{"id":3247,"date":"2017-04-12T00:48:46","date_gmt":"2017-04-11T22:48:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.symptome.ch\/blog\/?p=3247"},"modified":"2020-03-26T20:48:21","modified_gmt":"2020-03-26T19:48:21","slug":"aelter-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/aelter-werden\/","title":{"rendered":"Wie man beim Altern sicher scheitert"},"content":{"rendered":"<p>Vom ersten Tag an werden wir \u00e4lter. In Kindheit und Jugend scheint \u00e4lter werden ein Gewinn zu sein, weil wir, durchpulst vom Gl\u00fcck der Entfaltung, gelockt von tausend Hoffnungen, das Leben vor uns sehen, als w\u00e4re es die Ewigkeit, ein Land ohne Grenze. Doch irgendwann wird f\u00fcr viele das \u00c4lter werden zum Problem, wenn mit dem Ablauf der Zeit nicht mehr so viele Jahre bleiben, und sich konkrete N\u00f6te und Einschr\u00e4nkungen einstellen: Krankheiten, Einsamkeit, Gef\u00fchle der Wertlosigkeit, des Angewiesenseins auf andere, Angst vor Sterben und Tod etc. Muss das immer so sein? Manchmal ja, manchmal nicht, wenn wir uns vorbereiten auf das, was kommt, wenn wir heute so leben, dass wir auch in den sp\u00e4teren Jahren davon Gewinn haben werden.<\/p>\n<p>\u201eMan braucht ein ganzes Leben, um jung zu werden\u201c, lautet der Titel eines B\u00fcchleins (2), weil Alter nicht nur \u00e4lter werden bedeutet, sondern immer auch Erneuerung, Entwicklung, Wandlung bedeuten kann. Wie mich dieser Satz begeistert!<\/p>\n<p>Aber \u2013 ist das eine reale M\u00f6glichkeit ? Nein! werden viele sagen. Ich setze dagegen ein deutliches Ja! Ich selbst bin 78 Jahre alt, habe Krebs und f\u00fchle mich trotzdem j\u00fcnger als vor zehn Jahren. Zugegeben, unser K\u00f6rper altert, meiner selbstverst\u00e4ndlich auch. Und auch unser Geist altert, aber auf eine ganz besondere Weise.<\/p>\n<p>Was ist oder bedeutet Altern oder Alter? In der \u201ePhilosophischen Hausapotheke\u201c (3) las ich den ermutigenden Satz:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAlter ist vor allem Ansichtssache. Es gibt schlie\u00dflich immer wieder ausgesprochen gl\u00fcckliche neunzigj\u00e4hrige, woraus folgt, dass selbst hohes Alter nicht zwingend zu Verdruss f\u00fchrt, w\u00e4hrend es andererseits eine Menge au\u00dferordentlich ungl\u00fcckliche junge Menschen gibt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<h2>Aber: Alt werden in dieser Zeit?<\/h2>\n<p>In keiner Zeit haben Menschen so vielf\u00e4ltige Ver\u00e4nderungen erfahren wie in dieser. Die Ver\u00e4nderungen begl\u00fccken und bedr\u00fccken uns (technologische Entwicklung, Internationalisierung des Lebens, Umbr\u00fcche in der Wirtschafts- und Arbeitswelt, Ver\u00e4nderung der Gesellschaft in eine Informationsgesellschaft, Pluralismus von Weltanschauungen). Diese Entwicklungen l\u00f6sen tiefgreifende Fragen aus, etwa diese:<\/p>\n<ul>\n<li>Wo f\u00fchrt \u201edas alles\u201c hin?<\/li>\n<li>Worauf kann ich mich noch verlassen?<\/li>\n<li>Was muss ich tun, um in dieser Welt noch zurechtzukommen?<\/li>\n<li>Wonach kann, soll und darf ich mich richten? Gibt es Wegweiser f\u00fcrs Leben, und wenn ja, welche gelten?<\/li>\n<li>Welche Werte f\u00fchren zu einem sinnvollen Leben?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Denken Sie etwa an die technologische Entwicklung. Ein Beispiel: Mittelpunkt der gro\u00dfen Computermesse 2016 in Hannover \u2013 man nennt sie CeBIT \u2013 waren nicht die bekannten Polit- und Showstars die auff\u00e4lligsten Besucher, sondern Peppers und Nao. Peppers ist ein 1,20 m gro\u00dfer Roboter, ausgestattet mit einem hohen Ma\u00df an k\u00fcnstlicher Intelligenz. Er spricht 20 Sprachen, kann sogar, wird gesagt, den Gesichtsausdruck seines menschlichen Gegen\u00fcbers deuten. Peppers kann noch viel mehr, so zum Beispiel Senioren betreuen. Sp\u00e4testens bei der Information, \u201ePeppers\u201c k\u00f6nne den Gesichtsausdruck eines Menschen deuten, sp\u00fcre ich meine Nackenhaare: Wieso kann der \u201edeuten\u201c? Und was macht der mit seinen \u201eErkenntnissen\u201c? Ein Roboter kann doch auch keinen Menschen ersetzen, keine Beziehung begr\u00fcnden! Er hat doch kein Herz! Alte Menschen brauchen doch menschliche Ber\u00fchrungen! Ihnen behilflich sein \u2013 das schon. Aber ersetzen? Wie wird diese Entwicklung weitergehen?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich diese Zeilen schreibe, empfinde ich einen beunruhigenden Abstand zu den Menschen der j\u00fcngeren Generation, die \u201eso etwas\u201c und vieles andere mehr entwickeln k\u00f6nnen. Zugleich sagt mir mein Verstand, ich sei eben alt und verstehe die Jungen nicht mehr. Doch da wehrt sich etwas in mir, \u2013 und was sich da wehrt, baut mich wieder auf! \u2026 Und was ist das? Der Gedanke, dass Leben lebendige Geschichte und Geschichte nur durch Ver\u00e4nderungen m\u00f6glich ist. Dass alles darauf ankommt, ob wir, also auch ich, die Zumutungen, zu denen die Geschichte herausfordert, annehmen oder nicht, ob wir sie abwehren oder uns daf\u00fcr entscheiden, sie gestalten, mitgestalten zu wollen. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnte es ja sein, dass in vielen Neuerungen M\u00f6glichkeiten verborgen w\u00e4ren, die unser Leben erleichtern k\u00f6nnten. Und das ist bereits heute der Fall! Ich denke an die weltweite Vernetzung durch das Internet. Die begeistert mich. Ich schreibe einen Brief in Salzburg, wenige Sekunden sp\u00e4ter liest mein Freund ihn in Melbourne. Oder: Es freut mich, dass ich beim Schreiben eines Buches m\u00fchelos einen Abschnitt von Seite 94 auf Seite 24 \u00fcbertragen kann. Und auch das erweckt in mir Bewunderung und Dankbarkeit: dass die moderne Pharmazie f\u00fcr mich und andere ein Medikament entwickelt hat, das Leben verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich, und dieser Gedanke befriedigt mich zutiefst: Als \u00e4lter werdender oder alter Mensch muss ich nicht auf jede Neuigkeit reagieren. Nein, ich muss nicht wissen, was im Computer \u201eExcel\u201c bedeutet\u201c oder \u201eBrowser\u201c. Ich kann, wenn n\u00f6tig, andere fragen. Ich muss mir auch heute nicht ausmalen, wie ich in Zukunft mit meinem Roboter XLV einsam Zwiesprache halte. Und \u2013 dieser Gedanke macht mich wieder hellwach &#8211; was auf uns zukommt, k\u00f6nnte ja auch hochinteressant werden!<\/p>\n<h2>Zwei grundlegende Voraussetzungen f\u00fcr ein gelingendes Leben, auch im Alter<\/h2>\n<p>Erstens: Jede Zeit hat ihre eigene Art und ihren eigenen Wert. Keine Zeit ist mit einer anderen vergleichbar. Darum ist jede Zeit gleich wert-voll, voll von Leben &#8211; wenn wir sie annehmen als Zeit f\u00fcr uns zum Leben. Keine Zeit ist \u201ebesser\u201c als die andere. Keine birgt mehr Gl\u00fcck in sich und keine mehr Ungl\u00fcck, weil nicht prim\u00e4r die Zeit, sondern die Einstellung zu ihr dar\u00fcber entscheidet, wer wir sind und wie wir leben.<\/p>\n<p>Zweitens: Der Geist altert auf seine ganz eigene, besondere Art. Gleich ein Beispiel: Ich denke an eine 8oj\u00e4hrige Dame, die mich bei meinem Ja zum Leben m\u00fchelos unterst\u00fctzen w\u00fcrde. Ich lernte sie in einer Seniorenakademie kennen. Ich sehe sie wieder vor mir. Ihren Namen habe ich vergessen, ihre Erscheinung nicht: Ihre blitzenden Augen und den g\u00fctigen Charme auf ihrem Gesicht, ihre trotzige Ehrlichkeit und ihre befreiende Bescheidenheit, ihren Wissensdurst und die fast waghalsige Lust, mit der sie Klarheit in ihr Familienleben brachte. Sie h\u00f6rte nicht auf, innerlich zu wachsen, sich auszuformen, rund zu werden. Und nun kommt mir auch wieder ihr Tanz im gro\u00dfen Park in Erinnerung, dieser Tanz mit dem Wind und der Freude, mit der Leichtigkeit und dem Leben.<\/p>\n<p>Weil der Geist nicht unmittelbar an den K\u00f6rper gebunden ist, altert er auf seine ganz eigene Art und findet dabei in jeder neuen Lebensphase neue Ausdrucksformen. Die relative Unkenntnis dieser Tatsache ist bedauerlich und f\u00fchrt dazu, dass manche Verhaltensweisen des alternden oder alten Menschen einseitig negativ missdeutet werden. Zweifellos verringern sich die Leistungen der Sinneswahrnehmungen. Der eine Mensch zum Beispiel sieht, der andere h\u00f6rt nicht mehr so gut. Das Nachlassen der Sinneswahrnehmungen hat zur Folge, dass die \u201eBilder\u201c, die der alte Mensch von der Welt gewinnt, blasser und unvollst\u00e4ndiger werden, zugleich aber erscheinen sie ihm durchsichtiger, er sieht sie konzentrierter. So entdeckt man bei Alterswerken bedeutender Maler zwar weniger Einzelheiten, daf\u00fcr aber kommt das Wesentliche und Wichtige eindeutiger und klarer zum Ausdruck.<\/p>\n<h2>Die Bedeutung der 2. Lebensh\u00e4lfte<\/h2>\n<p>Ich stimme C.G. Jung zu: Die zweite Lebensh\u00e4lfte ist anders als die erste. Wenn die zweite Lebensh\u00e4lfte beginnt -, wenn die Ziele der jungen Jahre mehr oder weniger verwirklicht worden sind -, wenn die Aufmerksamkeit \u00fcber viele Jahre der Entwicklung von Familie, Freundschaft, Beruf und dem weiteren Umfeld galt, sollte man sich mehr als bisher dem Inneren zuwenden. Dann n\u00e4mlich dr\u00e4ngen sich andere Fragen auf als in der ersten Lebensh\u00e4lfte, im Verstohlenen oder ganz offen:<\/p>\n<p>Wo stehe ich heute?<\/p>\n<p>Haben sich meine Erwartungen eines erfolgreichen und\/oder gl\u00fccklichen Lebens verwirklicht, wie ich es mir vor zwanzig Jahren vorgestellt habe?<\/p>\n<ul>\n<li>Was habe ich vers\u00e4umt?<\/li>\n<li>Kann ich das Vers\u00e4umte nachholen?<\/li>\n<li>Was war und ist noch immer sinnvoll?<\/li>\n<li>Was habe ich bisher erreicht, und worum soll es in den n\u00e4chsten Jahren gehen?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Was ich pers\u00f6nlich vor allem f\u00fcrchte? Dass ich in den letzten Abendstunden meines Lebens einmal sagen m\u00fcsste:<\/p>\n<ul>\n<li>Ich habe mein Leben nicht wirklich gewollt.<\/li>\n<li>Ich habe mein Leben nicht wirklich gesucht.<\/li>\n<li>Ich habe mein Leben nicht wirklich geliebt.<\/li>\n<li>Ich habe mein Leben nicht wirklich angenommen.<\/li>\n<li>Ich habe zu viel ungelebtes Leben zur\u00fcckgelassen.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Und immer wieder geht die Sonne auf<\/h2>\n<p>Ich wei\u00df es noch genau: Es war an meinem 60. Geburtstag. Mein Befinden nach dem Aufwachen war keineswegs festlich. Als ich mich im Bad dem Spiegel aussetzte, erschrak ich. In der Tat: Ich bin 60! Ja, so sehe ich aus. Kein Zweifel! Doch pl\u00f6tzlich \u2013 ich muss ein Gesicht gemacht haben wie jener Herr auf dem Umschlag von Paul Watzlawicks \u201eAnleitung zum Ungl\u00fccklichsein\u201c &#8211; \u00fcberkam mich ein gro\u00dfes, befreiendes Lachen.<\/p>\n<p>Ich schaute noch einmal in den Spiegel und sah nun einen Mann, der offensichtlich etwas zu begreifen begann. Schnurstracks machte ich mich auf den Weg (ich trug noch immer meinen Schlafanzug), setzte mich ans Klavier, h\u00e4mmerte Udo J\u00fcrgens\u00b4ber\u00fchmten Song \u201eUnd immer immer wieder geht die Sonne auf &#8230;\u201c in die Tasten und sang dazu laut und begeistert. Die Wirkung war fabelhaft. Wie vom Winde verweht waren meine Sorgen. Und ich begriff: Ich kann tats\u00e4chlich beim Altern scheitern, aber ich muss nicht beim Altern scheitern. In meinem Buch habe ich \u00fcber 20 M\u00f6glichkeiten des Scheiterns beschrieben &#8211; und wie man es verhindern kann. Einige will ich davon andeuten.<\/p>\n<h2>1. Achten Sie Ihren K\u00f6rper, aber beobachten sie ihn nicht st\u00e4ndig!<\/h2>\n<p>Es ist ja verst\u00e4ndlich, manchmal sogar notwendig, dass wir unseren K\u00f6rper beachten, vor allem dann, wenn wir krank werden oder bereits sind. Aber Vorsicht! \u00dcbertreiben Sie das Achtgeben nicht. Notieren Sie nicht jedes Wehwehchen. Es k\u00f6nnte sonst dazu kommen, dass Sie das Gesunde in Ihnen, von dem Sie hoffentlich reichlich haben, aus dem Blick verlieren.<\/p>\n<p>Da kommt mir eine Erinnerung, die mich noch heute am\u00fcsiert. Damals jedoch litt ich sehr! Ich war etwa 15 Jahre alt. Als Fahrsch\u00fcler kam ich an jedem Tag an einem Krankenhaus vorbei. Nun war in jener Zeit viel von Blinddarmentz\u00fcndungen und Blinddarmoperationen die Rede. Und immer dann, wenn wir mit dem Bus in Sichtweite eines Krankenhauses gerieten, schmerzte in meinem Bauch die Region, in der ich den Sitz des Blinddarms vermutete. Hatten wir dieses bedrohliche Haus hinter uns gelassen, war der Schmerz verschwunden. Das Leben hatte mich wieder!<\/p>\n<p>Je mehr ich mich mit meinem Schmerz oder meiner Krankheit befasse, je mehr meine Gedanken um sie kreisen, desto mehr entferne ich mich von den Kr\u00e4ften in mir, die darauf warten, leben zu k\u00f6nnen. Bedenken Sie: Gedanken sind Energien, M\u00e4chte, Kr\u00e4fte, so oder so, ob st\u00f6rende\/zerst\u00f6rende oder lebensf\u00f6rdernde. Deshalb haben sie einen enormen Einfluss auf unsere Stimmungen, Empfindungen, Gef\u00fchle, auf unseren gesamten Organismus, auf unser Handeln. Die dominierenden Gedanken haben magnetischen Charakter, sie ziehen magnetisch alle gleichen Dinge an. Und das bedeutet: Das, woran wir am meisten denken, worauf wir unsere gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit richten, gestaltet prim\u00e4r unser Leben.<\/p>\n<h2>2. Achten Sie Ihre Seele, aber beobachten Sie sie nicht st\u00e4ndig!<\/h2>\n<p>Zu den schwierigsten, doch wichtigsten Aufgaben im Leben geh\u00f6rt nach meiner Erfahrung die Verabschiedung von und die Vers\u00f6hnung mit einer verletzenden Vergangenheit. Diese Aufgabe ist deshalb so wichtig, weil wir nur dann geistesgegenw\u00e4rtig sind und frei leben k\u00f6nnen, wenn wir die schmerzhaften Erinnerungsfesseln abgestreift haben. Denn m\u00f6gen die Ereignisse von damals l\u00e4ngst \u201eSchnee von gestern\u201c sein &#8211; die damit verbundenen Gef\u00fchle sind es keinesfalls, bis wir das, was war, noch einmal angesehen und aus heutiger Sicht dazu Stellung genommen haben. Und, wenn\u00b4s geht, sich damit vers\u00f6hnen, dass auch die schweren Stunden zu unserem Leben geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Sich vers\u00f6hnen auch mit denen, die uns \u201edas\u201c angetan haben? Ja, wenn\u00b4s geht. Jedenfalls ist Vers\u00f6hnung eine der zentralen Voraussetzungen f\u00fcr einen guten weiteren Verlauf auf dem Weg ins Alter. Sie schafft der Seele Frieden. Es ist jedoch eine Illusion zu meinen, wir k\u00f6nnten allem, was uns einmal geschmerzt oder weh getan hat, auf den Grund gehen. Die Seele ist tief wie das Meer. Deshalb ist es weise, die Reste eines vergangenen Problems ruhen zu lassen und sie aus einem gr\u00f6\u00dferen Abstand zu betrachten. Zu viele Menschen habe ich im Lauf der Jahre erlebt, die das Schwere in ihrem Leben nicht loslassen wollten oder konnten \u2013 und ungl\u00fccklich blieben.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte Vers\u00f6hnung mit der Vergangenheit bei alternden Menschen aussehen? Vorerst 3 Dinge, die mir wichtig erscheinen:<\/p>\n<ul>\n<li>Mich darauf besinnen, was der Groll in mir selbst anrichtet<\/li>\n<li>Mich darauf besinnen, dass kein Mensch nur ein Engel und nur ein Teufel ist, ich auch nicht<\/li>\n<li>Die Sehnsucht nach Frieden zulassen \u2013 und sich vergegenw\u00e4rtigen, dass es Gr\u00f6\u00dferes gibt als Recht und Gerechtigkeit: Frieden, G\u00fcte, Liebe<\/li>\n<\/ul>\n<h2>3. Vergessen Sie nicht, dass Sie Geist haben!<\/h2>\n<p>Was ist Geist? Das Besondere im Menschen, das spezifisch Menschliche. Ein Beispiel aus der Vielfalt des Geistigen: Sie h\u00f6ren Ihre Lieblingsmusik. Sie sind tief ber\u00fchrt. Es ist, als h\u00f6rten Sie Kl\u00e4nge aus einer anderen Welt. Es ist der Geist in Ihnen, der Sie \u00fcber die Sch\u00f6nheit der Musik staunen l\u00e4sst, der Ihr Lebensgef\u00fchl ver\u00e4ndert, der Sie auf andere, vielleicht \u201etiefere\u201c Gedanken bringt, vielleicht auf solche, die nicht nur zu Ihnen, sondern zum Menschsein \u00fcberhaupt geh\u00f6ren, etwa diese: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist meine pers\u00f6nliche Aufgabe in meinem Leben? Was ist das f\u00fcr eine Welt jenseits dessen, was ich denken, sehen oder verstehen kann? Die moderne Physik sagt uns zum Beispiel, dass es \u00fcber die Dimensionen Raum und Zeit hinaus weitere Dimensionen gebe. Dar\u00fcber m\u00f6chte ich mehr wissen! Denn mehr zu wissen f\u00fchrt manchmal auch zu mehr Weisheit.<\/p>\n<p>So frage ich weiter: Ist die Welt sich selbst \u00fcberlassen? Gibt es vielleicht einen Regisseur? Etwa Gott? Und wenn es einen Gott gibt \u2013 wer oder was ist das? Und wenn es keinen Gott gibt? Seit vielen Monaten geht mir der Satz des britischen Schriftstellers und Atheisten Julian Barnes nicht aus dem Kopf: \u201eIch glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.\u201c<br \/>\nUnd weil ich im sogenannten christlichen Abendland gro\u00df geworden bin, frage ich, wer denn dieser uns heute so fremd gewordene Christus sei?<\/p>\n<h2>4. Sie sollten nicht irgendwann sagen m\u00fcssen: Mein Leben war nichts als Arbeit<\/h2>\n<p>Ich habe so manchen Menschen sagen h\u00f6ren: \u201eMein Leben war nichts als Arbeit.\u201c Nichts als Arbeit? frage ich dann zur\u00fcck. Oft lautet die Antwort: \u201eNun ja, es gab das eine oder andere Fest. Wenn die Fu\u00dfballweltmeisterschaft stattfand, habe ich mir freigenommen. Aber sonst? Ich wei\u00df nicht &#8230;\u201c Nichts als Arbeit? Also keine Mu\u00dfe. keine Hobbies. Keine Konzerte. Kein Theater. Keine Wanderungen. Keine Zeit f\u00fcr all das und noch viel mehr? Kommt da keine Sehnsucht nach alledem und noch viel mehr auf? frage ich dann. Ach, wie w\u00fcrde ich mich mit Ihnen freuen, wenn Sie das folgende Gedicht eines unbekannten Autors zu Herzen nehmen w\u00fcrden:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn ich mein Leben noch einmal leben k\u00f6nnte,<br \/>\ndann w\u00fcrde ich im n\u00e4chsten Leben versuchen, mehr Fehler zu machen.<br \/>\nIch w\u00fcrde nicht mehr so perfekt sein wollen,<br \/>\nich w\u00fcrde mich mehr entspannen.<br \/>\nIch w\u00e4re ein bisschen verr\u00fcckter, als ich es gewesen bin,<br \/>\nich w\u00fcrde viel weniger Dinge so ernst nehmen.<br \/>\nIch w\u00fcrde nicht so gesund leben.<br \/>\nIch w\u00fcrde mehr riskieren, w\u00fcrde mehr reisen, Sonnenunterg\u00e4nge betrachten,<br \/>\nmehr bergsteigen,<br \/>\nmehr in Fl\u00fcssen schwimmen.<br \/>\nIch war einer dieser klugen Menschen,<br \/>\ndie jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten;<br \/>\nfreilich hatte ich auch Momente der Freude,<br \/>\naber wenn ich noch einmal anfangen k\u00f6nnte,<br \/>\nw\u00fcrde ich versuchen, nur noch gute Augenblicke zu haben.<br \/>\nFalls du es noch nicht wei\u00dft,<br \/>\naus diesen besteht n\u00e4mlich das Leben; nur aus Augenblicken;<br \/>\nvergiss nicht den jetzigen.<\/p>\n<p>Wenn ich noch einmal leben k\u00f6nnte,<br \/>\nw\u00fcrde ich von Fr\u00fchlingsbeginn an bis in den Sp\u00e4therbst hinein barfu\u00df gehen.<br \/>\nUnd ich w\u00fcrde mehr mit Kindern spielen, wenn ich das Leben noch vor mir h\u00e4tte.<br \/>\nAber sehen Sie &#8230; ich bin 85 Jahre alt und ich wei\u00df, dass ich bald sterben werde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber Sie, liebe Leser, die Sie noch nicht 85 Jahre alt sind?<br \/>\n\u201eNiemand hat je auf dem Sterbebett gesagt: \u00b4Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte mehr Zeit im B\u00fcro gehabt.`\u201c<\/p>\n<h2>5. Sie sollten nicht irgendwann sagen m\u00fcssen: Ich bin nun mal nicht dazu gekommen<\/h2>\n<p>Vor einiger Zeit h\u00f6rte ich den Song \u201eIch hab\u00b4noch Sand in den Schuhen von Hawaii\u201c. Und im Nu war sie wieder da, meine alte Sehnsucht nach Hawaii. In den f\u00fcnfziger Jahren des letzten Jahrhunderts bezauberten Lieder aus der S\u00fcdsee mein junges Herz, vor allem die von Hawaii: \u201eTr\u00e4umen von der S\u00fcdsee\u201c, \u201eWenn die S\u00fcdsee rauscht, Luana\u201c, \u201eDort auf Hawaii, da leuchten Sterne\u201c und viele andere Lieder. Sie geh\u00f6rten f\u00fcr mich zum besonders beliebten Repertoire meiner Tage am Klavier. Und ich sang sie voll Inbrunst mit! Deshalb wurde mein Wunsch, Hawaii zu erleben, st\u00e4rker und st\u00e4rker. Als ich jung war, hatte ich daf\u00fcr kein Geld. In sp\u00e4teren Jahren behauptete ich, keine Zeit zu haben. Und als ich in sp\u00e4teren Jahren vielleicht mit meinem Schwiegersohn, einem passionierten Kameramann, die \u201ePerle der S\u00fcdsee\u201c h\u00e4tte anfliegen k\u00f6nnen, war ich noch immer viel zu besch\u00e4ftigt, um \u201eso etwas\u201c zu machen. Hawaii wird mich also nicht sehen \u2013 und ich die sch\u00f6ne Insel auch nicht.<\/p>\n<p>Als Junge h\u00e4tte ich wenigstens gern eine Hawaii-Gitarre gehabt, doch meine Mutter schlug mir stattdessen eine Reise mit ihr vor \u2013 zum Rhein. Fortan spielte ich Hawaii-Musik auf einem Akkordeon. Heute sp\u00fcre ich deutlich \u2013 am\u00fcsieren Sie sich gern \u00fcber mich! -, dass es im Zusammenhang meines Lebens eine \u201eStelle\u201c gibt, die grau aussieht -, dass etwas fehlt, was ich zu gern gehabt h\u00e4tte und nicht mehr haben werde, weil meine Krankheit solche Unternehmungen nicht zul\u00e4sst. Vorbei! Aber nicht vergessen.<\/p>\n<p>Und Sie, meine Damen und Herrn? Was schieben Sie schon lange vor sich her, obwohl das nicht schicksalhaft notwendig ist? Eine Reise in die USA? Den Kauf eines gro\u00dfen breitkr\u00e4mpigen Hutes, eines s\u00fcndhaft teuren Kleides? Einmal mit Ihrem Sohn gemeinsam in Ihrer Vereinsmannschaft Fu\u00dfball zu spielen? Spanisch zu lernen? Den Besuch zu Ihrer Sie ablehnenden Tochter zu wagen? Mit Ihrer Enkelin ins Kino zu gehen. Oder \u2026 oder? Einmal endet der Applaus. Einmal ist der Vorhang gefallen. Einmal gibt es keine Gelegenheit mehr, etwas, was Sie so gern h\u00e4tten tun wollen, Wirklichkeit werden zu lassen.<\/p>\n<p>Viele \u201eTr\u00e4ume\u201c lassen sich nicht leben, weil die Barrieren vor ihnen tats\u00e4chlich zu hoch sind. Aber einige! Oder einen! Denn wer keinen seiner Tr\u00e4ume gelebt hat, wird vielleicht arm sterben. Irgendwann einmal die pure Lust, das Ungew\u00f6hnliche, das ganz Gro\u00dfe (das f\u00fcr andere g\u00e4nzlich unbedeutend sein kann) zu leben \u2013 das w\u00e4re doch gar nicht so schlecht! Das w\u00fcrde den Weg ins Alter gewiss erleichtern.<\/p>\n<h2>6. Sagen Sie nie: \u201eNach mir die Sintflut!\u201c Oder: Welche Spuren m\u00f6chte ich einmal hinterlassen?<\/h2>\n<p>Sie geh\u00f6ren auch zu jenen Menschen, die diesen k\u00fchnen Satz sagen: \u201eNach mir die Sintflut!?\u201c Sie meinen also, mit dem Tode sei \u201ealles aus\u201c? Und was danach komme, sei Ihnen \u201ewurscht\u201c? Vielleicht haben Sie, was das Ende des Lebens betrifft, recht, vielleicht auch nicht. Das wei\u00df niemand. Wichtiger in diesem Zusammenhang ist mir die Frage, ob Ihnen tats\u00e4chlich \u201eegal\u201c ist, was Sie hinterlassen, wenn alles \u201evorbei\u201c ist? Denn wenn Sie tats\u00e4chlich so denken, wird sich Ihre Einstellung, vermute ich, bereits hier und jetzt auf Ihr Leben auswirken.<\/p>\n<p>Es gibt Spuren in der Seele, denen man gern folgt, weil sie gute Erinnerungen wachrufen. Erinnerungen zum Beispiel an aufrichtige, humorvolle oder weise Menschen. Ob es Ihnen wirklich \u201eegal\u201c ist, wie sich Ihr Leben auf andere auswirken wird? Ob Menschen Sie nach Ihrem Tod vergessen oder ob jemand zum Beispiel den schlichten Satz sagt: \u201eGut, dass es ihn oder sie gegeben hat.\u201cAlso, welche Spuren m\u00f6chten Sie hinterlassen, ob nun mit dem Tode \u201ealles aus\u201c ist oder nicht?<\/p>\n<p>Und da ist noch etwas: Es geht nicht nur darum, wie andere nach dem Tod \u00fcber Sie oder mich reden. Es geht auch darum, was wir hinterlassen werden, das \u201edie Welt\u201c w\u00e4rmer, liebenswerter und menschlicher macht. Denn was \u201edie Welt\u201c ausmacht, wird \u2013 davon bin ich \u00fcberzeugt \u2013 von jedem einzelnen Menschen mitbestimmt. Das ist so!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Schreibens kam mir die Frage, welche f\u00fcr mich wichtige Spur meine Mutter in mir hinterlassen hat. Ich brauchte nicht lange zu \u00fcberlegen: Die Hoffnung. Meine Mutter hatte kein gl\u00fcckliches Leben, aber sie vermittelte mir in schwierigen Situationen oft das Gef\u00fchl: \u201eEs\u201c wird schon gut gehen-, \u201edas kriegen wir schon hin\u201c. Diese Spur hat mein Leben mehr bestimmt als jene gar nicht so sch\u00f6nen Spuren, die ich auch nicht vergessen habe. Von dieser kommt meine Hoffnung f\u00fcr die vielen Menschen, denen ich im Lauf meines langen Lebens begegnete.<\/p>\n<h2>7. \u201eDas Leben kommt in Augenblicken und mehr bekommen wir nie zu sehen.\u201c<\/h2>\n<p>Vieles, was wir haben und behalten m\u00f6chten, geht wieder verloren: Geld und Geltung, Jugend und Liebe, Partner und Freunde, Gesundheit und Sch\u00f6nheit und vieles andere mehr. Vieles um uns herum ver\u00e4ndert sich. Das jedoch, was uns gewiss bleiben k\u00f6nnte, ist die jedem Menschen gegebene Freiheit, sich den Wandlungen und Ver\u00e4nderungen gegen\u00fcber offen zu verhalten und offen zu bleiben gegen\u00fcber dem, was uns das Leben bringt.<\/p>\n<p>Warum ist das so wichtig? Weil wir in der Zeit leben und nicht \u00fcber den Rand des Hier und Jetzt hinaus unser Leben verstehen k\u00f6nnen, weil nicht nur wir selbst unser Leben bestimmen, sondern auch unsere Mit-Welt darauf Einfluss nimmt, wie es uns geht und was aus uns wird &#8211; und das keineswegs immer nur im Schlechten, auch im Guten, vor allem dann, wenn wir einer m\u00f6glichen Entwicklung eine Chance geben.<\/p>\n<p>Wo etwas werden soll, entstehen Wirbel. Das ist in der Natur so, das ist im menschlichen Leben so. Wachstum ist Bewegung. Und wenn es in uns selbst und um uns herumwirbelt, sind vielleicht jene Kr\u00e4fte am Werk, die unsere eigentliche Pers\u00f6nlichkeit herausbilden wollen. Sollte deshalb jemand unter uns sein, der dazu neigt, angstvoll in die Zukunft zu sehen und sich damit die Sicht f\u00fcr m\u00f6gliches Gl\u00fcck zu verstellen, dann gebe ich ihm gern den Satz eines alten Mannes weiter, der f\u00fcr mich ganz kostbar geworden ist. Er stammt aus einer alten chinesischen Geschichte:<\/p>\n<blockquote><p>Ob etwas, was uns begegnet &#8211;<br \/>\nein Ungl\u00fcck ist oder ein Segen, wei\u00df ich nicht,<br \/>\nweil ich nicht wei\u00df, was folgen wird.<br \/>\nDas Leben kommt in Augenblicken,<br \/>\nund mehr bekommen wir nie zu sehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Offen bleiben wof\u00fcr?<\/p>\n<ul>\n<li>Offen bleiben f\u00fcr das, was aus den Kindern wird, auch dann, wenn sie gegenw\u00e4rtig nur im Strom der Zeit zu schwimmen scheinen. Denn niemand von uns wei\u00df, welche Erfahrungen sie brauchen, wenn sie einmal erwachsen sind.<\/li>\n<li>Offenbleiben, wenn die Krise der mittleren Jahre all das hinweg zu sp\u00fclen scheint, was wir uns vom Leben erdacht oder ertr\u00e4umt haben. Denn niemand von uns wei\u00df, ob die Krise sich zur Gef\u00e4hrdung oder zur Chance entwickeln wird, so dass wir tiefer noch als bisher mit dem Leben verbunden werden.<\/li>\n<li>Offen bleiben auch mit Blick auf die sp\u00e4teren Jahre, wenn die Zeit abnimmt und die graue Sorge zunimmt. Denn niemand von uns wei\u00df, ob die Tage, die uns dann verbleiben, Tage der Leere oder der F\u00fclle sein werden.<\/li>\n<li>Sich den Wandlungen und Ver\u00e4nderungen gegen\u00fcber offen zu verhalten, das hei\u00dft auch, loszulassen, zum Beispiel: den Hader, den Groll, die Wut, die Bitterkeit angesichts der Verletzungen aus alter Zeit -denn solange ich dies alles nicht loslasse, wird die m\u00f6gliche Lust am gegenw\u00e4rtigen Leben durch die Last des vergangenen niedergehalten.<\/li>\n<li>bestimmte Vorstellungen, wie mein Leben h\u00e4tte verlaufen soll oder langgehegte Tr\u00e4ume, auch die, die &#8211; vielleicht &#8211; erf\u00fcllbar gewesen w\u00e4ren -, denn solange ich sie nicht loslasse, \u00fcbersehe ich das Gl\u00fcck, das sich hier und heute zeigen m\u00f6chte.<\/li>\n<li>die Anspr\u00fcche und Forderungen, es solle gerecht zugehen in der Welt &#8211; denn solange ich diese Anspr\u00fcche und Forderungen nicht loslasse, verlange ich eine Weltordnung, die es nun mal nicht gibt.<\/li>\n<li>schlie\u00dflich auch den tiefsten aller W\u00fcnsche, nicht sterben zu m\u00fcssen. Denn wenn ich diesen Wunsch nicht loslasse, vers\u00e4ume ich es, das Gold in der mir geschenkten Zeit zu finden.<\/li>\n<li>Offen bleiben auch f\u00fcr die Entwicklung des Landes und der Welt,in dem und in der wir leben. Denn Leben ist Geschichte, und niemand wei\u00df, wie sie in Wirklichkeit verlaufen wird, und &#8211; vielleicht &#8211; gibt es ja auch einen, der sie von einem h\u00f6heren Standort aus lenkt. Dies und vieles andere mehr loszulassen bedeutet: ins Leben einzuwilligen, wie es nun einmal ist, offen f\u00fcr das zu sein, was das Leben an sinnstiftenden Neuerungen f\u00fcr uns bereith\u00e4lt.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>8. Was ich den alternden Menschen sagen m\u00f6chte, deren bisheriges Leben so ganz anders verlief als sie es sich vorgestellt hatten.<\/h2>\n<p>Mag sein, dass Sie in Ihrer Ehe nie wirklich gl\u00fccklich geworden sind -, dass Sie kein Kind bekommen konnten -, dass sich Ihr \u201eGro\u00dfer\u201c nicht mit Ihnen vers\u00f6hnen wollte -, dass Sie behindert sind -, dass Sie beruflich wenig Gl\u00fcck haben -, dass Sie finanziell auf keinen gr\u00fcnen Zweig kommen -, dass Ihre Freunde kommen \u2013 und gehen -, dass Sie von Ihrer Umgebung nicht ausreichend wertgesch\u00e4tzt werden -, dass Sie einfach kein heiterer Mensch sind -, dass die innere Dunkelheit Sie immer wieder einholt -, dass Sie, wie Sie sagen, zu viele Fehler gemacht haben -, dass Sie gegen Ihre immer wieder aufwallende Wut nichts machen -, dass Sie sich f\u00fcr neurotisch halten -, dass Sie sich insgeheim einen \u201eAngsthasen\u201c oder \u201elebensunt\u00fcchtig nennen\u201c -, dass Sie sich \u201eauf der ganzen Linie\u201c f\u00fcr einen Versager halten \u2013 und so weiter.<\/p>\n<p>Vielleicht sagen Sie auch, Sie seien doch schon zu alt, um etwas oder sich selbst so \u00e4ndern zu k\u00f6nnen, wie Sie es eigentlich m\u00fcssten. Wer aber sagt denn, dass Sie es sollten oder m\u00fcssten? Aber Sie k\u00f6nnten \u2013 auch als alter Mensch &#8211; anders leben als bisher.<\/p>\n<p>Worauf kommt es an? Es kommt nicht prim\u00e4r auf meine Vergangenheit oder meine Gegenwart an, nicht auf das, was war oder auf das, was heute innerlich oder \u00e4u\u00dferlich mein Leben zu bestimmen scheint. Sondern: Es kommt prim\u00e4r darauf, ob ich leben will, ob ich Ja sage, was immer auf mich zukommt. Ob ich bereit bin, immer wieder selbst der Entscheidende in meinem eigenen Leben zu sein. Dass ich, was immer mir widerf\u00e4hrt, \u201eHerr im eigenen Haus\u201c,\u201eChefin in meinem eigenen Leben\u201c bleibe. Wenn ich mich f\u00fcrs Leben entscheide, f\u00fcr mein eigenes und das Leben \u00fcberhaupt, dann werde ich die Erfahrung machen, dass es sich zu leben lohnt. Wenn ich dagegen mich gegen das Leben entscheide, dann werde ich die Erfahrung machen, dass sich das Leben in der Tat nicht lohnt.<\/p>\n<h2>9. Fixieren Sie sich nicht auf den Gedanken, das Sterben sei furchtbar!<\/h2>\n<p>Ich m\u00f6chte Sie auf das kostbare Buch der Franz\u00f6sin Christiane Singer hinweisen \u201eAlles ist Leben. Letzte Fragmente einer langen Reise\u201c (4)<br \/>\nEs ist ein Tagebuch \u00fcber die letzten sechs Monate ihres Lebens. Sie begann es, nachdem sie die Diagnose Krebs begonnen hatte. Gern m\u00f6chte ich Ihnen daraus einige S\u00e4tze wiedergeben:<\/p>\n<ul>\n<li>Jeder Tag \u2013 ein guter Tag!<br \/>\nEine Krankheit ist in mir. Das ist eine Tatsache. Meine Arbeit wird nun darin bestehen, darauf zu achten, dass ICH nicht in der Krankheit bin (14).<\/li>\n<li>St\u00e4ndig bieten sich wundervolle Momente, in denen ich auf so tiefe Art ergriffen werde, wie ich es bisher nicht kannte (21).<\/li>\n<li>Die wirklich Lebenden sind ohne Alter. Nur die lebenden Toten z\u00e4hlen die Jahre&#8230; Und diejenigen, die in der Krankheit ein Scheitern oder eine Katastrophe sehen, haben noch nicht zu leben begonnen (27).<\/li>\n<li>Und doch habe ich jedes Mal, wenn eine schwerwiegende Nachricht endg\u00fcltig bei mir ankommt&#8230; das Gef\u00fchl, dass ich mit ihr wachse, ja: dass ich wachse \u2026(65).<\/li>\n<li>Seid nicht entt\u00e4uscht, dass der Tod scheinbar gesiegt hat; das ist nur der \u00e4u\u00dfere Schein. Die Wahrheit ist: Alles ist LEBEN, ich trete aus dem Leben heraus und trete in das Leben ein (73).<\/li>\n<\/ul>\n<h2>10. Schieben Sie den Gedanken an den Tod nicht beiseite<\/h2>\n<p>Was ist sicher? Zweierlei:<br \/>\nZum einen: Wenn einmal das Boot anlegen wird, um mich her\u00fcberzuholen ans andere Ufer des Flusses, dann werde ich wissen, dass die Zeit an meinem Ufer endg\u00fcltig ausgelaufen ist. Dann wird mir noch einmal bewusstwerden, dass mein Leben eine Wanderung war, mit einem Beginn und einem Ende. Dann werde ich vielleicht endlich begreifen, dass ich mir zu wenig Zeit nahm, meine Tage zu f\u00fcllen mit Freiheit, mit Freude, mit W\u00e4rme, mit Sinn. Wenn einmal das Boot anlegen wird, um mich herauszufahren aus der Zeit, dann werde ich &#8211; wehm\u00fctiger vielleicht als je zuvor &#8211; dieses jetzt so oft verachtete Leben lieben.<\/p>\n<p>Zum anderen: Wer an das Leben denkt und nicht auch an den Tod, wer an den Tod denkt und nicht auch an das Leben, kennt beide nicht und kommt mit beiden nicht zurecht. Deshalb ist es wichtig, so weit wie m\u00f6glich sich aufs Leben einzulassen und die Gedanken an den Tod zuzulassen. Die Zeit aber des Lebens kann man so f\u00fcllen, dass auch die Zeit vor dem Tod nicht angstvoll sein muss. Dazu einige Anregungen:<\/p>\n<ul>\n<li>Lernen, immer mehr in der Zeit zu leben und sich vergegenw\u00e4rtigen, dass die Sterne einmal ohne mich leuchten &#8211;<\/li>\n<li>nicht einseitig leben und allem, was in uns leben will, zu seinem Recht verhelfen: zum Beispiel der Arbeit und dem Schlaf, dem Spiel und dem Lesen, dem Warten und dem Sich-Freuen, dem Lachen und dem Weinen &#8211;<\/li>\n<li>sich darum bem\u00fchen, \u201eFehler\u201c, die schon oft das Leben beschwert haben, nicht st\u00e4ndig zu wiederholen &#8211;<\/li>\n<li>sein gr\u00f6\u00dftes Problem einzusehen und zu ver\u00e4ndern versuchen &#8211;<\/li>\n<li>sich irgendwann mit denen vers\u00f6hnen, mit denen wir keinen Frieden haben, so weit wie m\u00f6glich die Sorge \u201eentsorgen\u201c und darauf vertrauen, dass das Leben immer mehr ist als die Probleme, die es mit sich bringt &#8211;<\/li>\n<li>den Humor ganz wichtig nehmen! &#8211;<\/li>\n<li>nach dem Ausschau halten, was wirklich wichtig ist &#8211;<\/li>\n<li>das Problematische nicht \u00fcbersehen, dann aber den Blick auf das richten, was das Leben liebenswert macht. Und vor allem:<\/li>\n<li>Du darfst keinen Tag verlassen, ohne bemerkt zu haben, dass ein anderer deinen Blick gesucht hat,<\/li>\n<li>keinen Tag verlassen, ohne einmal einen Menschen angel\u00e4chelt zu haben, ohne dich einmal \u00fcber dich selbst gefreut zu haben,<\/li>\n<li>keinen Tag verlassen, ohne \u00fcber etwas Konkretes gestaunt zu haben,<\/li>\n<li>keinen Tag verlassen, ohne einmal neugierig gewesen zu sein,<\/li>\n<li>keinen Tag verlassen, ohne einmal geglaubt, geliebt, gehofft zu haben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2 Ursula Gr\u00e4fe (Hg.): Man braucht ein ganzes Leben, um jung zu werden, Berlin 2010<br \/>\n3 Aljoscha A. Schwarz\/ Ronald Schweppe: Die philosophische Hausapotheke, M\u00fcnchen 1999<br \/>\n4 M\u00fcnchen 2008<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kann man in der jetzigen Zeit \u00fcberhaupt alt werden? 10 M\u00f6glichkeiten des Scheiterns  im Alter. 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