Unergründlich?

Themenstarter
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18.12.06
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hallo!

ich kann kaum ordnung in meine gedanken bringen, nachdem ich folgende doku gesehen habe. ein porträt von einem heute 81 jährigen.

er war deutscher soldat der in der normandie am d-day stationiert war, und er berichtet über diesen 6. juni 1944.

er war als MG-schütze eingesetzt und berichtet wortwörtlich das er 9 stunden ohne unterlass auf die angreifenden amerikaner gefeuert hat.

er sagt, er wisse das er der soldat sei, der während des krieges die meisten amerikaner erschossen hat. an diesem 6. juni. 1944 habe er mehr als 3.000 amerikaner erschossen.

diese tatsachenschilderung erzählt er ruhig und gefasst.
aber als er im gleichen satz davon berichtet das sein oberstleutnant den rückzug nach dem aufgeben der MG-stellung nicht mehr geschaft hat, bricht er in tränen aus.(?!?!?!?!)

mir geht es überhaupt nicht darum zu beurteilen was dieser mensch für eine schuld zu tragen hat oder ähnliches. ein urteil darüber steht mir überhaupt nicht zu. zumal er ja auch seine "pflicht" erfüllen mußte und wahrscheinlich auch gar nicht anders handeln konnte.

vielmehr geht es mir darum, wie kann so eine auf den ersten blick unverständliche und paradoxe reaktion wohl zustandekommen?

ich denke die menschliche psyche wird wohl für immer unergründlich bleiben.


grüße
richter
 
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10.12.06
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hi richter -
das ist das dasselbe, denke ich, wie kz-aufseher und lagerleiter, die tagsüber furchtbare gräuel nicht nur geduldet und angeordnet, sondern auch selbst verübt haben - aber gleichzeitig liebevolle väter und ehemänner waren. wobei man kriegsgeschehen direkt an der front sicher nicht damit vergleichen kann.

"die banalität des bösen" von hannah arendt fällt mir da z.b. ein...
 
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25.01.05
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Er wird wohl auf Objekte geschossen haben. Der Feind wird nicht als menschliches Wesen, sondern als Objekte wahrgenommen. Er hat also auf Objekte gezielt, während sein Oberstleutnant ihm als Mensch begegnete.

Aber geht es uns selber auf der Strasse im Verkehr nicht ebenso? Ist man noch fähig den Menschen im vorderen Auto wahrzunehmen, wenn man mit 120 km/h und mehr auf 2 Meter aufschliesst?

herzlichst - Phil
 
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24.09.04
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Er sah ja seinen "Erfolg" vor seinen Augen, deshalb gab es für ihn keinen Grund den MG Stand zu verlassen.
Aus diesem Grund nahm er vielleicht an, dass seine Kollegen auch so erfolgreich waren und somit die Doktrin des "Endsieges" für ihn wieder stimmte.
Der Tod seines Vor-Gesetzten (Projektion) liess ihn ins Angesicht seiner Illusion blicken und das brachte sein Kartenhaus zum Einsturz....
Es zeigt, dass Menschen emotional wieder "erwachen" können....

Der eigentliche "Schock" war für ihn möglicherweise dieses "Erwachen" und nicht das vorherige Töten.
 
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19.03.06
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Hallo RRichter,

ich danke dir für dieses sehr wichtige Thema.

Ich selbst habe von Teilnehmern verschiedener Kriege häufiger gehört: "Ich war nur Befehlsempfänger!"
Selbst Mörder und Folterer berufen sich auf solche Positionen. Oder eben darauf, Teil eines "Systems" gewesen zu sein, aus dem man nicht hat ohne Gefahr für Leib und Leben ausbrechen können.
Auch der ehemalige Militärrichter Filbinger hat so etwas mal von sich gegeben.

- Dieses Bewusstsein scheint oft eine ausreichende "Beruhigung" des Gewissens darzustellen.

Schockierend finde ich das alle mal! - Und es zeigt vor allem auch, wie sehr man aufpassen muss, nicht selbst völlig in "Systemen" aufzugehen.

Leòn
 
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15.02.07
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Hallo RRichter, vielleicht kann man das auch mit der Art der Erinnerung erklären:

ein Ereignis bzw. mehrere Ereignisse kann man auf verschiedener Art erinnern, die Erinnerung setzt sich zusammen aus
1. der faktischen Erinnerung: Wie ist was abgelaufen, passiert?
2. der körperlichen Erinnerung: Wie hat sich das körperlich ausgewirkt (z.B. Schmerz, Schweißausbruch, etc.)
3. der psychischen (emotionalen) Erinnerung: Was habe ich dabei emotional empfunden (Angst, Hilflosigkeit, Kloß im Hals)?

Jede Erinnerung kann anders gespeichert sein, d. h. die 3000 erschossenen Soldaten sind nur in seiner faktischen Erinnerung geblieben.
Der Kollege wurde faktisch und emotional abgespeichert.
 
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14.01.04
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Hallo RRichter. Sehe es so wie Phil und Leon zusammen. Done hat es vieleicht noch abstraktiert und so begreifbar dargestellt.
Während Schiesens waren es Objekte wie heute der Joystick.
Seinem Inneren macht er unbewusst da etwas vor. Er kann gar nicht denken, dass er zB tausende ermotet" oder unschuldige für nichts getötet hat. Dies könnte er nicht ertragen.
Einige der SS und SA haben sich ja nach dem Film holocaust umgebracht, weil sie erst dann festzstellten, was sie getan haben und dies nicht aushielten.
 
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04.04.07
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hi rrichter

die psychotherapie erklärt das mit dem begriff der abspaltung.
in traumatischen situationen kappen wir im gehirn den zugang zu schwierigen gefühlsinhalten mit denen wir nicht zurecht kommen.
auch dieser vorgang ist bereits per CT nachgewiesen.
(die pschotherapie geht ja immer weiter weg von der "weichen" wissenschaft die sie mal war)
das mitgefühl für den eigenen oberst war ja vergleichsweise unproblematisch und konnte so erlebt werden.
der vorgang ist also durchaus verstehbar.

ich hab dies jetzt nur rein auf der sachebene dargestellt. moralisch ist es aus meiner sicht ein grauen. wobei die soldaten eigtl. immer auch sowas wie opfertäter in einem sind. das stellt nicht die eigenverantwortung in frage. aber wer falsch informiert oder indoktriniert wurde. welche chance hat so einer richtig zu handeln?

lieber gruß
andreas
 
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