Kinder und Psychopharmaka

22.10.08 11:28 #1
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Kinder und Psychopharmaka
Weiblich KimS
Hallo Asmodea,

Das sind also nicht einfach nur "unbequeme" Kinder die auf eine Station kommen um "ruhig" gestellt zu werden. Dies halte ich für ein klares Vorurteil gegenüber der Kinder und Jugendpsychiatrie.
Ich denke keiner von uns hat das so gesagt. Ich gehe auch davon aus, dass die Gruppe die Du hier beschrieben hast nur ein kleiner Teil vom Ganzen ist. Nicht jedes Kind das Medikamentös behandeld wird kommt ja in eine Station. Wie ich es hier erlebe werden psychopharmaka sehr üblich auch von Hausärzte verschrieben, und bei Kinder mit Verhaltensauffälligkeit schon ziemlich schnell ADHS diagnostiziert (und dann auch Medikamente verschrieben). In meinem land sind es momentan etwa 200.000 Kinder die dafür medikamentös behandelt werden. Die befinden sich im Durchschnitt nicht in eine Psychiatrische Station.

Herzliche Grüsse
Kim

Kinder und Psychopharmaka

Heather ist offline
Beiträge: 9.809
Seit: 25.09.07
Hallo Asmodea,

da kann ich Kim zustimmen. Es ging nicht darum, dass Kinder in irgendwelchen psychiatrischen Anstalten mit Medikamenten vollgestopft werden, sondern vielmehr darum, dass Verhaltensauffälligkeiten viel zu leichtfertig von inkompetenten Ärzten mit Psychopharmaka behandelt werden.
Ich finde es z.B. ganz furchtbar, dass ein Hausarzt oder ein Kinderarzt solche Medikamente überhaupt verordnen darf bevor ein "Fachmann" sich die Sache angesehen hat.

Wenn Kinder in die Psychiatrie kommen ist das wahrscheinlich wenigstens eine Chance etwas an Ihrer Situation bzw. an sich selbst zu ändern. Oder noch besser, man wird dadurch auf ihre familiäre Notlage aufmerksam und hat die Möglichkeit zu handeln.


Liebe Grüße.

Heather
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Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.

(Albert Einstein)

Kinder und Psychopharmaka

Asmodea ist offline
Beiträge: 43
Seit: 06.10.08
Oh ja dann hab ich mich wohl verlesen. Ich dachte es ging um Kinder die einfach in die Psychiatrie "abgeschoben" werden.

Ja dies finde ich auch bedenklich wenn ein Kinderarzt sowas verschreibt ohne dass da vorgängige Abklärungen getroffen wurden. Es ist auch eine erwiesene Tatsache dass die Kinder heutzutage weniger lang sich auf etwas Konzentrieren können. Dies ist meiner Meinung nach aber nicht pathologisch sondern eine "normale" Entwicklung.

Wir leben in einer Zeit voller Informationen die immer schneller auf einen hereindonnern. Man macht alles gleichzeitig.

Man vergleiche die Generation wo der Fernseher aufkam. Eine Werbung damals hatte vermutlich eine länge von über 30 Sekunden und man fand diese damals "Schnell". Heute preschen innert ein paar wenigen Sekunden tausende von Eindrücke auf einen ein dass es einem schon fast schwindlig werden kann. Die heutige Welt lebt von der Geschwindigkeit.

Es liegt unter anderem an den Schulen von heute, dass sie sich den Bedürfnissen der neuen Generationen anpassen auch wenn dies den alten nicht wirklich gefällt. Bei uns in der Schweiz beispielsweise werden die Wandtafeln langsam aber sicher durch eine elektronische Version ersetzt.

Doch unsere Jugendlichen verlieren nicht nur fähigkeiten sondern gewinnen andere dazu:
Z.B sind sie viel flexibler im Denken. Können mehrere Dinge gleichzeitig machen. Können Eindrücke auch schneller verarbeiten etc.

Ich denke diese soziale Entwicklung darf nicht einfach ignoriert werden. Wobei ich nicht behaupten möchte dass alles nur daran liegt.

Kinder und Psychopharmaka

Oregano ist gerade online
Beiträge: 63.689
Seit: 10.01.04
Vielen Dank für diesen "Insider-Bericht", Asmodea .

Wie sieht es eigentlich mit der Nachbetreuung aus, wenn die Kinder und Jugendlichen wieder entlassen werden? Ist die gewährleistet? Denn sonst sehe ich keine allzu großen Chancen, daß sie ihre "Cope"-Techniken lange beibehalten.

Gruss,
Uta

Kinder und Psychopharmaka

Oregano ist gerade online
Beiträge: 63.689
Seit: 10.01.04
Zum Hyperkinetischen Syndrom:
Unser Kind ist hyperaktiv! Was nun? Das hyperkinetische Syndrom

Da gibt es viele Feinheiten und Unterschiedlichkeiten. Die Nähe zu ADHS wird deutlich...

Ursachen (Hypothesen) des Krankheitsbildes
Erziehung / Umwelt
Vererbung (genetisch)
Hirnorganische :

Störung der Hirnfunktion, der Wahrnehmung, der Sensorischen Integration,
Unterstimulation (Under Arousal)
minimale Hirnschäden durch Sauerstoffmangel, Alkohol
Neurochemische :

Neurotransmitter- Störung an der Nervenendplatte
Störung der Durchblutung im Nucleus ambiguus
Störung der Glucoseutilisation
Vergiftung durch Schwermetalle ( Blei )
Allergische:
Ernährung :
Salizylate ( B. Feingold )
Phosphate / Zucker / Farbstoffe ( H. Hafer )
Pseudo- Allergene ( Prof. Egger, München)

In den letzten 30 Jahren wurden am häufigsten Erziehungsfehler, Elternproblematik, Vernachlässigung, Deprivation und frühkindliche Traumata für die Ursache gehalten und die Störungen als soziales und pädagogisches Problem angesehen. Die meisten neueren Untersuchungen sind sich jedoch einig, daß diese Faktoren nicht die Ursache sind, wohl aber die Ausprägung und das Erscheinungsbild erheblich beeinflussen können. Man stellte fest, das POS-Kinder in heilen Familien genau so häufig vorkommen wie in gestörten Familien.
...
Die Forschungsergebnisse der letzten 50 Jahre machen eine Stoffwechselstörung am wahrscheinlichsten. Als Denkmodell und realistische Hypothese ist diese Vorstellung am Besten brauchbar. Ein genetischer Defekt und/oder eine Störung zur Zeit der Gehirnentwicklung führen zu einer Andersartigkeit, zu einer Funktionsstörung des Neurotransmitter-Systems unseres Gehirns. Neurotransmitter sind Überträgersubstanzen am Nervenende, dort, wo ein Spalt am Übergang von einem Nerv zum nächsten Nerv besteht. Kommt ein bestimmter elektrischer Reiz über den Nerv an, muß er durch chemische Substanzen, eben die Neurotransmitter, über diesen Spalt hinweg transportiert werden, um den neuen Nerv zu erregen. Diese Substanzen, die bekanntesten sind das Serotonin, das Dopamin, das Noradrenalin, müssen auf der anderen Seite durch Enzyme abgebaut werden. Eine Störung in Zusammensetzung und Abbau oder ein Mangel an diesen Überträgersubstanzen führt zur gestörten Reizweiterleitung und Reizverarbeitung und damit zur mangelhaften Information und endlich zur Hirnfunktionsstörung. In bestimmten Hirnarealen konnte mit aufwendigen Untersuchungen eine Minderdurchblutung, in anderen eine Zuckerverwertungsstörung nachgewiesen werden. Damit sind wir vom eigentlichen Wissen um die Ursachen noch weit entfernt, können aber zumindest sagen, daß es nachweisbare organische Veränderungen gibt.

Als äußere zusätzliche Ursache für die Stoffwechselstörung werden auch zahlreiche Nahrungsmittelbestandteile angeschuldigt. Im Amerika der 50er Jahre die Salicylate von Benjamin Feingold, in Deutschland seit den 70er Jahren von Herta Hafer insbesondere die Phosphate und Nahrungszusatzmittel, und von Professor Egger, München sogenannte Pseudoallergene. Der wissenschaftliche Beweis dafür steht noch aus.
Zu POS-Kindern:
www.pos.vtspace.ch/pos.htm

Gruss,
Uta

Kinder und Psychopharmaka

Asmodea ist offline
Beiträge: 43
Seit: 06.10.08
Richtig.

Also als erstes versucht man soweit ich da schon durchgeblickt habe, immer die Familie auch in die Therapie zu integrieren. Das wäre natürlich der Idealste weg.

Anschliessend an die stationäre Behandlung folgt meist noch die Ambulante Nachsorge bei einem Kinderpsychologen/Psychiater in der Nähe des Wohnortes des Kindes. In der Schule werden sie dann auch noch vom Schulpsychologischendienst weiter betreuut.

Man schaut eigentlich dass die Schulversuche noch von der Station aus gemacht werden können um zu sehen ob dies funktioniert. Die Kinder gehen am Wochenende wenn möglich anch Hause.

Man kann auch Stufenweise vorgehen indem sie nach der Stationären Behandlung noch in eine Kindertagesklinik gehen und von dort aus ihre Schule besuchen.

Da gibt es ziemlich individuelle vorgehensweisen. Aber die meisten Kinder haben eine Ambulante Nachsorge in Form regelmässiger Psychotherapiesitzungen.

DIes setzt aber vorauss dass die Situation zuhause für das Kind als Tragbar eingestuft wird.

Kinder und Psychopharmaka

Leòn ist offline
Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Hallo Asmodea,

okay, es wurde schon mehrfach gesagt, aber ich möchte gerne auch noch ausführen, dass meiner Ansicht nach die medikamentöse "Überversorgung" oder auch Fehlversorgung, nicht im stationären Bereich beginnt, sondern in der Mehrzahl der Fälle im ambulanten Bereich.

Und, es tut mir leid das so deutlich sagen zu müssen, aber nach meinen Praxiserfahrungen ist es ganz oft einfach so, dass KinderärztInnen und Kinder- und JugendpsychiaterInnen sehr schnell mit der Diagnose ADS oder ADHS bei der Hand sind und dann auch gleich "Concerta", Strattera" usw. verabreichen. Oftmals fassen sie alternative "Therapien" bzw. Herangehensweisen, nicht einmal ins Auge bzw. besprechen sie diese nicht mit den Eltern !

Wie Kim es oben schon gesagt hat: in ganz vielen Fällen geht es schlichtweg um Aufmerksamkeit, verunsicherte/ beunruhigte Kinder http://www.symptome.ch/vbboard/famil...te-kinder.html , denen emotionale Zuwendung, Strukturen und positive Aufmerksamkeit fehlen.

Herzliche Grüße von
Leòn
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Wer sich auf mein Niveau begibt, kommt darin um! ;)

Geändert von Leòn (02.11.08 um 11:01 Uhr)

Kinder und Psychopharmaka

Leòn ist offline
Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Hallo, noch mal ein paar Gedanken von mir dazu:

Sehr häufig erlebe ich, dass es gerade die Eltern sind, die - hilf- und ratlos, erschöpft und verzweifelt, nach einer "schnellen und leichten" Lösung suchen. [Das ist kein individuelles, sondern ein historisch gewachsenes und gesellschaftliches Phänomen: der Wunsch nach einer schnellen Lösung, nach dem "Knopf zum Abschalten", nach der "Wunderpille".]

Diese Eltern brauchen mehr, als nur jemanden, der ihnen - also ihrem Kind - ein Mittel verschreibt. Sie benötigen Aufklärung, Ermutigung und eine - oft langfristige - Unterstützung bei der Erziehung!

Herzliche Grüße von
Leòn
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Wer sich auf mein Niveau begibt, kommt darin um! ;)

Kinder und Psychopharmaka

Hexe ist offline
Beiträge: 3.844
Seit: 13.07.07
Sehr häufig erlebe ich, dass es gerade die Eltern sind, die - hilf- und ratlos, erschöpft und verzweifelt, nach einer "schnellen und leichten" Lösung suchen. [Das ist kein individuelles, sondern ein historisch gewachsenes und gesellschaftliches Phänomen: der Wunsch nach einer schnellen Lösung, nach dem "Knopf zum Abschalten", nach der "Wunderpille".]
Richtig!

Ein Beispiel dafür bin (leider) ich.

Mein Sohn war ein sehr aktives Kind. Er lief mit einem Jahr und wollte immer "weg". Eine Sekunde nicht aufgepasst, weg war er.
Er wollte alles wissen, fragte dauernd nach, lies ein "nein" nicht gelten. Abends war er zwar müde, wollte aber nie schlafen um nichts zu verpassen. Keine Auszeit, nie ausruhen, immer "da" und präsent, rennen, toben, nie sitzen, nicht mal beim Essen....
Als wir mal wieder beim Kinderarzt waren fragte ich ihn ob das noch normal sei, oder ob er nicht etwas hätte damit mein Sohn nicht immer so "überdreht" ist. Ich machte mir wirklich Sorgen deswegen, aber ich war auch überfordert.

Zum Glück hatte ich einen Kinderarzt der selber vier Kinder hat und der unruhige Kinder nicht einfach beruhigen wollte.
Er sagte zu mir: Gute Frau, wenn hier jemand etwas zur beruhigung braucht dann sind sie das. Ihr Sohn ist ein extrem aufgewecktes, intelligentes und lernbegieriges Kind.Er ist perfekt so wie er ist. Er fordert sie und ihre ganze Kraft. Sorgen sie dafür dass sie die Kraft für ihr Kind haben und bremsen sie ihn nicht aus.

Ich bin ihm heute noch dankbar dafür. Und er hatte recht....

liebe Grüße von Hexe

Kinder und Psychopharmaka

Leòn ist offline
Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Hallo Hexe,

habe herzlichen Dank fùr Deine `Geschichte`! Ich finde dass dies ein wunderbares Beispiel dafür ist, dass man sich zunächst einmal helfend um die Eltern kümmern und ihnen Rat, Unterstützung und individuelle Hilfen- Entlastung zur Verfügung stellen sollte.
Den Ansatz `Was brauchen Sie um ruhiger zu werden?`finde ich da ganz prima!

Herzliche Grüße von
Leòn
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Wer sich auf mein Niveau begibt, kommt darin um! ;)

Geändert von Leòn (09.11.08 um 00:05 Uhr)


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