Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Forschung, Wissen

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Eine neue Studie über mögliche pathologische Veränderungen im Gehirn von Probanden mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung und ihren Zusammenhang mit dem Fehlen von Empathie bei solchen Personen hat ergeben:

Im Vergleich zur Kontrollgruppe hatten Patienten mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung geringere Volumen der Masse der grauen Zellen in der so genannten linken vorderen Insel im Gehirn. Diese Region ist der Wissenschaft als an empathischen Fähigkeiten beteiligt bekannt. Außerdem ergaben weitere Analysen geringere Volumen der grauen Substanz in einigen anderen Regionen (siehe Studie):

http://www.journalofpsychiatricresearch.com/article/S0022-3956(13)00157-X/abstract

Inselrinde – Wikipedia

Freundliche Grüße
Miglena
 
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Beim googeln bin ich auf eine Therapie-Richtung gestoßen zur Behandlung der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung:

Die Schematherapie:

Welche Arten von „Schema“ gibt es?

Es gibt adaptive („positive“) und maladaptive („negative“)
Schemata.
In der Schematherapie werden insgesamt 18 maladaptive Schemata („Lebensfallen“) benannt, von denen bei einem Patienten meist mehrere wirksam sind.
Es gibt bedingungslos gültige und bedingt gültige Schemata.
Es gibt früh und spät(-er) entstandene Schemata.
Schematherapie: Konzentration auf frühe maladaptive Schemata
...
4 Arten von frühen Erlebnissen fördern die Aneignung/ Entwicklung maladaptiver Schemata:
• Schädigende Nichterfüllung von Bedürfnissen (z.B. Stabilität, Verständnis oder Liebe Emotionale Entbehrung; Verlassenheit/ Instabilität)
• Traumatisierung oder Viktimisierung (Misstrauen/ Missbrauch; Unzulänglichkeit/ Scham; Anfälligkeit für Schädigungen oder Krankheit)
• Zuviel des Guten (Abhängigkeit/ Inkompetenz; Anspruchshaltung/ Grandiosität)
• Selektive Internalisierung oder die Identifikation mit wichtigen Bezugspersonen
...
Ursprünge der Schemata
Ursprung jedes Schemas sind zentrale emotionale Bedürfnisse

5 zentrale grundlegende emotionale Bedürfnisse:
Sichere Bindung zu anderen Menschen (Sicherheit, Stabilität,
nährende Zuwendung und akzeptiert werden).
Autonomie, Kompetenz und Identitätsgefühl
Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Emotionen ausdrücken
Spontaneität und Spiel
Realistische Grenzen setzen und selbst die Kontrolle innehaben
...
Selbsthilfe bei Lebensfallen
„Letztendlich geht es einfach darum, dass wir als Erwachsenen genau die Umstände unserer Kindheit rekonstruieren, die für uns am schädlichsten waren“:

Benennen und identifizieren Sie ihre Lebensfallen.
Verstehen Sie den Ursprung ihrer Lebensfalle in Ihrer Kindheit.
Spüren Sie das Verletzte Kind in ihrem Inneren.
Widerlegen Sie Ihre Lebensfalle. Beweisen Sie, dass diese rational
nicht haltbar ist.
Schreiben Sie einen Brief an den Elternteil, den Bruder, die Schwester oder den Altersgenossen, der oder die an der Entstehung ihrer Lebensfalle maßgeblich beteiligt war. Bringen Sie in dem Gefühl Ihre Gefühle zum Ausdruck.
Untersuchen Sie Ihre Lebensfallen-Muster sehr detailliert.
Brechen Sie Verhaltensmuster auf.
Bemühen Sie sich ohne sich entmutigen zu lassen.
Den Eltern vergeben.
http://www.uks.eu/fileadmin/UKS/Ein...loge/FolienEinfuehrungInDieSchematherapie.pdf

Eckhard Roediger

Grüsse,
Oregano
 
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Hier ist noch einmal ein Auszug aus der oben im ersten Post genannten Studie in deutscher Sprache. Sollten deren Ergebnisse von anderen Studien bestätigt und erweitert/ergänzt werden, müsste man schlussfolgern, dass narzisstische Persönlichkeiten eine Art Behinderung der Wahrnehmung haben, die des Ausgleiches/der Kompensation bedarf (so wie Blinde oder Taube), was für das Verständnis dieser Problematik und eine effektive Umgangs- und Lösungsstrategie eine bedeutende Rolle spielen könnte.

Zitat
Patienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung zeigen eine Verminderung der grauen Substanz in einer für das Empfinden von Mitgefühl relevanten Region des Gehirns. Zu diesem Ergebnis kommt ein Team von Wissenschaftlern der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Freien Universität Berlin im Rahmen einer Kooperation im Excellenzcluster „Languages of Emotion“. Die Studie ist jetzt in der Fachzeitschrift Journal of Psychiatric Research* publiziert.

Als narzisstische Persönlichkeitsstörung wird eine tiefgreifende Störung des Selbstwertgefühls bezeichnet. Dabei leiden Menschen mit Narzissmus einerseits unter Minderwertigkeitsgefühlen, andererseits zeigen sie sich nach außen als arrogant, abwertend und selbstverliebt. Eines der Kernmerkmale einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist der Mangel an Empathie. Zwar können Patienten, die unter einer solchen Störung leiden, gut erkennen, was andere Menschen fühlen, denken und beabsichtigen, sie zeigen jedoch wenig Mitgefühl.

Die Wissenschaftler um Privatdozent Dr. Stefan Röpke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité und Leiter der Arbeitsgruppe Persönlichkeitsstörungen, zeigen in der vorliegenden Studie erstmals das strukturelle Korrelat dieses Defizits auf. Sie analysierten insgesamt 34 Probanden, von denen 17 unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung litten. In einer Vorstudie konnten die Wissenschaftler mithilfe verschiedener Tests bereits zeigen, dass diese Patienten tatsächlich ein Defizit im Empathievermögen aufwiesen. Mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) maßen die Wissenschaftler jetzt die Dicke der Großhirnrinde der Probanden. Die Großhirnrinde bildet die äußere Nervenzellschicht des Gehirns. Es zeigte sich, dass diejenigen Probanden, die unter Narzissmus litten, strukturelle Auffälligkeiten in genau jener Region des Gehirns aufwiesen, die in die Verarbeitung und Erzeugung von Mitgefühl involviert ist. Diese Region der Großhirnrinde war im Vergleich zur Kontrollgruppe bei den Patienten mit einer solchen Störung deutlich dünner.

„Unsere Daten zeigen, dass das Maß an Empathie direkt mit dem Volumen der grauen Hirnsubstanz des entsprechenden kortikalen Repräsentationsfeldes in der Inselregion korreliert und genau hier die Patienten mit Narzissmus ein Defizit aufweisen“, kommentiert Dr. Röpke die Ergebnisse. „Aufbauend auf diesen ersten strukturellen Daten versuchen wir gegenwärtig, mithilfe funktioneller Bildgebung (fMRT) die Arbeitsweise des Gehirns von Patienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung besser zu verstehen.“

Lars Schulze, Isabel Dziobek, Aline Vater, Hauke R. Heekeren, Malek Bajbouj, Babette Renneberg, Isabella Heuser, Stefan Roepke. Gray matter abnormalities in patients with narcissistic personality disorder. Journal of Psychiatric Research, 17 June 2013 (10.1016/j.jpsychires.2013.05.017).
Charité - Universitätsmedizin Berlin: Veränderte Anatomie des Gehirns bei pathologischem Narzissmus
 
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Hallo Miglena,

„Unsere Daten zeigen, dass das Maß an Empathie direkt mit dem Volumen der grauen Hirnsubstanz des entsprechenden kortikalen Repräsentationsfeldes in der Inselregion korreliert und genau hier die Patienten mit Narzissmus ein Defizit aufweisen“,
Interessant ist das auf jeden Fall :). Allerdings ist die Teilnehmerzahl an dieser Studie ja recht klein, und ich frage mich, ob es eine Vergleichsgruppe von nicht narzisstisch Gestörten gibt, bei denen man diese "graue Substanz" im Gehirn untersucht hat?
Außerdem spielen doch sicher noch völlig andere Faktoren wie Neurotransmitter, Hormone usw. eine Rolle bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen?

Ich melde hier einfach ein paar Zweifel an, weil mir eine Zuordnung dieser Störung nur zu der grauen Hirnsubstanz zu einfach scheint als Erklärung.

...
Was sind mögliche Ursachen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung?

Auch bei dieser Störung geht man von einem Zusammenwirken von biologischen, psychischen und umweltbezogenen Faktoren aus. Es wird vermutet, dass genetische Faktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen. Außerdem kann die Störung dadurch begünstigt werden, dass die Eltern ihrem Kind wenig Anerkennung entgegenbringen, wenig einfühlsam sind und es möglicherweise auch überfordern. Um dennoch Anerkennung zu bekommen, entwickeln die Betroffenen dann ein Verhalten, bei dem sie ständige die eigenen Fähigkeiten betonen und sich nach außen hin besonders gut darstellen.

Die psychoanalytische Theorie geht davon aus, dass Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung in ihrer Kindheit von den Eltern zu wenig Liebe und Anerkennung bekommen haben. Es könnte aber auch sein, dass die Eltern ihr Kind und dessen Wünsche in den Mittelpunkt gestellt haben und es übermäßig für seine Talente bewundert haben. Dadurch schwanken die Betroffen ständig zwischen einem übertrieben positiven Selbstbild und der Angst, den Ansprüchen der anderen nicht zu genügen, hin und her. Sie sind überzeugt, nur dann geliebt zu werden, wenn sie viel dafür tun und ständig ihre Talente und Besonderheiten zeigen, und brauchen ständig Bestätigung von anderen. Die ständigen Neidgefühle und das fehlende Einfühlungsvermögen lassen sich aus Sicht der Psychoanalyse dadurch erklären, dass die Betroffenen eine unbewusste Wut auf andere haben. Ihre Neigung, andere auszunutzen und zu manipulieren, führt außerdem dazu, dass sie keine befriedigenden zwischenmenschlichen Beziehungen entwickeln können.

Die kognitive Verhaltenstherapie geht davon aus, dass die Betroffenen in ihren ersten Lebensjahren zu positiv behandelt wurden – sie wurden zum Beispiel von ihren Eltern abgöttisch geliebt, bewundert oder idealisiert. Dadurch entwickeln sie das Selbstbild, etwas Besonderes zu sein und überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten.
...
Narzisstische Persönlichkeitsstörung | therapie.de
Ursachen einer narzisstische Persönlichkeitsstörung - UMGANG mit NARZISSTEN

Grüsse,
Oregano
 
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Du hast vermutlich recht, Oregano, das Problem dürfte komplexer sein, deshalb kann ich mir die Forschung zu diesem Thema als spannend und befriedigend vorstellen, denn damit kann man Probleme und Betroffene besser verstehen und Lösungen und Hilfe für alle Beteiligten effektiver suchen, finden und einsetzen. :)
 

Clematis

Hallo Oregano,

das Zitat erscheint mir, als der wahrscheinlichen Ursache und Form am nächsten zu kommen. Daß Genetik, Ausmaß des betroffenen Hirnareals auf Vieles weit weniger Einfluß hat, als oft kolportiert, wurde in anderen Bereichen schon bewiesen - denn das ist alles veränderbar. Psychische und Umweltfaktoren sowie Familienkonstellationen dürften hier schwerer wiegen.

Hallo Miglena,

aus dem PDF-Link:
»Mein Mitgefühl für narzisstische Patienten erwächst aus meinem Eindruck, dass die meisten nicht böswillig verletzend, ich bezogen oder arrogant erscheinen möchten, sondern mehr oder weniger ungeschickt versuchen, sich zu schützen.«
Dies trifft z.B. auf das Beispiel von mir, verwöhntes Kind, sehr gut zu. Mir scheint da eher der Gedanke im Spiel zu sein, die Selbstsicherheit nicht ankratzen zu lassen, wobei das nur eine Vermutung von mir sein kann, denn wirklich hineinschauen kann ich in diesen mir lieben Menschen letztlich nicht.

Liebe Grüße,
Clematis
 
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Ich kann Deine Argumentation verstehen, Clematis. Trotzdem denke ich, dass diese Menschen eine andere Wahrnehmung haben, die sie der Umwelt gegenüber unsicherer macht. Ich denke, dass viele Faktoren eine Rolle spielen und dass es auch unter den Narzissten unterschiedliche Typen gibt. Außerdem kenne ich Fälle, in denen der genetische Faktor offensichtlich eine wichtige Rolle spielt. Ich kenne einige Familien, in denen Narzissmus gehäuft vorkommt und an die Nachkommen weitergegeben wird. Interessant ist der Vergleich innerhalb einer Familie, denn oft sind z. B. Geschwister/sogar Zwillinge sehr unterschiedlich betroffen, d. h. das eine Geschwister ist sehr narzisstisch veranlagt, das andere dagegen ist oft sogar genau das Gegenteil.

Ich habe auch beobachtet, dass das narzisstische Kind oft instinktiv mehr verwöhnt wird, weil man als Elternteil bewusst oder unbewusst die unterschiedlichen Reaktionen und Verhaltensweisen der als Beispiele genannten Geschwister wahrnimmt und sich dementsprechend anpasst. Das ist zumindest meine persönliche Beobachtung.
 

Clematis

denke ich, dass diese Menschen eine andere Wahrnehmung haben, die sie der Umwelt gegenüber unsicherer macht. Ich denke, dass viele Faktoren eine Rolle spielen und dass es auch unter den Narzissten unterschiedliche Typen gibt.
Hallo Miglena,

da denke ich ähnlich und bin mit Dir einer Meinung.

Ich kenne einige Familien, in denen Narzissmus gehäuft vorkommt und an die Nachkommen weitergegeben wird. Interessant ist der Vergleich innerhalb einer Familie, denn oft sind z. B. Geschwister/sogar Zwillinge sehr unterschiedlich betroffen, d. h. das eine Geschwister ist sehr narzisstisch veranlagt, das andere dagegen ist oft sogar genau das Gegenteil.
Die Weitergabe innerhalb der Familien könnte sich auch daraus ergeben, daß die Jungen schlicht die Verhaltensmuster der Erwachsenen übernehmen, warum, das muß man wohl offen lassen. Wenn eineiige Zwillinge unterschiedlich sind, dann deutet das m.E. darauf hin, daß hier die Genetik nicht im Spiel ist, denn sie ist bei beiden gleich. Daher, so scheint mir, kommen andere Ursachen in Betracht. Zwillinge, die getrennt und unter unterschiedlichen Bedingungen aufwachsen, können ebenfalls sehr unterschiedlich sein, trotz gleicher Gene.

Ich kenne allerdings nur zwei Menschen mit narzisstischen Eigenschaften, kann und will das daher nicht verallgemeinern. Die Psyche ist sehr komplex und variabel, viele Ursachen möglich.

Die Wichtigkeit der Gene wird derzeit m.E. stark überbewertet, ein regelrechter Hype ist da im Gang. Einige Vorträge, in denen die Bedeutung der Gene u.a. zurechtgerückt wird, etwa bei Lernen, Entwicklung usw., sind hier im Forum verlinkt.
Beitrag 6 und 7: http://www.symptome.ch/vbboard/gesundheit-allgemein/105791-gehirn-muss-arbeiten-verkuemmert.html
http://www.symptome.ch/vbboard/alle-themen/127130-lernen-erinnern-ab-geburt-ins-hoechste-alter.html
Die Vortragenden sind Neurobiologen.

Gruß,
Clematis
 
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