Ich habe meine chronische Migräne besiegt

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Liebe Community,

Ich möchte mich zunächst bei euch allen bedanken, dass ihr hier mit so viel Leidenschaft euer Wissen teilt. Symptome.ch war für mich auf meinem Weg enorm wichtig. Seit Jahren bin ich v.a. passive Mitleserin im Forum.

Ich würde euch gerne von meiner Erfolgsgeschichte erzählen. Ich hoffe, dass ich damit vielleicht auch jemandem helfen oder zumindest Hoffnung geben kann. Ein Post in 6 Teilen.

1. Vorgeschichte:

Meinen ersten Migräneanfall mit Aura hatte ich als Kind, vermutlich so mit ca. 8 Jahren. Zunächst waren die Abstände noch sehr weit, die Häufigkeit hat sich aber immer weiter gesteigert, mit 15/16 musste ich deswegen etwa 1mal pro Woche aus dem Unterricht nach Hause fahren. Ich habe das als sehr schlimme Zeit in Erinnerung, abgedunkeltes Zimmer, mir war speiübel, schreckliche Kopfschmerzen. Am nächsten Tag noch immer halbwegs benebelt.

Mit ca. 16 hatte ich einen Termin bei einem Homöopathen und mit einer einzigen Gabe eines hochpotenzierten Mittels waren meine Beschwerden weg (leider weiß ich nicht mehr, welches Mittel das war). Mit 23 gab es noch einmal einen Zwischenfall: Ich war das erste Mal Klettern und habe erkannt, dass ich an starker Höhenangst leide. Raufklettern war kein Problem, vor dem Abseilen hatte ich Panik. Eine halbe Stunde darauf schwere Migräne. Dann wieder lang nichts mehr.
Hauptgeschichte

2. Hauptgeschichte

Mit 33 habe ich mein erstes Kind bekommen, im letzten Drittel der Schwangerschaft haben die Migränefälle wieder angefangen. Es war alles eine sehr stressige Zeit, schreckliche Trennung, ungeplante Schwangerschaft in einer Beziehung, die erst 2 Monate alt war. Wir haben aber trotzdem entschieden, das Kind zu behalten. Der Migräne-Rhythmus hat sich auf zweimal wöchentlich eingependelt, nach der Geburt auf einmal wöchentlich, bis ich aufgehört habe zu stillen. Dann war der Spuk wieder vorbei.

Mit 35 das zweite Kind, wieder dasselbe: Im letzten Schwangerschaftsdrittel Migräne, es stand eine Frühgeburt mit 24 oder 26 Wochen im Raum, Krankenhaus mit Lungenreife-Therapie, den Rest der Schwangerschaft musste ich liegen. Der Migräne-Rhythmus hat sich auf ca. 2mal wöchentlich eingependelt, glückicherweise wurden die Schmerzen weniger, dafür aber die Aura länger. Von den ursprünglich 20 Minuten hatte ich dann schon manchmal bis zu 2 Stunden Aura-Symptome (Beeinträchtigungen des Gesichtsfelds, Sprachstörungen, Gefühlsstörungen, Erinnerungslücken).

Ich weiß nicht, wie ich die Zeit durchgestanden habe, ich habe keine Migränemedikamente vertragen, die haben die Sache nur verschlimmert. Mit zwei kleinen Kindern kann man sich auch nicht wirklich hinlegen. Beim zweiten Kind hörten die Anfälle auch nicht auf mit Ende der Stillzeit. Ich war insgesamt so im Stress, dass ich mir aber auch nicht Hilfe holen konnte. Ich hätte nicht gewusst, wo ich anfangen soll und einfach weder die Energie noch die Zeit. Ich war völlig erschöpft und ständig gereizt. Jahre später habe ich in einer Schulung über Konfliktmanagement erfahren, dass ich in der Zeit ein lupenreines Burnout hatte.

3. Die Odyssee

Als die Kleine dann endlich 3 war, habe ich begonnen, mich etwas mehr um mich zu kümmern. Ich habe Symptome.ch entdeckt und begonnen, verschiedenes auszuprobieren. Manches hat geholfen, bei manchem bin ich unsicher.

Die erste Erkenntnis war, dass ich mich ungesund ernähre (zu viel Zucker, zu viel Nudeln). Einerseits war ich süchtig, andererseits musste es schnell gehen. Ich habe dann meine Ernährung umgestellt, Zucker und Weizen weggelassen, mehr Eiweiße und Grünzeug. Das hat schon mal eine erste Verbesserung gebracht. Die Anfälle haben sich etwa halbiert, auf ca 1mal (manchmal auch 2mal) pro Woche.

Die kinesiologische Austestung von unverträglichen Nahrungsmitteln hat ergeben, dass ich auf fast alles reagiert habe. Ich habe versucht, mich an die Karenzen zu halten, das war aber schwierig. Nach einer Weile haben sich Verbesserungen bei der Testung gezeigt, diese haben aber gefühlt keine physische Veränderung gebracht.

Ich war beim Orthomolekularmediziner und bei einer orthomolekular eingestellten Ganzheitsmedizinerin. Habe Schachtelweise Vitamine und Spurenelemente bekommen. Manche Mängel habe ich recht schnell aufgefüllt (D, Omega, Zink), bei Vitamin B hatte ich einen krassen Mangel, den ich aber nicht auffüllen konnte, weil bei mir B egal welcher Art Migräneauslöser war.

Ich war beim Neurologen, bei zwei Ostheopathen, bei der Bioresonanz, bei der Akupunktur. Alle haben mich nach ein paar Terminen wieder weggeschickt mit dem Hinweis, sie könnten mir nicht helfen. V.a. die Akupunktur-Ärztin war sichtlich schockiert, das sei in 20 Jahren erst 3mal vorgekommen. Die Cranio-Sacralerin hat mich nach ein paar Terminen als „geheilt“ entlassen, auf dem Heimweg hatte ich einen Migräneanfall. Bei einer Homöopathin war ich auch, auch sie hat mich für „geheilt“ empfunden.

Ich war regelmäßig beim Shiatsu (hat mich stabilisiert, aber nicht so den großen Schub gebracht), bei der Akkupressurmassage (die ersten drei Termine waren sehr positiv, dann nur noch Stagnation). Ich habe Darmreinigungen gemacht, war beim QiGong, war dann auch beim QiGong-Heiler (ich glaube, der war nicht schlecht, es gab aber auch keinen Durchbruch). Ich habe zweimal eine Galle-Leber-Reinigung gemacht (beide Male mit arger Migräne danach), eine Wurmkur (die hat mich ein Monat gut fühlen lassen!), Rizinuskur (war gefühlt auch nicht schlecht, mich hat aber so vor dem Rizinus geekelt nach ca 6 Mal, dass das einfach nicht mehr ging).

Nachdem ich mir eine Borreliose eingefangen hatte war ich dann 10mal bei einer Ozon- und Vitamin-C-Infusion (ging dann nicht mehr, meine Adern ließen sich nicht mehr stechen). Die Borreliose war dann im Blut nicht mehr nachweisbar, meine Erschöpfung und meine Migräne noch immer da. In Summe haben alle diese Versuche vermutlich dazu beigetragen, mich schrittweise zu stabilisieren, der durchschnittliche Abstand zwischen meinen Migräne-Anfällen war nach einigen Jahren aber noch immer bei ca 2 Wochen.

Ah, und ganz hätte ich es vergessen: Ich war dann noch mal bei einer TCMlerin, die mich nach allen Regeln der Kunst behandelt hat. Vor allem die Beifuß-Verbrennungen in Kombination mit Akkupunktur habe ich als sehr angenehm in Erinnerung.

4. Die Trendwende

Irgendwann war ich dann bei einer Nuad-Masseurin. Sie hat mich befragt, abgeklopft und massiert und mich mit dem Befund konfrontiert: Auf der körperlichen Ebene sei bei mir nichts zu finden. Sie glaubt an einen psychische Ursache. Ich solle mich mit der Anliegenmethode von Franz Ruppert auseinandersetzen (eine Art Aufstellung). Das habe ich gemacht, mich aber inzwischen erst mal bei einer Therapeutin für Somtic Experiencing zur wöchentlichen Therapie eingefunden. Somatic Experiencing war dann nicht so das richtige für mich, nach einem Jahr habe ich abgebrochen.

Mein erster Durchbruch kam, als ich mich endlich dazu durchgerungen hatte eine Anliegenaufstellung zu machen. Es war ziemlich heftig, ich habe nachher Stunden geweint und war total erleichtert. Damit war für mich auch klar, dass die Psyche tatsächlich einen großen Anteil an meinem Zustand hat. Nach einem guten halben Jahr habe ich mich noch einmal einer Anliegenaufstellung gestellt – diesmal endete es in der Katastrophe. Ich habe 3 Monate gebraucht, um aus meinem Loch wieder rauszukommen. Damit ist dieser Weg für mich erst einmal nicht weiter attraktiv.

Mittlerweile befinden wir uns schon Ende des Jahres 2019, die Jüngere ist 6,5 Jahre alt. Meine ältere Tochter hat schwerwiegende Probleme mit ihrer Freundin. Ich erhalten den Tipp, sie zu einer Wingwaves-Kinder- und Jugendcoach zu bringen. Diese sagt mir bereits bei meinem ersten Gespräch, dass sie gerne zuerst mit mir arbeiten würde, das mache mehr Sinn.

Ok, ich war dann bei ihr, und booooom, nach dieser einen Sitzung hatten wir ein Trauma aufgearbeitet, das ich bisher in der 1jährigen Somatic Experiencing-Erfahrung noch nicht mal angesprochen hatte. Es war, wie wenn ein Rucksack voller Steine von mir gefallen wäre. Ich war total fertig aber ziemlich zufrieden. Seither war ich noch 3mal da, die Termine waren immer erfolgreich, aber nicht mehr so transformierend wie der erste. Wingwaves ist übrigens die kommerzielle Variante von EMDR, EMDR dürfen nur Psychotherapeut:innen durchführen.

Gut, psychisch war ich jetzt schon mal einen Schritt weiter, aber gesundheitlich noch immer auf einem Niveau von Migräne alle 3 Wochen. Meine essentielle Müdigkeit hatte nachgelassen, ich war aber noch nicht sonderlich stabil. Bei der Ernährung musste ich noch immer genau aufpassen, keine Trigger zu erwischen (Histamin, Käse, Zucker, Schwefel…). Auch Stress war noch immer Migräneauslöser, 9 Stunden Schlaf essentiell.

5. Der Durchbruch

Während der ganzen Zeit habe ich mich auch immer wieder mit dem Thema Kaffee-Einlauf beschäftigt. Ich habe hin und wieder auch einen Kaffee-Einlauf durchgeführt, in der Regel war das aber auch ein Migräne-Auslöser für mich. Ich hatte gleichzeitig immer das Gefühl, es tut mir gut. Im letzten Herbst habe ich dann entschieden, einen neuen Versuch zu wagen. Seither mache ich, anfangs immer wieder mit Unterbrechungen, aber im Prinzip regelmäßig, einen täglichen Kaffee-Einlauf in der Früh.

Und, was soll ich sagen: Seither hatte ich keinen einzigen Migräne-Anfall mehr. Auch keine Sprachstörungen, keine Gefühlsstörungen und keine Erinnerungslücken mehr. Meine Migräne-App bestätigt mir: Ich bin gerade seit 233 Tagen migränefrei, also 7,5 Monate.

Ich esse Käse, trinke Alkohol, esse Zucker, vertrage Vitamin B. Und obwohl mein Stress beileibe nicht weniger geworden ist (gerade in der Pandemie, in Wirklichkeit stehe ich ständig unter sehr hoher Stressbelastung) – auch der Spannungsabfall nach einer stressigen Situation/Zeit löst keine Migräne mehr aus.

Und auch mein Mann, er fand Kaffee-Einläufe lange Zeit etwas abartig, hat nun damit begonnen, und auch ihm hat es sehr geholfen, seine Depression und Sozialphobie besser in den Griff zu bekommen. Ja, das ist derselbe Mann, mit dem ich auch die zwei Kinder habe.

6. Meine abschließende Analyse

Das ist jetzt alles nicht wissenschaftlich, aber natürlich habe ich im Verlauf meiner Therapie verschiedene Überlegungen angestellt. Ich bin, für mich, zu folgenden Schlüssen gekommen:
  • Kaffee-Einläufe sind ein Wunder der Natur.
  • Ich glaube, dass die Hauptursache der Migräne bei mir psychischer Natur war. Die Psyche hat sich mit der Zeit aber dann so sehr auf meine Physis geschlagen, dass es dann in ein sehr physisches Phänomen umgeschlagen ist (z.B. mit eindeutigen Triggern). Erst die Beschäftigung mit den psychischen Ursachen war für mich der Schlüssel, dass ich dann auch auf der physischen Ebene Erfolg hatte.
    Ich komme aus einem sehr restriktiven und kalten Elternhaus, meine Emotionen wurden immer in Frage gestellt (werden sie auch heute noch, aber jetzt bin ich mir dessen bewusst). Mein Grundzustand ist Angespanntheit, das merkt man auch an meiner Körperspannung. Ich bin eigentlich immer auf Gefahr eingestellt. Es hat sich zwar schon deutlich gebessert, aber im Grunde sind meine Muskeln nur entspannt, wenn ich völlig erschöpft bin.
  • Migräne ist meiner Wahrnehmung nach eine neurologische Entzündung des Hirns. Mir kommt es so vor, als ob zu viele Nervenzellen im Hirn wild herumschießen, verschiedenste Prozesse zünden und damit das System aus dem Gleichgewicht bringen.
  • Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass meine Migräne einem ähnlichen Muster folgt wie die Depression meines Mannes. Ich habe das starke Gefühl, dass Depression und Migräne im Prinzip eine Reaktion auf dieselbe Überlastung sind (die Kette bricht aber dann an unterschiedlicher Stelle, beim schwächsten Glied).
  • Bei mir waren oft jene Dinge auch Migräneauslöser, die mir in Wirklichkeit geholfen haben (Wurmkur anfangs, Vitamin B, Kalium, Kaffee-Einlauf). Ich führe das darauf zurück, dass es sich immer auf Entgiftungsreaktionen gehandelt hat. Meine Theorie ist, dass letztlich viel mit der Leber zu tun hat. Wenn meine Leber überfordert ist, reagiert mein Körper mit Migräne. Das kann sein, weil ich zu viele Triggersubstanzen (auch Stress und Ärger triggern in der TCM die Leber) zu mir nehme oder weil im Zuge einer Entgiftung die Leber überfordert ist.
Conlusio: Never give up. Es kann sich lohnen. Und macht Kaffee-Einläufe!

Gut finde ich übrigens auch das Buch David Buchholz, „Heal your headache“. Das hat mir geholfen, die Trigger zu verstehen und dass auch das Trigger-Niveau eine Rolle spielt.

Und noch einmal ein riesiges Danke an das Forum, an euch alle. Ich weiß nicht, ob ich ohne Symtome.ch da jemals, zumindest nicth so schnell, rausgekommen wäre. ❤️
 
wundermittel
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25.07.05
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Hi burburuza,

danke für deinen Beitrag. Und so schön, dass du Migränefrei bist. Ich drücke dir die Daumen, dass es so bleibt.

Ich leide auch an chronischer Migräne. Seit ca. 6 Jahren. Davor immer mal zur Periode. Vor 6 Jahren dann täglich. Mittlerweile 2-3 x die Woche.
DIe Kaffeeeinläufe klingen gruselig. Wie genau funktionier das ? ist das nicht auch irgendwie gefährlich? -also Verletzungsgefahr.

LG
 
regulat-pro-immune
Themenstarter
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12.06.15
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Hallo Srico,
Ja, die klingen erstmal gruselig. Es hat mich auch Überwindung gekostet. Ich habe erst mit normalen Einläufen begonnen, zum Eingewöhnen. Der erste mit Kaffee war mir dann auch etwas zu heftig, wegen des Koffeins. Ich habe dann zunächst die Dosis reduziert und dann schrittweise erhöht.
Mein Mann hat sich auch immer mockiert, hat vor ein paar Wochen auch damit angefangen (er hat auf ähnliche Trigger reagiert wie ich, allerdings mit Depression, Reizbarkeit und Energielosigkeit). Mittlerweile ist er auch dazu überhegangen, das regelmäßig zu machen, weil es ihm so hilft ins Gleichgewicht zu kommen. Er war starker Kaffetrinker, das hat ihn aber nur noch nervöser gemacht. Er ging dann auf Kaffee-Entzug (das war für alle recht mühsam...) und trinkt jetzt keinen mehr dafür 1 Einlauf in der Früh. Der hat offenbar eine komplett andere Wirkung.
Probier's einfach, gefährlich ist es jedenfalls nicht (finde ich). Ich kann übrigens Reprop Clyster empfehlen.
 
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09.04.16
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Hallo! Du schreibst, Somatic Experiencing sei dann nicht so das richtige für dich gewesen und du habest nach einem Jahr habe ich abgebrochen. Warum hast du denn solange weitergemacht?? War ja sicher auch nicht umsonst …Grüssing!
 
Themenstarter
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12.06.15
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Warum hast du denn solange weitergemacht?? War ja sicher auch nicht umsonst …Grüssing!
Weil ich mir gedacht habe, dass so ein Prozess einfach länger dauert.

Nach meiner ersten Wingwaves-Sitzung bin ich dann draufgekommen, dass ich mich auch immer selber etwas in den Sitzungen "betrogen" habe, indem ich mich zu wenig darauf eingelassen habe. Die Therapeutin hat das aber offenbar auch zu wenig gesteuert.

Manchmal braucht es eben seine Zeit, bis man sich so etwas eingesteht :).
 
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