{"id":20,"date":"2019-11-11T12:53:18","date_gmt":"2019-11-11T12:53:18","guid":{"rendered":"https:\/\/wiki.furti.net\/hvb_discretio\/"},"modified":"2020-03-12T15:31:03","modified_gmt":"2020-03-12T15:31:03","slug":"hvb_discretio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.symptome.ch\/wiki\/hvb_discretio\/","title":{"rendered":"HvB Discretio"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"bodyContent\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a id=\"Discretio\" name=\"Discretio\"><\/a><\/p>\n<h2><span class=\"mw-headline\">Discretio<\/span><\/h2>\n<p>Um die discretio nach Hildegard in ihrer Tiefe, Weite und Ganzheit zu erfassen, ist es hilfreich, wenn wir uns kurz Hildegards grossen Weltentwurf vor Augen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Dieser beinhaltet in K\u00fcrze sechs fundamentale Gedanken<\/p>\n<p>1. Gottes Sch\u00f6pfung ist gut<\/p>\n<p>2. Gott hat seine geheimnisvollen Kr\u00e4fte (subtilitates) in sie eingesenkt und als solche gewollt.<\/p>\n<p>3. Die Sch\u00f6pfung ist noch nicht vollendet, sie ist in einem enormen Prozess der Entfaltung einbezogen.<\/p>\n<p>4. Der Mensch, als der Spiegel aller Werke Gottes hat den Auftrag, an der Entwicklung teilzunehmen und f\u00fcr sie die Verantwortung bekommen.<\/p>\n<p>5. Der Mensch ist berufen den genialen Sch\u00f6pfungsplan des g\u00f6ttlichen Werkmeisters zu erkennen, damit sich die gesamte Sch\u00f6pfung ihrem Ziel n\u00e4hern kann.<\/p>\n<p>6. Durch seine &#171;operatio&#187; (sein opus) entfaltet sich der Mensch selbst, er findet zu seinem &#171;Selbstsein&#187; zu seinem Wesen und dadurch hilft er mit, dass sich die Sch\u00f6pfung auf ihren Sch\u00f6pfer, auf ihren Urheber, zu ihrem Ziel zu bewegt.<\/p>\n<p>Wie aber soll der Mensch dieses &#171;opus&#187; zustandebringen?<br \/>\nAllein vermag er es nicht. Er braucht viele Hilfe dazu.<br \/>\nDie bedeutendsten und effektivsten Helfer f\u00fcr den Menschen sind die Gotteskr\u00e4fte, die virtutes.<\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Gotteskr\u00e4fte ist die &#171;Discretio&#187;.<br \/>\nDie Seelenkraft der Unterscheidung, die geistige F\u00e4higkeit der eindeutigen Beurteilung der Dinge, die F\u00e4higkeit in allen Dingen und Situationen das rechte Ma\u00df zu halten.<\/p>\n<p>Die diskretio ist die Mutter aller Tugenden.<\/p>\n<p>Hier steht Hildegard ganz in der Tradition des hl. Benedikt, sie gibt aber der diskretio ein ganz besonderes Gewicht f\u00fcr das &#171;spirituelle Leben und Wachstum&#187; .<\/p>\n<p>Im Scivias-Buch hat die diskretio das Wort: (WW B\u00f6ckler S 259)<br \/>\n&#171;Ich bin die Mutter aller Tugenden. In allen Dingen handhabe ich die Gerechtigkeit Gottes. Denn im geistigen Kampfe wie im Get\u00f6se der Welt erwarte ich in meinem innersten Bewusstsein immerdar meinen Gott. Ich verdamme nicht, ich zertrete nicht, noch verachte ich K\u00f6nige, Herz\u00f6ge, F\u00fcrsten und die, die vom Urheber aller Dinge eingesetzt sind&#187;.<br \/>\nIm Buch der\u00a0 Gotteswerke, in der 5. Schau berichtet Hildegard, da\u00df dem Menschen als eine besondere Auszeichnung die Gabe der Diskretion verliehen wurde.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich, Gott, den Menschen gewisserma\u00dfen im Ursprung aller Sch\u00f6pfung in seinen guten Sitten gestalte, schaffe ich zu ihm die lebendige Erkenntnis von Gut und B\u00f6se. So kann er das B\u00f6se meiden und mich als seinen guten Vater nachahmen. Gab ich ihm doch die diskretio, die Unterscheidungskraft zwischen Gut und B\u00f6se nach meinem Gleichbild. Mit diesem Erkennen sollte er die ganze Sch\u00f6pfung unterscheiden. Er sollte sie bewusst erkennen und gleich mir die Gewalt \u00fcber sie haben.<\/p>\n<p>Eine weitere Stelle: &#171;Der Mensch verl\u00e4sst Gott in seiner Eitelkeit und M\u00fchsal der S\u00fcnden und verl\u00e4sst die &#171;laeta seientia&#187;, das freudvolle Erkennen, das ihn nie verwunden w\u00fcrde&#187; WM (Schipperges 5. Schau S. 209ff)<\/p>\n<p>Durch die &#171;diskretio&#187; kann die Ebenbildlichkeit Gottes wahrgenommen werden. Ein Abbild Gottes scheint durch sie hindurch<\/p>\n<p>Mit der &#171;diskretio&#187; ist die rationalitas&#187; verbunden. Sie vermittelt<br \/>\nEinsicht in die Zusammenh\u00e4nge und folgerichtige Schl\u00fcsse zu ziehen .( rationalitas)<\/p>\n<p>&#171;Die Vernunft ist Mutterstoff (materna) des Wissens von Gut und B\u00f6se und sie verh\u00e4lt sich wie ein Baumeister, der aufbaut und abbricht.<br \/>\nWer den Tag des Glaubens liebt, der baut sein Haus im Himmlischen Jerusalem; wer ihn aber verachtet, der reisst sein Haus ab von der Ehre und Gl\u00fcckseligkeit der himmlischen Erbschaft&#187; (WM Schipp.5.Schau S. 213\/25)<\/p>\n<p>Ebenso wichtig wie die &#171;himmlischen Dinge&#187; sind auch die irdischen.<br \/>\ndiskretio als rechtes Augenma\u00df. Der Mensch sollte Beides haben: erstens die Sehnsucht nach dem Himmel und zweitens die Notdurft des Fleisches. So sollte er in allen Belangen mit diskretio derart gehalten werden, damit in ihm durch ma\u00dflos auferlegte gute Werke nicht die Errichtung einer Ruine gebaut und er nicht unter dem Andrang unpassender Sitten zugrunde gerichtet werde. Vielmehr bete er bisweilen unter Seufzen. Zu anderer Stunde aber besch\u00e4ftige er sich mit guten Werken, und wieder zu anderen Zeiten trage er Sorge, dass es ihm an leiblichen Bed\u00fcrfnissen nicht mangle&#187; (WMSchipp. V S. 214\/27).<\/p>\n<p>F\u00fcr Hildegard bedeutet die diskretio dass sie immer um das rechte Ma\u00df besorgt ist und jede Art von \u00dcbertreibung und Ma\u00dflosigkeit ablehnt.<\/p>\n<p>Hildegard hielt sich in allen Bereichen an diese &#171;Mutter der Tugenden&#187;, in ihrem eigenen Leben, sowie im Umgang mit den Mitmenschen.<\/p>\n<p>So erfahren wir aus ihrer Biographie:<\/p>\n<p>Sie leitete die Ihrigen, ohne zu erschlaffen, bald mit milder, bald mit strenger Autorit\u00e4t. Ihr Ernst war gew\u00fcrzt mit Freundlichkeit und von ihrer Zunge floss die Rede s\u00fcsser als Honig.&#187; (vita,91)<\/p>\n<p>In ihren Briefen finden sich oft Ermahnungen, nichts zu \u00fcbertreiben, vor allem die Askese betreffend und immer auf die Stimme der diskretio zu achten.<\/p>\n<p>Hildegar beschwor Elisabeth von Sch\u00f6nau, ein gesundes Ma\u00df zu finden, besonders in ihrer Liebesmystik:&#187; Lerne Ma\u00dfhalten! Dies ist f\u00fcr Himmlisches und Irdisches die Mutter aller Tugenden, denn durch sie wird die Seele geleitet und ebenso der Leib in rechter Zucht ern\u00e4hrt. Wie durch unangebrachte Sturzregen die Frucht der Erde Schaden leidet und wie in ungepfl\u00fcgter Erde nicht gute Frucht, sondern unn\u00fctze Kr\u00e4uter aufsprie\u00dfen, so wird auch der Mensch, der sich mehr M\u00fchsal auferlegt, als sein K\u00f6rper aushalten kann &#8211; da in ihm das Wirken der heiligen Diskretion geschw\u00e4cht ist &#8211; durch ma\u00dflos auferlegte M\u00fchsal und Enthaltsamkeit seiner Seele keinen Nutzen bringen.&#187; (BW 199)<\/p>\n<p>Hildegard weist auf die verschiedenen Begabungen von &#171;Martha und Maria&#187; hin (LK 10,38-42), die sich gegenseitig erg\u00e4nzen und nicht gegeneinander ausgespielt werden d\u00fcrfen.:<\/p>\n<p>&#171;Die diskretio h\u00e4lt die Tugenden zusammen, gleichsam einer Magd, die ihrer Herrin mit ihrem Dienst zur Verf\u00fcgung steht, da in den irdischen Dingen, die zum Leibe nun einmal geh\u00f6ren, und sie der Diskretion unterliegen, die Herrin selber ihrer Magd nicht entbehren will.<\/p>\n<p>&#171;So ist die diskretio das Firmament:<br \/>\ndas Irdische, das aktive Leben h\u00e4lt sie unter sich,<br \/>\ndas g\u00f6ttliche, das beschauliche Leben, hat sie \u00fcber sich.<br \/>\nDadurch ist sie die Treppe auf der des Menschen Geist durch die guten Werke zum Himmel steigt, auf der er aber auch den irdischen Bed\u00fcrfnissen zuliebe zur Erde herabklettert, so wie Maria und Martha ihre verschiedenartigen Dienste Gott darboten.<br \/>\nBeide Lebensarten waren Gott wohlgef\u00e4llig, ist Er doch der Begr\u00fcnder von Beiden. Und so bestehe das Gef\u00fcge der Zugenden in beiden Lebensweisen, in dem der Mensch selber die Unterscheidung trifft, auf dass er G\u00f6ttliches und Irdisches nach dem ihnen gesetzten Ma\u00df in rechter Weise nutze, so wie Gott sie geschaffen.&#187; (WM S. 214)<\/p>\n<p>Hildegard sch\u00e4tzt den Menschen und seine Berufung hoch ein; gerade die diskretio bezeichnet seine Gr\u00f6sse und seine Verantwortlichkeit.<br \/>\nDer Mensch ist frei, so kommt alles darauf an, was er mit dieser Gabe anf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>&#171;Jede Vernunft im Menschen existiert als eine solche, die von Ihm, dem wahren Gott kommt. Was ihr gef\u00e4llt, soll sie w\u00e4hlen, was ihr missf\u00e4llt, muss sie verwerfen; denn sie erkennt, was gut und was sch\u00e4dlich ist.&#187; (WM 282)<\/p>\n<p>Hildegard weiss, da\u00df viele Menschen nicht nach der diskretio handeln und ihre Freiheit missbrauchen.<\/p>\n<p>Im Buch der Lebensverdienste l\u00e4sst Hildegard die diskretio auftreten die der personifizierten Ma\u00dflosigkeit der immoderatio entgegentritt.<\/p>\n<p>&#171;Du benimmst dich wie die Jungen der wilden Tiere, die noch kein Ma\u00df kennen und handelst wie das schmutzige Vieh.&#187;<\/p>\n<p>&#171;Alles, was in der Ordnung Gottes steht, antwortet einander.<br \/>\nDie Sterne funkeln vom Licht des Mondes und der Mond leuchtet vom Feuer der Sonne. Jedes Ding dient einem H\u00f6heren und nichts \u00fcberschreitet sein Ma\u00df. Du aber nimmst weder auf Gott R\u00fccksicht, noch auf seine Gesch\u00f6pfe, Du h\u00e4ngst vielmehr in der Luft wie eine leere Schote, die im Winde baumelt.&#187; (VM 94)<\/p>\n<p>Hildegard sieht hier sehr tief hinein in das Geflecht sozialer Strukturen, aber auch kosmischer Verflechtungen. Alles h\u00e4ngt mit allem zusammen, deshalb muss auch der Mensch sein Ma\u00df erkennen, sonst ist er der eigentliche St\u00f6rfaktor in der gesamten Sch\u00f6pfungsordnung.<\/p>\n<p>Jedes Fehlverhalten beeinflusst nicht nur den Einzelnen, sondern den ganzen Zusammenhang aller Dinge.<\/p>\n<p>Hildegard stellt einen Vergleich zwischen den sozialen Folgen und den gesundheitlichen an, die aus einem Mangel an diskretio kommen:<\/p>\n<p>&#171;Weil der Mensch mit seinem Ungehorsam sich sowohl \u00fcber die Furcht wie auch \u00fcber die Liebe Gottes hinwegsetzt, \u00fcberschreiten auch alle Elemente und die Gezeiten ihre Grenzen; das ist so wie bei den Eingeweiden des Menschen; hat der Mensch einmal sein Ma\u00df \u00fcberschritten, so verhalten sich dementsprechend auch seine Eingeweide&#187;.- (Heilkunde Schulz 69)<\/p>\n<p>Hildegard erinnert den Menschen unentwegt an seine Aufgabe in der Sch\u00f6pfung Gottes als cooperator dei und weist aber auch energisch auf die Folgen hin, wenn er sich seiner Berufung verweigert.<\/p>\n<p>&#171;Gott hat mich mit beiden Augen erleuchtet, mit ihnen betrachte ich, was f\u00fcr eine Herrlichkeit das Licht in der Dunkelheit hat. Damit aber kann ich w\u00e4hlen, auf welchem Wege ich zu wandeln habe: ob ich sehend, ob ich blind sein werde, indem ich erkenne, welchen F\u00fchrer ich f\u00fcr den Tag oder f\u00fcr die Nacht anrufen soll.&#187; (WM 58)<\/p>\n<p>Die diskretio ist der Kompass auf unserem Lebensweg, dadurch k\u00f6nnen wir die rechten Entscheidungen treffen und Bew\u00e4hrung in den Krisen. Achten wir nicht auf die diskretio, dann werden wir nicht gleich von Gott bestraft, sondern von unserer eigenen Umwelt, von der uns umgebenden Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>&#171;discretio &#8211; Reinheit des Herzens&#187;<\/p>\n<p>&#171;Die gesamte Sch\u00f6pfung, die Gott in<br \/>\nder H\u00f6he wie in den Tiefen gestaltet hat,<br \/>\nlenkt er zum Nutzen des Menschen hin.<\/p>\n<p>Missbraucht der Mensch seine Stellung<br \/>\nzu b\u00f6sen Handlungen, so veranlasst Gottes Gericht die Gesch\u00f6pfe, ihn zu bestrafen&#187; (WM,65)<\/p>\n<p>Die discretio der hl. Hildegard f\u00fchrt uns zur hildegardischen &#171;Ganzheit&#187;; denn die Gabe der Unterscheidung m\u00fcssen wir in allen Bereichen unseres Daseins \u00fcben und anwenden.<\/p>\n<p>&#171;Und so liebt die Seele in allen Dingen das diskrete Ma\u00df. Wann auch immer der K\u00f6rper des Menschen ohne Diskretion isst oder trinkt, oder etwas anderes dieser Art verrichtet, werden die Kr\u00e4fte der Seele verletzt, weil alles nur mit Ma\u00df ausgef\u00fchrt werden soll, da nun einmal der Mensch nicht st\u00e4ndig im Himmel weilen kann. Und wie durch allzu grosse Sonnenglut die Erde aufgerissen wird und durch \u00fcberm\u00e4\u00dfige Regeng\u00fcsse die Saat nicht nutzvoll sprie\u00dfen kann, wie vielmehr nur in richtiger Verbindung von Hitze und Feuchtigkeit die Erde ohne Nutzkr\u00e4uter wachsen l\u00e4sst, so werden auch in richtig ausgewogener Mischung alle Verrichtungen der irdischen und himmlischen Dinge ma\u00dfvoll und gut angeordnet und vollendet.&#187; (WM 99)<br \/>\nHildegard f\u00fcgt noch hinzu: &#171;Dieses diskrete Ma\u00df haben jene geliebt, mit denen der Himmel erleuchtet ist, und sie lieben es noch. Der Teufel aber wollte dies und will es nicht haben, weil er immer nur in extreme H\u00f6hen oder extreme Tiefen strebt, weshalb er auch fiel und sich nicht wieder erhebt.&#187; (WM S.99) Anm. ma\u00dflos ist teuflisch, ma\u00dfvoll ist himmlisch.<\/p>\n<p>Die Seele ist eine Br\u00fccke, sie verbindet oben und unten; Himmel und Erde; innen und aussen. Die Seele bringt in den Menschen die Harmonie, wenn sie ma\u00dfvoll und ausgeglichen &#171;Beide&#187; verbindet.<br \/>\nNach Hildegards Sicht ist ja die Seele gerade dazu erschaffen, diese Einheit zu bewirken ; sie selbst ganz anzunehmen, nichts auszuklammern, nichts zu verdr\u00e4ngen, oder gar als &#171;Schatten&#187; ins Unterbewusste abzuschieben. Denn so gibt es f\u00fcr den Menschen keinen Ausgleich, keine Harmonie, keine Einheit, sondern nur Zerrissenheit.<\/p>\n<p>Die Seele ist nach Hildegard wie der Saft im Baum, der alles am Leben erh\u00e4lt und ern\u00e4hrt und den ganzen Baum durchstr\u00f6mt. Die Seele ist die Gr\u00fcnkraft im Menschen, die Kraft, die mit der Hilfe der discretio das ganze Leben, den Lebensstrom, die Ganzheit mit diesem diskreten Ma\u00df steuert. Die Seele ist auch wie Feuer, das Element, das Gottes Hauch symbolisiert und durch den die Seele den leblosen Lehmklumpen zum Leben erweckte.<\/p>\n<p>Hildegard sagt es so:<\/p>\n<p>&#171;Die Seele erscheint wie Feuer, die Vernunft aber ist in ihr wie das Licht und sie wird durch die Vernunft in ihrer leuchtenden Art auf die gleiche Weise durchdrungen, wie auch die Welt durch die Sonne erleuchtet wird&#187; (WM S. 101 ff)<\/p>\n<p>Das dirskrete Ma\u00df des Kosmos das Leuchten der Sonne wird auf das diskrete Ma\u00df der Vernunft bez\u00fcglich ihres &#171;Leuchtens&#187; auf den Menschen \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Im Buch der Gotteswerke spricht Hildegard in der 3. Schau von der Natur des Menschen.<\/p>\n<p>Einen kleinen Ausschnitt widmet sie auch der &#171;Erm\u00fcdbarkeit&#187; bzw Erm\u00fcdung des Menschen; zuerst von der k\u00f6rperlich-leiblichen Erm\u00fcdung und dann von der seelischen.<\/p>\n<p>&#171;So geht es zu, wenn der Mensch den rechten Tugendweg ma\u00dfos zu wandeln versucht. Die Ma\u00dflosigkeit dieser Haltung lenkt ihn dann auf Unzutr\u00e4gliches ab und f\u00fchrt die Enthaltsamkeit in ihm auf ein \u00fcbertriebenes Ma\u00df des Gewissens, so dass er sich dann in seiner Ma\u00dflosigkeit auch erlaubter Dinge enth\u00e4lt und sich schliesslich den Ekel an anderen Tugenden zuzieht. Indem er w\u00e4hnt, er kehre zur Gerechtigkeit zur\u00fcck und triefe nur so von Gewissenhaftigkeit, bereitet er sich den Fallstrick der Erm\u00fcdung, weil er bei solcher unangemessenen Enthaltsamkeit die Zartheit des Mutes und der Vorsicht verl\u00e4sst. Schlie\u00dflich zweifelt er, ob er sich \u00fcberhaupt noch halten k\u00f6nne und f\u00e4llt auf diese Weise in die Schlinge der Verzweiflung&#187;. (WM S.73\/14)<\/p>\n<p>Hildegard bemerkt im gleichen Werk in der 2. Schau &#171;Wenn die Herzen und K\u00f6pfe der Menschen sich einem Irrtum zuwenden, so ist das ein Hinweis auf Irrt\u00fcmer, die die Elemente unter der Sonne durch Katastrophen ersch\u00fcttern und zu einer Sonnenfinsternis f\u00fchren &#8211; durch die Ma\u00dflosigkeit der Menschen provoziert.&#187;<\/p>\n<p>Hildegard stellt einerseits das menschliche Leben in einen grossen kosmischen Zusammenhang, vergisst dabei aber nicht andererseits die Grenzen der menschlichen M\u00f6glichkeiten und die Hinf\u00e4lligkeit seiner Kr\u00e4fte aufzuzeigen. Gr\u00f6sse der Sch\u00f6pfung und Bedeutung des kleinen Menschen werden zusammengef\u00fcgt und gezeigt, wie der Mensch in seinem Alltag dieser Berufung gerecht wird.<\/p>\n<p>Zum Abschluss \u00fcber Hildegards Gedanken zur discretio, m\u00f6chte ich noch kurz skizzieren wie in der Neusch\u00f6pfung der Siebentagewoche die &#171;Mutter der Tugenden&#187; das Leben des Menschen gestaltet.<\/p>\n<p>Am zweiten Tag der Sch\u00f6pfungsgeschichte entsteht das Gew\u00f6lbe des Himmels, das Firmament, um das Wasser oberhalb des Firmaments zu scheiden.<\/p>\n<p>Die Diskretion ist nicht selber am Werk, sie dient als Hilfskraft den \u00fcbrigen Tugenden<\/p>\n<p>So h\u00e4lt auch das Firmament, die St\u00fctze all der Kr\u00e4fte, durch die es umgew\u00e4lzt wird, die anderen Gesch\u00f6pfe in ihrem Wirken, indem es zu ihrer Verf\u00fcgung steht.&#187; (WM, 216) und wie das Firmament jedes Ding, das darin gesetzt ward st\u00fctzt, indem es ihm seinen Raum gibt, so ist auch die Diskretion durch ihr Werk, wie die \u00fcbrigen Kr\u00e4fte, die gem\u00e4ss ihrem Tun Werkleute heissen, nicht Werkmeisterin, d.h. Operatrix, sondern lediglich die St\u00fctze (substentaculum) f\u00fcr die \u00fcbrigen Tugenden&#187; (WM S. 216<\/p>\n<p>F\u00fcr Hildegard ist in ihrer Schau die discretio wie das Firmament f\u00fcr die \u00fcbrigen Tugenden.<\/p>\n<p>Die discretio mit dem Geschmackssinn zu vergleichen, der uns sagt, dass eine Speise gut oder auch schlecht (verdorben) ist.<\/p>\n<p>Die discretio vermag auch die verschiedenen Gedanken, Motivationen, Emotionen und auch die Impulse im Herzen zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Die hemmungslosen Triebkr\u00e4fte weist sie in Schranken und in eine gute Richtung.<\/p>\n<p>In der Spiritualit\u00e4t der hl. Hildegard ist die discretio die Voraussetzung f\u00fcr die &#171;richtigen Entscheidungen&#187;. Sie vertraut sich der F\u00fchrung des hl. Geistes an und sieht in allen Dingen den Willen Gottes.<\/p>\n<p>Die discretio wendet nie pauschal abstrakte Regeln an, sondern schaut auf die jeweilige Situation des Menschen und w\u00e4gt ab die Zeit und Ort der Umst\u00e4nde, die Schw\u00e4chen und St\u00e4rken der Mitmenschen<\/p>\n<p>Die discretio als &#171;Gabe der Unterscheidung&#187; des Augenma\u00dfes und<br \/>\ndes Ma\u00dfhaltens setzt die Haltung der inneren Aufmerksamkeit voraus und h\u00e4ngt somit eng zusammen mit:<\/p>\n<p>Klugheit, Gerecht im Urteil und mit einer Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Verschiedenartigkeit der Menschen im Zusammenleben.<\/p>\n<p>Die discretio beschreitet den Weg der richtigen Mitte, nicht der Mittelm\u00e4\u00dfigkeit.<\/p>\n<p>Hildegard vergleicht dies mit einer &#171;Treppe&#187;, auf der der Mensch durch die guten Werke zum Himmel aufsteigt und auf der er den leiblich-irdischen Bed\u00fcrfnissen entsprechend zur Erde herabsteigt. vergl. Martha und Maria<\/p>\n<p>Nach Hildegard n\u00fctzt ein guter Beginn nichts ohne ein gutes Ende, deshalb bedarf der Mensch der Gotteskraft der dicretio, damit nicht im Menschen durch &#171;Ma\u00dflosigkeit&#187; von selbst guten Werken eine Ruine erbaut wird und zugrunde gerichtet wird, durch den Ansturm unpassender Sitten.<\/p>\n<p>Die discretio reguliert im Menschen alles &#171;organisch&#187;, denn sie nimmt R\u00fccksicht auf das Leben.<\/p>\n<p>Deshalb kann die discretio vielen Menschen zu ihrem &#171;Ganzsein&#187; und zu Gott zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table class=\"legend-menu\" style=\"text-decoration: none;\" cellspacing=\"4\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"border: 1px solid #000; background-color: #f0ffff; padding-left: 4px; padding-right: 4px; line-height: 1.14em; border-color: #fff #444 #444 #fff;\"><a class=\"external text\" title=\"https:\/\/www.symptome.ch\/wiki\/Die_Heilkunde_Hildegards_von_Bingen#Heilmittelkunde\" href=\"https:\/\/www.symptome.ch\/wiki\/Die_Heilkunde_Hildegards_von_Bingen#Heilmittelkunde\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">zur\u00fcck zur Hauptseite HvB<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><!-- --><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Discretio Um die discretio nach Hildegard in ihrer Tiefe, Weite und Ganzheit zu erfassen, ist es hilfreich, wenn wir uns kurz Hildegards grossen Weltentwurf vor Augen f\u00fchren. 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