Die blinde Prinzessin
Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die war so schön, dass alle Leute sie bewunderten. Trotz ihrer außergewöhnlichen Schönheit wollte sie kein Prinz – aus keinem Lande – zur Frau nehmen, denn sie war schon seit ihrer Kindheit blind. … Der König war sehr traurig, da seine Tochter, die jetzt schon zwanzig Jahre alt war, von keinem Arzt im ganzen Lande geheilt werden konnte. Da die Ärzte des Landes seine Tochter nur plagten, aber ihr das Augenlicht nicht zurückgeben konnten, wurde der König böse und ließ keinen Arzt mehr ins Schloss. Als er aber sah, dass seine Tochter den ganzen Tag ihr Unglück beweinte, machte er einen Appell an alle Ärzte in allen Ländern und versprach, dass derjenige, der seine Tochter sehend mache, das halbe König- reich und die Tochter zur Frau bekäme. Wer aber sie zu heilen versuche und keinen Erfolg habe, würde am Galgen aufgehängt. Die berühmtesten Ärzte der Welt kamen herbei und versuchten ihr Glück. Aber nicht einem gelang es, die Königstochter wieder sehend zu machen. Alle, die es versuchten, wurden – wie abgemacht – am Galgen aufgehängt. Als die anderen Ärzte sahen, dass so viele ihr Leben lassen mussten, verging ihnen die Lust, es auch zu versuchen. Die Königstochter, die Hofnung hatte, glücklich zu werden, weinte nun wieder, denn kein Arzt betrat mehr das Königsschloss. Damit die Königstochter ihr Unglück ein wenig vergesse, führte der König sie mit seiner Kutsche spazieren. Als sie an die Waldwiese kamen, wo der Schweinehirt des Schlosses die Schweine hütete, machten sie halt. Die Königstochter stieg auch aus der Kutsche und erkundigte sich sogleich nach den Schweinen, denn sie war noch nie in ihrem Leben einem begegnet. Sie betastete sie mit großer Freude und fragte ihren Vater, ob die Schweine auch Augen haben. „Ja, sie haben auch Augen“, antwortete der König ganz traurig, „aber sie sind anders als unsere.“ Nun wollte die Prinzessin auch den Schweinehirten kennen lernen. Er war ein prächtiger Junge, hatte blaue Augen, blondes Haar und war so alt wie sie. Sie betastete mit ihren zarten, weißen Händen seine Wangen, streichelte seinen blonden Schopf und sagte: „Jetzt weiß ich, wie du aussiehst, ich kann es mir genau vorstellen. Nicht ein Königssohn – von allen, die bei mir waren und die ich betastete, war so schön wie du!“, und lachte. Der König war froh, dass er seine Tochter wieder lachen sah, und gab dem jungen Schweinehirten vor Freude eine Goldmünze. „Vater“, sagte die Königstochter, „wenn du unseren Schweine- hirten mit königlicher Kleidung anziehen würdest, wäre er der schönste Prinz!“ Der König aber wollte von dem nichts wissen und sagte bloß, damit er seiner Tochter die Freude nicht nehme: „Ja, mein Kind, du hast recht, er ist ja nicht hässlich …“ Beim Verabschieden versprach die Königstochter, dass sie bald wieder käme, denn sie fühle sich hier zwischen den Schweinen sehr gut. Als nun die Kutsche mit den seltenen Gästen davongefahren war, setzte sich der Schweinehirt auf einen großen Stein, der am Rande eines Baches stand, und dachte an die schöne und gutherzige Königstochter, die so freundlich zu ihm war. Es wurde schon dunkel und noch immer saß er auf diesem Stein und konnte die Gedanken von der schönen Königstochter nicht lassen. Erst als der Mond aufging, sprang er vom Stein, hob beide Arme in die Höhe und sagte laut: „Oh, warum bin ich kein Königssohn?! Ich würde diese schöne Prinzessin bestimmt zur Frau nehmen, wenn sie auch blind ist!“ … … denn eines Nachts saß die alte Hexe auf diesem Stein und kicherte: ‚So, jetzt hab ich dem König gezeigt, was ich kann … Umsonst kommen die Ärzte zu seiner Tochter, niemand kann sie heilen, hi, hi, hü! Wenn jemand nur wüsste, wie einfach es ist, sie wieder sehend zu machen!‘ ‚Augen küssen!‘ sagte der Papagei, der auf der Schulter der Hexe saß. ‚Pst! Red doch nicht?‘, sagte die Hexe böse … Der Schweinehirt stand sprachlos da und wollte seinen Ohren nicht glauben. Er trieb sogleich die Schweine in den Stall und eilte zum Königsschloss. Als der König ihn sah, fragte er nach dem Grund seines Kommens. „Ich will die Prinzes- sin wieder sehend machen!“ „Du?“ sagte der König und begann zu lachen. „Ja, ich“, sagte der Schweinehirt, „und ich bin auch sicher, dass es mir gelingen wird!“ „Rede doch keine Dummheiten! Hier waren berühmte Ärzte und konnten nichts machen, aber du … Willst du auch aufgehängt werden? Was mache ich dann ohne Schweinehirt?“ „Exzellenz, lassen Sie mich doch bitte hinein! Sie werden sehen, dass ich sie heile!“ Er bettelte so lange, bis der König nachgab … und sagte: „Na gut, wenn du sterben willst, dann komm!“ und führte ihn zur Prinzessin. Als sie an die Kammertür kamen, sagte der Schweinehirt: „Aber wenn ich mache, dass sie wieder sieht, bekomme ich sie zur Frau …“ „Ja, ja“, gab der König zurück und lachte. „Und sogar das halbe Königreich bekommst du“, fügte er hinzu. „Gut“, sagte der Schweinehirt, „aber ich muss alleine sein. Anders kann ich sie nicht heilen.“ Als der Schweinehirt in die Kammer trat, sah er die Prinzessin im Bett liegen. Leise trat er an ihr Bett und küsste sie auf beide Augen, die sie geschlossen hielt. Sofort schlug sie die Augen auf und schaute starr auf den Schweinehirten, der vor lauter Spannung starr wie eine Statue vor ihr stand. Dann sprang sie auf, umschlang den Schweinehirten mit ihren Armen und rief laut: „Ich sehe, ich sehe!“ Der König, der draußen vor der Tür stand, hörte es und sprang wie ein Wilder in die Kammer. Und wirklich, seine Tochter sah. Das Glück war groß. … Der Schweinehirt und die Königstochter feierten ein großes Hochzeitsfest und lebten glücklich miteinander bis an ihr Ende...
Eine Art Weihnachtsgeschichte? Weiss nicht...