Die Bibel und der Glaube, Lesehilfe

Rota

in memoriam
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Er hat es getan.

Papst Benedikt XVI. ist zurück getreten und macht einem neuen Papst Platz, von dem wir bis jetzt weder wissen, wer es sein wird, noch was er zukünftig mit der Kirche vorhat.

Mein Mann und ich kennen Josef Ratzinger schon sehr lange aus seiner Münchner Zeit und vor allem seine Arbeiten die er verfaßt hat. Er ist ein sehr kritischer und analytisch denkender Autor und wir haben aus seinen Werken gelernt, daß man als Christ auch selbständig denken darf, ja sogar soll.

Aus diesem Wissen heraus haben wir für unsere Kinder vor ein paar Jahren eine Sammlung zusammengestellt, die ich jetzt gerne dem Forum vorstellen möchte. Nach und nach will ich diese Arbeit hier einstellen.

Was ich nicht will ist, darüber gleich eine heiße Diskussion entfachen.
Deshalb bitte ich die Forumsleitung darum meine Texte noch zu verschlüsseln, bis ich damit durch bin.
Danach bin ich gerne bereit für einen Austausch über das Thema.

Rota
 

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wundermittel

Windpferd

Hallo Rota,

zu Seiner Heiligkeit scheibst Du: "Wir haben aus seinen Werken gelernt, daß man als Christ auch selbständig denken darf, ja sogar soll."

Das finde ich sehr schön. Allerdings: Brauchen wir heute immer noch - nach 2000 Jahren Kirchengeschichte, nach Aufklärung, nach Entmythologisierung - eine derartige "Erlaubnis"?

Weiter heißt es bei Dir: "Was ich nicht will ist, darüber gleich eine heiße Diskussion entfachen. Deshalb bitte ich die Forumsleitung darum meine Texte noch zu verschlüsseln, bis ich damit durch bin."

Ich weiß nicht, was man hier unter "Verschlüsseln" genau versteht - aber vermutlich bedeutet es, daß die User - außer Dir - nicht antworten dürfen.

Rota: damit stehst Du Dir selber auf den Zehen. so daß Du nicht weiter gehen kannst. Genauso wie Seine Heiligkeit. Leider. Es ist wirklich schade.

Einerseits "erlaubst" Du mit den Worten Ratzingers "selbständiges Denken". (Und damit wohl auch selbständiges Reden - eines geht nicht ohne das andere.)Andererseits setzt Du - wie Er - sofort willkürliche Schranken.

Und Du bittest nicht, Du regst nicht an - sondern Du arbeitest mit Machtmitteln. Nicht unähnlich dem Stil Seiner Heiligkeit. Denn das "Verschlüsseln" läuft ja - wenn ich mich irre, bitte ich um Korrektur! - auf eine Art von Zensur hinaus; vermute, daß dann - solange Du's nicht wirklich "erlaubt" hast - Diskussionsbeiträge schlicht gelöscht werden? Die technischen Möglichkeiten bestehen ja.

Außerdem bist Du m.E. nicht völlig ehrlich. Du schreibst, Du wollest "nicht gleich eine heiße Diskussion". Faktisch darf aber erst mal gar keine stattfinden. Auch keine kühle.

Nebenbei: Ich bin richtiger katholischer Theolog. In München studiert. Allerdings war mein großes Vorbild im Beten und Denken Karl Rahner, der führende Konzilstheologe, bei dem allerdings wirklich Selbständigkeit gefordert war und unterstützt wurde. Der im Geist von Johannes XXIII. und des II. Vaticanum arbeitete (dessen Beschlüsse ja von Ratzinger - vor und nach seiner Wahl zum Papst - sehr relativiert, zum Teil außer Kraft gesetzt wurde). Zu dessen Arbeit Ratzinger m.W. keinerlei Verbindung hatte.

Für mich - auch wenn ich längst nicht mehr Katholik bin - ein Grund zu tiefer Trauer. (Mich hat die kirchliche Diktatur schon vor Jahrzehnten zum Austritt bewogen.)

Und: Was Du hier inszenieren möchtest, geht mit mir definitiv nicht. Mit Deinem Stil krieg ich Atembeklemmung. Ich klinke mich also hier aus.

Mit Segenswünschen,
Windpferd
 
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Windpferd

PS: Eine Erinnerung

Zufällig war ich als Student in Rom, als Johannes XXIII. Seinen Beschluß zur Abhaltung eines Konzils öffentlich machte. Ich war der einzige Besucher in einer dieser wunderschönen, kleinen, frühchristlichen Kirchen, die innen vollständig mit Mosaiken bedeckt sind. Sonst nur ein alter Mönch in irgendeiner dienenden Funktion. Merkwürdigerweise war Radio zu hören.

Ich erkannte die Stimme des Papstes, verstand, was er sagte. (Konnte damals bißchen Italienisch.) Umwälzend, erneuernd, endlich! - so die erste Empfindung. Der Mönch kniete nieder. Danach arbeitete er weiter und murmelte im Gehen fassungslos vor sich hin: "Il Papa . . . il Papa . . . il Papa . . ."

Was für eine Hoffnung damals. Auf Anerkennung der französischen Arbeiterpriester, der Befreiungstheologen, der verrufenen "Linkskatholiken". Auf so vieles. Frühlingsluft.

"Die Liebe ist ein Kind der Freiheit." Weiß nicht, von wem der Satz stammt. Er könnte an sich im Neuen Testament stehen. (Tut er nicht.)

Aber er ist wahr.

Man kann Freiheit strangulieren. (Und man kann daran mitwirken. Oder darauf verzichten, dem entgegenzutreten.) Dann ist man so weit, wie wir jetzt sind.

Und, falls sich jemand für lebendiges theologisches Denken in der Gegenwart interessiert, so wäre m.E. an erster Stelle Hans Küng zu nennen, mit seiner weltweiten (auch politischen) Wirkung. Viele Bücher, z.B. "Existiert Gott?", "Christ sein", "Unfehlbar?", "Christentum und Weltreligionen".

Natürlich hat Küng kirchliches Lehrverbot.

Windpferd
 
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Rota

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An Windpferd


"Stat sonipes ac frena ferox spumantia mandit."

(Vergil)

Rota
 

kopf

Das ist vorgeschichtlich , dieser Vergil !

Meins ist etwas jünger !

"Man schlag’ dem ganzen Lumpenpack das Maul mit einem Hammer kurz und klein!" (VILLON)

Die Betonung liegt auf Lumpenpack !

LG kopf.
 

Rota

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Das ist vorgeschichtlich , dieser Vergil !

Meins ist etwas jünger !

"Man schlag’ dem ganzen Lumpenpack das Maul mit einem Hammer kurz und klein!" (VILLON)

Die Betonung liegt auf Lumpenpack !

LG kopf.

Hallo Kopf,

willst Du den thread lieber gerührt oder geschüttelt? Mit oder ohne Eis?

Gruß Rota
 
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Papst Benedikt XVI. ist zurück getreten und macht einem neuen Papst Platz, von dem wir bis jetzt weder wissen, wer es sein wird, noch was er zukünftig mit der Kirche vorhat.

als ob es eine Rolle spielen würde, wer gerade die Rolle des katholischen Pop-Stars für infantile Religionisten spielen darf.

...und wir haben aus seinen Werken gelernt, daß man als Christ auch selbständig denken darf, ja sogar soll.

d.h. man darf nachbeten, was einem pseudokritisches vorgedacht wird.
(christliche) Theologie und kritisches Denken ist ein Widerspruch. man könnte es auch als Hirnwichserei bezeichnen (um den Begriff von Giulio Giacobbe zu klauen)
es gab auch leute, die in umfangreichen Rassenlehren darlegten, warum manche menschen wertvoller sein sollten als andere - das ist das selbe intellektuelle niveau.
 
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Liebe Rota,

ich sehe es so wie Windpferd,Kopf und paule.
Hier im Pflegeheim liegen viele gläubige Menschen,die noch immer ihre Kirchensteuer bezahlen,einsam und ohne Besuch,wo ist die Glaubensgemeinschaft geblieben und spendet Trost und zeigt ihnen den Weg?

Oft helfe ich Ungläubige ,wobei ich ja auch an etwas glaube und das gibt mir Kraft und Gelassenheit.

Bitte nimm es nicht persönlich.

Viele Grüße von Wildaster
 
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Rota

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Mein neuer thread hat sich entwickelt.

Ich hatte geschrieben

Aus diesem Wissen heraus haben wir für unsere (ps. erwachsenen) Kinder vor ein paar Jahren eine Sammlung zusammengestellt, die ich jetzt gerne dem Forum vorstellen möchte. Nach und nach will ich diese Arbeit hier einstellen. Was ich nicht will ist, darüber gleich eine heiße Diskussion entfachen. Deshalb bitte ich die Forumsleitung darum meine Texte noch zu verschlüsseln, bis ich damit durch bin.

Ich bin sehr unglücklich darüber, daß sich mein thread, noch bevor ich überhaupt mit dem Thema angefangen habe, schon zu einem "Durcheinander" entwickelt hat.

Ich werde mir eine andere Version überlegen, wie ich meinen Text hier einstellen kann, daß es nicht so lange dauert.


Herzliche Grüße
Rota
 
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Rota

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Hallo Wildaster,

ich denke heute öfter an Dich und Deine Mutter, wie geht es ihr?

Hoffentlich wirkt das Antbiotikum noch weiter. Ich habe vor fünf Jahren meinen Mann begleitet, der an einer postoperativen Lungenentzündung erkrankt war und habe einen Heidenrespekt vor der Krankheit.
Letztendlich ist alles wieder gut gegangen.

Bitte nimm es nicht persönlich.
Aber nein, liebe Wildaster, ich nehme das nicht persönlich, aber es macht mich nachdenklich.

Ich habe gerade festgestellt,dass man Windpferd gesperrt hat und da war ich doch der Meinung,hier darf man auch ein Querdenker sein.
Muss man denn immer angepasst sein?

Querdenker schon, aber "Querschläger" ? :mad:,
so nämlich habe ich seine Zeilen empfunden zu etwas, was noch gar nicht veröffentlicht war.

Aber gräme Dich nicht weiter, Du bist eine gute Seele und kümmerst Dich halt.

Liebe Grüße und eine gute Nacht
Rota
 

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Liebe Rota,

ich danke dir für deine lieben Zeilen.
Ich weiß nicht Rota,was hier bei meiner Mutti noch passiert und wohin die Reise gehen wird.
Das Antibiotika wirkt so,dass sie kaum Schmerzen hat und viel schläft,aber etwas hat sich verändert,was ich nicht in Worten ausdrücken kann.
Ich danke dir für das Abendgebet.

Deine Traurigkeit ,dein Nachdenken verstehe ich,liebe Rota!
Aber lass dich doch nicht von deinem Vorhaben abringen,du bist doch stark und weißt was du willst.
Auch kennst du das Forum,also uns.
Da ist Windpferd,ein kluges Pferd was immer mit stürmischen Wind angetrabt kommt,schnaubt und uns zum Diskutieren und zum Denken mit seinen Beiträgen auffordert.
Dann Kopf ein lieber Kerl,der zur Zeit etwas provoziert,aber für meine Mutti betete.
Dann bin da ich noch,die Wildaster.Auch nicht immer angepasst,oft wild vor Ohnmacht,Verzweiflung und Wut,aber niemand will verletzen,Rota.

Ich warte gern auf deine weiteren Beiträge und störe nicht mehr.
Auch ich wünsche dir eine gute Nacht .

Liebe Grüße von Wildaster

Mit anheizen meinte ich nicht gegen die Moderatoren,sondern die vielfältigen Beiträge ,wo unser Kopf gefordert ist und eine wirkliche Diskussion entsteht.
 
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Rota

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Die Bibel und der Glaube


Vorwort

Diese Texte sollen eine Hilfe zum Lesen der Bibel und zum Lösen einiger der Rätsel geben, die sie aufgibt. Wenn sie auch zum Weiterdenken anregen, dann hätten sie noch einen Zweck erfüllt.

Die Bibel ist ein sperriges Buch, das sich nicht leicht erschließt. Wer ihren Sinn ergründen will, lese sie möglichst ohne vorgefaßte Meinung. Dazu gehört auch, daß man alles ausschaltet, was man im Religionsunterricht gelernt hat, einschließlich des apostolischen Glaubensbekenntnisses, das kein Werk der zwölf Apostel ist, sondern erst Jahrhunderte nach ihnen formuliert wurde. Nur so hat man eine Chance, den wirklichen Sinn des Textes zu erfassen.

Wenn es um den genauen Sinn einzelner Wörter und Sätze geht, sollte man daran denken, daß Übersetzen schwierig ist und oft Entscheidungen verlangt, die man auch genausogut anders treffen könnte. Die Übersetzung des Alten Testaments von Martin Buber und Franz Rosenzweig gibt eine Vorstellung davon, wie sehr ein modernes, glattes Deutsch von der Wucht, der Bildhaftigkeit, aber auch der teilweise schweren Verständlichkeit des alten Hebräisch abweicht. Hilfreich ist auch das „Münchner Neue Testament“, in dem die Schriften des Neuen Testaments so wörtlich wie möglich übersetzt sind, gleichgültig ob dabei gutes oder schlechtes Deutsch herauskommt. Kirchlich veranlaßte Übersetzungen, wie z.B. die Einheitsübersetzung der katholischen Bischöfe des deutschen Sprachraums und der Evangelischen Kirche in Deutschland, berücksichtigen auch Gesichtspunkte der Tradition und der kirchlichen Praxis. Die Elberfelder Bibel aus dem Brockhaus Verlag ist dagegen ausschließlich an sprachlicher Genauigkeit interessiert. Sie liegt dem Folgenden zugrunde.

Man wird auch die Frage stellen, wie weit oder wie wenig sich der christliche Glaube, der in Glaubensbekenntnissen und Dogmen seine Formulierung gefunden hat, mit der Lehre Jesu deckt, die in den Evangelien überliefert ist. Dazu ist es nötig, einiges über die Entwicklung in den ersten Jahrhunderten zu wissen, in denen die Glaubenssätze fixiert wurden. Deshalb das Schlußkapitel über die Entstehung des christlichen Glaubens.
 

Rota

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Die Bibel und der Glaube

1

Inhalt
1 Vorwort
2 Die Entstehung des Alten Testaments
3 Die Entstehung des Neuen Testaments
4 Das Besondere am Johannes-Evangeliums
5 Literarische Eigenheiten biblischer Schriften
6 Schriftbeweis
6 Auslegung
7 Gottesbilder
8 Schöpfungsgeschichte
9 Das Gute und das Böse
10 Tod und Auferstehung
11 Vorherbestimmung
12 Wiedergeburt
13 Wunder
14 Mann und Frau
15 Der Jude Jesus
16 Sohn Gottes, Menschensohn, Messias
17 Paulus
18 Die Entwicklung des christlichen Glaubens in den ersten Jahrhunderten
19 Nachwort


Der Text dazu folgt morgen
 
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Rota

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2

Die Entstehung des Alten Testaments


Zur Zeit Jesu und der Apostel gab es nur die Hebräische Bibel, kurz die Schrift genannt, die Juden und Christen damals gemeinsam hatten. Die christliche Kirche erklärte sie später zum Alten Testament und fügte als Neues Testament die Berichte über Jesus und seine Botschaft hinzu. Die Hebräische Bibel bzw. das Alte Testament besteht aus zahlreichen Einzelschriften ganz verschiedener Art, aus Geschichtsbüchern und Chroniken, Gesetzesbüchern, Predigtbüchern, Anleitungen und Liedern für kultische Zwecke, erbaulichen Erzählungen, Spruchsammlungen und dem einzigartigen Hohen Lied der Liebe. Sie sind fast alle religiöse Bücher. Sie erzählen von Irdischem in Bezug auf Gott. Eine genaue Untersuchung der Texte, der Vergleich mit anderen antiken Schriften und die Erkenntnisse der Altertumskunde samt Archäologie bringen Forscher heute zu dem Schluß, daß ihr Anfang später anzusetzen sei als bisher gedacht. Sie soll erst im 6. Jahrhundert v. Chr. als ein redaktionelles Sammelwerk entstanden sein, in das ältere Überlieferungen eingegangen sind und das bis zum Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. ständig angereichert wurde. Zu den alten kamen neue Bücher hinzu, in die vorhandenen wurde weiterer Text eingefügt. Dabei galt das Prinzip, daß wohl etwas dazugetan aber niemals etwas weggelassen werden darf. Deshalb enthält die Bibel viele Doppelungen und auch Aussagen, die sich widersprechen, wie beispielsweise die Erschaffung von Eva einmal zusammen mit Adam, ein andermal aus der Rippe Adams. Wenn die Autoren von früheren Zeiten erzählen, tun sie das im Blickwinkel ihrer Gegenwart. So entsprechen die Namen der Völker der Urzeit und ihre Stellung zu Israel den späteren Verhältnissen zur Zeit der Könige.

Die wichtigsten Einzelschriften sind die Fünf Bücher Mose. Sie stehen sowohl bei den Juden als auch bei den Christen am Anfang. Die Juden nennen sie Tora (Lehre, Unterweisung), die Christen die Fünf Bücher Mose oder den Pentateuch (fünffältiges Buch).

Die originalen Schriften der Hebräischen Bibel sind zum größten Teil in Hebräisch, einzelne Teile in Aramäisch geschrieben. Zwischen dem Jahr 300 und 100 v. Chr. wurden sie nach und nach ins Griechische übersetzt, das damals die allgemeine Kultursprache des Mittelmeerraumes war. Diese griechische Übersetzung haben die Evangelisten meistens benutzt, wenn sie die Schrift zitierten.

Bei Sprachen, die so weit auseinander liegen wie das Hebräische und das Deutsche, kann keine Übersetzung das Original voll treffen. Man darf deshalb nicht zu viel aus dem scheinbar genauen deutschen Wortlaut herauslesen. Eine Vorstellung vom Unterschied gibt ein Vergleich der ersten Sätze der Bibel in der uns vertrauten Einheitsübersetzung und in der Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig, die auf schulmäßiges Deutsch verzichteten und sich dafür bemühten, die besondere Sprechweise des Hebräischen wiederzugeben.

Einheitsübersetzung: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

Buber/Rosenzweig: Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Wasser.

Schwierigkeiten bereitet auch die hebräische Schrift, in der sich manche Buchstaben sehr ähneln und Vokale ursprünglich vollständig fehlten. Der Leser mußte sie aus dem Zusammen-hang erraten. Auch die fehlenden Satzzeichen können Probleme machen. So steht bei Jesaia: EINE STIMME RUFT IN DER WÜSTE BAHNT EINEN WEG FÜR DEN HERRN. Das ist der Ursprung unseres sprichwörtlichen Rufers in der Wüste. Aber ertönt wirklich die Stimme in der Wüste oder soll dort der Weg gebahnt werden? Ein Doppelpunkt nach RUFT hätte alles klargemacht. Weil er fehlt, ist es in der griechischen Übersetzung irrtümlich zum Rufer in der Wüste gekommen, den dann alle vier Evangelisten in ihr Jesaia-Zitat übernommen haben. Dabei geht aus dem folgenden Text unmißverständlich hervor, daß der Weg, der gebahnt werden soll, durch die Wüste führt und nicht die Stimme in der Wüste ruft.

Die Bibel wurde von den Juden und später auch von den Christen durch unermüdliches und möglichst genaues Abschreiben weitergegeben. Die jüdischen Abschriften sind erstaunlich einheitlich, nicht zuletzt deshalb, weil die jüdischen Gelehrten zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. einen Muster-text anfertigten und andere Fassungen aus dem Verkehr zogen. An dem Mustertext haben auch ihre Nachfolger nichts mehr geändert, außer daß sie ihn mit Lesehilfen für die richtige Aussprache der Vokale versahen.

Noch Ende des 19. Jahrhunderts stammten die ältesten Texte der Hebräischen Bibel von nennenswertem Umfang, die man kannte, aus dem Mittelalter. Dann bekam man mit dem Fund von Handschriften auf dem Dachboden einer Kairoer Synagoge und ein halbes Jahrhundert später in den Höhlen von Qumran beim Toten Meer von fast allen Büchern der Hebräischen Bibel kleinere und größere Textfragmente aus der Antike. Das Buch Jesaia fand man sogar vollständig erhalten. Es zeigte sich, daß trotz Abweichung kleiner Teile in Wortlaut und Sinn der größte Teil überraschend gut mit dem überlieferten Text überein-stimmte.



Die Entstehung des Neuen Testaments


Die Schriften des Neuen Testaments wurden zum allergrößten Teil bereits im Lauf des zweiten Jahrhunderts von der Kirche aus den vielen schriftlichen Dokumenten ausgewählt, die von Jesus und seiner Botschaft und von der Ausbreitung seiner Lehre berichteten. Sie bilden zusammen mit wenigen späteren Ergänzungen den Kanon des Neuen Testaments. Fast alle Schriften des Neuen Testaments stammen aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts. Die frühesten sind die echten Briefe des Paulus. Er schrieb sie, vor die Evangelien entstanden.

Es waren schon vor den Evangelien schriftliche Berichte über Jesus in Umlauf. Lukas begann sein Evangelium mit den Worten: Da es nun schon viele unternommen haben, einen Bericht von den Ereignissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben, wie sie uns die überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind….

Von diesen frühen Berichten ist keiner erhalten. Eine Tradition besagt, daß es ein hebräisches bzw. aramäisches Evangelium gegeben habe. Das könnte die Urfassung des Matthäusevan-geliums gewesen sein.

Die ältesten Fragmente des Neuen Testaments, die gefunden wurden, stammen aus dem 2. Jahrhundert. Es sind kleine Bruchstücke aus dem Johannes-Evangelium. Auch sonst sind aus dem 2.und 3. Jahrhundert nur Teile des Textes vorhanden. Erst im Codex Sinaiticus ist das Neue Testament vollständig und im Codex Vaticanus fast vollständig erhalten. Beide Bücher stammen aus dem 4. Jahrhundert. Die frühesten Exemplare des Neuen Testaments oder seiner Teile, die es gibt, sind alle griechisch geschrieben.

Die christlichen Kopisten des Neuen Testaments waren nicht so genau wie die jüdischen Kopisten des hebräischen Mustertextes. So sind unzählige Varianten entstanden. Fast immer sind sie geringfügig und verändern den Sinn der Aussage nicht. Es gibt aber auch Stellen, bei denen die Änderung von Bedeutung ist und sich der Verdacht aufdrängt, daß der Urtext absichtlich erweitert wurde. So enthält der Taufauftrag Jesu nach Matthäus (28,19) die Worte: …tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes…Die Stelle ist auch deshalb von Bedeutung, weil hier zum einzigen Mal die Dreieinigkeit in einem der Evangelien zum Ausdruck kommt. Aber es ist zu bezweifeln, ob die Worte wirklich zum ursprünglichen Text gehören. Denn in der Apostelgeschichte und in den Paulus-Briefen ist zwar mehrfach von Taufen die Rede, doch kein einziges Mal in dieser Form. Wenn Jesus die Taufformel wirklich so gesprochen hätte, wie sie bei Matthäus formuliert ist, hätte man sie auch so übernommen und nicht bloß von Taufen auf den Namen Jesu oder Jesu Christi gesprochen. Wahrscheinlich wurde hier eine Formel, die sich erst im Lauf der Zeit entwickelt hat, zurückdatiert, ohne daß, und das zeigt wieder den Respekt vor dem überlieferten Wort, die anderen Stellen entsprechend geändert wurden.

Andere Beispiele für spätere Veränderung in den Evangelien sind der sog. zweite Schluß des Markus- und der doppelte Schluß des Johannes-Evangelium. Das Markus-Evangelium endete ursprünglich mit Vers 16,8. Die folgenden Verse, die hauptsächlich die Berichte der anderen Evangelisten vom Auferstandenen zusammenfassen, wurden im Laufe des 2. Jahrhunderts vermutlich deshalb angefügt, weil der Vers 16,8, der vom Schrecken und der Flucht der Frauen vom leeren Grab spricht, als Schluß des Evangeliums nicht befriedigte. Das Johannes-Evangelium endete, wie der Text selber erkennen läßt, ursprünglich mit Vers 20,31. Die folgenden Verse wurden nachträglich angefügt.

Die vier Evangelien unterscheiden sich in der Auswahl, teilweise auch in der Anordnung des Stoffes. Es gibt außerdem eine Fülle von Unterschieden bei einzelnen Geschehnissen und Worten. Man macht es sich zu leicht, wenn man die verschiedenen Aussagen einfach addiert und alle Eigenarten und Widersprüche als unbedeutend erklärt. Sie geben wichtige Hinweise darauf, wann und in welcher Umgebung die Texte entstanden sein können, welcher Text von welchem abhängt, welche Nebenabsichten die einzelnen Evangelisten bei der Verkündung der Botschaft verfolgten und welche unterschiedlichen theologischen Erkenntnisse sie hatten.

Man muß der Kirche dankbar sein, daß sie der Versuchung widerstanden hat, die vier Evangelien zu harmonisieren oder zu einem einzigen, widerspruchsfreien Text zusammen zu schmelzen. Sie hat damit die Basis für eine genauere Erfor-schung des ursprünglich Gemeinten erhalten und führt vor Augen, daß die einzelnen Worte nicht so wichtig sind wie der tiefere Sinn, der in der Predigt und den Taten Jesu liegt.

Von den vier Evangelien hängen die des Matthäus, Markus und Lukas auf eine verwickelte und nicht in allem sicher geklärte Art zusammen und sind untereinander gut vergleichbar. Das Johannes-Evangelium hat eine Sonderstellung.

Welche Autoren die Evangelien geschrieben haben, wann und wo sie das taten und welche Quellen sie hatten, sind spannende Fragen, über die schon viel nachgedacht wurde. Den über-lieferten Autorennamen oder Hinweisen im Text ist, jedenfalls bei Matthäus und Johannes, nicht zu trauen. Zu nahe lag es, einen Text unter dem Namen eines Apostels erscheinen zu lassen und ihm damit mehr Autorität zu geben. Der Autor einer biblischen Schrift tritt ja hinter seinen Bericht völlig zurück. Er möchte mit seinem Text die größtmögliche Wirkung erzielen, nicht selber glänzen. Er wird deshalb viel eher seinen Text unter dem Namen eines Größeren veröffentlichen oder andere werden es für ihn tun, als unter einen fremden Text seinen Namen setzen. Auch der ausdrückliche Hinweis auf den Autor oder Gewährsmann am Schluß des Johannes-Evangeliums kann eine literarische Fiktion sein. Zuerst ist von einem Jünger die Rede, den Jesus liebte und der beim letzten Abendmahl an seiner Seite lag. Dann heißt es: Das ist der Jünger, der von diesen Dingen zeugt und der dies geschrieben hat: und wir wissen, daß sein Zeugnis wahr ist. Nach kirchlicher Überlieferung soll dieser Jünger der Apostel Johannes gewesen sein. Der war aber ein einfacher Fischer gewesen und hatte, ebenso wie sein Bruder Jakobus weniger eine nachdenkliche als eine zupackende Natur. Beide wollten im Reich Jesu über den anderen Jüngern stehen und wurden deshalb von Jesus zurechtgewiesen. Beide schlugen bei der ungastlichen Aufnahme durch die Samariter vor, die Dorfbewohner durch Feuer, das vom Himmel fällt, zu vernichten und mußten von Jesus getadelt werden. Beide nannte Jesus Donnersöhne. Daß Johannes ungebildet war, wird zudem ausdrücklich in der Apostelgeschichte (4,13) gesagt. Das alles paßt nicht zu dem Bild, das man sich von dem gelehrten und poetischen Autor des Johannes-Evangeliums machen muß.

Matthäus schrieb für Juden, die anderen Evangelisten schrieben für Nichtjuden. Das wird an vielen Stellen deutlich. Matthäus setzt voraus, daß seine Leser die Bedeutung des hebräischen Namens Jeschua (der Herr hilft), dessen latinisierte Form „Jesus“ ist, ohne weitere Erklärung verstehen. Markus muß seine Leser über jüdische Gebräuche erst unterrichten, etwa daß sich die Pharisäer und alle anderen Juden vor dem Essen die Hände waschen. Bei Matthäus baut der unvernünftige Mann sein Haus nicht auf Fels sondern auf Sand, bei Lukas, dessen Leser keine Wüste kennen, baut er statt dessen auf Erde. Johannes erklärt seinen Lesern, was hebräische und aramäische Wörter, wie Rabbi und Kephas, bedeuten.

Seit langem bemüht man sich durch Textvergleich die gegen-seitige Abhängigkeit der Evangelien festzustellen und die sonstigen Quellen zu ermitteln, die den Autoren zur Verfügung standen. Übereinstimmung besteht darin, daß Matthäus und Lukas das Markus-Evangelium kannten und als Vorlage für ihre Evangelien benutzten, daß aber Matthäus weder das Evan-gelium des Lukas kannte, noch Lukas das des Matthäus. Die beiden stimmen zwar in vielem überein, was Markus nicht hat, doch liege der Grund dafür nicht darin, daß einer das Evangelium des andern gekannt habe, sondern daß sie eine gemeinsame Quelle benutzt hätten, die inzwischen verloren gegangen sei. Johannes hat die Evangelien des Matthäus, Markus und Lukas wahrscheinlich nicht gekannt, sonst wären die Abweichungen nicht so groß, wie z.B. bei der Heilung des Sohnes des Hauptmanns bzw. des Beamten von Kafarnaum, dem Messiasbekenntnis des Petrus und der Salbung Jesu in Betanien.

Die Zeit, aus der die Evangelien stammen, versucht man, nach Aussagen in ihnen zu bestimmen. Sicherlich haben die ersten drei Evangelisten geschrieben, als noch Zeitgenossen Jesu am Leben waren. Denn sonst hätten sie die fehlgegangene Prophezeiung Jesu, daß er noch zu deren Lebzeiten wiederkommen werde, unterdrückt. Ein wichtiger Bezugspunkt für eine genauere Datierung ist der Aufstand der Juden gegen die Römer, der mit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 endete. Wenn sich diese Katastrophe im Evangelium spiegelt, gibt das einen Hinweis auf dessen Entstehungszeit.

Ein Beispiel: Das Gleichnis vom Festmahl ist in zwei verschie-denen Fassungen überliefert. Nach Lukas (14,15 ff) schickt ein Herr seinen Diener und läßt zu einem Festmahl einladen. Statt zu kommen, erklären die Geladenen, warum sie verhindert sind, woraufhin der Herr zornig wird, sie auslädt und statt ihrer Arme, Krüppel, Blinde und Lahme zum Festmahl bitten läßt. Bei Matthäus (22,1 ff) ist die Geschichte wesentlich dramatischer: Ein König läßt durch seine Diener zur Hochzeit seines Sohnes einladen. Die Geladenen weigern sich zu kommen, einige mißhandeln sogar die Diener des Königs und bringen sie um, so daß der König zornig wird, sein Heer schickt, die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen läßt. Dann läßt er Leute von der Straße, Gute und Böse, einladen. Man glaubt, daß die schärfere Fassung eine Reaktion auf die Zerstörung Jerusalems war und deshalb das Evange-lium nicht vor dem Krieg mit den Römern geschrieben sein kann.

Es gibt noch eine Reihe anderer Indizien für die Abfassungs-zeit, die Vermutungen stützen, aber keine Gewißheit geben können. Die Sache wird dadurch noch schwieriger, daß man nicht sicher weiß, ob die vorliegenden Texte wirklich die ursprünglichen sind oder ob sie bearbeitet wurden. Es ist kein Wunder, wenn die einzelnen Forscher zu verschiedenen Urteilen kommen. Einig sind sie sich nur darin, daß das Markus-Evangelium vor dem Matthäus- und dem Lukas-Evangelium geschrieben wurde und zwar wahrscheinlich um das Jahr 70 herum. Bei den übrigen Evangelien gehen die Meinungen stärker auseinander, besonders weit beim Johannes-Evangelium. Einige halten es für früh, die meisten aber glauben, daß es erst als letztes der Evangelien gegen Ende des 1. Jahrhunderts oder noch später entstanden ist.

Die Apostelgeschichte des Lukas und die 21 Briefe des Neuen Testaments zeigen, wie sich außerhalb Palästinas christliche Gemeinden gebildet haben und sich ihr Gemeindeleben entwickelt hat, welche Deutung man dem Tod und der Auferstehung Jesu gegeben hat und was man für das Heil der Menschen notwendig hielt. Die meisten sind an einzelne Gemeinden, an Gruppen von Gemeinden oder an Gemeinde-vorsteher gerichtet und beziehen sich oft auf ganz konkrete Situationen. Die Empfänger haben sie als wertvolle Texte aufbewahrt und weiterverbreitet. Nach dem Stand der Forschung sind die Briefe des Paulus an die Römer, an die Korinther, an die Galater, an die Philipper, an die Thessaloniker und an Philemon wirklich von Paulus, wenn auch vielleicht an manchen Stellen überarbeitet. Ob Paulus auch den Brief an die Kolosser geschrieben hat, ist umstritten. Die Forscher sind sich einig, daß Paulus seine Briefe frühestens gegen Ende der vierziger Jahre, aber hauptsächlich in den fünfziger und sechziger Jahren verfaßt hat. Bei den übrigen Briefen, die unter dem Namen des Paulus überliefert sind, handelt es sich vermutlich um Briefe von Schülern des Apostels. Den Jakobus-brief hat wahrscheinlich Jakobus, einer der Brüder Jesu, geschrieben, der nach dem Weggang von Petrus die Gemeinde in Jerusalem leitete. Der 1. Petrusbrief könnte tatsächlich ein Brief des Apostels Petrus sein. Ganz sicher ist man sich nicht. Der 2. Petrusbrief stammt wahrscheinlich von seinen Schülern. Wer die Briefschreiber Johannes und Judas waren und wer den Hebräerbrief geschrieben hat, weiß man nicht. Eine Sonder-stellung nimmt die Offenbarung des Johannes ein. Dieser Johannes wird oft mit dem Evangelisten Johannes gleichgesetzt. Dafür gibt es aber keinen zwingenden Grund. Vom Johannes der Offenbarung ist nur bekannt, was er im 1. Kapitel von sich selber sagt. (1,9 ff) Seine Schrift, die er als Sendschreiben an sieben Gemeinden in Kleinasien verfaßt hat, steht in der Tradition jüdischer Apokalypsen und ist für uns heute kaum mehr zu deuten.

Der ursprünglich fortlaufende Text der Bücher und Briefe des Neuen Testaments wurde erst im Lauf der Zeit in Kapitel eingeteilt und die Zwischenüberschriften sind erst von den modernen Herausgebern eingefügt worden, sie gehören nicht zum ursprünglichen Text. Es kann da und dort für das Verständnis wichtig sein, wenn man das im Auge behält.
 
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Das Besondere am Johannes-Evangelium


Der Evangelist Johannes bannt einen von den ersten, hymnischen Versen an durch feierlichen Klang, kunstvolle Komposition und hohe Botschaft. Die anderen Evangelisten schreiben viel schlichter. Der größte Gegensatz besteht zu Markus. Während der von dem Menschen Jesus erzählt, den Gott bei der Taufe am Jordan als seinen Sohn erwählt hat, der gepredigt hat, geheilt und Wunder gewirkt, der gekreuzigt wurde, dessen Grab man leer fand und der als der Messias am Ende der Tage wiederkommen wird , kündet Johannes von einem göttlichen Christus, einem Christus, der von allem Anfang an als das Wort bei Gott war, der alles geschaffen hat, was geworden ist, der zur Erde niedergestiegen und wieder aufgestiegen ist und der als der Messias wiederkommen wird am letzten Tag. Die Göttlichkeit Jesu Christi ist die zentrale Botschaft des Evangeliums. Das Zeugnis Johannes des Täufers, die Wunder, die Jesus wirkte und der Schriftbeweis erhärten sie. Die Reden Jesu über seine göttliche Sendung an seine Jünger und Anhänger, aber auch die große Rede an alle Juden über seine Vollmacht lassen an Deutlichkeit nichts vermissen.

Eine weitere Eigenart des Johannes-Evangeliums wird einem erst dann bewußt, wenn man nicht nur darauf achtet, was in ihm steht, sondern auch darauf, was in ihm fehlt. Dann fällt auf, daß die kräftigen Bilder und die packenden Gleichnisse, die Jesu Rede in den anderen Evangelien auszeichnen, fast gar nicht vorkommen. Man sucht sie vergebens und merkt schließlich, daß sie gar keinen Platz hätten, denn es gibt in diesem Evangelium keine Aussage darüber, was denn der Wille Gottes ist und was die Menschen im einzelnen tun sollen, um ihn zu erfüllen. Der Jesus des Johannes sagt nur, daß man an ihn glauben und daß man seine Worte befolgen soll. Er sagt aber nicht, wie diese Worte lauten. Nur ein einziges Mal wird er konkret: In dem schönen Gleichnis von der Ehebrecherin (8,3 ff): Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. Doch dieses Gleichnis steht wie ein Solitär im Evangelium. Man weiß heute, daß es gar nicht zum ursprünglichen Text gehört, sondern erst später eingeschoben wurde. Johannes setzte also voraus, daß seine Leser die Botschaft Jesu bereits kannten. Er wollte mit seiner Erzählung von Herkunft, Leben, Tod und Auferstehung Jesu eine einzige Botschaft verkünden: Jesus Christus ist Gott!

Jesus spricht im Johannesevangelium anders als sonst, mit einem höheren, kühleren Klang, mit dem Ton göttlicher Autorität. Der Blinde, den er mit Speichel heilte, mußte von Geburt an blind sein, nicht weil ihn ein Unglück getroffen hatte, nicht weil er oder seine Eltern gesündigt hatten, sondern damit die Werke Gottes an ihm vollbracht werden können. (9,1 ff)

Jesus gibt auch nach Johannes ein Liebesgebot (15,12), aber es ist auf die christliche Gemeinde beschränkt: Dies ist mein Gebot, daß ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. Es lautet nicht: Liebe deinen Nächsten, geschweige denn: Liebt eure Feinde!

Das Johannes-Evangelium ist kunstvoll verfaßt. Die Taten und die Reden Jesu werden in den Rahmen jüdischer Feste gestellt. Sieben ist die heilige Zahl der Antike. Also werden aus den Wundergeschichten sieben herausgegriffen und breit ausgemalt.

Johannes ist schriftgelehrt und weiß dies einzubringen. Ein Beispiel: Die Begegnung Jesu mit der Samariterin am Brunnen. (4,7 ff) Jesus sagte ihr auf den Kopf zu, daß sie fünf Männer gehabt habe. Das bezog sich vordergründig auf die Frau, war aber zugleich eine Anspielung auf ihr Volk. Die Samariter gehen nämlich auf fünf verschiedene heidnische Völker zurück, die fünf verschiedene Gottheiten hatten. (2 Kö 17,24 ff) Sie verehrten zwar später Jahwe, erkannten von der Bibel aber nur die Bücher Mose an und opferten nicht im Tempel von Jerusalem auf dem Berg Zion sondern in ihrem Tempel auf dem Berg Garizim in Samaria. Würde man nicht an diesen Bezug denken, dann wäre die anschließende Frage der Frau völlig zusammenhanglos, die von Jesus scheinbar unvermittelt wissen wollte, ob Jahwe auf dem Berg anzubeten ist, wo ihn die Samariter verehrten oder auf dem Berg Zion. Die Frage war aber folgerichtig, denn es ging von Anfang an um mehr als ihre persönliche Lage, nämlich darum, ob die Jahwe-Verehrung der Samariter richtig war oder nicht. Überlegt man sich aber die Situation, so ist es unwahrscheinlich, daß die Frau in der Frage nach ihren Ehemännern eine Anspielung auf die Herkunft ihres Volkes erkennen konnte, noch ist überhaupt zu verstehen, warum Jesus so doppeldeutig gesprochen haben sollte. Alles spricht dafür, daß der Evangelist hier seiner Gelehrsamkeit freien Lauf gelassen hat.

Der Jesus des Johannes ist durch das Bild geformt, das sich in der christlichen Gemeinschaft nach Jesu Tod und Auferstehung gebildet hatte. Zuweilen ist es offenkundig, daß er gar nicht so gesprochen haben kann, wie ihn Johannes reden läßt. So soll er zum Beispiel noch vor der Auferstehung gesagt haben (10,16): Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind, auch diese muß ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein. Nach Matthäus (15,24) aber hat er gesagt: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Die Ausdehnung der christlichen Mission auf Nichtjuden erfolgte erst nach seinem Tod. Erst der Auferstandene sagte: Gehet hin zu allen Völkern, erst er hätte sagen können, daß er noch andere Schafe habe.

Ein anderes Beispiel ist das Gespräch Jesu mit Nikodemus. (3,1 ff) Der Evangelist versucht gar nicht, die nachösterliche Perspektive zu verbergen. Gott hat seinen Sohn bereits hingegeben, der Menschensohn ist bereits in den Himmel aufgefahren. Wir hören hier nicht Worte Jesu sondern Worte der nachösterlichen Gemeinde.

Das Johannes-Evangelium bezeugt also nicht Jesus sondern den Glauben an ihn, wie er sich nach der Auferstehung gebildet hatte. Das Bild von Jesus und die theologischen Erkenntnisse der Christen aber hatten sich seit Jesu Tod schnell weiter-entwickelt. Das war dem Evangelisten bewußt. Wir finden deshalb bei ihm etwas, das weder Matthäus, noch Markus, noch Lukas kennt, nämlich das Versprechen Jesu nach seiner Rückkehr zum Vater den Heiligen Geist als Beistand zu senden. Es ist ihm so wichtig, daß er es gleich mehrfach nennt:

Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der bei euch sei in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht sieht noch ihn kennt. ... Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe…Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten…
 

Rota

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Literarische Eigenheiten biblischer Schriften


Das Alte Testament verlangt vom Leser viel. Er muß sich in Texte aus uralten Zeiten einarbeiten, die in einer bildhaften, gedrängten Sprache von einer Welt erzählen, die nicht die seine ist, von deren Wörtern manchmal auch die Gelehrten nicht genau wissen, was sie bedeuten, wo sich vieles wiederholt und manches widerspricht, wo neben spannenden Erzählungen ermüdend lange Aufzählungen stehen können und lapidare Spruchweisheiten neben Perlen der Poesie. Das Neue Testament ist leichter zu lesen. Es verlangt aber auch, genau hinzusehen, denn seine Sprache ist in der Regel kurz und knapp. Die Evangelisten machen nicht viele Worte, sondern sagen meist nur das Nötigste. Obwohl Jesus im Mittelpunkt steht, erfahren wir nur das von ihm, was Bedeutung für den Glauben hat. Daß Simon Petrus verheiratet war, wissen wir nur deshalb, weil Jesus seine Schwiegermutter vom Fieber heilte. (Mt 8,14 f)

Es kam den Evangelisten nicht darauf an, chronologisch richtig zu erzählen. Die Frage nach der historischen Treue kann man also nur bei den einzelnen Taten und Worten Jesu stellen, nicht bei deren Reihenfolge, wo die Autoren ihren eigenen Regeln folgen. Markus verteilt z. B. die Taten und Worte Jesu auf 49, also sieben mal sieben, ausgewählte Tage eines größeren Zeitraums. Johannes verteilt sie auf drei Jahre und stellt Jesu Wirken in den Rahmen jüdischer Feste.

Wenn den Evangelisten verschiedene Texte vorlagen, fügten sie diese bedenkenlos zusammen, selbst wenn nur ein äußerlicher Zusammenhang bestand, wie beispielsweise dadurch daß gleiche Wörter auftauchten, wie etwa Licht oder Salz.

Die Autoren und Redakteure biblischer Schriften hatten den größten Respekt vor dem überlieferten heiligen Wort. Sie scheuten davor zurück, es zu verändern oder zu unterdrücken, auch wenn es für sie leicht gewesen wäre, damit Widersprüche zu beseitigen.

Manche Verfasser alttestamentlicher Schriften konnten der Versuchung nicht widerstehen, zur Bekräftigung ihres Textes Propheten, die in längst vergangener Zeit gelebt haben, nachzuhelfen und ihnen aus der Kenntnis der seither einge-troffenen Ereignisse heraus genaue Voraussagungen in den Mund zu legen. Dafür hat man das Fachwort „vaticinium ex eventu“ geprägt, das heißt „Voraussagung aus dem Ereignis heraus“. Man erkennt diese Art der Prophezeiung daran, daß sie sich auf den Zeitraum bis zur Abfassung der Schrift beschränkt.

Es war in der antiken Literatur üblich, an entscheidenden Stellen Reden den Personen so in den Mund zu legen, wie man dachte, daß sie gesprochen haben könnten. Auch in der Bibel findet man diese fiktive Rede. Es ist z.B. das Gebet Marias nach der Begegnung mit Elisabeth nie und nimmer das private und spontane Gebet eines Mädchens aus dem Volk sondern ein feierliches Gebet zur Verherrlichung des Gottes Israels, das Schriftgelehrtheit voraussetzt und in dem das Gebet von Hanna, der Mutter Samuels, nachklingt.

Eine wirkliche Rede wird nicht wörtlich widergegeben, denn das würde jemand voraussetzen, der mitgeschrieben hat und viel zu viel Papyrus oder Pergament kosten, sondern nur mit wenigen Worten thematisch benannt.

Die meisten Briefe des Neuen Testaments sind wirkliche Briefe, haben einen Absender und einen Adressaten, beziehen sich auf eine konkrete Situation.

Die Juden liebten Wortspiele oder sahen eine höhere Weisheit in der Ähnlichkeit verschiedener Wörter. Leider lassen sich Wortspiele nur selten in eine andere Sprache übertragen. Es bleibt nur ihre mühsame Erklärung in Fußnoten. Ein Beispiel: Laut Schöpfungsbericht sagte Gott nach der Erschaffung Evas aus der Rippe des Adam: Frau soll sie heißen, denn vom Mann ist sie genommen. Das läßt den Leser, der auf das Kleingedruckte nicht achtet, ratlos. Im Hebräischen ist alles klar: Sie soll `ischa (Frau) heißen, weil sie vom `isch (Mann) genommen ist. Luther konnte `ischa noch mit dem alten Wort Männin übersetzen und damit dem hebräischen Wortspiel gerecht werden. Heute geht das nicht mehr.

Die Bibel ist reich an Wörtern, die eine besondere Bedeutung haben. Es sind Umschreibung des Namens Gottes, religiöse Fachworte, die sich gebildet haben oder Wörter, die manchmal in normaler und manchmal in übertragener Bedeutung zu verstehen sind. Zum Beispiel: Brot - das Wort Gottes; Erde, Land - das gläubige Volk; Gerechter – einer, der nach dem Willen Gottes denkt und handelt; Gerechtigkeit - das richtige, gottgewollte Denken und Handeln, Gesetz und Propheten - die hebräische Bibel, Gesetz - die mosaischen Gebote; Herr, Kraft, Macht - Umschreibungen des Namens Gottes; die Himmel - das Reich Gottes; Meer - die fremden Völker, die ungläubigen Völker; Tora - die fünf Bücher Moses oder die mosaischen Gebote.

Berichte haben die historische Wahrheit wiederzugeben und nichts sonst. Das ist für uns selbstverständlich. Man darf aber nicht glauben, daß das überall so üblich ist und daß das in früheren Zeiten genauso war. Warum soll man inneres Erleben nicht auch in einem Bild oder in einer erdichteten Erzählung zum Ausdruck bringen? Man würde der Bibel nicht gerecht, wenn man sich nur die Frage stellte, ob ihre Geschichten sich in Wirklichkeit so zugetragen haben oder nicht. Man muß auch nach ihrem inneren Gehalt fragen, um ihre Botschaft zu hören. So gibt zum Beispiel die Erzählung vom Teufel, der Jesus 40 Tage in der Wüste versuchte (Mt 4,1 ff), bestimmt kein wirkliches Geschehen wieder. Schon die Zahl 40 läßt aufhorchen. 40 Jahre dauerte der Zug der Hebräer durch die Wüste, 40 Tage regnete es vor der Sintflut, 40 Tage war Moses auf dem Gottesberg, 40 Tage fastete er, 40 Tage fastete Elia, 40 Tage lang erschien Jesus nach der Auferstehung seinen Jüngern und die Schriftrollen vom Toten Meer sagen voraus, daß der Endkampf der „Söhne des Lichts“ gegen die „Söhne der Finsternis“ 40 Jahre dauern wird. Die Liste ließe sich fortsetzen. Und so wie die Zahl 40 eine symbolische Zahl ist und keine wirkliche, so ist es augenscheinlich, daß es bei der Versuchung in der Wüste nicht um Realität sondern um Symbolik geht, um die bildhafte Darstellung von Versuchungen, die Jesus überwinden mußte. Es ist eine exemplarische Geschichte, in der Versuchungen zugespitzt und konzentriert werden, die Jesus öfter gequält haben, zuletzt noch im Garten von Gethsemane. Jesus widerstand der Verlockung, für sein eigenes Wohl zu wirken (aus Steinen Brot für sich machen zu lassen), vor aller Augen seine Macht kundzutun (sich von Engeln tragen zu lassen) und ein politischer Herrscher zu werden (sich die Reiche der Welt geben zu lassen). Diese dreifache Absage war eine grundsätzliche Entscheidung und steht deshalb am Anfang seines öffentlichen Wirkens. Daß hier Wahrheit in Dichtung gekleidet ist, sollte niemand verwundern. Unsere Schriftsteller haben ja auch erst in den letzten Jahrhunderten gelernt, unverhüllt über innere Vorgänge zu schreiben.


Schriftbeweis


Das Neue Testament legt großen Wert auf die Bekräftigung durch die Schrift. Es ist voll von Bezügen zu ihr. Matthäus weist seine jüdischen Leser oft ausdrücklich darauf hin, daß dies geschah, damit sich die Schrift erfülle und er zitiert die entspre-chende Stelle. Mit erfüllen kann gemeint sein, daß nun eine Voraussage eingetroffen ist oder daß etwas geschah, was ein Vorbild in der Schrift hat.

Manchmal ist man beim Bemühen, das neue Geschehen als Erfüllung der Schrift zu dokumentieren, weiter gegangen, als es unsere Maßstäbe zulassen. Ein Beispiel: In den Psalmen (8,5 f) stehen die Verse : Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst, und des Menschen Sohn, daß du dich um ihn kümmerst? Denn du hast ihn wenig geringer gemacht als Engel, mit Herrlichkeit und Pracht krönst du ihn. Diese Stelle ist wörtlich zu verstehen, mit Mensch und des Menschen Kind ist kein bestimmter Mensch sondern der Mensch allgemein gemeint. Das geht aus den folgenden Versen klar hervor und wird auch in der Übersetzung von Buber und Rosenzweig deutlich: Was ist das Menschlein, daß du sein gedenkst, der Adam-Sohn, daß du zuordnest ihm…Aber der Verfasser des Hebräer-Briefs, der diese Stelle aufgreift (2,5 ff), bezieht sie nicht auf den Menschen allgemein sondern auf Jesus Christus als den Herrn der Welt.

Für uns ist es schwer, einer solchen Auslegung zu folgen. Vor man aber jetzt den Stab über dem Autor bricht, sollte man bedenken, daß den Juden eine solche vom Zusammenhang losgelöste Auslegung biblischer Texte nicht fremd war. Sie suchten diese nicht nur nach dem Sinn zu deuten, der sich aus dem Zusammenhang ergab, sondern glaubten, daß Gott, der aus der Bibel spricht, auch einen besonderen Sinn in jeden Satz und jedes Wort gelegt hat. Ja, es gab sogar Gelehrte, die auf einzelne Buchstaben achteten.

Es gibt auch Verweise auf Schriftstellen, die man nirgends gefunden hat. Z.B. Mt 2,23: damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: „Er wird Nazoräer genannt werden.“ Es sind uns also nicht alle Teile der Bibel bekannt, die es damals gab.
 

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Auslegung


Die Schriften der Bibel spiegeln eine lange Geschichte. Sie beginnt mit wandernden Hirtenstämmen, die untereinander in lockerem Zusammenhang standen. Sie zeigt, wie diese seßhaft wurden und sich dem Ackerbau zuwandten, wie sich die Stämme vereinigten und wie staatliche Ordnung und ein Königreich mit entwickelter Stadtkultur entstand. Es war schon in alter Zeit notwendig, sich der Frage zu stellen, was die vor langem formulierten Aussagen der Bibel unter neuen Umstän-den bedeuten. Darüber nachzudenken und Schlüsse zu ziehen, war Aufgabe der Rabbinen, die das mosaische Gesetz in einer sich wandelnden Welt immer wieder auf neue Fälle anwenden mußten. Dafür hatten sie eine ganze Reihe von Auslegungs-regeln entwickelt, darunter auch solche, die uns Kinder der Aufklärung nicht mehr recht überzeugen. Aber sie erreichten damit eine Auslegung, die dem neuen Rechtsbedürfnis entsprach.

Ein Beispiel: Das alte mosaische Gesetz Auge um Auge, Zahn für Zahn, das so hart klingt, aber vielleicht nur ein Übermaß an Vergeltung verhindern sollte, war zur Zeit Jesu bereits gemil-dert worden. Hatte man jemand ein Auge ausgeschlagen, so mußte man nicht mehr mit dem eigenen Auge bezahlen, sondern dafür Ersatz leisten. Um diese Umdeutung zu rechtfertigen, wandte man u.a. den sog. Analogieschluß an. Bei Mose steht der Satz (3 Mo 24,21) : wer …einen Menschen totschlägt, soll getötet werden. Unmittelbar davor steht: Wer ein (Stück) Vieh erschlägt, soll es erstatten. Aus der Analogie zwischen beiden Sätzen und aus anderen Bibelstellen folgerten die Rabbinen, daß das was für das Töten eines Tieres gilt, auch für das Töten eines Menschen Geltung hat, nämlich die Ersatzleistung. Und was für das Töten eines Menschen zutrifft, gilt erst recht für etwas Kleineres wie das Ausschlagen eines Auges.

Auch die Christen mußten und müssen auslegen, um zu zeigen, was der Kern der biblischen Aussagen heute bedeutet und um zu unterscheiden, was gilt und was nicht. Das wird nirgendwo so deutlich wie bei den Hunderten von mosaischen Geboten. Die Christen haben davon das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe sowie die Zehn Gebote, übernommen und alles andere beiseite gelassen. Selbst die Zehn Gebote blieben nicht unverändert. Das im ersten Gebot enthaltene Verbot der Anfertigung sakraler und anderer Bilder wurde immer weniger beachtet und schließlich im 8. und 9. Jahrhundert zu einem Verbot der Bilderverehrung umgedeutet.

Christen setzten sich im Lauf der Zeit auch über einzelne Worte Jesu hinweg. Ein Beispiel: Jesus hat gesagt (Mt 23,9) : Ihr sollt auch nicht (jemanden) auf der Erden euren Vater nennen; denn einer ist euer Vater, (nämlich) der im Himmel. Martin Luther hat diese Worte ernst genommen, die Katholiken nicht: Bei ihnen heißt der Bischof von Rom seit jeher Papst, d.h. Papa oder gar Heiliger Vater und sie nennen jeden Priester, der einem Orden angehört Pater, d.h. Vater.


Gottesbilder


Die Bibel ist ein Werk, in dem religiöse Vorstellungen aus vielen Jahrhunderten Eingang fanden. Es ist kein Wunder, wenn sie im Lauf der langen Zeit nicht immer gleich geblieben sind. Kennzeichnend ist der Monotheismus, der Glaube an einen einzigen Gott, nicht an einen Himmel verschiedener Götter – so die hergebrachte Meinung! Liest man aber alle Bücher des Alten Testaments und nicht nur den Schöpfungs-bericht des ersten Buches, so wird deutlich, daß der Gott der Israeliten ursprünglich ein Stammesgott war, neben dem es auch andere Götter gab. Der Gott Israels aber war stärker als die anderen und wachte eifersüchtig darüber, daß sein Volk keine anderen Götter verehrt, dafür rettet er es immer wieder aus Not und Sklaverei. Andere Völker mögen andere Götter haben, Israel aber hat den mächtigsten!

Der Gott Israels ist der Schöpfer der Welt, das glauben Juden und Christen. Er hat der Natur ihre Gesetze gegeben. Er hält sein Werk im vorgegebenen Gang. Er läßt seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen.

Der Gott der Bibel hat menschliche Züge. Er liebt die Guten und zürnt den Bösen. Er ist eine Person, allerdings so groß und gewaltig, daß man sterben müßte, wenn man ihr Antlitz erblickte. Der Herr sprach zu Mose: Du kannst (es) nicht (ertragen), mein Angesicht zu sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. (2 Mos 33,20) Gott zeigt sich deshalb ihm genauso wie dem Elija nur verhüllt in einer Wolke, im Feuer, im Vorübergehen von hinten, im Abdruck seiner Füße, er nimmt menschliche Gestalt an, wie bei der Erscheinung vor Abraham bei den Eichen von Mamre oder er läßt wie am Jordan nur seine Stimme hören, die aus den Wolken kommt. Gott teilt sich durch seinen Geist mit, schickt Engel als Boten, wirkt durch Menschen und offenbart sich durch seine Taten.

Im Schöpfungsbericht (1 Mos 1,27) steht: Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn. Man müßte deshalb vom Menschen auf Gott schließen können. Aber war es wirklich so? Müßte es nicht viel eher heißen: Der Mensch schuf sich sein Gottesbild nach menschlicher Idee? Er stellte sich Gott als eine Person mit den idealen und ins Riesenhafte vergrößerten Eigenschaften des Menschen vor: Unendlich groß, unendlich mächtig, unermeßlich in seiner Güte, unermeßlich in seinem Zorn. Er konnte ihn sich mit seiner begrenzten Vorstellungskraft gar nicht anders denken.
 

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Schöpfungsgeschichte


Seit alters her haben die Menschen darüber nachgedacht, was am Anfang aller Dinge stand. Die Frage ist nicht selbstver-ständlich und zeugt von einem entwickelten Geist. Der Schöp-fungsbericht der Bibel gibt Antwort, indem er die Erschaffung der Erde, des Wassers und des Landes, der Pflanzen, der Tiere und schließlich des Menschen als Geschichte erzählt. Am Anfang war das Chaos und dieses Chaos ordnete Gott durch seine Schöpfungstaten, die zeitlich aufeinander folgten.

Nach gegenwärtiger wissenschaftlicher Erkenntnis begann mit einem Urknall die lange Entwicklung des Universums und in ihm unseres Sonnensystems mit der Erde, der Formung der Erdkruste, der Bildung eines Urmeers, des Hervortretens der Kontinente, des Entstehens und der weiteren Entwicklung von Lebewesen bis hin zum Mensch. Im Großen und Ganzen ist das eine ähnliche Abfolge der Stufen wie in der Bibel. In den Einzel-heiten aber gibt es viele Widersprüche. Außerdem gibt es zwei grundsätzliche Unterschiede zwischen der Schöpfungs-geschichte der Bibel und wissenschaftlicher Erkenntnis mit denen sich die Menschen schwer getan haben und manche sich immer noch schwer tun. Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Universums und die Lebewesen sind veränderlich.

Die uns selbstverständliche Erkenntnis, daß die Erde um die Sonne kreist und nicht die Sonne um die Erde, war seinerzeit u.a. deshalb so schwer zu schlucken, weil sie den Menschen aus dem Mittelpunkt der Schöpfung verdrängte. Ein weiterer Schritt war die Entdeckung, daß das Universum von einer Größe ist, die alle Vorstellungskraft sprengt, daß unsere Sonne mit ihren Planeten nur eine der Milliarden Sonnen der Milchstraße ist, daß sie sich nicht in deren Kern sondern ganz am Rande befindet und daß es sich bei der Galaxie Milchstraße nur um eine der vielen Milliarden Galaxien des Universums handelt.

Aber nicht nur der Raum, auch der Zeitraum, den wir über-blicken, hat sich ungeheuer vergrößert. Nach heutigem Wissen ist das Universum vor 14 Milliarden Jahren aus dem Sternen-staub eines Urknalls entstanden, hat unsere Sonne erstmals vor 4 bis 5 Milliarden Jahren geleuchtet und wird es, wenn nichts dazwischen kommt, noch viele Milliarden Jahre tun. Die Erde, kurz nach ihr entstanden, ist ein Feuerball, dessen innerster Kern eine Temperatur von mehreren tausend Grad hat und der nur außen mit einer ganz dünnen Kruste bedeckt ist. Sie ist immer noch in Bewegung. Kontinente driften, Erdplatten sinken ab und tauchen auf, Gebirge türmen sich.

Der Wandel der Arten auf der Erde scheint im Gegensatz zum Bericht der Bibel zu stehen, die nur Arten kennt, die Gott so geschaffen hat wie sie heute sind. Mittlerweile weiß man, daß das Leben mit ganz einfachen Formen im Urmeer begonnen hat. In den Ablagerungen des Meeresbodens hat man Spuren verschiedenster Lebewesen gefunden, die es heute nicht mehr gibt, aus denen sich andere Arten entwickelt haben oder die ohne Nachfolger ausgestorben sind. Von Einzellern, die Milliarden Jahre lang gelebt haben, über Vielzeller bis hin zu einer wahren Explosion höher entwickelter Lebewesen, seit die Erde vor etwas mehr als einer halben Milliarde Jahre aus einem Eispanzer aufgetaut ist, der sie eine Zeit lang umfangen hielt! In dieser jüngsten Zeit ist aufgrund kosmischer oder irdischer Katastrophen mehrfach ein großer Teil der existierenden Arten ausgestorben, neue haben sich aus alten entwickelt. Der Mensch, dessen Vorläufer vor wenigen Millionen Jahren von den Bäumen herabgestiegen sind, wird verschwinden, lange vor die Erde erkaltet.

Wie der Kosmos geordnet ist und wie die Schöpfungstaten aufeinander folgten, kann aber von der Bibel nicht anders erzählt werden, als es die Menschen seinerzeit verstanden. Sie sahen sich und die Erde im Mittelpunkt des Alls. Sonne, Mond und Sterne waren auf sie bezogen. Keiner ahnte, daß die Erde ein Trabant der Sonne ist, daß die Lebewesen sich im Lauf der Erdgeschichte gewandelt haben. Doch damit wird die fundamentale Aussage der Bibel nicht widerlegt, daß Gott der Schöpfer ist, denn das ist er auch dann, wenn er alles so angelegt hat, daß sich eines von selber aus dem andern entwickelt.

Aber ist nicht auch das Bild eines Gottes, der in einem einma-ligen Schöpfungsakt Himmel und Erde geschaffen hat, noch sehr menschlich gesehen? Wir können uns nichts anderes vorstellen, als daß eine Schöpfung am Anfang aller Dinge stand, weil wir nichts anderes wissen und nie etwas anderes erlebt haben, als daß alles, was ist, auch einmal begonnen hat. Vielleicht aber kommen wir der Wahrheit näher, wenn wir uns Gott nicht als Person denken, die die Welt aus dem Nichts oder dem Chaos geschaffen hat, sondern als eine Kraft, die dauernd in der Natur wirkt, die das Kleinste und Größte trägt und von der alles Sichtbare und Unsichtbare abhängt. Möglicherweise hat der Kosmos, hinter dessen Urknall vielleicht ein andrer Kosmos stand und aus dem vielleicht einmal ein anderer Kosmos geboren wird, gar keinen Anfang und kein Ende. Vielleicht wandelt er sich nur, so wie sich Energie nur wandelt und nicht verloren geht. Vielleicht gibt es so etwas wie eine ewige Gegenwart, die wir mit unserem Zeitbegriff nicht fassen können. So wie es Dinge gibt, die wir mit unseren Augen nicht sehen können, kann es ja auch Kategorien geben, die wir mit unserem Hirn nicht denken können. Und selbst wenn wir Offenbarungen bekommen sollten, können wir sie ja nur in uns verständlicher Sprache und in uns verständlichen Bildern, also nur unvollkommen, empfangen. Wäre es da nicht ehrlicher, zuzugeben, daß wir Gott nicht erkennen können, als zu versuchen ihn zu beschreiben?

Der Traum von einer goldenen Urzeit findet sich in den Mythen vieler Völker. Auch die Hebräer träumten ihn und haben ihn in der Erzählung vom Garten Eden mit genauen Details aus-geschmückt. Der Kern der Geschichte leuchtet in seiner Botschaft unmittelbar ein. Eine frühere animalische Unschuld ist verloren gegangen, weil der Mensch die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen hat. In der Sprache moderner Entwick-lungslehre: Entscheidend für die Sonderstellung des Menschen im Tierreich war der aufrechte Gang, der ihn in die Lage versetzte seine vorderen Extremitäten als Werkzeuge zu benutzen und damit einhergehend die rasante Entwicklung seines Gehirnvolumens. Damit unterscheidet er sich heute markant von seinem Vorläufer, der sich noch mit allen Vieren durch die Bäume hangeln mußte. Mit der Entwicklung des Gehirns einher ging die Entwicklung eines Bewußtseins, das ihn von den Tieren unterschied und ihn fähig machte, Gutes und Böses nicht nur zu erkennen, wie die Bibel sagt, sondern auch zu tun.
 
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Das Gute und das Böse


Die Bibel beginnt hoffnungsvoll: Und Gott sah, daß es gut war. Fast an jedem Schöpfungstag wird das gesagt, auch am Abend des Tages als der Mensch geschaffen wurde. Das bedeutet, daß Gottes Werk gelungen war, daß die Sterne am Himmel blieben, daß Pflanzen und Tiere auf der Erde gediehen, daß auch der Mensch so geraten war, wie Gott es wollte.

Vielleicht klingt diese Erklärung etwas platt. Es geht hier aber nicht darum, was wir uns in den Text alles hineindenken können, sondern was die Autoren der Bibel gemeint haben. Deren Denken aber war einfach: Das gewaltige Werk der Schöpfung war für Gott keine leichte Aufgabe! Er hätte ja sonst nicht am siebten Tag ausruhen müssen. Deshalb war es auch nicht selbstverständlich, daß ihm alles richtig gelang.

Was empfanden die Menschen der Bibel als gut? Zunächst ganz simple Dinge. Vor Abraham: Alles was nötig war, damit die Menschen überleben, damit sie sich vermehren. Seit Abraham konzentriert sich das Gute auf das Wohlergehen der Hebräer als dem auserwählten Volk. Das materiell Gute kommt von Gott als Belohnung für das sittlich Gute, das die Menschen leisten: Den Herrn lieben mit ganzem Herzen, wie es in der Tora steht und wie es Jesus bekräftigt hat. Und im Verhältnis der Menschen zueinander: den Nächsten lieben und die Goldene Regel beachten, die für Jesus die Quintessenz der Tora und der prophetischen Bücher der Bibel war. Sie ist auch aus anderen Quellen, jüdischen und nichtjüdischen, der Antike bekannt: Alles nun, was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut ihr ihnen auch!


Schwierigkeiten bereiten jedoch manche Sätze Jesu, die weit über die Nächstenliebe und die Goldene Regel hinausgehen. Z.B: wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andre hin, und liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen. Weder das eine noch das anderen haben sich die Christen, von Ausnahmen abgesehen, zu eigen gemacht. Man kann als Einzelner diesen Ratschlägen nachkommen, als Leitlinien für eine Gesellschaft sind sie problematisch. Auch einen anderen Ratschlag Jesu kann man kaum befolgen. Er sagte nach Matthäus.(6,25 ff): seid nicht besorgt für euer Leben, was ihr Essen und Trinken sollt, noch für eueren Leib, was ihr anziehen sollt! Trachtet.. .zuerst nach dem Reich Gottes…! Und dies alles wird euch hinzugefügt werden. So seid nun nicht besorgt um den morgigen Tag! Denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen.
Einzelne mögen für kurze Zeit so leben können, vor allem dann, wenn andere da sind, die sich um den morgigen Tag kümmern. Aber hätte Jesus das auch gesagt, wenn er gewußt hätte, daß es nicht um wenige Auserwählte und um eine kurze Zeit sondern um ganze Völker und Jahrtausende geht? Man kann sich diese Worte nur in abgeschwächter Form zu eigen machen, in der Form „sorgt euch nicht zu sehr….“ Im allgemeinen aber haben sich die Christen daran gewöhnt, diese extremen Sätze als unerfüllbar zu überlesen.

Über das, was beachtet werden muß, wenn man vor Gott gut sein will, hat es im Lauf der Geschichte immer wieder Auseinandersetzungen gegeben, daß es aber das Gute gibt, wurde nie bestritten und woher es kommt hat nie in Frage gestanden. Anders ist es mit dem Bösen. Woher kommt es? Ist es naturgegeben? Kommt es vom Teufel?

Die Natur scheint gleichmütig zu sein, weder Gut noch Böse zu kennen. Das Hauptziel, dem die Lebewesen folgen, ist offensichtlich das Überleben der Art unter ständigem Wandel durch Anpassung an neue Bedingungen. Die Methoden scheinen grausam. Ein Tier frißt das andere oder ernährt sich von Pflanzen, die auch Lebewesen sind. Von friedlichem Zusammenleben der Konkurrenten um Nahrung kann nur innerhalb einzelner Arten und Gruppen die Rede sein. Der Mensch macht es nicht anders. Wenn eine Tierart sich zu sehr vermehrt, sorgt prompt Nahrungsmangel, sorgen Seuchen dafür, daß sie sich wieder reduziert und anderen Arten Platz macht. Die Pflanzen untereinander scheinen sich friedlicher zu geben, aber genau betrachtet stehen auch sie in einem unbarmherzigen Überlebenskampf. Auf eine Pflanze, die sich entwickelt, kommen ungezählte Samen die nicht aufgehen und Sprößlinge, die keine Chance haben, weil sie auf schlechtem Boden stehen oder von anderen Pflanzen erstickt werden. Wir sind aber so geschaffen, daß wir uns trotzdem in dieser Welt wohl fühlen und in der Natur unsere Seele auflebt. Wir stehen bezaubert in Blumenwiesen und nehmen die Dramen, die sich zu unsren Füßen abspielen, gar nicht wahr. Wir wissen nicht einmal, ob es wirkliche Dramen sind. Vielleicht erscheinen sie nur in unserer Perspektive so. Der Überlebenskampf, in dem Pflanzen und Tiere stehen, ist so fundamental, so „naturgege-ben“, daß man sich weigern muß, ihn als böse anzusehen.

Der Mensch aber kennt Böses, das weit schlimmer ist als die Konkurrenz um Platz und Nahrung. Woher kommt es, wo doch Gott alles gut gemacht hat? Das Alte Testament führt es auf den Zorn Gottes zurück. Gott straft die Menschen, die er geschaffen hat, wenn sie ihn nicht lieben. Entweder tut er das selbst oder er läßt den Teufel wirken. Zwar bevorzugt Gott Israel vor allen anderen Völkern, aber er ist eifersüchtig und sucht die Israeliten mit besonderem Zorn heim, schickt Krankheit, Hungersnot und Krieg, wenn sie andere Götter verehren oder wenn er Hiobs Glauben erproben will. Doch schenkt er Gesundheit, Nachkommen und Reichtum, wenn man sich mit ihm versöhnt oder Hiob sich am Ende standhaft erweist.

Daß schlimmes Schicksal die Folge persönlicher Schuld sein soll, ist einsichtig. Warum aber trifft es den einen Bösewicht und den anderen nicht? Warum trifft es auch Unschuldige? Stellen wir uns Gott sehr menschlich vor, dann mag das Bild der Sintflut einleuchten, mit der Gott in seinem Zorn über das verdorbene Menschengeschlecht fast alle ersäuft einschließlich sämtlicher unschuldiger Kinder. Denkt man ihn sich aber weniger irdisch, dann hat man mit der Geschichte Probleme. Man muß eingestehen, daß es viel menschliches Leid auf Erden gibt, das niemand mit einer tieferen Ursache erklären kann. Haben es menschliche Leidenschaften verursacht, dann bleibt nur die resignierende Feststellung, daß wir wohl eine hochentwickelte Intelligenz haben, aber emotional leider noch tief in der Steinzeit stecken. Ist es die Folge von Naturereig-nissen oder technischen Katastrophen, so müssen wir zugeben, daß die Natur nach ihren Gesetzen abläuft und nicht nach Einzelschicksalen fragt. Die christliche Auffassung, daß über allem ein liebeder Vatergott steht, der jeden einzelnen behütet, ist schwer damit in Einklang zu bringen. Sie scheint mehr Wunsch zu sein als Wirklichkeit.

Das Urbild eines bösen Menschen zeichnet die Bibel in der Gestalt des Kain, der seinen Bruder Abel erschlug, weil dessen Opfer Gott wohlgefällig war und seines nicht. Damit hat sie den Auftakt für alle Untaten, die Menschen einander antun, in eine exemplarische Geschichte gefaßt. (1 Mo 4,1 ff) Interessanter aber als die Tat ist ihre Folge. Gott verfluchte Kain zwar und vertrieb ihn vom Acker, aber er strafte ihn nicht mit dem Leben, wie man es hätte erwarten können, sondern gab ihm ein Zeichen, das ihn davor schützte, von den anderen totgeschla-gen zu werden. Es wäre ja sonst sein Stamm erloschen. Es läßt sich aber das Kainsmal auch als Echo auf die quälende Tatsache verstehen, daß es immer schon Gewalttäter gegeben hat, die ihrer Strafe entgehen und auch noch Erfolg mit ihren Verbrechen haben.
 

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Tod, Auferstehung und Gericht


Die Juden hatten in den Jahrhunderten vor und nach der Zeitenwende keine einheitlichen Vorstellungen vom Geschehen nach dem Tod. Die Bibel und andere zeit-genössische Schriften zeigen, daß der Glaube an ein Schlafen der Toten im Grab, an ein Weiterexistieren in einem Schatten-reich weit verbreitet war. Dabei dürfen die Guten in Frieden ruhen, die Bösen aber müssen leiden. Manche glaubten auch daran, daß am Ende dieser Weltzeit Gott oder der von ihm gesandte Messias die Guten aus den Gräbern ruft und in sein Königreich aufnimmt. Daneben gab es die Vorstellung, daß auch die Bösen auferstehen und endgültig gerichtet werden. Ihnen ist zusammen mit dem Teufel ewiges Feuer bereitet. Die Sadduzäer leugneten Unsterblichkeit der Seele und Aufer-stehung. Für die Qumram-Essener aber stand das Ende, in dem sie nach einem 40-jährigen Kampf ihre Feinde besiegen werden, unmittelbar bevor. Dann werden die Bösen bestraft und die Guten in einem Paradies auf Erden belohnt werden. Ein Prophet und zwei Messiasse sollten diese Zeit herbeiführen.

Die Geschichte vom armen Lazarus und dem reichen Prasser aus dem Lukas-Evangelium ist ein Beispiel für eine dieser Vorstellungen. Lazarus wurde nach seinem Tod von Engeln in Abrahams Schoß getragen, wo er für die Qualen, die er im Leben erleiden mußte, getröstet wurde. Der hartherzige Prasser aber, der seinen Anteil am Guten schon zu seinen Lebzeiten erhalten hatte, kam nach seinem Tod in die Unterwelt, wo ein Feuer brannte und er qualvoll leiden mußte. (Lk 16,19 ff)

Die Bestrafung von Sünden begann aber nach allgemeiner Ansicht nicht erst nach dem Tod sondern schon zu Lebzeiten. Auch Krankheit wurde als Folge von Sünde gedeutet. Jesus sagte zu dem Kranken, den er geheilt hatte : Siehe, du bist gesund geworden. Sündige nicht mehr, damit dir nichts Ärgeres widerfahre. Ebenso wurden gute Taten, Versöhnung und Standhaftigkeit noch auf dieser Welt belohnt, wie es Hiob noch erlebte. Die Konsequenz auf Erden ist aber erst das Vorspiel für den ewigen Lohn im Himmel und die ewige Strafe in der Unterwelt.

Die ersten Christen lebten in der gleichen Gedankenwelt. Sie waren sich aber sicher, daß in Jesus Christus der Messias bereits auf Erden gewesen war. Er hatte hier leiden müssen wie der Gottesknecht Jesajas. (42,1 ff) Mit seiner Erweckung aus dem Grab hat die Auferstehung bereits begonnen. Er ist der Erstling der Entschlafenen und er wird wiederkommen, um die Auferstehung zu vollenden. (1 Kor 15,20) An diesem Tag wird er die Welt richten und vor aller Augen die Guten in das Himmelreich führen und die Sünder in die Hölle schicken.

Jesus war überzeugt, daß das Reich Gottes bereits im Entstehen ist. Johannes der Täufer hat es als Prophet vorbereitet. Seither ist es im Wachsen. Auf die Frage der Pharisäer, wann das Reich Gottes komme, lautete die Antwort Jesu in der Übersetzung Luthers (Lk 17,21): Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden. Man wird auch nicht sagen, siehe, hie oder da ist es. Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch. Diese Antwort erstaunt, denn nirgend sonst sprechen die Evangelien vom Reich Gottes im Herzen der Menschen Die Elberfelder Bibel übersetzt dagegen: Das Reich Gottes ist mitten unter euch, d. h. „mit mir (oder auch „mit euch“), hat es bereits begonnen“. Ein andermal sagte Jesus . Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen.
(Lk 11,20)

Ein dunkles Wort Jesu, das Matthäus überliefert, fügt sich auch in diesen Rahmen (Mt 11,12): Aber von den Tagen Johannes des Täufers an bis jetzt wird dem Reich der Himmel Gewalt angetan und Gewalttuende reißen es an sich. Man hat auf eine Beziehung zu einem Ausspruch des biblischen Propheten Micha (2,13) hingewiesen: Herauf zieht der Durchbrecher vor ihnen her; sie brechen durch und durchschreiten das Tor und gehen durch es hinaus und ihr König schreitet vor ihren her, und der Herr an ihrer Spitze. Der Gewalttuende, von dem Jesus spricht, sei der Durchbrecher des Micha! Jesus sage also, daß das Kommen des Reiches Gottes nicht aufzuhalten ist, seit der Endzeitprophet Johannnes der Täufer die erste Bresche in die Mauer der zu erobernden Stadt geschlagen hat.

Das Reich Gottes wird vollendet werden, wenn der Messias kommt. Das wird laut Matthäus (24,27) vor aller Augen geschehen, wie der Blitz ausfährt von Osten und bis nach Westen leuchtet, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschens sein.

Jesus sagte vom Kommen des Menschensohns und dem Tag des Gerichts (Mk 13,30): Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis alles dies geschehen ist und ein andermal wiederholte er diese Prophezeiung mit den Worten (Mk 9,1): Es sind einige von denen, die hier stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das Reich Gottes in Kraft haben kommen sehen. Er war sich also sicher, daß er bald wiederkommen und das Reich Gottes errichten werde und genauso sicher waren sich auch die ersten Christen. Paulus schrieb (1 Thess 4,15 ff): Denn dies sagen wir euch in einem Wort des Herrn, daß wir die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen werden.

Nach traditioneller christlicher Ansicht, ist die Seele unsterb-lich, erfährt sofort nach dem Tod ihr Urteil und kommt entweder gleich oder nach einer Läuterung im Fegfeuer in den Himmel oder in die Hölle. Dann aber, wenn am Jüngsten Tag die Posaune ertönt, werden alle Toten wieder auferstehen, vor aller Augen erneut ihr Urteil erfahren und mit verklärtem, d.h. überirdischen Leib, für alle Ewigkeit in den Himmel geschickt werden oder wieder in die Hölle kommen. Jeder erfährt also zweimal das Urteil - einmal persönlich, gleich nach dem Tod, ein andermal öffentlich beim großen Weltgericht. Das doppelte Richten ist nicht recht einsichtig. Die Theologen sagen zwar, daß ein Unterschied sei, daß im allgemeinen Gericht alles Gute und alles Böse öffentlich kundgetan werde, damit vor der ganzen Welt die Macht Gottes sichtbar werde. Trotzdem bleibt ein Haken an der Sache.

Die Christen glauben, daß Jesus Christus der Messias ist. Sie warten darauf, daß er wiederkehrt und die Erlösung vollendet. Für die Juden ist Jesus nur einer der etlichen falschen Messiasse, die bisher aufgetreten sind. Sie warten darauf, daß der richtige kommt. Daneben gibt es noch zwei weitere bemerkenswerte Unterschiede in den Endzeiterwartungen. Die Juden, die als Volk nur selten ohne Pressionen und Gefahren leben konnten, hofften durch alle Jahrhunderte, daß Gott sie aus ihrer unterdrückten und gefährdeten Existenz befreit, wenn er sein Königreich errichtet und beteten darum und bestürmten ihn durch ein gottgefälliges Leben, daß er dies möglichst bald tue. Christen glauben, daß mit dem Jüngsten Gericht auch die Welt untergeht. Die meisten wünschen, daß sich das noch hinauszögert, zumal nach Paulus vorher noch eine besonders schlimme Zeit durchzustehen ist. (2 Thess 2,1 ff) Die Juden glauben an ein Reich Gottes auf Erden, die Christen an eines im Jenseits.
 
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