Herr Lehmann

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ISBN: 3442453305


Die Handlung ist geradezu banal, im Wesentlichen eine Kneipentour durch mindestens 15 Berliner Kneipen, ein Schwimmbad und ein paar Betten, in denen aber eher der Rausch ausgeschlafen wird. Alkohol ist immer dabei, der Promillespiegel schwankt im Sommer 1989 bis zur Maueröffnung am 9.November dauerhaft zwischen 0,5 - 2,5. Und das Ziel des ganzen? Eigentlich keins bzw. einfach nur "Sein". Dahintreiben ist vielleicht eine passende Bezeichnung. Es kommt zu interessanten Diskussionen wie "Wenn man betrunken ist, läuft die Zeit dann langsamer oder schneller?" oder "Ist ein einsamer Kristall-Weizen-Trinker ein Zivilbulle?". Geradezu erschreckend realistisch geschrieben.

Im Mittelpunkt steht Frank Lehmann, 29, ein relaxter, eigentlich recht netter, solider, trinkfester Typ mit trockenem Humor, der aber vor allen Dingen durch seine Leidenschaftslosigkeit auffällt. Das heißt - einmal verliebt er sich, wenngleich ohne Erfolg. Er wirkt fast langweilig. Aber er spielt keine aufgesetzte Rolle, was ihn wiederum ehrlich und sympathisch macht. Regener bedient keine Klischees, jeder im Buch hat seine Schwächen, es gibt kein Gut und Böse. Und obwohl laut Karl "die Scheißtageszeiten nicht interessieren", hilft uns Regener doch mit Kapitelnamen wie "Frühstück", "Mittag" oder "Später Imbiss" weiter. Beim Lesen über Lehmann schaltet man fast zwangsläufig einen Gang zurück und entspannt. Kein Zwang zu Höhepunkten, kein Ziel. So ähnlich muss Nirwana aussehen.

Ist Lehmann jetzt weiter als andere, oder bedauerlich? Wenn ich so den Stress und die Herzinfarkt-Quote einiger Kollegen sehe, denke ich, dass man schon von seiner inneren Ruhe lernen kann. Andererseits ist ein Leben ohne Leidenschaften auf Dauer auch irgendwie sinn- und trostlos. Das Buch beantwortet diese Fragen zwar nicht, doch Regener schafft es, den Ball konstant flach zu halten. Man liest weiter um zu erfahren, wie Lehmann denn der nächsten Eskalation aus dem Weg gehen mag. Diese Umdrehung der Spannungskurve ist Regener gut gelungen. Insgesamt ein interessantes, unkonventionelles Buch, das jedenfalls mir sehr gut gefallen hat. Also, bis denn, dann...
Die Story:

Wir begleiten Frank Lehmann, der kurz vor seinem 30. Geburtstag steht und den alle deswegen "Herr Lehmann" nennen ab (irgendwann im) September 1989 bis zum Fall der Mauer. Herr Lehmann ist Single, Wahlkreuzberger, lebt in einer 1 1/2-Zimmer-Wohnung, jobt im "Einfall" hinterm Tresen und hat mit den vielfältigen Fallstricken und Tücken des Alltags des endenden Jahrzehnts unmittelbar vor dem Beginn einer neuen Ära zu kämpfen. Wie dies im Einzelfall geschieht und welche Gedanken Herrn Lehmann hierbei kommen, ist einfach herrlich nachzulesen; teils verbunden mit einem Nachdenken, teils - oder sogar überwiegend - verbunden mit einer heimlichen und stillen Identifikation des Lesers mit dem "Helden", der aber nicht unbedingt als Looser durch das Leben wankt. Überwiegend begleitet man Herrn Lehmann aber mit einem Schmunzeln und sogar einem herzlichen Lachen (dies beginnt schon mit der köstlichen Anfangssituation, in der sich Herr Lehmann durch einen ihm entgegenkommenden Hund an der Fortsetzung seines nächtlichen Heimwegs gehindert sieht und setzt sich fort z.B. in der - hauptsächlich in Dialogen beschriebenen - Beziehung zu seinen Eltern). Getragen wird all dies durch den hervorragenden und äußerst kongenialen Erzählstil Regeners (in den 80er Jahren Sänger und Texter der Band "Element of Crime"). Die Story wird weit überwiegend durch Dialoge der einzelnen Figuren und durch Gedankengänge Lehmanns vorangetrieben. Dies hat zwar etwas lakonisch-träges (ich fühlte micht durchgängig an Rüdiger Hoffmann erinnert), führt aber keinesfalls dazu, daß die Sache langweilig wird. Als dann die Mauer geöffnet worden ist, verlassen wir Herrn Lehmann wieder abrupt und übergangslos, wie wir ihn eingangs auch kennengelernt haben. Es ist zur fortgeschrittenen Stunde, Herr Lehmann ist angetrunken und unschlüssig, ob er nach Hause gehen soll (was soll er da, da sind ja bloß Bücher) oder aber, ob er noch einen Trinken gehen soll (Flaschenbier natürlich).
Für mich waren die witzigsten Stellen folgende:

Begegnung mit dem Hund
Herr Lehmanns Telefonat mit seiner Mutter (da habe ich Tränen gelacht)
Diskussion, ob die Zeit schneller oder langsamer für einen Betrunkenen vergeht
und die Spekulationen bezüglich "Kristall-Rainer" fand ich sehr witzig

Wer hat das Buch auch schon gelesen?
 
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Da ich das Buch nicht gelesen habe kann ich nur über den Film berichten der recht gut gelungen ist. Eine Empfehlung für Leute die auf den neuen deutschen Film steht. Etwas übertrieben was die Story betrifft aber herzhafte Lachnummern eingebaut. Bekannte von mir die das Buch gelesen haben meinen das sich der Film recht gut an die Vorlage hällt.

"Kein Zwang zu Höhepunkten, kein Ziel."

...halt Unterhaltung pur.
 

Malve

Hallo Sema,

ich habe das Buch vor längerer Zeit gelesen und fand es recht unterhaltsam, einen Blick in das Leben und Denken des Herrn Lehmann während seiner Kreuzberger Zeit zu werfen...

LG,

uma
 

oli

Fand Buch und Film sehr gut und lustig. Der Film ist eine gelungene Umsetzung des Buches und gewinnt sehr durch Christian Ulmen, der an sich schon ein sehr witziger Typ ist.
Der Nachfolger von "Herr Lehmann" ist eigentlich der Vorgänger - zumindest inhaltlich (erschien nach Herr Lehmann, spielt aber ein paar Jahre vorher).
Muss ich auch erst noch lesen, stelle trotzdem schon mal das Bild usw hier rein:

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ISBN: 3442459915
 
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Neue Vahr Süd ist verglichen mit Herr Lehmann total langweilig finde ich. :sleep: Ich habe schon nach 30 Seiten aufgehört zu lesen. Mein Mann liest das gerade, er findet es "spannend langweilig"... vielleicht wartet er ja, dass noch was passiert. In "Neue Vahr Süd" muss Herr Lehmann zum Bund, weil er verpennt hat einen Zivi-Antrag zu stellen (nennt man das so?).

Also ich fand "Herr Lehmann" viel vieeel besser... :klatschen
 
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