Erfahrungen im Kreiskrankenhaus B.

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Hallo ihr Lieben
Nachdem mein Vater einen Schlaganfall erlitten hat und im Kreiskrankenhaus B. behandelt wurde, möchte ich hier eine Schilderung der Vorgänge in demselben abgeben. Die Bewertung überlasse ich dann euch.
Ich möchte vorausschicken, dass ich sehr wohl weiß, dass die Schwestern und Ärzte im Krankenhaus einen harten Job haben und wie überall der Stellenabbau seine Auswirkungen zeigt. Es gab auch einige sehr nette und hilfsbereite Schwestern dort, aber es gibt ein paar Dinge im Krankenhaus, die einfach funktionieren müssen.
Mittwoch, den 30. November passiert es am Nachmittag, mein Vater wird so schnell es geht ins Krankenhaus gebracht, das über eine Schlaganfalleinheit (stroke unit) verfügt. Soweit so gut, er wird schnell untersucht, es handelt sich um ein kleines Areal, das betroffen ist. Die linke Seite ist gelähmt, aber schon am nächsten Tag kann er den Arm wieder etwas heben und mit Unterstützung ein paar Schritte gehen.
Ich treffe dort(in der Nähe von Stuttgart) am Donnerstagnachmittag ein und halte mich täglich ca. 10 Stunden im Krankenhaus auf, daher bekomme ich etwas Einblick in den Krankenhausalltag.
Freitag:
Eine Logopädin stellt fest, dass mein Vater eine Schlucklähmung hat, und verordnet ihm daher passierte Kost. Obwohl auf jedem Essentablett, das er bekommt, ein Zettel liegt: Herr Sowieso nur passierte Kost, bekommt er auf sein Tischchen am Bett täglich zum Frühstück ein Brötchen, eine Scheibe Brot und diverse Beläge; zum Mittagessen zB. Salat usw.. Nach meinem Hinweis, dass er nicht Kauen und schlecht schlucken kann, heißt es dann, er könne, wenn er wolle, auch einen Brei haben, er müsse das nur sagen. Wohlgemerkt, er ist 89 Jahre alt, schwerhörig, kann sich nicht allein aufsetzen, geschweige denn essen. Das Essentablett wird nach einiger Zeit wieder geholt mit der erstaunten Bemerkung, Herr Sowieso, sie haben ja gar nichts gegessen. (Am ersten Tag, dem Donnerstag, kam ihn zu Mittag eine Bekannte besuchen, die ihn dann fütterte, weil es ihm allein unmöglich war, zu essen). In den folgenden Tagen bin ich zu den Mahlzeiten anwesend, immer wieder darauf hinweisend, dass er das Gebrachte nicht essen kann. Ich gehe dann dazu über, ihm von zu Hause etwas mitzubringen.
Durch eine starke Halsentzündung, die er schon vor dem Schlaganfall hatte, die aber nicht weiter beachtet wurde, leidet er unter einer besonders starken Verschleimung und verschluckt sich ständig. Im Laufe des Tages geht es ihm immer schlechter, ich versorge ihn mit homöopathischen Mitteln und SchüsslerSalzen, die ihm Erleichterung bringen. Er kommt am Abend nicht zur Ruhe und wälzt sich stöhnend im Bett herum, da er starke Schmerzen im Nacken und Kreuz hat. Einige Male gehe ich also zur Schwester, um für ihn um ein Zäpfchen und dergleichen zu bitten. Zu diesem Zeitpunkt machte ich mich das erste Mal unbeliebt. Da es ihm gar nicht gut geht, verbringe ich die Nacht auf einem Stuhl neben seinem Bett. Gegen 1 Uhr, nach noch einmal Novalgintropfen und einer Schlaftablette, kommt er endlich zur Ruhe.
Samstag:
Ich versuche mit der Ärztin Frau Dr.H. über die Beschwerden (Atemnot, Zittern, Schwäche) meines Vaters zu sprechen, die ihn immer wieder überfallen. Sie begründet das mit normalen Reaktionen auf einen Schlaganfall und legt es mir dringend ans Herz, am Abend rechtzeitig das Krankenhaus zu verlassen, ich würde meinen Vater nur unruhig machen und die Erfolge, die er schon hat, in Frage stellen. Ich bleibe natürlich trotzdem so lange, bis mein Vater gegen 22 Uhr zur Ruhe kommt.
Nachdem 2mal vergessen wird, ihm seine Medikamente zu geben, geht es ihm besser.(Die Medikamente für einen Tag werden in einem Schächtelchen auf dem Nachttisch deponiert und gelegentlich, falls es nicht vergessen wird, verabreicht). Daraufhin pendel ich sie aus und siehe da, mein Vater verträgt die Schlaftablette und die Gelatinekapsel des Schlaganfallmedikamentes Aggrenox nicht. Eine andere Schlaftablette kann ich durchsetzen, aber beim Oberarzt beisse ich wegen der Aggrenox auf Granit. Ich werde natürlich nicht ernst genommen und bin schon als renitent bekannt. Er läßt mich mit der Bemerkung: "dann bekommt er eben Aspirin" auf dem Flur stehen. Da Aggrenox natürlich wesentlich besser nach Apoplex ist, will ich es darauf nicht beruhen lassen und erkundige mich in der Apotheke am Obstmarkt nach vegetarischen Kapseln. Die äußerst nette Apothekerin ruft daraufhin bei der Herstellerfirma von Aggrenox an und bekommt folgende Auskunft:"Es ist nicht unbekannt, dass manche Patienten die Kapsel nicht vertragen, man kann sie aber einfach öffnen und auf einem Löffel mit Joghurt verabreichen." Dieses wurde im Krankenhaus aber vorher verneint. Nachdem ich dies der zuständigen Frau Doktor mitgeteilt habe, heißt es:"wenn die Firma das so sagt, dann hätte sie keine Probleme damit". Ich versuche zuerst noch die Kapseln umzufüllen, aber durch die Schlucklähmung hat mein Vater doch Probleme damit und wir gehen dazu über, die Kapsel geöffnet zu verabreichen.
Hier geht mir dann die Zeitrechnung etwas verloren.
Irgendwann entdecke ich im Flur an einem Brett einen Zettel mit Anmerkungen, worauf beim Schlucken nach Schlucklähmung zu achten ist (Kopfhaltung, 2mal Nachschlucken usw.). Auf meine Frage danach bekomme ich eine Kopie von einer Schwester. Später, nachdem ich bei der Ärztin wegen der Atemnot wieder lästig war, bekomme ich den Hinweis, dass es nicht gerne gesehen wird, wenn das Füttern von Angehörigen übernommen wird, da die Schwestern dafür speziell ausgebildet seien und Schwierigkeiten sofort erkennen würden. Nur hat sich bis dahin noch keine Schwester zu den Mahlzeiten bei meinem Vater sehen lassen. Durch das falsche Schlucken würde Nahrung in die Lunge gelangen und eine Lungenentzündung verursachen. Nachdem ich keine Ruhe gebe, wird die Lunge endlich abgehört ein Röntgentermin für den nächsten Tag angeordnet.
Den ganzen nächsten Tag passiert aber nichts. Als ich nachfrage, heißt es, es ist so viel zu tun, die unwichtigeren Fälle müssten eben warten. Nachdem ich mich nach der Lage des Labors erkundigt habe und mich dorthin auf den Weg machen wollte, wird mein vater noch am späten Abend geröntgt. Er bekommt dann Antibiotika.
Die Logopädin, die wegen der Schlucklähmung besonders wichtig für meinen Vater gewesen wäre, kommt nur noch einmal am Mittwoch. Am Donnerstag, eine Woche nach dem Schlaganfall, wird er in die Rehaklinik nach Welzheim verlegt. Kurz darauf bekommt er Fieber und wird zurück nach B. gebracht, um ihm einen direkten Zugang in den Magen legen zu lassen, da er eine starke Entzündung in Hals und Luftröhre hat, die erst abklingen muß, um die Lunge nicht zu gefährden. Mit der Bemerkung der Welzheimer Ärzte, dass die Schlucklähmung schon längst hätte in B. abgeklärt werden müssen.
Wieder im Kreiskrankenhaus B. stellt man meinem Vater wie vorher das Essen auf das Tischchen, obwohl er nichts essen soll. Eine neue Infusion wird erst wieder angelegt, nachdem mein Bruder, der inzwischen meine Arbeit übernommen hat, dazu auffordert. Auch in den folgenden Tagen bekommt er sein Essen, scheinbar gibt es für die Schwestern keinerlei Informationen.
Seit gestern (Samstag), gut 2 Wochen nach dem Schlaganfall, ist mein Vater nun wieder "Gott sei Dank" in Welzheim, wo es ihm sehr gut geht.
Ich hoffe, dass das Schlimmste überstanden ist und die Reha nun endlich beginnen kann.

Liebe Grüße
Gaby
 
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30.06.05
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Hallo Gaby!

Das hört sich wirklich nicht unbedingt nach einer guten Versorgung an.
Schlimm, das Du solche Erfahrungen gemacht hast, wobei das Gott sei Dank nicht überall so abläuft, wie Du ja in der Reha-Klinik dann auch mitbekommen hast.
Probleme gibt`s allerdings überall, wenn ein Angehöriger oder Patient sich "mit einmischt". Diese Erfahrung hab ich selbst schon gemacht, da ich ja auch "vom Fach" bin und beim Arzt oder in der Klinik schon ordentlich nachgefragt und mitgemischt habe, bei meiner eigenen Therapie.

Lieber Gruss Karin
 
Themenstarter
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Hallo Karin
Dass man, wenn man sich einmischt, nicht gerne gesehen ist, und dass im Krankenhaus vom Auspendeln unverträglicher Medikamente nicht viel gehalten wird, damit habe ich gerechnet. Allerdings dass einem halbgelähmten 89jährigen Mann mit Schlucklähmung vom ersten Tag nach dem Schlaganfall an das (falsche) Essen einfach neben das Bett gestellt wird und sich keine Schwester mehr darum kümmert, obwohl eine durch falsches Schlucken ausgelöste Lungenentzündung als häufige Komplikation nach Apoplex bekannt ist, dass finde ich kriminell. Ebenso, dass die Tabletten (blutverdünnende und blutdrucksenkende, die in diesem Fall lebenswichtig sind) nicht von den Schwestern verabreicht werden. Auch, dass die Infusion nicht erneuert wird, obwohl der Patient nicht trinken kann.
Ein Patient ohne familiären Beistand muß da unweigerlich zugrunde gehen.
Ich bin eigentlich schockiert von den Schlampereien und Organisationsmängeln im Krankenhaus. Und wie mir jetzt immer öfter bestätigt wird, ist das kein Einzelfall. In vielen Krankenhäusern soll es ähnlich zugehen.
Die Arbeit auf den Stationen wird scheinbar auf sehr viele Einzelpersonen aufgeteilt, ohne dass es wirklich Verantwortliche für einen Patienten gibt. Da nützt dann die "stroke unit" auch nicht mehr viel. Was soll es bringen, wenn die Erstversorgung erstklassig ist, dann aber die weitere Behandlung mehr als zu wünschen übrig läßt.
Da bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass man selbst und auch kein Familienmitglied in die Situation gerät, sich in solch ein Krankenhaus einliefern lasssen zu müssen.

Liebe Grüße
Gaby
 
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30.06.05
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Hallo Gaby!

Das mit dem Hoffen, das man nicht in die Schulmedizinischen Fänge gerät, kannst Du laut sagen!
Obwohl ich selbst im Krankenhaus arbeite, mach ich einen weiten Bogen um jegliche ärztliche Versorgung, solange es halt irgendwie geht :rolleyes: !
Wobei so grausig, wie Du es geschildert hast, ist`s wirklich nicht immer.
Hab schon mit sehr vielen Patienten geredet, die schulmedizinisch zumindest bei uns im Hause sich recht aufgehoben fühlen. Trotzdem hab ich selbst schon schlechte Erfahrungen gemacht, und bin auch kein "Fan"!

Lieber Gruss Karin
 
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09.11.04
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Hallo Gaby,

mir macht so etwas richtig Angst.
Besonders weil, wenn man ins KH muss, ist man meistens nicht selber in der Lage solche Sachen zu klären. Dein Vater hat echt Glück dass er euch hat:)

Sicher ist nicht jedes KH so, aber ich habe in dieser Richtung auch schon einiges erlebt.

Ich finde es sehr menschenunwürdig so behandelt zu werden. Ich war, zum Glück, erst zwei mal im KH, bin aber jedesmal mit Depressionen und schlechten Träumen wieder nach Hause.

Beim ersten mal war ich gerade 20 Jahre alt, ich war auf der Urologie.
Neben mir lag eine sehr nette ältere Dame. Bei ihr und auch bei den anderen (6 -Bettzimmer) wurde fast alles auf dem Zimmer gemacht. So wurde der Dame neben mir eine Kanüle in den Hals gelegt. Ich habe mir die Decke übergezogen und sie schreihen gehört...dann habe ich geweint.
Bei mir selber haben sie eine ganze OP vergessen, so musste ich fast eine Woche länger da bleiben:mad:.

Und was ich bei meiner Oma alles gesehen habe......Ich war erleichtert als sie starb, dann konnte sie keiner mehr quälen...jetzt laufen mir wieder die Tränen.......

Lg
Sternchen

PS. der Körper wird geheilt und die Seele ist danach krank....was für ein Verlust......
 
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