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natürliche Ethik?


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Alt 17.01.07, 00:23
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natürliche Ethik?
phil phil ist offline
Extrem fleissiges Mitglied Männlich
 
Benutzerbild von phil
 
Registriert seit: 25.01.05
Ort: innerste Innerschweiz
Beiträge: 1.676

Grüsse euch

Das Axelrod-Experiment
Eines der Modeworte unserer Zeit ist Strategie. Unternehmen suchen nach ihren Erfolgsstrategien. Aufsteiger suchen
nach ihrer Karrierestrategie. Parteien entwickeln ihre Wahlstrategie. Das Wort Strategie kommt aus der Sprache der
Kriege. Bei der Frage nach der Strategie geht es um die Frage: Wie kann ich den Gegner besser besiegen?
Ist die richtige Strategie dafür entscheidend, ob das Leben gelingt, oder geht es doch um mehr? Eher um die richtige
Lebensphilosophie und die richtigen Werte?
Kann man gegen raffinierte Strategien mit starken Werten und einer starken Philosophie überhaupt ankommen?
Lohnt es sich Werte zu haben, oder ist dieses in unserer Welt blauäugiges "Geschwätz" von Moralpredigern und
Werteaposteln? Gibt es auch zu dieser Frage eine Antwort, die nicht auf Morallehren gründet und nicht auf hehren
Erziehungsleitsätzen?
Ja, es gibt sie! Das ist das viel zu wenig bekannte Axelrod-Experiment. Seit den 50er Jahren gibt es die sogenannte
Spieltheorie. Begründet von John Neumann und Oskar Morgenstern.
Die beiden Begründer leben nicht mehr, aber drei Wissenschaftler, die die Spieltheorie weiterentwickelt haben,
wurden vor zwei Jahren mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Darunter als erster Deutscher Reinhard
Selten, Bonn.
Die Spieltheorie stellt die Frage: Welche Verhaltensweisen sind erfolgreicher? Welche zahlen sich besser aus?
Im Rahmen der Entwicklung der Spieltheorie hat im Jahre 1979 ein amerikanischer Politik-Wissenschaftler namens
Robert Axelrod ein hochinteressantes Experiment durchgeführt. Er hat unter Spieltheoretikern ein Turnier von
Computerprogrammen ausgeschrieben, wer wohl die erfolgreichste Strategie findet, die sich am besten auszahlt.
Alles war möglich. Raffinierte Spielstrategien, offene oder solche, bei denen die Karten nicht offengelegt wurden. Es
gab nur ein Ziel: Auszahlungserfolg.
15 Programme mit jeweils unterschiedlichen Strategien traten in der ersten Runde gegeneinander an. Einer der
Teilnehmer war der Mathematiker und Systemtheoretiker Anatol Rapoport aus Toronto. Er hatte das kürzeste und
simpelste Programm geschrieben und nannte es "Tit for Tat". Das Programm hatte vier Regeln:
1.) Ich spiele offen. Ich habe keine geheimen Regeln in der Hinterhand.
2.) Ich spiele immer auf Kooperation, suche Zusammenarbeit und die gemeinsame Optimierung des Nutzens.
3.) Wenn mich einer, weil ich "so nett" spiele, ausnutzen will, schlage ich unverzüglich zurück.
4.) Aber ich bin nicht nachtragend. Schon in der nächsten Runde spiele ich wieder auf Kooperation.
Ich bin also rasch im Vergelten und rasch im Vergeben. Die Runde wurde gespielt, Anatol Rapoport hatte die größte
Auszahlung. Das war eine Überraschung. Axelrod veröffentlichte die Analyse dieses Spiels und lud zu einem zweiten
Turnier ein.
Die Zahl der Teilnehmer wuchs. Diesmal wollten auch Wirtschaftswissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure,
Biologen und Computerfreaks mitmachen. Es traten 26 Programme gegeneinander an. Anatol Rapoport blieb bei
seiner simplen Strategie. Bei den anderen wuchs der Ehrgeiz. Sollte es denn nicht möglich sein, diese "gutmütige"
Strategie zu besiegen? Anatol Rapoport gewann auch das zweite Turnier. Daraufhin entwarf Axelrod eine neue
Turniervariante. Er unterwarf die einzelnen Programme einem evolutionären Selektionsprozess. Er simulierte die
Wirkung einer natürlichen Auslese in seinem Computer. Die erfolgreicheren Programmvarianten konnten sich stärker
vermehren. Die erfolgloseren starben aus. Jetzt setzte sich Rapoports "Tit for Tat"-Strategie sofort an die Spitze und
baute ihren Vorsprung aus. Besonders interessant dabei war, dass die Strategien, die auf die rücksichtslose
Ausbeutung der Schwächeren setzten, sich anfangs vielversprechend vermehrten, dann aber untergingen.
Ausbeutung brachte also kurzfristige Erfolge. Langfristige nicht.
Dieses Axelrod-Experiment kann gar nicht genug bekannt gemacht werden. Es müsste Bestandteil des
Schulunterrichts sein, jeder Gemeinschaftskunde und jedes Religionsunterrichts. Das Ergebnis ist dramatischer, als
jede Moralpredigt sein kann: Die beste Strategie im Leben heißt: Offen spielen, Zusammenarbeit suchen, kooperativ
arbeiten, den gemeinsamen Nutzen fördern. Dies aber gepaart mit dem Signal, dass Kooperation nicht Schwäche ist
und dass man jemanden, der so "gutmütig" spielt, nicht aufs Kreuzlegen kann.
Axelrod selbst schreibt in seiner Ergebnisanalyse den Satz: "Sogar Strategie-Experten aus den politischen
Wissenschaften der Soziologie, Ökonomie, Psychlogie und Mathematik machten systematisch die Fehler, zu wenig
kooperativ für ihren eigenen Vorteil zu sein, zu wenig zu geben und zu pessimistisch hinsichtlich der
Reaktionsmöglichkeiten der anderen Seite zu sein." Ich bin überzeugt: Die Wertedebatte kann und muss auf einer
neuen system-theoretisch naturwissenschaftlichen Ebene geführt werden. Es gibt begründbare Werte, die jenseits
aller intellektuellen Beliebigkeit stehen, wie sie das Gedeihen des Lebens in Fülle und Vielfalt fördern.
Quelle: "Lübecker Nachrichten 3./4. Oktober 1997
von: Dr. Manfred Sliwka, Unternehmensberater aus der Vulkaneifel, ist Mitglied des "Club of Vienna", der Ursachen
von Wachstumsprozessen untersucht

...der vom Berg ruft!
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Alt 17.01.07, 07:41
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natürliche Ethik?
Sine Sine ist offline
Extrem fleissiges Mitglied Weiblich
 
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Registriert seit: 15.10.06
Ort: Schweiz
Beiträge: 3.360
Danke Phil, das tut gut!
Sine
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Alt 28.01.07, 18:19
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natürliche Ethik?
Leòn Leòn ist offline
Extrem fleissiges Mitglied Männlich
 
Registriert seit: 19.03.06
Beiträge: 10.080
Hallo Phil!

Zitat:
Ich bin überzeugt: Die Wertedebatte kann und muss auf einer
neuen system-theoretisch naturwissenschaftlichen Ebene geführt werden. Es gibt begründbare Werte, die jenseits
aller intellektuellen Beliebigkeit stehen, wie sie das Gedeihen des Lebens in Fülle und Vielfalt fördern.
Quelle: "Lübecker Nachrichten 3./4. Oktober 1997
von: Dr. Manfred Sliwka, Unternehmensberater aus der Vulkaneifel, ist Mitglied des "Club of Vienna", der Ursachen
von Wachstumsprozessen untersucht
Ich denke mal laut nach: Es ist ja zu vermuten, dass es eine Art Arterhaltungstrieb des Menschen gibt. Manche Anthropologen und Kulturwissenschaftler beziehen die EIFERSUCHT zum Beispiel darauf! - Kann es sein, dass gewisse soziale Fertigkeiten, als sublimierte Relikte aus früheren Tagen, als unsere Vorfahren noch "auf den Bäumen saßen" sich genetisch (????) oder zumindest sozial (!!!!) vererbt haben? - Eigentlich eine blöde Frage! Es muss so sein!

Herzliche Grüße von Leòn

Geändert von Leòn (28.01.07 um 19:04 Uhr)

Wer sich auf mein Niveau begibt, kommt darin um! ;)
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Alt 26.06.07, 23:31
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natürliche Ethik?
Leòn Leòn ist offline
Extrem fleissiges Mitglied Männlich
 
Registriert seit: 19.03.06
Beiträge: 10.080
Also, irgendwie läßt mich dieses Thema ja nicht los!

Diese Strategie hat sich also als die wirksamste heraus gestellt:

Zitat:
1.) Ich spiele offen. Ich habe keine geheimen Regeln in der Hinterhand.
2.) Ich spiele immer auf Kooperation, suche Zusammenarbeit und die gemeinsame Optimierung des Nutzens.
3.) Wenn mich einer, weil ich "so nett" spiele, ausnutzen will, schlage ich unverzüglich zurück.
4.) Aber ich bin nicht nachtragend. Schon in der nächsten Runde spiele ich wieder auf Kooperation.
Die "Leitwerte"

Offenheit - Ehrlichkeit
Zusammenarbeit
Gegenseitigkeit

gepaart mit Ich - Stärke, Konfrontationsbereitschaft und der Bereitschaft zu "vergeben" bilden demnach zusammen die wirkungsvollste Strategie im Leben.

Gut, glaube ich.

Noch mal die im Eingangsposting implizite Frage: ist dieses Verhalten "natürlich", gewissermaßen im Menschen angelegt oder wird das erst in unserer "hochzivilisierten" Gesellschaft gültig?

Herzliche Grüße von

Leòn
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Alt 02.11.11, 21:27
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natürliche Ethik?
Anneke Anneke ist offline
Fleissiges Mitglied Weiblich
 
Registriert seit: 23.02.11
Beiträge: 267
Zitat:
Zitat:
1.) Ich spiele offen. Ich habe keine geheimen Regeln in der Hinterhand.
2.) Ich spiele immer auf Kooperation, suche Zusammenarbeit und die gemeinsame Optimierung des Nutzens.
3.) Wenn mich einer, weil ich "so nett" spiele, ausnutzen will, schlage ich unverzüglich zurück.
4.) Aber ich bin nicht nachtragend. Schon in der nächsten Runde spiele ich wieder auf Kooperation.
So kann es gut funktionieren, da bin ich mir ziemlich sicher.

Mir scheint Punkt 3.) jedoch der schwierigste zu sein. Was bedeutet "zurück schlagen". Wie kann das aussehen? Wie weit darf man gehen?

Zitat:
Es müsste Bestandteil des
Schulunterrichts sein, jeder Gemeinschaftskunde und jedes Religionsunterrichts.
Siehe Punkt 3.). Kann man das "Zurückschlagen" lehren oder lernen? Das Programm heißt immerhin "Tit for Tat" - übersetzt "Wie du mir, so ich dir..."

Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich von Moralvorstellungen lösen muss, wenn unterm Strich tatsächlich etwas herauskommen soll .

Grüße von Anneke
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Alt 04.12.11, 21:56
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natürliche Ethik?
phil phil ist offline
Themenstarter
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Benutzerbild von phil
 
Registriert seit: 25.01.05
Ort: innerste Innerschweiz
Beiträge: 1.676
Hallo Anneke!

zu Punkt 3 - sagen wir mal so "kriegt eins auf die Nase!" Ich meine damit keine Gewalttätigkeit sondern einen "Denkzettel", ein AHA-Erlebnis.
Kann von "Spiegel entgegenhalten" bis Anschreien gehen...

herzlichst - Phil

...der vom Berg ruft!
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