Amok, Suizid, Depression – Wenn Schulen das Falsche lehren

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Wie gehe ich mit meinen Emotionen um?  Wie führe ich ein schwieriges Gespräch? Wie treffe ich Entscheidungen?

Diese und ähnlich wichtige Themenkreise des Umgangs mit sich selber und anderen Menschen bezeichnet man als „Soft Skills“. Sie sind das grundlegende Know-How des täglichen Lebens.

Unsere Schulen berücksichtigen dies in ihren Lehrplänen in keiner Weise. Unternehmen, die erkannt haben, dass ihr Geschäftserfolg weitgehend von den Soft Skills ihrer Mitarbeiter abhängt, müssen daher selber für eine entsprechende Weiterbildung sorgen.

Seit 30 Jahren unterrichte ich Soft Skills im Rahmen unternehmensinterner Weiterbildung. Ich unterrichte Menschen zwischen 30 und 50 Jahren, lehre sie Dinge, von denen ich meine, dass sie sie spätestens mit 14 gelernt haben sollten. Das haben sie aber nicht. Unsere Lehrer haben von dieser Thematik wenig Ahnung und die Eltern sind ebenfalls überfordert.

Unsere Kinder lernen in der Schule, wer die Schlacht am Teutoburger Wald gewonnen hat oder wie viel Bauxit man benötigt um eine Tonne Aluminium herzustellen. Aber die persönlichen und sozialen Kompetenzen bleiben weitgehend unbehandelt, obwohl sie in unserem Leben eine weit grössere praktische Relevanz haben. Man braucht sie täglich. In ihnen liegt nicht nur die Sinnhaftigkeit
unseres Lebens verankert. Auch die Wahrscheinlichkeit von Tragödien wie in Erfurt oder in Winnenden liesse sich durch eine Förderung der persönlichen und sozialen Kompetenzen deutlich verringern.

Unbelehrbare Schulklassen

Vor einigen Jahren rief mich ein Lehrer einer Realschule an. Er hätte da eine Klasse, mit der keiner der Lehrer zurecht käme. Die Schüler beteiligten sich nicht am Unterricht, seien undiszipliniert, respektlos, prügelten und mobbten einander – ob ich da etwas tun könnte? Als ich schliesslich mit diesen schrecklichen Schülern beisammen saß, stellte sich heraus, dass sie eine Klassenlehrerin hatten, die sie sehr respektlos behandelte. Jeden Tag kamen sie vollkommen frustriert und zorngeladen aus ihrem Unterricht.

Diesen Frust liessen sie dann an anderen Lehrern und aneinander aus. Wir hatten ein sehr fruchtbares Gespräch, in dessen Verlauf ich diese Klasse nicht nur sehr diszipliniert und respektvoll erlebte, sondern auch dankbar für meine Hilfe. Nicht die Schüler waren das Problem: sie litten an einem emotionalen Stau, mit dem sie nicht umgehen konnten.

Von den Amokläufern, ob in der Schule oder in Unternehmen, heisst es in den Medien regelmässig, sie seien vor der Tat „zurückhaltend und unauffällig“ gewesen. Sie sind nicht Rabauken, die über die Stränge schlagen, sondern von Natur aus eher sanftmütige und empfindsame Menschen, die es einfach nicht vertragen, respektlos behandelt oder “verheizt” zu werden. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, muss man sich klar machen, dass Emotionen nichts anderes sind, als Energie, die fliessen will.

Amoklauf mit WaffeEmotionaler Stau

Aus den thermodynamischen Gesetzen wissen wir, dass Energie nicht einfach verschwindet, wenn sie sich nicht entladen kann. Sie wird gespeichert. Menschen, die mit Emotionen besser umgehen können, entladen ihre Emotionen gelegentlich. Jeder Stammtisch ist eine kollektive emotionale Therapie, bei der die Teilnehmer ein Stück von ihrem emotionalen Stau los werden.

Amokläufer und Selbstmordkandidaten haben keinen Stammtisch, sind zurückhaltend, vertrauen sich niemandem genug an, um sich ihren Kummer von der Seele zu reden. In ihnen baut sich nach und nach ein immer höherer innerer Druck auf, der zwei verschiedene Wege nehmen kann: entweder die explosive Entladung in einer Gewalttat – oder die Implosion in Burnout, Depression oder Suizid, bei der die aggressive Energie gegen die eigene Person gerichtet wird.

Beides hat die selben Ursachen. Die suizidale Implosion ist allerdings sozialverträglicher und kommt nur selten in die Schlagzeilen. Es geht nicht darum, an den Schultoren Sicherheitsleute zu postieren oder die Lagerung von Schusswaffen besser zu kontrollieren. Es geht darum, wie wir miteinander umgehen. Wir sind dabei, den mitmenschlichen Respekt zu verlernen.

Die zunehmende Zahl von Amokläufen und Selbstmorden an den Schulen und am Arbeitsplatz stellen uns in dieser Hinsicht ein schlechtes Zeugnis aus. Es ist an der Zeit, den persönlichen und sozialen Kompetenzen, zu denen auch ein gesunder Umgang mit Emotionen und die Pflege des gegenseitigen Respekts gehören, im Lehrplan unserer Schulen einen festen Platz zu geben.

SchulunterrichtPilotprojekte für SoftSkills-Unterricht

Ich hatte Gelegenheit, Pilotprojekte für zwei Gymnasien durchzuführen (eines unterstützt durch den Bildungspakt Bayern und das KM), die sehr erfolgreich verliefen und gezeigt haben, dass man durchaus präventiv tätig werden kann. Es ist an der Zeit, solche Maßnahmen flächendeckend einzuführen.

Viele Jahre lang habe ich die Soft Skills erforscht. Ich habe sie systematisiert und in eine didaktisch (auch für Jugendliche) ansprechende Form gebracht. Dieses Wissen möchte ich dort eingesetzt sehen, wo es hingehört: in unseren Schulen. Ich möchte mein Fachwissen und meine Erfahrung auf dem Gebiet der Soft Skills in den Dienst einer Öffentlichkeit stellen, die die Wichtigkeit dieses praktischen Lebens-Know-How‘s im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder erkennt und sie an unsere Schulen bringen will.

Dazu bedarf es einer breit angelegten öffentlichen Diskussion. Mit der 13-teiligen TV-Serie Bewusst Leben – Psychologie für den Alltag (BR-alpha) habe ich das Thema schon mal ins Fernsehen gebracht. Jetzt müssen sich die Kultusministerien dafür interessieren. Ich würde es gerne sehen, dass die nächste Generation von Schülern besser auf das praktische Leben vorbereitet wird, als die bisherigen.

George Pennington

geboren 1947 in Washington D.C. (USA)
aufgewachsen in Frankreich und Österreich (1951 - 1966)
Studium in Heidelberg (Psychologie, Soziologie, 1966 - 1971))
weitere Studien: Psychotherapie, Massage, Landwirtschaft (London 1973 - 77)
Diplom in Physikalischer Therapie, London 1975), Diplom in Landwirtschaft (St. Albans, 1977)
Psycho- und physiotherapeutische Arbeit in Deutschland (1977 - 1983)
Schwerpunkt seit 1984: Trainings für Menschen in der Wirtschaft
Initiator eines Soft Skill Trainingsprogramms für Schüler (2004 -)
TV-Serie 2005: Bewusst Leben - Psychologie für den Alltag (BR-alpha)

Vizepräsident der Dt. Gesellschaft für Humanistische Psychologie (1979 - 80)
Outstanding Teaching Award beim ZfU International Business School (CH, 2011)
Akkreditierung durch die EU-Kommission (Brüssel, 2003)
4 Bücher u. zahlreiche Artikel über Wahrnehmung und Bewusstsein

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