Akupunktur – Fragwürdige Nadelstiche?

Akupunktur – Fragwürdige Nadelstiche?

Groß wird gerade in den deutschen Leitmedien über die Probleme und möglichen Nebenwirkungen der Akupunktur berichtet. Gottseibeiuns, wie gefährlich ist sie doch, hatten wir völlig übersehen!

Grösste je durchgeführte Meta-Analyse publiziert

Was dabei fast vergessen wird: Just dieser Tage wurde die größte Meta-Analyse zur Akupunktur berichtet, die je durchgeführt wurde, eine sogenannte „individual patient data – IPD“ meta-analysis (1). Was verbirgt sich dahinter?

Normalerweise verwenden Überblicksstudien, die Daten zusammenfassen, die Endergebnisse von einzelnen Studien. Hinter der IPD-Meta-Analyse stecken jedoch die Originaldaten eines jeden Patienten einer jeden Studie: 29 Studien hoher Qualität, fast 18.000 Patienten.

Ein internationales Forscherkonsortium, unter ihnen die erfahrensten und klügsten Köpfe der komplementär-medizinischen Forscherszene, hat sich ausgiebig darüber verständigt, welche Studien wie zusammengefasst werden sollen.

Akupunktur besser als Placebo?

Diese Analyse sollte Auskunft geben über die noch strittigen Fragen und tut es auch: Wirkt Akupunktur anders und besser als Placebo? Ja, tut sie. Die Effekte sind nicht gross, aber statistisch signifikant und klinisch ausreichend groß, so dass man nunmehr sagen kann: dieser Punkt ist abgehakt.

Wirkt Akupunktur besser als normale Therapie oder Nichtstun? Ja, klarerweise. Das wussten wir vorher schon, aber jetzt ist es endgültig klar. Der Effekt ist sogar relativ groß und je nach Diagnose mit etwa einer halben Standardabweichung größer als der Effekt, den Antidepressiva zeigen, wenn man sie mit Placebo vergleicht.

Dabei muß man wissen: alle diese Vergleichsstandards sind ja ihrerseits „wirksam“, also besser als Placebo. Dies gilt für alle untersuchten Diagnosen: Kopfschmerz und Migräne, Rückenschmerz und Arthroseschmerzen. Damit ist die Frage beantwortet, ob Akupunktur wirksam ist. Ja, sie ist es. Auch die Frage, ob sie besser wirkt als Placebo ist geklärt: ja tut sie. Sie ist sogar klarer beantwortet als für viele Medikamente, Schmerzmittel inclusive. Das ist übrigens auch der Grund, weswegen der englische Regulator bei chronischen Rückenschmerzen Schmerzmittel schon vor zwei Jahren als nicht mehr verordnungsfähig deklariert hat, stattdessen aber Akupunktur, Chiropraktik und Bewegung.

Positive Reaktionen der Hochschulmedizin?

Zurück zur deutschen Presse und Öffentlichkeit: Hören wir freudige Kommentare aus den heiligen Hallen der Hochschulmedizin? Hören wir Lob aus den Wissenschaftsredaktionen? Immerhin waren auch einige profilierte deutsche Kollegen unter dem internationalen Autorenteam, und die deutsche Forschung hat sich als führend auch auf diesem Gebiet gezeigt. Ich habe nichts dergleichen vernommen. Eher verhaltenes Staunen, wenn nicht gar halb ungläubiges Berichten, weil es ja nun doch nicht mehr anders geht.

Gefahren der Akupunktur – fragwürdige Quelle

Stattdessen wird groß über die möglichen Gefahren der Akupunktur geschrieben. Woher stammt diese Information? Sie kommt aus einem Newsticker des British Medical Journal. Dieser wiederum beruft sich auf eine Arbeit, die jetzt gerade erschienen ist (2).

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich diese Arbeit als methodisch nicht sonderlich beeindruckend. Hier haben Autoren die Datenbank des englischen Gesundheitssystems durchforstet, die alle Nebenwirkungen enthält, die im englischen Gesundheitssystem berichtet werden. Im untersuchten Zeitraum von 3 Jahren waren das 3.7 Millionen Berichte. Davon betreffen 325 die Akupunktur. Von diesen waren 1 schwerwiegend, 14 moderat und die restlichen geringfügig oder überhaupt nicht bedenklich.

Kommt hinzu, dass diese Zahlen solange unbrauchbar sind, solange man sie nicht mit der Anzahl der durchgeführten Behandlungen vergleichen kann, denn nur so erhält man eine Risikoziffer. Sonst ist es ein bisschen so wie wenn man sagt: auf die Straße gehen ist gefährlich, denn letztes Jahr sind 100 Leute weltweit, die auf die Straße gingen, von herunterfallenden Dachziegeln getötet worden. Klingt nach viel, wenn man aber bedenkt dass 7 Milliarden Menschen vielleicht viermal täglich immer wieder aus irgend welchen Gebäuden auf die Straße gehen, ist das ein verschwindend geringes Risiko.

So ähnlich sind auch diese Ziffern eigentlich nicht brauchbar. Da sind die längst schon bekannten Daten von Claudia Witt und Kollegen informativer (3). Sie haben an einer genau definierten Zahl von beinahe 230.000 Patienten gefunden, dass Pneumotorax, also das Durchstechen des Bauchfells, das zu einem Kollaps eines Lungenflügels führt, genau 2 mal vorkam. Vor kurzem hat übrigens ein Assistenzarzt einer ehemaligen Kollegin von mir beim Legen eines Venenkatheders einen Pneumotorax gestochen. Kommt öfter vor, sagte man ihr. Steht nur nicht in der Zeitung.

Nebenwirkungen von Akupunktur kommen vor, wie könnte es auch anders sein. Aber sie sind meistens harmlos und vergleichsweise selten. Was immer mehr vorkommt ist einseitige Berichterstattung. Woher das wohl kommt? Wie man sich das erklären muß?

 

(1)     Vickers, A. J., Cronin, A. M., Maschino, A. C., Lewith, G. L., MacPherson, H., Foster, N. E., et al. (2012). Acupuncture for chronic pain: Individual patient data meta-analysis. Archives of Internal Medicine, online first. doi:10.1001/archinternmed.2012.3654

(2)     Wheway, J., T. B. Agbabiaka, E. Ernst (2012). Patient safety incidents from acupuncture treatments: A review of reports to the National Patient Safety Agency. International Journal of Risk and Safety in Medicine 24: 163-169.

(3)     Witt, C. M., D. Pach, et al. (2009). Safety of acupuncture: Results of a prospective observational study with 229,230 patients and introduction of a medical informatoin and consent form. Forschende Komplementärmedizin 16: 91-97.

 

Redigierung/Illustration: admin

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Prof. Dr. Dr. Harald Walach
Autor
Prof. Dr. Dr. Harald Walach

Leiter des Instituts für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)
Professor für Forschungsmethodik der Komplementärmedizin
Leiter des berufsbegleitenden Masterstudiengangs „Kulturwissenschaft und Komplementäre Medizin“

– 1984 Diplom in Psychologie
– 1991 Dr. phil., Klinische Psychologie Basel
– 1994 Dr. phil., Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte, Wien
– 1998 Habilitation für das Fach Psychologie, Freiburg
– Anschliessend Leiter der Sektion Evaluation Komplementärmedizin am Universitätsiklinikum Freiburg
– 2005 bis 2009 Research Professor in Psychology, University of Northampton, UK

– Herausgeber der Zeitschrift Forschende Komplementärmedizin
– Mitherausgeber der Reihen „Psychologie und Kultur des Bewusstseins“ (Asanger) und „Neuroscience, Consciousness and Spirituality” (Springer), sowie der neuen Online-Enzyklopädie „Science and Religion“ (Springer)

Kommentare

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Die einseitige, gelenkte Berichterstattung erinnert mich sehr an die Berichterstattung zu Windkraft bzw. “Erneuerbaren Energien” im Allgemeinen. Auch diese Berichterstattung ist von rein wirtschaftlichen Interessen geprägt, was aber hübsch verschleiert wird durch angebliche Umweltaspekte wie dem Klimawandel (den es immer schon gegeben hat seit Anbeginn der Erde, siehe Eiszeiten).
Da die mit den EE verbundenen Subventionen ein Milliardengeschäft ist, wird auch dort Berichterstattung gelenkt. Nicht anders ist es bei nicht-schulmedizinischen Therapien. Immerhin wird durch solche das erworbene Wissen der vielen Schulmediziner teilweise entwertet. Und dagegen wehren sich diese auf breiter Front, hauptsächlich aus dem Urgefühl “Angst” heraus.
Hat man das erst einmal durchschaut regt man sich darüber nicht mehr auf. Die Vielzahl an chronisch Kranken, auch hier bei symptome.ch, denen die Schulmedizin nicht helfen konnte, zeigt deutlich, dass neue Therapien dringend geboten sind.

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Ich möchte mich zu diesem Thema äussern. Es gibt bereits seit vielen jahren die Möglichkeit der Laser/Elektro Akupunktur nach Charles Waldemar. Ich besitze seit einigen Jahren ein solches Gerät welches ich immer wieder in der Fusspflege einsetze. Mit sehr grossem Erfolg darf ich dazu sagen. Ab und zu benutze ich den Waldemar Atlas um bei meiner Familie oder guten Freunden etwas in Ordnung zu bringen mit der AkkuPunktur (so nennen wir unsere Methode, weil wir die Energiepunkte aufladen können). Unter anderem war da auch mal ein Heuschnupfen dabei, der mit einer Spontanheilung und einer Behandlungszeit von 15 Minuten fast unglaublich scheint.
Leider hört man kaum etwas von Akupuntur, und wenn doch, dann höchstens Horrorgeschichten über HIV und Pneumothorax usw.
Laser/Elektroakupuntur kommt ohne Nadeln aus. Die Energiepunkte werden mit Hilfe des Punktfinders genau lokalisiert und können so mit Laser oder Strom geladen werden. Das Gerät wurde von Peter Ottenburg in der Schweiz gebaut und sogar mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Ich finde solche Geräte und Erfindungen sollte man einem breiten Publikum vorstellen.

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