnentwicklung beeinflusst. Offensichtlich blockiert die über die Nahrung
aufgenommene Chemikalie die Aktivität des körpereigenen Hormons Östrogen,
das für die Entwicklung bestimmter Hirnregionen unerlässlich ist.



Belchers Team hatte Ratten über einen Zeitraum von lediglich sechs Minuten
eine hoch verdünnte BPA-Lösung in den Teil des Gehirns gespritzt, der bisher
als unempfindlich gegenüber BPA galt: den so genannten zerebralen Kortex.
Das Ergebnis der anschließenden Untersuchung der Rattenhirne könnte sich als
"kleine Sensation in der BPA-Diskussion erweisen, falls es auch anderen
Forschergruppen gelingt, die Ergebnisse zu reproduzieren", kommentiert
Jürgen Kundke, Sprecher des Berliner Bundesinstituts für Risikobewertung
(BfR).



Die Substanz entfaltete in Belchers Tierversuchen wenige Minuten nach
Verabreichung eine verheerende Wirkung: Sie stoppte den Signalweg des
weiblichen Sexualhormons Östrogen und damit die natürliche Entwicklung der
Gehirnzellen - unabhängig vom Geschlecht der Tiere. Das Problem: BPA scheint
insbesondere in jenen winzigen Mengen extrem zu wirken, denen der Mensch im
Alltag ausgesetzt ist. Je niedriger die Konzentration der Substanz, desto
höher war in Belchers Versuchen die schädigende Wirkung auf das Hirngewebe.



Jährlich werden Millionen Tonnen produziert



Brisant ist die Studie vor allem deshalb, weil Bisphenol A aus dem Leben der
Verbraucher kaum mehr wegzudenken ist. Seit den fünfziger Jahren setzt die
chemische Industrie die Substanz bei der Herstellung von Plastikverpackungen
aller Art ein. "Bisphenol A ist eine Grundchemikalie, die in Mengen von etwa
einer Million Tonnen pro Jahr produziert wird", erklärt Thomas Simat,
Professor am Institut für Lebensmittelchemie der TU Dresden. "Sie ist
toxikologisch sehr gut untersucht."



Allerdings hatte bis jetzt niemand erforscht, wie BPA in kleinsten
Dosierungen wirkt. Belcher zufolge setzt die Gefährdung des Menschen bereits
vor der Geburt ein, weil BPA die Embryonalentwicklung des Gehirns stört. Um
das herauszufinden, hatten die Pharmakologen das Fötenwachstum der Ratten
verfolgt und die Tiere nach Ablauf bestimmter Fristen seziert.



Weil junge Ratten als besonders gutes Tiermodell gelten, konnte Belcher
daraus Rückschlüsse auf die Entwicklung des menschlichen Fötus ziehen und
die Zeit vom Beginn des letzten Schwangerschaftsdrittels bis zu den ersten
Lebensjahren des Kindes nachvollziehen. "Es besteht Grund zur Sorge",
erklärte Belcher SPIEGEL ONLINE. Der Professor für Pharmakologie und
Zell-Biophysik hält es für "sehr wahrscheinlich", dass es die bei den Ratten
beobachtete Wirkung auch beim Menschen gibt. "Es gibt zwar wichtige
Unterschiede zwischen Menschen und Nagetieren", so Belcher, "aber BPA hatte
bisher bei jeder Art von Tieren - seien es Säugetiere, Fische oder
Amphibien - ähnlich schädliche Effekte."



PlasticsEurope, der Verband der Kunststofferzeuger in Deutschland, sieht das
freilich anders. In einer internen Bewertung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt,
heißt es über Belchers Arbeit: "Aus der Studie liegen keine Hinweise vor,
dass die Beobachtungen beim Menschen zu nachteiligen Folgen führen".
Insbesondere die Methodik von Belchers Versuchen wird angegriffen. So seien
direkte Injektionen ins Hirn nicht mit oraler Aufnahme zu vergleichen,
außerdem sei die Anzahl der Versuchsratten viel zu gering.



Doch der neurotoxische Effekt, den BPA auf das hormonelle System ausübt,
dürfte weitaus größer sein als bislang angenommen. Um welche Größenordnungen
es sich handelt, verdeutlich ein Vergleich. Die von Belcher ausgemachte
toxische Dosis entspricht in etwa der Menge eines Fünftel Würfelzuckers, der
in einem Stausee mit 2,7 Milliarden Litern Wasser aufgelöst ist. Chemisch
ausgedrückt sind das etwa 0,23 Teile pro Trillion (ppt) oder 0,23 Nanogramm
Bisphenol A pro Kilogramm Trägermaterial.



Alte Substanz, neues Risikoprofil



Das wie ein künstliches Hormon wirkende BPA steht seit Jahren im Verdacht,
die Gesundheit des Menschen zu gefährden. So erschienen bis heute über
hundert Fachpublikationen, die sich mit den Auswirkungen von BPA befassen.
Für Aufmerksamkeit sorgte zuletzt ein im Fachblatt "Cancer" veröffentlichter
Bericht darüber, wie BPA in Tierversuchen Prostatakrebs auslöste. Dieses
Potential haben auch andere Untersuchungen bestätigt.



Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte sich schon 2003 mit
derartigen Fällen befasst und den Stand der Dinge unmissverständlich
bewertet. Es gebe "Anlass zur Besorgnis", da die Untersuchungen "auf ein
mögliches erbgut- und fortpflanzungsgefährdendes Potential von BPA
hindeuten", heißt es in einer am 17. April 2003 veröffentlichten
Stellungnahme des BfR.



Überraschend sei, dass die Schädigung des Erbguts schon bei einer
"außerordentlich niedrigen Dosierung" von 0,02 Milligramm pro Kilogramm
Körpergewicht gefunden worden sei.



Über Geschirr, Besteck und Einwegflaschen aus Kunststoff sowie die
Innenbeschichtung von Dosen gelangt Bisphenol A in den menschlichen Körper.



Nach Angaben des BfR nimmt ein erwachsener Mensch pro Tag etwa 0,48
Mikrogramm BPA pro Kilogramm Körpergewicht auf. Bei Kindern beträgt die
Menge sogar 1,6 Mikrogramm. Das ist mehr als 695 Mal so viel wie jene Menge,
die Belchers Team jetzt im Tierversuch als hirnschädigend ausmachte.



Risiko von BPA könnte neu bewertet werden



Dass bisher noch keine Behörde auf die Effekte in kleinsten Dosierungen
aufmerksam wurde, ist für Axel Allera vom Institut für klinische Biochemie
an der Universität Bonn nicht verwunderlich: "Man hat sich ausschließlich
mit den Wirkungen bei hohen Konzentrationen befasst", sagt der
Endokrinologe. Den Einfluss kleinster Chemikalienmengen auf den Organismus
habe man über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt - gerade bei BPA.



Deutsche Behörden sehen das jetzt ähnlich. Die von Belcher nachgewiesene
toxische Menge sei "eine vollkommen neue Dimension", erklärt BfR-Sprecher
Kundke. "Wir nehmen die Studie zur Kenntnis." Erkenntnisse über Schäden, die
BPA bereits bei Menschen angerichtet haben könnte, gibt es nicht. Denn
bisher wurde laut Kundke und Belcher noch nirgendwo auf der Welt eine
entsprechende epidemiologische Studie durchgeführt. Allera sieht darin
keinen Grund zur Entwarnung: Man müsse die Forschung über das Risiko von BPA
in geringen Dosierungen nun "endlich vorantreiben".



Mittlerweile mahlen die behördlichen Mühlen. Belchers Papier liegt nicht nur
dem BfR vor, das auf nationaler Ebene ein Verbot der Chemikalie in
bestimmten Verpackungen aussprechen könnte. Die Publikation hat inzwischen
auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in Parma
erreicht, in der ebenfalls Fachleute des BfR sitzen. Dort wird jetzt über
eine Neubewertung des Risikopotentials von Bisphenol A nachgedacht, wie
Kundke SPIEGEL ONLINE mitteilte. Allerdings: "Bis es zu einer
rechtswirksamen Entscheidung kommt, können Jahre vergehen." (von Vlad
Georgescu und Marita Vollborn, erschienen am 13. Dezember 2005).



Weitere Informationen: Bisphenol A Used In Food Containers Disrupts Brain
Development



Coordination gegen BAYER-Gefahren

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