Aufarbeitung psychischer Probleme

07.02.07 06:43 #1
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Aufarbeitung psychischer Probleme

Carrie ist offline
Themenstarter Beiträge: 3.747
Seit: 21.05.06
Wollte dafür keinen neuen Thread eröffnen...einfach mal wieder neue Gedanken aufarbeiten zum Thema Psyche und Familie (komme gerade von einem Familientreffen und es war mal wieder einfach nur furchtbar).
Auf dem Nachhauseweg im Zug hab ich dann nachgedacht.
Ich wurde nicht geschlagen, nicht missbraucht. Ich wurde einfach ignoriert. Ich kann mich nicht erinnern in der Zeit von ca. 12-18 irgendwelche Ansprechpartner oder so gehabt zu haben, irgendeine Bezugsperson, an die man sich halten könnte, die man um rat fragen könnte, die einem bei Entscheidungen helfen könnte.
ich denke, deshalb eier ich auch immer noch rum bei meiner Berufsfindung. Ich habe ein Buch von barbara Sher gelesen, Wishcraft, in dem sie beschreibt, dass erfolgreiche Menschen meist eine intakte und unterstützende Familie hinter sich haben. Eltern, die ihre Kinder in ihren noch so verrückten Ideen unterstützt haben, gefördert haben etc.
Ein Beispiel hab ich erst vor Kurzem wieder gelesen: Jane Goodall, die als Kind von Afrika und Tarzan träumte und von ihrer Mutter in ihren Träumen immer unterstützt wurde.

Auch in Beziehungssachen sehe ich Zusammenhänge. Menschen, die als Kind geschlagen wurden, suchen sich oft unbewusst Partner die sie schlagen, dasselbe bei Missbrauchsfällen. Ich lasse erst gar keinen an mich ran. Weil ich es überhaupt nicht kenne. Ich weiß nicht wie man miteinander Gespräche führt, jemanden an sich ranlässt, kuschelt usw. Ich habe es bisher auf Asperger geschoben, wo ich mich zugehörig fühle, aber vielleicht sind es auch einfach die Einflüsse aus meiner Kindheit, die sich mir so eingeprägt haben.

Gestern beim Familientreffen (bei meinem Vater) war es dann wieder so, dass zwischen uns eine Barriere steht. Meine Schwester kann gut mit ihm und umgekehrt. Mit mir redet er auch kaum. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich unbewusst von vornherein abblocke (ich kann meinem Vater z.B. nicht in die Augen sehen. Geht nicht. Ich kann fremden Leuten in die Augen sehen bei Gesprächen, aber nicht meinen Eltern). Vielleicht weil wir auch so verschiedene Ansichten haben.
Ich bin immer irgendwie das schwarze Schaf. Habe andere Ansichten als der Rest der Familie und dann wird darüber oft gefrotzelt. Man macht sich z.B. lustig über mein veganes Essen. Dann heißt es wieder "Jetzt ärger sie doch nicht". Und gerade das ärgert mich wieder. Es ist dieses "Ich meins doch nicht so, ich mach doch nur Spaß Gefrotzel".
Ab und zu ist das ja okay, aber wenn sonst keine ernsthaften Gespräche stattfinden...Es ist schwer zu beschreiben.

Meine Schwester hingegen ist ... na ja. Schön, gesund, kommunikativ, hat nen Job und ne feste glückliche Beziehung. Das exakte Gegenteil von mir. Vielleicht bin ich unbewusst das genaue Gegenteil von ihr...will mich absichtlich abgrenzen? Will weiter die Distanz behalten, die ich als Kind gelernt habe? Dennn ich denke dass meine Schwester vielleicht weniger Distanz abbekommen hat, schließlich ist sie 4 1/2 Jahre älter und hat somit vielleicht noch das Modell "intakte Ehe" mitbekommen. Als ich gekommen bin, war glaub ich schon einiges im Argen und was ich so mitbekommen habe, war ich auch nicht so erwünscht zunächst.
Was übrigens auch gern erzählt wurde, ist die Geschichte wie mein Vater nach meiner Geburt gesagt hat: "Ah, da ist er ja!" Und die Krankenschwester dann gesagt hat: "Nein, es ist eine sie." Irgendwie hatten sie unbewusst gedacht sie kriegen einen Jungen (warum, konnten sie nicht erklären).
Vielleicht habe ich deshalb so Hormonprobleme a la PCOS?

Soll jetzt nicht so ne Selbstmitleid-Bade-Aktion hier sein, ich befürchte, dass es in vielen Familien ähnlich aussah/aussieht und ich weiß, dass die Eltern selber nur Opfer sind und es nicht besser wissen/wussten, aber mir hat das bisherige Aufschreiben hier und in Tagebüchern immer sehr geholfen, einfach um Klarheit zu schaffen in meinen Gedanken und Gefühlen. Ich schreibe in diesem Thread deshalb auch gerne etwas kreuz und quer, so wie die Gedanken kommen.

Okay. Ich hatte also keinen nährenden Familien-Background. Ich musste meine Entscheidungen alleine treffen. Bei der Übergabe meiner Abi- und Uni-Zeugnisse war kein einziges Mitglied meiner Familie da. Als ich gesagt hab ich studiere, fragten sie nicht nach. Und auch was ich jetzt nach dem Studium machen werde...sie warten dass ich ihnen Bescheid gebe.
Dabei bräuchte ich so sehr einfach mal hilfreiche Gespräche, Tipps und so.
Aber okay, hab ich nicht. Laut Sher soll ich also woanders suchen. Freunde.
Es ist echt schwer, sich als Einzelkämpfer darauf einzulassen andere um Rat zu fragen, andere ranzulassen.

seufz

Bin halt heute abend gerad mal wieder etwas depri, besonders der Vergleich mit meiner Schwester tut einfach weh. Sie ist meine beste Freundin und ich liebe sie sehr. Aber es ist einfach unfair: sie ist superschlank und kann alles futtern und hat keine Essstörung. Sie hat keine Hautprobleme, keine Hormonstörungen oder andere Amalgamprobleme. Sie hat tolle Haare, Fingernägel, Zähne (das klingt jetzt so banal, aber solche KLeinigkeiten fallen mir auf und summieren sich dann im Laufe des Abends). Wir scheinen wie Schwarz/Weiß-Schablonen zu sein. Ich hab alles Schlechte abbekommen und sie alles gute.

Genug gejammert erstmal.

Jetzt versuch ich nochmal was Positives: Ich bin stolz, dass ich es trotz allem so weit geschafft habe. Und all diese Schwächen machen mich sicher auch stärker irgendwie.
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Liebe Grüße Carrie

Aufarbeitung psychischer Probleme

Oregano ist offline
Beiträge: 63.707
Seit: 10.01.04
Hallo Carrie,
viele sicher fruchtbare Gedanken hast Du da auf der Heimfahrt vom Familientreffen gehabt. Du hast wieder einmal gesehen und erlebt, daß diese Familie für Dich nicht unbedingt das wärmende Nest war und ist. Aber inzwischen bist Du groß geworden, hast ohne große Unterstützugn studiert und darauf kannst Du richtig stolz sein!

Probleme kann man meiner Meinung nach sowieso besser mit Freunden oder auch im Forum besprechen als in der Familie. Insofern fehlt dieser Gesprächspartner mir mit steigendem Alter immer weniger. Allerdings braucht's Freunde und Foren . Aber die kann man suchen und finden .

Gruss,
Uta

Aufarbeitung psychischer Probleme

Pius Wihler ist offline
Beiträge: 1.019
Seit: 24.09.04
Liebe Carrie

wenn ich darf, nehme ich dich ganz lieb in meine Arme und lasse dich spüren, dass ich da bin und mit dir mitfühle.
Es soll einfach ein kleines Geschenk an dich sein, das du annehmen darfst, wenn du es kannst und willst.

Pius

Aufarbeitung psychischer Probleme

Carrie ist offline
Themenstarter Beiträge: 3.747
Seit: 21.05.06
Oh lieben Dank Euch beiden.

Wie Du schon sagst, Pius, ein bißchen fällt es mir schon schwer, das anzunehmen. Mein erster Gedanke: "Jetzt hast Du soviel Deprizeug geschrieben um Aufmerksamkeit zu bekommen, das ist nicht richtig".

Aber wieso sollte es nicht richtig sein? Wenn sich eine Freundin bei mir ausheulen würde, würde ich sie auch trösten und unterstützen. Wieso fällt es mir für mich so schwer das anzunehmen?
Ich versuch das mal zu lernen. Danke jedenfalls.

Und es stimmt, wo wäre ich ohne dieses Forum? Ihr seid mir schon eine Art Ersatzfamilie geworden, nur noch viel besser, weil es viel mehr Mitglieder gibt mit vielen verschiedenen Meinungen und Lebensansichten und Weisheiten, von denen man profitieren kann.
Danke auch dafür
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Liebe Grüße Carrie

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Heather ist offline
Beiträge: 9.809
Seit: 25.09.07
Liebe Carrie,

ich möchte nicht noch zusätzlich Salz in eine Wunde streuen aber ich möchte Dir einfach meine Meinung sagen. Man kann ein Kind nicht nur körperlich misshandeln und missbrauchen sondern auch seelisch. Diese Form ist genauso grausam und belastend wie wenn Dir jemand physische Schmerzen zufügt.
Deine Eltern haben Dich im Stich gelassen und, dass Du darüber traurig bist und verärgert oder sogar zornig ist gut zu verstehen. Aber ich kann Uta nur beipflichten in dem sie sagt Du hast allen Grund stolz auf Dich zu sein.

Ich wurde als Kind auch misshandelt, physisch und psychisch, und habe ganz oft in großer Angst gelebt. Lange Zeit habe ich versucht mit diesem Bewusstsein klar zu kommen, ich wollte es ja auch nicht einfach ganz verdrängen, es ist trotz allem nun einmal ein Teil meines Lebens ob ich das nun gut finde oder nicht.

Schon vor Jahren habe ich den Kontakt zu meinem Vater entgültig abgebrochen. Und auch bei meiner Mutter habe ich vor einem halben Jahr klare Fronten gezogen. Durch ihre Gleichgültigkeit und ihren grenzenlosen Egoismus war ich diesen schlimmen Übergriffen überhaupt ausgesetzt.

Du hast Dein Leben toll gemeistert, hast Du doch auch ohne der Mithilfe Deiner Eltern Deinen Weg gemacht, auch wenn Du das Ziel einfach noch nicht gefunden hast.

Versuche die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind. Und wenn wieder einmal ein Familienfest bei Deinen Eltern ist gehe einfach nicht hin, und bei einer Nachfrage sage auch klipp und klar warum.

Als ich angefangen habe so zu denken wurde für mich alles einfacher und inzwischen glaube ich meinen Frieden gefunden zu haben.


Alles Liebe.

Heather
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Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.

(Albert Einstein)

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Horaz ist offline
in memoriam
Beiträge: 5.730
Seit: 05.10.06
Hallo Carrie,

das war das ehrlichste posting, das ich bis jetzt von dir gelesen habe!
Großer Respekt! Ja, so kann man in Beziehung(en) kommen.
Jede Zeile, jedes Gefühl ist nachvollziehbar. Und jedes Unverständnis aus anderen Beiträgen ist weggewischt.
Weil`s eine sehr grundsätzliche Bestandsaufnahme war, wird sie dich nicht froh gemacht haben können, aber mit dieser kleinen Abrechnung, könntest du das Tor der Vergangenheit geschlossen und ein Türchen der Zukunft geöffnet haben.

Ich bedauerte in meiner Vergangenheit oft auch, keinen Mentor zu finden, der mich ein bißchen ins Erwachsenenleben begleitet. Vielleicht muss man aber nur richtig ins "Universum" hereinrufen, damit so ein Wesen kommt. Wer sich so ehrlich öffnen kann wie du, wird auch eine ehrliche Antwort bekommen. Von wem auch immer im "Universum". Ob im Forum oder ganz anderswo.

Liebe Grüße, Horaz

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ErikaC ist offline
Beiträge: 855
Seit: 29.05.07
Hallo Carrie,

deine Empfindungen können allerdings auch mit deinem eigenen Selbstbewusstsein zu tun haben. Ich habe auch eine Schwester (14 Monate jünger als ich). Als Kind war sie schlanker als ich, hatte niedliche Locken, schöne dunkle Haare (ich aschblond und glatt). Sie hatte einen Mann, ein Kind in dem Alter, in dem man es erwartete - ich nicht. Sie dachte immer schon sehr einfach, ich hinterfragte immer alles und interessierte mich für Hintergründe. 08/15 war nie mein Ding. Ich wollte immer was anderes, als die anderen. Ich hatte oft das Gefühl, dass Mutter, Vater, Oma, Opa und andere Verwandte sie bevorzugten, sie lieber mochten. Vielleicht war es auch so. Sie war einfacher, nicht so kompliziert, hinterfragte wenig. Sie erbte u.a. alles von einem Onkel, ich nichts.

Heute sehe ich das alles ganz anders. Ich habe ein ganz anderes Selbstbewusstsein, bin froh, dass ich ich bin und nicht meine Schwester. Ich stehe darüber und sehe die Bevorzugung meiner Schwester von damals eher als Überforderung der Eltern und Verwandten, mich richtig zu verstehen. Ich mag meine Schwester, kann aber fast über nichts, was mich interessiert mit ihr sprechen. Mit den anderen Verwandten und auch vielen Freunden ist es ebenso. Viele halten mich für verrückt, wenn ich z.B. mit dem Thema Ernährung anfange. Ich bin die Geisterfahrerin, nicht die anderen - so sehen sie das. Ich könnte mir vorstellen, dass es mit deiner Familie ähnlich ist. Sie sind überfordert, was aber nicht unbedingt mangelnde Zuneigung dir gegenüber bedeuten muss.

Versuche das auch einmal von der Seite zu sehen.

Viele Grüße
Erika

Aufarbeitung psychischer Probleme

Carrie ist offline
Themenstarter Beiträge: 3.747
Seit: 21.05.06
@ Heather
ich habe überlegt den Kontakt abzubrechen, aber das möchte ich dann doch nicht. Ich habe es zumindest auf ein Minimum reduziert.
Viel lieber würde ich gerne mal ausführlich mit meinen Eltern besprechen, was ich denke und fühle, was ich vermisst habe und vermisse, warum ich meiner Meinung nach so geworden bin wie ich bin, was sie meiner Meinung nach falsch gemacht haben/machen. Aber das kann ich nicht.
Da meldet sich dann auch wieder die kleine Stimme in meinem Kopf "Sei nicht so egoistisch. Deine Eltern haben Fehler gemacht, aber sie haben Dich groß gezogen. Willst Du ihnen jetzt Schuldgefühle einreden? Sie haben es nicht besser gewusst. Lass die Vergangenheit ruhen."
Ich gehe wahrscheinlich den Weg des geringsten Widerstandes. Um den Kontakt abzubrechen müsste ich mich ja mit ihnen auseinandersetzen und außerdem möchte ich das meiner Schwester nicht antun.

@ Horaz
Danke. Genau das wünsche ich mir auch vom Universum. Einene Mentor, einen Lehrer (ich denke,d as war der Grund, warum ich mich mit 14 unsterblich in meinen Lehrer verliebt habe - ich habe nach einem Retter gesucht).

@ Erika
Was Du beschreibst, kann ich sehr gut nachvollziehen. ich denke, so war es bei mir auch. Ich habe andere Ansichten, hinterfrage. Du hast bestimmt Recht damit, dass meine Familie überfordert war/ist. Deshalb konnte sie mich auch nicht fördern. Ich hab nicht gelernt, etwas durchzuziehen, etwas konsequent zu trainieren zum Beispiel. Ich hatte als Kind null Hobbies, wie Sportvereine oder Instrument lernen oder sowas. Ich hab immer zuhause gespielt, mal mit meiner Schwester, mal mit Freundinnen, hab gemalt, später geschrieben. Aber sonst nix. Ich hab mal zu meinen Eltern gesagt, ich hätte gern Gesangsunterricht, das wurde als lächerlich abgetan. Ich wollte Gitarre lernen und mein Vater hat mir sogar ne Gitarre geschenkt, allerdings mit einem Computerprogramm zum Selberlernen. Dass man so keine Gitarre lernt (wenn man nicht hochbegabt ist) ist klar und so hab ich dann auch ein paar Tage später wieder aufgegeben. Da wurde nicht hinterfragt, warum ich nicht dranbleibe. Es war eher so "Sie hat gemerkt, dass sie kein Talent hat".
Mit 21 hab ich dann angefangen Klavierstunden zu nehmen, weil ich das endlich so gerne wollte. Aber es fiel mir echt schwer, dranzubleiben mit dem Üben. 3 Jahre hab ich durchgehalten und ein bißchen kann ich spielen. Aber es ärgert mich, weil ich denke, dass ich besser sein könnte, wenn ich als Kind mal zu Musikunterricht "gezwungen" worden wäre. Ein bißchen mehr Fördern, Unterstützung.
Aber ich denke, sie wussten es einfach nicht besser. Keiner aus meiner Familie spielt ein Instrument. Ich habe jetzt das Gefühl, meinem Vater geht es ähnlich wie mir. Jetzt, mit 60, wo er mit seiner neuen Lebensgefährtin in einer anderen Stadt wohnt, hat er viele neue Freunde in der Kirchengemeinde gefunden, und er singt im Kirchenchor! Früher als er bei uns gewohnt hat, hat er neben seiner Arbeit nix weiter gemacht, außer viel am Computer zu häüngen wenn er denn mal zu Hause war. Und jetzt - befreit von uns - lebt er richtig auf, er schafft sich Hobbies an, hat den ganzen tag zu tun. Er hatte mal angedeutet dass er das früher ja nicht machen konnte. Ich frage mich, warum. Es wäre soviel besser für uns KInder gewesen, wenn der Vater auch Hobbies hat. Stattdessen hat man richtig das Gefühl, dass er es bereut seine Zeit so verschwendet zu haben und wie gesagt, jetzt endlich richtig aufblüht. Seine Lebensgefährtin hat auch 5 Enkelkinder, die zu ihm Opa sagen und irgendwie ist das jetzt seine neue Familie, mit der er so glücklich ist. Und wenn meine Schwester und ich dann vorbeikommen wie dieses Wochenende, dann sind seine Freunde von der Kirchengemeidne da, und alles sind alte Leute, und meine Schwester und ich sitzen dann da und sind eigentlich nur Deko.
Genauso hab ich mich gefühlt, als Deko. Als Zeichen, dass die Tochter da ist, aber großartig Gespräche führen - nö. Und worüber hätt ich mich auch unterhalten können? Die Themen kreisten um Kirche, Saufabende, Anekdoten und Schwanks aus der Jugend etc. Meine Schwester und ich waren fehl am Platz. Und wie gesagt, wir haben beide das Gefühl, dass es meinem Vater jetzt so viel besser geht und dass er es bereut seine Zeit mit unserer Familienzeit damals vergeudet zu haben. Da fallen dann auch immer so Sticheleien gegen meine Mutter.
Bei seinen "Enkelkindern" kümmert er sich dann wieder sehr, als ob er jetzt alles nachholt. Er sorgt sich dass sie soviel fernsehen, bastelt mit ihnen Vogelhäuser usw. Für meine Schwester un dmich hat er immer viel Geld ausgegeben, uns Geschenke gemacht, teure Reisen unternommen. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass er sich wirklich mal mit uns beschäftigt hat. Stattdessen hat man immer mitbekommen dass er sich nicht mehr wohl fühlt in der Ehe.

Was mir noch einfällt von diesem Wochenende. Ich wurde natürlich auch gefragt von den Leuten die da waren, was ich so mache. Na ja, Magisterstudium abgeschlossen, keine Ahnung was ich jetzt machen werde, war alles nicht das Richtige, hat mich nie interessiert. Da kommen dann natürlich auch Fragen wie man etwas studieren kann was einen nicht interessiert,w arum man sich da früher keine Gedanken drum gemacht hat usw. So dass man wieder Komplexe kriegt, ja, warum hab ich nicht früher vernünftig drüber nachgedacht, ganz schön doof von mir. Und mit 25 Jahren weiß ich immer noch nciht was ich will.
Mein Vater hat dann (nach etlichen Schnap und Bier) dem Bruder seiner Lebensgefährtin von mir erzählt. Das war so ne seltsame Situation. Als ob mein Vater nicht mit mir reden kann, also redet er mit jemandem über mich - direkt vor meiner Nase.
"Ja, sie ernährt sich ja auch...wie heißt das gleich...veganisch." Ich hatte ihm schon mehrmals gesagt dass es vegan heißt und ich hatte ihm sogar eine Mail geschickt mit mehren Links zu dme Thema (weil er nachgefragt hatte), aber ich wette er hat keinen dazu gelesen. Der Bruder seiner Lebsngefährtin schaut dann mich an und sagt "Ach, da hab ich schonmal von gehört...warte...das heißt, keine tierischen Produkte verwenden oder so, ne?"
Es war so eine Sitution, als ob mein Vater jemandem, einem Therapeuten oder sowas, von mir erzählt, dass ich ja so anders bin.
Und weiter, mein Vater: "Und sie interessiert sich für Buddhismus."
"Und andere, nach dem Abitur, wollen sich ja gerne ne Auszeit nehmen...das wollte sie ja auch..." in dem Moment klingelt es aber an der Tür und sein Gesprächspartner muss gehen. Das war dann der einzige Moment wo mein Vater irgendwie über mich gesprochen hat und die Themen, die mir nahe liegen. Aber er spricht damit nicht mit mir, man hat schon gemerkt, dass es eine andere Welt für ihn ist.
Die Gesprächssituation war jetzt schwierig darzustellen, ich fand das Ganze nur sehr grotesk.
Ich will mich aber auch nicht mit meinem Vater unterhalten wenn er getrunken hat. Und das tut er einfach immer, wenn wir uns sehen. Wenn wir uns treffen, zu Feiern oder Anlässen, wir natürlich immer gesoffen und dann beklagt er sich in anderen Emails oder so darüber dass wir uns nie mal richtig unterhalten. Meine Schwester hat sich angepasst, die trinkt immer ordentlich mit, aber ich werde nur gereizt, als einzig Nüchterne unter lauter Säufern, die nicht mal einen Abend ohne Alkohol verbringen wollen. Und dann wundern sie sich warum ich nur still da sitze.

So. Jetzt hab ich aber nochmal was abgelassen Tut aber wirklich einfach gut, kann ich nur jedem empfehlen. Einfach schreiben, bißchen reflektieren, "abgeben" an das Papier, damit der Kopf frei ist.
Heute gehts mir auch schon wieder besser.
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Liebe Grüße Carrie

Aufarbeitung psychischer Probleme

Heather ist offline
Beiträge: 9.809
Seit: 25.09.07
Hi Carrie!

Ich wollte Dir keinesfalls empfehlen den Kontakt zu Deinen Eltern abzubrechen, das habe ich wohl etwas ungeschickt ausgedrückt , ich habe da eigentlich nur mal wieder von mir gesprochen...!

Den Weg den Du so nett mit "dem geringsten Widerstand" betitelt hast würde ich an Deiner Stelle wohl auch gehen.

Ich möchte Deinen Vater nicht unbedingt in Schutz nehmen, ich kann ihn ja nach der kurzen Beschreibung nicht wirklich beurteilen, allerdings bzgl. des Gesprächs, welches er mit seinem Kumpel geführt hat, hatte ich den Eindruck, dass er mit Stolz über Dich sprach. Vielleicht kam es für mich "nur so rüber", aber ich könnte mir auch durchaus vorstellen, dass er eine Möglichkeit gesucht hat seinen Respekt uns seine Zuneigung Dir gegenüber auszudrücken.
Warum auch immer kann er das anscheinend nicht anders.

Aber ich weiß, dass ist alles sehr kompliziert, aber Du wirst Deinen Weg schon finden.

Ich habe auch eine Schwester die ich sehr gerne mag, und auch noch zwei Brüder, mit denen die Beziehungen allerdings nicht ganz so einfach sind. Aber es ist halt so wie es ist!

Übrigens geht es mir genauso wie Dir und Horaz, ich wäre dankbar für eine Bezugsperson gewesen die mir auf meinem Weg zum Erwachsensein hilft und mir Rat gibt die richtigen Entscheidungen für meine Zukunft zu treffen.

Auf der anderen Seite bin ich wahrscheinlich wegen meiner Vergangenheit genauso wie ich heute bin, und damit bin ich eigentlich sehr zufrieden !


LG

Heather
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Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.

(Albert Einstein)

Aufarbeitung psychischer Probleme

Carrie ist offline
Themenstarter Beiträge: 3.747
Seit: 21.05.06
Ja, das mit dem Stolz, könntest Du Recht haben. Ich denke auch, mein vater ist selbst sehr unsicher, weshalb er auch viel trinkt, und weiß nicht so recht, wie er mit uns Kindern umgehen soll...wie man Gefühle ausdrückt.
Wir müssen halt beide noch lernen.

Ich denke auch, nur die Wenigsten haben einen Mentor - leider. Für mich war dieser Lehrer dann doch eine Art Mentor, weil ich durch ihn und seine Art viel gelernt habe.
Und später mit 19 habe ich dann noch jemanden kennen gelernt, der eine Art Mentor war.
Insofern kann ich mich schon glücklich schätzen, denke ich.
__________________
Liebe Grüße Carrie


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