Herbst-Gedichte

02.11.05 17:47 #1

Hier finden Deine Gedanken zum Leben ihren Platz
Neues Thema erstellen

Malve ist offline
Moderatorin
Beiträge: 19.997
Seit: 26.04.04
Herbstmalheur
(von M.Bukschat)

Herbstzeit ist’s, der erste Frost
schleicht durch die Rebenhänge,
die Trauben - mittlerweile Most -
zum Glück in Fasses Enge.

Und wohlumhegt im tiefen Keller
brodelt er, der neue Wein,
sein ” plupp-plupp” wird immer schneller,
es duftet wie nach Sonnenschein.

Da sitzet ein erlauchter Kreis
am runden Tisch beim Dämmerschoppen,
nun ist der Most schon federweiß,
ihn fesseln weder Spund noch Stoppen.

So führt man sich im Stammtischkreise,
den prickelnd neuen zu Gemüt,
allerdings auf sanfte Weise,
weil mancher kennt, was einem blüht.

Denn unruhig wirkt der Trauben Brühe,
sie drückt und rumpelt im Gedärm,
zwar gibt’s beim Stuhlgang keine Mühe,
dafür kerngesunden Lärm.

Nun - noch prostet man sich zu,
doch schon bald - so poe a poe -
läßt es manchem keine Ruh’
und eilig heißt es dann :” adieu !”

Hat jener noch zu guter letzt
des Federweißen ”Hinterlist”
als auch den Heimweg unterschätzt,
so kommt was nicht zu bremsen ist.

Ein Herbstmalheur, so könnt’ man’s heißen,
denn nur dann gibt’s Federweißen.




Federweisser ist gegorener Traubenmost, der Kohlensäure enthält und oft süß schmeckt, weil die Gärung des Zuckers im Most noch nicht abgeschlossen ist.

Weil Federweisser weiter gärt und somit ein Übergangsprodukt hin zum Jungwein darstellt, ist er nur kurze Zeit im Jahr, nach der Weinlese und für wenige Wochen erhältlich. Seinen Namen hat Federweisser erhalten, weil schwebende Hefeteilchen ihn milchig trüb und weisslich erscheinen lassen. Als prickelndes, meist süßes Getränk wird Federweisser gerne zu deftigen Speisen, wie beispielsweise Zwiebelkuchen, getrunken.
http://www.weinfachhandlung.de/weine/federweisser.html

Hinweis: Moderatoren sorgen für die Rahmenorganisation im Board. Beteiligen sie sich inhaltlich, sollte aus ihrer Moderatorenfunktion keine spezielle fachliche Kompetenz abgeleitet werden.

Herbst in Berlin...
Anne B.
Herbst in Berlin

Ich habe das gern, in Berlin zu sehn.
Ich seh einfach gern in fremde Gesichter.
Ich habe das gern jetzt im Herbst, wenn die Lichter
Und Lampen im Zwielicht angehn.
Es gibt in der Stadt ein perlmutternes Licht,
Das im Umkreis der Neonlampen entsteht.
Türkis-violett. Auf einer Schicht
Weißen Silbers. Schön, wenn man geht
Vom Strausberger Platz zum Frankfurter Tor
Links der Allee. Vor
Den Blumenrabatten, die Baumreihen lang.
Da sitzen die Leute Bank an Bank.
Unfesche Leute. Einfach. Viel alt.
Doch auch Jugend viel. In purer Gestalt
Das Volk dieser Stadt hält Atempause.
Raucht, schwatzt und geht gelassen nach Hause.
Mit dem Licht in sich, das zu Apfelrot reifte,
Und dem Lächeln, an das man zufällig streifte,
Als ein schönes Mädchen vorüberging,
Das ein reiner Junge wie erstmals umfing,
Nicht auf herausfordernd offene Weise,
Sondern verlegen, lächelnd und leise,
Wie Liebe in Märchen von Andersen geht.
Und das Bild dieser Stadt, das die beiden umsteht -
Kulisse unbedingt glückhafter Handlung -
Geht vom Abend zur Nacht in die nächste Verwandlung.


von Eva Strittmatter

ganz besonders für Leòn - schön, dass du wieder da bist!


Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 52.275
Seit: 10.01.04
Verspätete Goldruten

Gelbe Blütenzungen
Verspäteter Goldruten
Lecken an dem verblichenen Braun
Der vorzeitig verdorrten Gräser
des vergangenen Dürre - Sommers

Gebeugt
Doch unbesiegt
Schenken sie ihr Gelb
Dem frühen Herbst
Ihm
Für seine barmherzige Feuchtigkeit
Dankend

Gerhard Becker
__________________
Vorsicht mit Gesundheitsbüchern! – Sie könnten an einem Druckfehler sterben. (Mark Twain)


Leòn ist offline
Beiträge: 10.071
Seit: 19.03.06
Hallo, Flowerpower,

danke für die nette Begrüßung und das Gedicht von der Eva Strittmatter!

Herzliche Grüße von
Leòn


Leòn ist offline
Beiträge: 10.071
Seit: 19.03.06
Auf der Heide blüh‘n die letzten Rosen
Thomas Moore (1779 – 1852)


1. Versunken ist die Frühlingszeit
kein Vogel singt im Lindenhain.
Die Welt verliert ihr Blütenkleid
und bald wird Winter sein.
Verlassen ist der Holderstrauch
An dem ich einst geküßt,
es blieb ein Duft
Der wie ein Hauch aus fernen Tagen ist.




Refrain:
Auf der Heide blüh‘n die letzten Rosen
Braune Blätter fallen müd‘ vom Baum
und der Herbstwind küßt die Herbstzeit
mit dem Sommer flieht manch‘ Jugendtraum.
Möchte einmal noch ein Mädel kosen
möcht vom Frühling träumen und vom Glück.
Auf der Heide blüh‘n die letzten Rosen
ach, die Jugendzeit kehrt nie zurück!
Holde Jugend. Holde Jugend,
kämst du einmal noch zu mir zurück!


2. Noch immer hör‘ ich jenes Lied,
das einst die Nachtigall uns sang.
Wenn auch mein Herz wie einst noch glüht,
mir wird so abschiedsbang.
Wenn ich mich auch zu trösten weiß,
mit Lachen und Humor, aus meinem Aug‘
stiehlt sich ganz leis‘ ein kleines Tränlein vor


Leòn ist offline
Beiträge: 10.071
Seit: 19.03.06
Herbstgedicht

von Johannes Schlaf

Herbstsonnenschein,
Der liebe Abend lacht so still herein,
Ein Feuerlein rot
Knistert im Ofenloch und loht.

So! - Meinen Kopf auf deinen Knien,
So ist mit gut;
Wenn mein Auge so in deinem ruht.
Wie leise die Minuten ziehn! ...



Malve ist offline
Moderatorin
Beiträge: 19.997
Seit: 26.04.04
Fülle

Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!
Tief beugt sich mancher allzu reich beschwerte,
Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zur Erde.

Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!
Die saftge Pfirsche winkt dem durstgen Munde!
Die trunknen Wespen summen in die Runde:
"Genug ist nicht genug!" um eine Traube.

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!

Conrad Ferdinand Meyer


Hinweis: Moderatoren sorgen für die Rahmenorganisation im Board. Beteiligen sie sich inhaltlich, sollte aus ihrer Moderatorenfunktion keine spezielle fachliche Kompetenz abgeleitet werden.


Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 52.275
Seit: 10.01.04
Erich Mühsam 1878-1934


Herbstmorgen im Kerker
Wenn morgens über Gras und Moor
sich weißlich-trüb der Nebel bauscht,
unfroher Wind mit müdem Stoß
im dürren Laub des Herbstes rauscht;

wenn eiterig der fahle Tau
von welken Blütenresten tränt,
des Äthers dichtverquollenes Grau
dem neuen Tag entgegengähnt -

und du, gefangen Jahr um Jahr,
gräbst deinen Blick in Dunst und Nichts:
da wühlt die Hand dir wohl im Haar,
und hinter deinen Augen sticht's.

Du starrst und suchst gedankenleer
nach etwas, was du einst gedacht,
bis endlich, wie aus Fernen, schwer
das Wissen um dein Selbst erwacht.

Du musterst kalt das Eisennetz,
das dich in deinen Kerker bannt;
in dir erhebt sich das Gesetz,
zu dem dein Wille sich ermannt:

Treu sein dem Werk und treu der Pflicht,
der Liebe treu, die nach dir bangt;
treu sein dir selbst, ob Nacht - ob Licht,
dem Leben treu, das dich verlangt! ...

Aus jedem Morgen wird ein Tag,
und wie die Sonne einmal doch
durch Dunst und Schleier drängen mag,
so bleibt auch dir die Hoffnung noch. -

Im Nebel dort schläft Zukunftsland.
Du drehst den Kopf zurück und blickst
an der gekalkten Zellenwand
zu deines Weibes Bild. Und nickst.



http://gutenberg.spiegel.de/autoren/muehsam.htm
__________________
Vorsicht mit Gesundheitsbüchern! – Sie könnten an einem Druckfehler sterben. (Mark Twain)


Leòn ist offline
Beiträge: 10.071
Seit: 19.03.06
Hi Uta,

kennst Du Mühsams Lebensgheschichte und die seiner Frau?...Traurig!

Grß von
Leòn


Oregano ist offline
Themenstarter Beiträge: 52.275
Seit: 10.01.04
Ja, ich habe sie gelesen und finde auch,d aß das sehr traurig ist und dazu verständlich, daß auch das Gedicht entsprechend gestimmt ist.

http://www.erich-muehsam.de/

Lebensregel

An allen Früchten unbedenklich lecken;
vor Gott und Teufel nie die Waffen strecken;
Künftiges mißachten, Früheres nicht bereuen;
den Augenblick nicht deuten und nicht scheuen;

dem Leben zuschaun; andrer Glück nicht neiden;
stets Spielkind sein, neugierig noch im Leiden;
am eigenen Schicksal unbeteiligt sein *
das heißt genießen und geheiligt sein.

http://www.erich-muehsam.de/texte.html

Gruss,
Uta
__________________
Vorsicht mit Gesundheitsbüchern! – Sie könnten an einem Druckfehler sterben. (Mark Twain)

Geändert von Oregano (20.09.06 um 14:54 Uhr)


Optionen Suchen


Themenübersicht