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GKV-Massenausstieg der Ärzte?

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Goodbye GKV - der drohende Massenausstieg


Vor zwei Wochen haben wir stichprobenartig niedergelassene Ärzte unter den DocCheck Newsletter Lesern zu ihrer Meinung zum Ausstieg aus der GKV befragt. Die Antworten sprechen eine deutliche Sprache: Der kollektive GKV-Ausstieg scheint beschlossene Sache.
newsletter.doccheck.com/generator/573/2873/xhtml

Das ist doch ein "tolles" Szenario in jedem Sinne des Wortes: Die Ärzte steigen aus ihren Verträgen mit den gesetzlichen Krankenkassen aus und arbeiten nur noch mit Privatrechnung. Die Patienten müssen zu den verbleibenden Ärzten gehen, die Auswahl an Ärzten wird immer geringer. Und es ist anzunehmen, daß nur die wirklich guten Ärzte den Schritt in die Unabhängigkeit von den gesetzl. Kassen machen. Also bleibt eine wahrscheinlich nicht allzu gute Ärzteschaft übrig. - Das erinnert ein bißchen an die Hauptschul-Problematik...
:mad: :mad: :mad:

Uta
 

Kate

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Hallo Uta,

ich befürchte auch schon länger, dass das eintreten wird (teils äußern Ärzte offen Ihren Missmut gegenüber Patienten, ich kenne einen Arzt, der mit Regressforderungen von etwa 90000 Euro konfrontiert war - und das nur für ein Jahr). Und es wird wohl leider nicht auf Ärzte beschränkt bleiben, sondern sich auf andere Heilberufe ausweiten. In meinem Bekanntenkreis befindet sich ein Physiotherapeut, mit meiner Meinung nach außerordentlichen Fähigkeiten, "begnadet" sozusagen, der vor einigen Jahren schon die Konsequenzen aus der Gesundheitspolitik gezogen hat und nur noch privat arbeitet. Er konnte seine umfangreichen Fähigkeiten einfach nicht an Kassenpatienten einsetzen und gleichzeitig zu einem einigermaßen akzeptablen Honorar kommen. Ein mir bekannter Psychologe, den ich ebenfalls für extrem fähig halte, hatte es sich auch überlegt, sich dann aber doch anders entschieden. Dort war der Hauptaspekt, dass er zeitweise mehr mit Verwaltungsarbeit als mit seinem eigentlichen Job beschäftigt war.

Gruß
Kate
 
Themenstarter
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Ja, so ähnlich erlebe ich das auch. Und was das Seltsame dabei ist: manchmal bezahlen die Patienten rein privat auch nicht wesentlich mehr als vorher bei Ärzten mit Kassenvertrag. Ich erlebe das gerade bei einem Bekannten, der mit seinem Zahnarzt vor etwa 6 Jahren ins "Privatleben" umgezogen ist: er hat im Grunde weniger bezahlt als wahrscheinlich bei einem Kassenzahnarzt fällig gewesen wäre, weil dieser Privatzahnarzt wirklich alles daran gesetzt hat, möglichst wenige Eingriffe zu machen und stattdessen die Zähne und den Mund optimal zu pflegen.

Immer häufiger bekommen auch Patienten, die in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) versichert sind, Leistungen von ihrem Arzt angeboten, die sie „privat“, das heißt selbst bezahlen müssen. Diese Leistungen werden als „Individuelle Gesundheitsleistungen“ (IGeL) bezeichnet. Es handelt sich dabei um ärztliche Untersuchungs- oder Behandlungsmethoden und Serviceleistungen, die von den gesetzlichen
Krankenkassen nicht übernommen werden. Entweder, weil diese nicht zum Leistungskatalog der Krankenkassen gehören oder weil sie nur dann von den Kassen bezahlt werden, wenn bei den Patienten bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. ...

Als Reaktion auf die massive Vermarktung von IGeL-Angeboten haben die gesetzlichen Krankenkassen bei ihrem Medizinischen Dienst eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die wissen-schaftlich fundierte Informationen zu besonders
wichtigen IGeL-Angeboten zusammenstellt (www.mds-ev.org/ebm/). Die Verbraucherzentralen raten, Preise zu vergleichen und kritisch
zu hinterfragen, wenn Ärzte Therapie- oder Diagnosevorschläge machen, die von den Krankenkassen nicht bezahlt werden. Aber auch viele Ärzte bewerten die IGeL-Aktivitäten ihrer Kollegen kritisch: Bei Individuellen Gesundheitsleistungen handele es sich „in der überwiegenden Zahl um fragwürdige Zusatzangebote (...). Deren Sinn besteht in erster Linie darin, das Honarar der von Budgetierung gebeutelten Ärzte (...) aufzubessern“ (Beck 2002, S. 39). Beim „Arbeitskreis Frauengesundheit“, in dem sich Ärztinnen, Hebammen, Psychotherapeutinnen und auch andere Berufsgruppen zusammengeschlossen haben (www.akf- info.de), heißt es: „Die Umsatzleistungen in den ärztlichen Praxen über IGeL-Leistungen werden
im Wesentlichen über eine Verunsicherung der Patientinnen und Patienten erreicht“ (Pressemitteilung des AKF vom 13. Mai 2002). Auch bei
der Bundesärztekammer hält man es für bedenklich, „wenn mit vollmundigen Versprechen für Zusatzangebote geworben wird, wenn die Patienten zur Nutzung von IGeL gedrängt werden oder wenn die Grenzen zum GKV-Katalog zu Lasten der Patienten verschoben werden.
https://wido.de/fileadmin/wido/downloads/pdf_wido_monitor/wido_mon_prizusatz_1004.pdf

Eigentlich doch eine geniale Lösung für Ärzte und Kassen: Die Kassen sind immer weniger daran interessiert, Leistungen wie Ultraschall beim Frauenarzt zu bezahlen, wenn es doch auch anders geht. Und für den Arzt ist das ein erfreuliches Zubrot. Wer wie immer dumm dreinschaut, ist der Patient.

Uta
 
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19.10.06
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Das war doch schon alles vorher geplant gewesen! Der Tag als die Kassenpflicht aufhoben wurde hat das Schicksahl der GKV unweigerlich besiegelt. Seit dem lässt man das System langsam dahinvegetieren. Ziel ist es wahrscheinlich ein uneffektives aber für die Giftmischer einträgliches System wie in den USA zu schaffen. Die Preise der Privaten Kassen werden auch nur solange human bleiben wie die Gesetzliche Alternative noch als Konkurenz fungiert!

Die Entwicklung ist die logische Konsequenz aus der Privatisierung des Gesundheitswesens.
 
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17.12.05
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Ich begrüße diese Entwicklung:

aus meiner sicht haben wir im GKV-System zuviel Ärzte und zuwenig Patienten, mit der Konsequenz, daß die Ärzte schnell arbeiten [müssen], um noch einen einigermaßen guten schnitt zu machen. die qualität bleibt dabei auf der strecke.
wenn viele ärzte das GKV-System verlassen bleibt mehr geld für den einzelnen arzt übrig, mit der folge, daß diese sich wieder mehr zeit nehmen können, weil sie weniger finanziellen druck haben - so eine Praxis muß ja auch erst mal finanziert sein.
Bei den niedergelassenen psychotherapeuten würde der Punktwert steigen, dh. sie würden wieder mehr für die einzelne behandlungsstunde bekommen.

Ich würde solch eine Veränderung begrüssen!
 
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Wenn die Veränderung so laufen würde, wäre das tatsächlich positiv.

Ich denke nur,d aß die Ärzte ja trotzdem auf ihre PUnktzahl kommen müssen, und so wie ich das verstehe, bedeutet das, daß sie eine bestimmte Anzahl von Patienten haben müssen, um auf ihre Kosten zu kommen. Dann wäre es nicht so positiv sondern würde gleich bleiben.

Gruss,
Uta
 
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19.10.06
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Ich begrüße diese Entwicklung:

aus meiner sicht haben wir im GKV-System zuviel Ärzte und zuwenig Patienten, mit der Konsequenz, daß die Ärzte schnell arbeiten [müssen], um noch einen einigermaßen guten schnitt zu machen. die qualität bleibt dabei auf der strecke.
wenn viele ärzte das GKV-System verlassen bleibt mehr geld für den einzelnen arzt übrig, mit der folge, daß diese sich wieder mehr zeit nehmen können, weil sie weniger finanziellen druck haben - so eine Praxis muß ja auch erst mal finanziert sein.


Sorry, aber deine "Logik" ist ja absolut fehlgeleitet... Gäbe es wirklich zuviele Ärzte wären die Wartezimmer nicht immer brechend voll! Beeilen müssen sich die Ärzte da im GVK System Quantität schon lange mehr zählt als Qualität und daran werden auch weniger Ärzte nichts ändern.

Ein paar Dinge werden sich aber wirklich ändern.. nur nicht zum Wohle der Patienten:

- Vollere Wartezimmer und damit verbunden VIEL längere Wartezeiten
- weniger Beratung und qualitativ noch schlechtere Behandlung
- noch mehr Eigenbeteiligung der armen Schweine für immer weniger Leistungen


Die gleiche Transformation gabs nämlich schon in unzähligen anderen Ländern, das Ergebnis steht jetzt schon fest (einfach mal mit dem US System beschäftigen).
 
Themenstarter
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Man braucht gar nicht so weit zu gehen. England reicht auch...
Gruss,
Uta
 
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Nicht einmal mehr zwei Drittel ihres Umsatzes verdienen Ärzte mit der Behandlung von Kassenpatienten

Wenn die GKV-Einnahmen bröckeln ...
Im Schnitt beziehen niedergelassene Ärzte in Deutschland nur noch 65 Prozent ihres Praxis-Umsatzes aus GKV-Einnahmen. Das ergab eine Studie der Stiftung Gesundheit. Ein Grund mehr, über einen Systemausstieg nachzudenken.

GKV-Umsatz nach Fachgruppen: Allgemeinmediziner verdienen immerhin 80 Prozent ihres Umsatzes mit der Behandlung von Kassenpatienten. Grafik: ÄP, Quelle: ggma
26.01.07 - Für die Studie "Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2006" befragte die Gesellschaft für Gesundheitsmarktanalyse (ggma) 15 000 niedergelassene Ärzte zur wirtschaftlichen Situation der Praxis sowie zu Arbeitszufriedenheit und Werbemaßnahmen.

Herausgekommen sind repräsentative Ergebnisse, die in einzelnen Bereichen überraschen. So etwa folgende Tatsache: Im Schnitt verdienen niedergelassene Ärzte nur noch 65 Prozent ihres Praxis-Umsatzes aus GKV-Einnahmen. Und das, obwohl 90 Prozent aller Patienten gesetzlich versichert sind.

Dagegen erzielen Ärzte 20 Prozent ihres Umsatzes mit der Behandlung von Privatpatienten. Eine weit überproportionale Bilanz, wenn man bedenkt, dass nur zehn Prozent aller Patienten privat versichert sind. Weitere Einnahmequellen sind IGeL-Leistungen zu fünf Prozent und Gutachtertätigkeiten, die mit drei Prozent zu Buche schlagen.

Einbußen auch beim eigenen Einkommen

Ein weiteres Ergebnis überrascht weniger, ist aber in seiner Deutlichkeit umso erschreckender: Über die Hälfte der Ärzte mussten 2006 sowohl beim Praxis-Umsatz als auch beim eigenen Einkommen im Vergleich zum Vorjahr Einbußen hinnehmen. Bei etwa einem Drittel blieben Umsatz und Einkommen gleich. Nur 15 Prozent der Ärzte verzeichneten ein Umsatz-, 10,2 Prozent ein Einkommens-Plus.

Vielleicht erklären diese Zahlen, wieso mehr Niedergelassene ihr Heil in der Werbung suchen. Über die Hälfte (53 Prozent) der Ärzte erachten Werbemaßnahmen für die Praxis als sehr wichtig oder wichtig.

Diesem Bewusstsein kommt entgegen, dass in der Berufsordnung das Werbeverbot für Ärzte wesentlich gelockert wurde. Und das haben auch die Kollegen mitbekommen. Immerhin knapp 16 Prozent haben für 2006 ein eigenes Werbebudget festgelegt. Das klingt zunächst nicht nach viel, ist aber im Vergleich zum Vorjahr eine glatte Verdoppelung.

In diesem Zusammenhang überrascht noch ein Detail. 42,8 Prozent der Hausärzte finden Werbung wichtig oder sehr wichtig, bei den Fachärzten sind es über 50 Prozent. Trotzdem haben Hausärzte ein durchschnittliches Werbebudget von gut 2 300 Euro festgelegt, Fachärzte dagegen nur von 1 000 Euro.

Die Studie offenbart einen erschütternden Zusammenhang. Je zufriedener Ärzte mit ihrer Arbeit sind, desto weniger Einnahmen erzielen sie mit der Behandlung von Kassenpatienten und desto weniger Stunden arbeiten sie pro Woche.
Dieses Ergebnis lässt den überspitzten Schluss zu: Wer dem Kassenarztsystem den Rücken kehrt, müsste eigentlich zufriedener im Job werden....
https://www.aerztlichepraxis.de/artikel_homepage_aktuell_gkv_1169806798.htm?n=1
 

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