Neurowissenschaftliche Erkenntnisse und Trauma-Therapie

Kate

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Den ersten Teil eines wie ich finde sehr anregenden Vortrags von Dr. med. Wolfgang Wöller mit dem Titel Darf Traumatherapie "leicht" sein? gibt es kostenlos online unter: https://www.youtube.com/watch?v=EHUGknONFbM (den gesamten Vortrag, laut Aussage dort, als Bezahl-DVD).

Wolfgang Wöller ist einer der derzeit wohl bekanntesten Traumaexperten und bewegt sich u.a. in der Tradition von Ulrich Sachse und Luise Reddemann.

Ich finde es spannend und erfreulich, wie inzwischen von manchen Traumatherapeuten neuere neurowissenschaftliche Erkenntnisse in die Therapien integriert werden und diese wirksamer machen. Wöller nennt es "ein modernes Verständnis von Trauma-Therapie mit Offenheit für neue Entwicklungen".

Eine Differenzierung nach der Art des Traumas bzw. dessen neuronaler Verarbeitung scheint für die Wirksamkeit (oder Schädlichkeit) bestimmter Methoden sehr wichtig zu sein, andererseits gibt es offenbar Methoden, die i.a. eine gute Wirkung haben.

Ich greife zunächst einige wichtige Aussagen aus dem Vortrag heraus:

  • Erneutes Durcharbeiten ist nur in wenigen Fällen sinnvoll, es gibt heute bessere Techniken (ca. Minute 14:40)
    Dass Trauma-Therapie immer erneutes Durcharbeiten mit erneuten Leid bedeute, um dann "geheilt, wie Phoenix aus der Asche wieder daraus hervorzugehen", bezeichnet Wöller als nicht-haltbaren Mythos der Trauma-Therapie. Das Durcharbeiten in der Übertragung sei obsolet bzw. nur in wenigen Fällen sinnvoll. Im Gegenteil sei es sinnvoll die "dissoziativen Filme" Traumatisierter "aktiv zu unterbrechen", weil sie "in sich eine Retraumatisierung für die Patientin" darstellen. Es gäbe heute Techniken der Reorientierung ins Hier und Jetzt, mit denen sich die Patientinnen viel besser behandeln lassen.
  • EMDR ist nicht immer wirksam/empfehlenswert, Beispiel: anhaltender Täterkontakt (ab ca. Minute 8:54)
    Eine 28-jährige Frau, in der Kindheit vom Vater sexuell missbraucht, hatte oberflächlich guten Kontakt zum Vater, litt aber unter diversen Symptomen, u.a. anhaltenden Depressionen. Durch EMDR konnte kein Erfolg erzielt werden, es kam zum sogenannten "Kreiseln", die subjektive Belastung ging nicht zurück. In einem anderen Fall dagegen, mit einer einmaligen Traumatisierung im Erwachsenenalter bei einem "eher höheren integrierten Strukturniveau" waren wenige EMDR-Sitzungen bereits sehr erfolgreich.
  • Traumanetzwerke können nicht gelöscht werden vom Gehirn, die traumatische Erfahrung kann aber durch Assoziation von Ressourcennetzwerken deaktiviert werden (ab ca. Minute 18:16)
    Dies gilt z.B. auch bei Fällen wie dem oben genannten, wo EMDR nicht half.
  • Die Art der Erinnerungsverarbeitung spielt eine große Rolle dafür, ob Reden über Traumatisierung hilfreich ist
    Bei "normaler Informationsverarbeitung mit hoher Stressbelastung" kann das Reden über Traumatisierung hilfreich sein und entlasten. Bei der häufigeren traumatischen Erinnerungsverarbeitung geht es dagegen mit großer Stressbelastung einher, es werden weitere Traumanetzwerke im Gehirn aktiviert und es kommt zur Verschlechterung.
Grundsätzlich existieren folgende Möglichkeiten der Stärkung von Ressourcen-Netzwerken:
  • Gute therapeutische Beziehung
    (Die Erinnerung an das Trauma wird verknüpft mit der positiven Beziehungserfahrung im Hier und Jetzt; die Effektivität sei hierbei begrenzt, es funktioniere auch, brauche aber sehr lange.)
  • Gezielte Aktivierung von Ressourcen
    (Allein dadurch, ohne explizite Traumabearbeitung, ließe sich erreichen, dass das Trauma keine Rolle mehr spielt.)
  • EMDR als physiologische Ressource
    (Die Aktivierung des Parasympatikus als Wirkmechanismus sei erwiesen, allerdings führe es auch zur Beschleunigung der Assioziationsleistung, weshalb es bei guter Ressourcenlage so effektiv sei - aber im anderen Fall auch Risiken birgt? - Frage von Kate)
Es gibt offenbar einige bereits erfolgreich erprobte Techniken der Ressourcenaktivierung:
  • Aktivierung bisheriger Bewältigungsformen und positiver Erinnerungen
  • Freudebiografie / Ressourcentagebuch
  • Imaginationen, z.B. "Sicherer Ort", "Tresor-Technik", "Innere Helfer"
  • Karteikarten mit Ressourcenstichwörtern
    (Stichworte für ganz bestimmte positive Erinnerungen, die auf diese Weise reaktiviert werden)
  • Erfolge der letzten Tage/Wochen/Monate/2 Jahre auflisten, dazu notieren, welche positiven Charaktereigenschaften sich daraus ableiten lassen
    (die man selbst vielleicht noch garnicht realisiert hatte, Anm. Kate)
  • Absorptionstechnik
    (Wenn ein bestimmtes Problem negative Emotionen auslöst die Fragen beantworten "welche 3 Ressourcen brauche ich, um besser damit umzugehen?", "wann hatte ich diese mal zur Verfügung?"; das Letztere verbinden mit einer Szene; führt zu positivem Affekt und positiverer Körperwahrnehmung; diese Technik wird im EMDR angewandt, geht aber auch ohne; genauere Beschreibung im Vortrag)
  • ressourcenorientierte Fragetechniken
Ich habe alles recht nah am Original wiedergegeben, wörtlich genaue Passagen sind als Zitate gekennzeichnet. Zur inhaltlichen Bewertung oder auch nur vollständigem Verständnis der Aussagen fehlen mir letztlich Kenntnisse und Erfahrungen. Es gibt allerdings in meinem Umfeld Beobachtungen, die die beeindruckende Wirksamkeit der Ressourcen-Aktivierung zu bestätigen scheinen. Diese Herangehensweise könnte aus meiner Sicht für Traumatisierte ein konkreter und sehr konstruktiver Ansatzpunkt sein.

Gruß
Kate

Anhang: Erläuterungen
  1. Traumatische Erinnerungsverarbeitung neurologisch gesehen (ab ca. Minute 15:00)
    Die Funktion des Hippocampus ist gestört, Erinnerungen sind nicht hippocampal verarbeitet. Der Hippocampus ist zuständig "für die narrative Verarbeitung von Eindrücken, in dem Sinne, dass Sinneseindrücke so verarbeitet werden, dass sie in einen biografischen Zusammenhang eingeordnet werden und nicht nur als Sinneseindrücke verbleiben, sondern als Erinnerungen abgespeichert werden können, die der Vergangenheit angehören." Kommt eine ungefilterte Aktivität der Amygdala (Gefahrenmeldezentrale des Gehirns), dazu, können Intrusionen, übergeneralisierte Angstreaktionen und Traumafolgesymptome wie PTBS, Flashbacks und traumatische Gedächtnisstörungen, dissoziative Störungen usw. entstehen.
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  2. Bedeutung neuronaler Netzwerke im Gehirn
    Die Bereitschaft zu Erregungsmustern ist in neuronalen Netzwerken gespeichert. Diese entstehen dadurch, dass durch einen bestimmten Reiz ein bestimmtes Muster aktiviert wird. Wiederholungen führen zur Verstärkung des Netzwerkes, das anschließend leichter aktivierbar wird.

    Trauma-Netzwerke bleiben bestehen, sie können nicht gelöscht werden vom Gehirn. Nur durch Assoziation/Verknüpfung mit Ressourcen-Netzwerken sei eine Deaktivierung der traumatischen Erfahrung möglich. Dabei hilft folgende Eigenschaft von Netzwerken: Wird ein Element stimuliert/getriggert, kann das ganze Netzwerk anspringen. Dies sei die Chance der Traumatherapie.

    Dementsprechend geht es in Phase 1 der Therapie, der "Stabilisierung", um die Stärkung der Ressourcen-Netzwerke durch Ressourcen-Aktivierung. Phase 2, die "Traumabearbeitung", dient der Verknüpfung von Trauma- mit Ressourcen-Netzwerken. Die sogenannte "Durcharbeitung" sei neurologisch gesehen eine Verknüpfung. Diese führe zur Reduktion der Informationsüberflutung und damit zur Restitution (Übersetzung: Wiederherstellung, in der Medizin steht es auch für vollständige Heilung, Anm. Kate) der hippocampalen Gedächtnisfunktion. Aus Erinnerungsfragmenten wird ein Narrativ ohne nennenswerte traumatische Stressbelastung. Nach neuerer Auffassung könne diese Verknüpfung schonend und ohne schwere emotionale Abreaktion durchgeführt werden.

    Für eine genauere Darstellung der Phasen der Traumatherapie nennt Wöller sein Buch "Trauma und Persönlichkeitsstörungen", Schattauer, 2006 ISBN10: 3794527542.
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  3. Ressourcen-Aktivierung als generell wichtiger unspezifischer Wirkfaktor von Psychotherapie
    Wurzeln der ressourcen-orientierten Psychotherapie sind unterschiedlichste Konzepte und Begriffsnetze, z.B. Salutogenese, positive Psychotherapie, Konzept der Selbstwirksamkeit, Resiliensforschung u.a. Nach der "positiven Psychologie" von Martin Seligman ist ein Wandel in der Psychologie anzustreben "... weg von der ausschließlichen Beschäftigung damit, die schlimmsten Dinge des Lebens zu reparieren, hin dazu, die besten Qualitäten im Leben aufzubauen". Die "positive Psychologie" sei ein sehr ernst zu nehmender Forschungszweig und nicht gleichzusetzen mit dem, was als "positives Denken" bezeichnet wird, sondern weit anspruchsvoller.

    Positive Emotionen aktivieren Hirnregionen, die am sogenannten "Belohnungssystem" beteiligt sind, das wiederum für die Motivation bedeutsam ist. Dessen entscheidende Komponente ist das Dopaminsystem, die Aktivierung der Dopamin-aufnehmenden Strukturen lässt sich auch mit bildgebenden Verfahren darstellen (Bilder werden gezeigt).
 
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wundermittel

Felis

Hallo :)
Anhang: Erläuterungen
  1. Traumatische Erinnerungsverarbeitung neurologisch gesehen (ab ca. Minute 15:00)
    Die Funktion des Hippocampus ist gestört, Erinnerungen sind nicht hippocampal verarbeitet. Der Hippocampus ist zuständig "für die narrative Verarbeitung von Eindrücken, in dem Sinne, dass Sinneseindrücke so verarbeitet werden, dass sie in einen biografischen Zusammenhang eingeordnet werden und nicht nur als Sinneseindrücke verbleiben, sondern als Erinnerungen abgespeichert werden können, die der Vergangenheit angehören." Kommt eine ungefilterte Aktivität der Amygdala (Gefahrenmeldezentrale des Gehirns), dazu, können Intrusionen, übergeneralisierte Angstreaktionen und Traumafolgesymptome wie PTBS, Flashbacks und traumatische Gedächtnisstörungen, dissoziative Störungen usw. entstehen.
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  2. Bedeutung neuronaler Netzwerke im Gehirn
    Die Bereitschaft zu Erregungsmustern ist in neuronalen Netzwerken gespeichert. Diese entstehen dadurch, dass durch einen bestimmten Reiz ein bestimmtes Muster aktiviert wird. Wiederholungen führen zur Verstärkung des Netzwerkes, das anschließend leichter aktivierbar wird.

    Trauma-Netzwerke bleiben bestehen, sie können nicht gelöscht werden vom Gehirn. Nur durch Assoziation/Verknüpfung mit Ressourcen-Netzwerken sei eine Deaktivierung der traumatischen Erfahrung möglich. Dabei hilft folgende Eigenschaft von Netzwerken: Wird ein Element stimuliert/getriggert, kann das ganze Netzwerk anspringen. Dies sei die Chance der Traumatherapie.
Das ist für mich besonders interessant, bezieht es sich doch auf die Regionen im Gehirn, die wir im Amygdala Retraining speziell im Fokus haben. Inklusive Aufbau und Stärkung der "Ressourcen-Netzwerke".

"... weg von der ausschließlichen Beschäftigung damit, die schlimmsten Dinge des Lebens zu reparieren, hin dazu, die besten Qualitäten im Leben aufzubauen". Die "positive Psychologie" sei ein sehr ernst zu nehmender Forschungszweig und nicht gleichzusetzen mit dem, was als "positives Denken" bezeichnet wird, sondern weit anspruchsvoller.

Positive Emotionen aktivieren Hirnregionen, die am sogenannten "Belohnungssystem" beteiligt sind, das wiederum für die Motivation bedeutsam ist. Dessen entscheidende Komponente ist das Dopaminsystem, die Aktivierung der Dopamin-aufnehmenden Strukturen lässt sich auch mit bildgebenden Verfahren darstellen
Dankeschön, Kate.

Liebe Grüße von Felis
 
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Positive Emotionen aktivieren Hirnregionen, die am sogenannten "Belohnungssystem" beteiligt sind, das wiederum für die Motivation bedeutsam ist. Dessen entscheidende Komponente ist das Dopaminsystem

Hallo,

das passt gut zu dem, was ich über das Süssen mit Isoglucose gelesen habe:

... Es stellte sich heraus, dass Fruktose im Vergleich zur Glukose weniger gut in der Lage war, Sättigungsgefühle hervorzurufen und die Belohnungssysteme im Gehirn zu stimulieren. Die Auswertung der MRIs zeigte, dass sich die beiden Zuckerarten in der Netzwerkaktivierung innerhalb des limbischen Systems mit Hippocampus und Amygdala deutlich unterscheiden. Zudem stiegen die Sättigungshormone im Blut nach dem Fruktosekonsum kaum bis wenig an - im Gegensatz zur Glukose, die ein starkes Signal hervorrief.
...
https://www.symptome.ch/vbboard/ern...ukte-damit-gesuesst-ungesund.html#post1162571

Also kann man über die Ernährung auch wenigstens einen Teil des Belohnungssystems aktivieren bzw.deaktivieren.

Das Belohnungs- und Verstärkungssystem des Gehirns - Verlangen, Motivation und Suchtanfälligkeit - WZ.de
https://www.dasgehirn.info/denken/motivation/schaltkreise-der-motivation

Grüsse,
Oregano

Grüsse,
Oregano
 
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