Ich wollte sterben, aber ich war noch nicht dran

02.08.07 04:28 #1
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Ich wollte sterben, aber ich war noch nicht dran

NellyK ist offline
Beiträge: 2.901
Seit: 02.08.06
Hallo Silvia,
Ich lese deine Beiträge seit du angefangen hast zu schreiben.Ich möchte gern still daran mit Anteil nehmen und deine Berichte und Erfahrungen weiterverfolgen.
Dir erstmal bis zum nächsten Schreiben alles alles Liebe Nelly

Ich wollte sterben, aber ich war noch nicht dran

SilviaD ist offline
Themenstarter Beiträge: 45
Seit: 22.07.07
Hallo Ihr Lieben,

jetzt habe ich fast 1 Stunde lang weitergeschrieben und dann stürzte mein PC plötzlich ab. Ich hab natürlich nichts gespeichert....... Also werde ich jetzt offline weiterschreiben und dann alles hier rein kopieren.

Aber auf jeden Fall herzlichsten Dank für Eure Unterstützung.

Daß ich dieses Portal gefunden habe, ist ein Segen.

LG
Silvia
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- Dixie Earl Bryant -

Ich wollte sterben, aber ich war noch nicht dran

SilviaD ist offline
Themenstarter Beiträge: 45
Seit: 22.07.07
Hallo Ihr Lieben,

..... 3 Tage und Nächte habe ich nicht geschlafen und nix gegessen und hätte

wahrscheinlich auch nix getrunken, wenn die "Aufseher" mir nicht laufend Wasser

gebracht hätten.... Während dieser Zeit war mir trotz der offensichtlichen

Anzeichen nicht bewusst, daß ich auf Entzug war.
Tagsüber wurde ich genötigt an den Mahlzeiten teilzunehmen und immer wieder

aufgefordert mein Bett zu verlassen um an Gruppengesprächen oder

irgendwelchen blöden Therapien teilzunehmen. Aber ich verweigerte mich! Ich

wollte auch nicht rauchen gehen.... ich wollte nur im Bett liegen. Ich litt unter dem

Schlafentzug .......... SEHR! Nachts lief ich den Flur auf und ab und ich war so

müde, aber ich konnte nicht einschlafen und ich begriff nicht warum das so war!

Die Ärzte wollten mir Pillen geben und meinten, daß dann alles leichter wäre! Was

für ein Irrsinn: ich sollte genau die Pillen nehmen um den Entzug zu erleichtern, die

mich erst abhängig machten. Ich sah keinen Sinn darin und war ja auch der

Meinung, nicht abhängig zu sein.
Magda, die mit mir das Zimmer teilte war ja ebenfalls auf Entzug und auch sie

lehnte alle Ersatzmedikamente ab - aber sie war auf Heroinentzug. Man sagt dazu

"kalter Entzug". Sie war hunderttausendmal schlimmer dran als ich......
Ich spürte auch körperliche Schmerzen - tagsüber.... und hatte immer wieder

krampfartige Anfälle! Auch sie hatte diese Anfälle, aber so viel schlimmer als ich

und dennoch hörte ich sie nicht einmal jammern, während ich im Selbstmitleid

versank.......... Magda war es dann, die mich stärkte und wieder aufbaute.
---------- Am 4. Tag hatte ich es überstanden und ging abends in den

Raucherraum. Als ich eintrat, da klatschten alle und ich fühlte mich zum ersten Mal

seit Jahren angenommen...... Hier konnte ich einfach SEIN!
Ich war eine von 9 oder - je nachdem - auch 14 "Gefallenen"! Diese Menschen

waren mir näher als Freunde und Familie. Die meiste Zeit des Tages hielt ich

mich von da an im Raucherraum auf, aber gesagt hab ich selten etwas. Und es

hat auch nie jemand von mir erwartet, daß ich was erzähle.
Die Zeit in der Psychiatrie - Abteilung Sucht - werde ich nie vergessen. Es war die

Hölle auf Erden!
Während der Zeit dort lernte ich Menschen kennen, die schon 2 Tage nach der

Entlassung wieder da waren........... Kaum "draußen" hatten sie den Kampf gegen

den Alkohol schon wieder verloren.
Eines Morgens saß ich vorne zum Blutdruckmessen, da wurde eine Frau von der

Polizei gebracht....Sie saß mir dann am Tisch gegenüber und fragte mich

einunddasselbe immer und immer wieder. Sie hatte 6,8 Promille. Unglaublich,

aber ich war dabei, als sie getestet wurde!!!!!!!!!! Alkoholiker haben dank einer

Pille den körperlichen Entzug nach 4 Tagen hinter sich.
Diese Frau habe ich dann auch erst wieder nach 3 Tagen gesehen. Sie kam zum

Frühstück. Sie war zwar immer noch am ganzen Körper zitternd, aber bereits

kaum wiederzuerkennen zu Tage vorher.
Am nächsten Tag kam sie zum ersten Mal in den Raucherraum und wenn ich sie

vor Tagen nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, dann hätte ich nicht geglaubt,

daß es dieselbe Frau ist, die mir nach ihrer Einlieferung am Tisch gegenüber

saß.....!
Sie war so voller Energie und Charme und sie war eine schöne Frau.
Schon am nächsten Tag verließ sie die Klinik......... einen Tag bevor ich ging,

wurde sie erneut von der Polizei eingeliefert.
Ich erfuhr, daß bei alkoholabhängigen jeder zweite unmittelbar nach der

Entlassung wieder der Sucht verfallen. Eine Frau, die ich während meiner Zeit

erlebte, hatte bereits den 14. Entzug hinter sich........
Ich war die einzige, die von Tabletten abhängig war. Außer Magda waren noch 2

andere auf Heroinentzug. Die meisten waren dem Alkohol verfallen und von denen

war keiner das 1.mal in der Klinik.
Jeder einzelne war ein besonderer Mensch und "trocken" unvergeßlich

beeindruckend. Ich wünschte, ich hätte sofort nach meiner Entlassung alles

aufgeschrieben.........

In der - dieser - Klinik gelten heimliche Gesetze und Regeln. Im Raucherraum

waren "wir" unter uns und konnten offen sprechen. Aber 1 bis 2 mal am Tag kam

eine Schwester (Arzthelferin) zu uns. Angeblich um zu rauchen, aber der

eigentliche Grund war unsere Gespräche auszuspionieren. Dank meiner

Mitpatienten lernte ich schnell mich den Erwartungen der Ärzte an mich

anzupassen.......... Deren Urteil über mich war ich ausgeliefert und ich hatte

einfach nur Angst, nie wieder rauszukommen.
Jeden Tag musste ich zum Gespräch zu "meiner" Psychiaterin. Dann sagte sie

einmal zu mir, daß ich ihr nicht geheuer wäre......... Jeden Tag würden Leute

anrufen und nach mir fragen und das hätte es bisher noch nicht gegeben. Und

tatsächlich haben z.b. der Vater meines Sohnes und mein Ex-Partner täglich

angerufen...........Was nicht zu meinem Vorteil war.
Diese Ärztin fragte mich, warum ständig Anrufe für mich kämen...... Anscheinend

würden sich viele Menschen große Sorgen um mich machen..... Aber ich bin ja

nicht blöd! Hätte ich mich ihr geöffnet, dann wäre ich heute noch in der Klinik! Und

müsste als Behandlung malen, knüpfen oder basteln...........
Am 28. April 2004 wurde ich entlassen und zog nach Niedersachsen und erst als

der Brief vom Gericht kam, in dem stand, daß das Verfahren mich zu entmündigen

eingestellt ist........... erst da traute ich mich nach Hessen zu fahren und meinen

Sohn zu besuchen.

.................... Ich wurde in die Klinik eingeliefert, weil ich glaubte mich umzubringen

sei die Lösung aller Probleme....... Und man sollte doch annehmen, daß jemand

wie ich in dieser Klinik gut aufgehoben ist . Aber Hilfe bekam ich dort nicht!!!!
Dieses Trauma bleibt für immer..........

.............................Mehr das nächste Mal!!!!!!!!

LG
Silvia
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SilviaD ist offline
Themenstarter Beiträge: 45
Seit: 22.07.07
HALLO!!!!!

Bitte schreibt mir, was Ihr so denkt nach dem Lesen meines Erfahrungsberichts!

Sollte ich doch eine Therapie machen, was meint Ihr?!

LG
Silvia
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Horaz ist offline
in memoriam
Beiträge: 5.730
Seit: 05.10.06
Hallo Silvia,

dein Erfahrungsbericht endete mit dem Hinweis, dass "mehr das nächste Mal" erfolgte. Jetzt warteten wahrscheinlich einige auf Fortsetzung, bevor sie was dazu sagten. Dass dein Bericht erschütternd ist, daran besteht sicher kein Zweifel. Allerdings erwecktest du nicht den Eindruck, dass du eine Therapie anstrebtes. Erzähle doch kurz weiter, vom Ende des 1. Berichtes bis heute, damit wir den jetzigen Zustand erahnen können. Und ob wir dir irgendwie helfen können.

Viele Grüße, Horaz

Ich wollte sterben, aber ich war noch nicht dran

Shelley ist offline
Beiträge: 10.451
Seit: 28.09.05
hallo silvia,

mir fällt nur folgendes dazu ein:

ich finde das diskriminierend den nichtrauchern gegenüber, dass ihr nur im raucherraum offen gesprochen habt.
sorry; aber in diese klinik will ich nicht gehen.

viele liebe grüsse von shelley
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RRichter ist offline
Beiträge: 1.312
Seit: 18.12.06
Hallo!

war vor wenigen monaten abends eine freundin besuchen die die leiterin der psychiatrie in einem großen wiener spital ist.

also von 20 bis 23 uhr war der (sehr schöne und große) nichtraucher aufenthaltsraum völlig verwaist. kein einziger hat sich dort aufgehalten.

im raucher-raum hingegen waren immer mindestens 10-15 personen, sprich patienten, und die haben alle geraucht. es wird wahrscheinlich daran liegen das die anzahl der raucher unter den suchtkranken extrem hoch sein wird.
mal ein wenig über den tellerrand gucken shelley, und nicht gleich immer nur aus eigener sicht urteile abgeben.

hab die abteilung von einer anderen seite sehen können. was ich dort gesehen habe, unglaublich!

ich verstehe überhaupt nicht, warum nicht alle 7ten oder 8ten schulklassen dort verpflichtend hingehen müßen.
einen besseren anschauungsunterricht und ein abschreckenderes beispiel kann es nicht geben. und das ist im richtigen leben mit realen personen. nix erzähltes oder ein hochglanz werbespot. nein, da sehen sie was es bedeutet sich im endstadium einer suchtkrankheit zu befinden und wie das wirklich aussieht.

dann wäre wenigstens die suchterkrankung dieser menschen dort für was gut.
nämlich das es mit sicherheit sehr viel weniger neue kranke gäbe.

aber das wäre ja wieder einmal zu einfach. und das würde wieder einige idioten auf den plan rufen, die daran was auszusetzen hätten.

zum glück geht es mir da besser, denn ich hab mit meiner freundin ausgemacht, das ich sie im herbst mit meiner tochter (13) in der abteilung besuchen werde.

danach werde ich sicher ruhiger schlafen, das weiß ich.


grüße
richter

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Horaz ist offline
in memoriam
Beiträge: 5.730
Seit: 05.10.06
Hallo Richter,
das war ein sehr guter und wichtiger Beitrag. Jeder der Kinder hat, kennt dieses Sorgengebinde. Weder Ermahnungen noch Schreckbroschüren haben irgendeinen Einfluß. Aber der Besuch einer Suchtklinik ernüchtert, manchmal sogar Süchtige.
Gruß, Horaz

Ich wollte sterben, aber ich war noch nicht dran

Shelley ist offline
Beiträge: 10.451
Seit: 28.09.05
Zitat von RRichter Beitrag anzeigen
mal ein wenig über den tellerrand gucken shelley, und nicht gleich immer nur aus eigener sicht urteile abgeben.

oh manno richter!
du hast wohl nicht gemerkt, was ich mit diesem satz sagen wollte?

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SilviaD ist offline
Themenstarter Beiträge: 45
Seit: 22.07.07
Hallo Horaz,
..ja leider habe ich im Moment so wenig Zeit und mein Rechner hat irgendein Problem... einfach so stürzt der plötzlich ab. Ich hatte vor wenigen Minuten angefangen, meinen Bericht weiterzuschreiben und "BAF!!!!" mein Bildschirm war schwarz.
Und Du hast eigentlich Recht damit, daß ich im Grunde nicht sehr viel von einer Therapie halte. Aber manchmal denke ich, vielleicht sollte ich es tun. Vor vielen Jahren hatte ich schon einmal mit einer Therapie angefangen und wenn ich darüber nachdenke, dann haben da meine Probleme angefangen. Nach 3 Monaten brach ich ab. ............

Silvia



Zitat von Horaz Beitrag anzeigen
Hallo Silvia,

dein Erfahrungsbericht endete mit dem Hinweis, dass "mehr das nächste Mal" erfolgte. Jetzt warteten wahrscheinlich einige auf Fortsetzung, bevor sie was dazu sagten. Dass dein Bericht erschütternd ist, daran besteht sicher kein Zweifel. Allerdings erwecktest du nicht den Eindruck, dass du eine Therapie anstrebtes. Erzähle doch kurz weiter, vom Ende des 1. Berichtes bis heute, damit wir den jetzigen Zustand erahnen können. Und ob wir dir irgendwie helfen können.

Viele Grüße, Horaz


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