{"id":1717,"date":"2013-03-25T00:05:13","date_gmt":"2013-03-24T23:05:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.symptome.ch\/blog\/?p=1717"},"modified":"2020-01-18T06:22:57","modified_gmt":"2020-01-18T05:22:57","slug":"macht-glueck-gesund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/macht-glueck-gesund\/","title":{"rendered":"Macht Gl\u00fcck gesund?"},"content":{"rendered":"<p>Der ist der Gl\u00fccklichste, der sich keine Gedanken \u00fcber das Gl\u00fcck macht, meinte einst Seneca. Die Menschen sind verr\u00fcckt nach Gl\u00fcck. Aber brauchen wir wirklich \u201eGl\u00fcck\u201c f\u00fcrs Leben? Macht Gl\u00fcck gesund? K\u00f6nnte es sein, dass Menschen ungl\u00fccklich werden, nur weil sie glauben, gl\u00fccklich sein zu m\u00fcssen? Was ist Gl\u00fcck? Was bedeutet Gl\u00fcck f\u00fcr mich? Welches brauche ich? Beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass nicht etwa nur eines, sondern mehrere \u201eGl\u00fccke\u201c im Spiel sind, die auseinander zu halten sinnvoll sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<h2>1. Das Zufallsgl\u00fcck<\/h2>\n<p>Da ist zuallererst das Zufallsgl\u00fcck, das das ganze Leben hindurch Bedeutung hat: Menschen w\u00fcnschen sich etwas, das ihnen unvermutet zuf\u00e4llt und g\u00fcnstig f\u00fcr sie ausf\u00e4llt. Jemandem \u201eGl\u00fcck\u201c zu w\u00fcnschen, ist immer mit einer solchen Hoffnung verbunden. \u201eDa hast du aber nochmal Gl\u00fcck gehabt\u201c, hei\u00dft soviel wie: Der Zufall war dir wohlgesonnen. Und dies gerade auch dann, wenn etwas schlecht oder sogar schlimm ausgegangen ist: Dass es nicht per Zufall noch schlimmer gekommen ist, war wirklich Gl\u00fcck, \u201eGl\u00fcck im Ungl\u00fcck\u201c. Positiv soll es auch im negativsten Fall noch sein.<\/p>\n<h3><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1744\" alt=\"Wahrsagerin\" src=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_25392081.jpg\" width=\"480\" height=\"319\" title=\"\" srcset=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_25392081.jpg 480w, https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_25392081-200x132.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/>Schicksalhafte F\u00fcgungen<\/h3>\n<p>Offen ist die Frage und wird es wohl bleiben, ob diese gl\u00fccklichen oder ungl\u00fccklichen Zuf\u00e4lle \u201eSinn haben\u201c, ob sie einer Vorherbestimmung oder Vorsehung folgen. Handelt es sich um eine \u201eschicksalhafte\u201c F\u00fcgung? Aber wer oder was \u201eschickt\u201c und f\u00fcgt? Immerhin weisen die Zuf\u00e4lle nicht selten erstaunliche Regelm\u00e4\u00dfigkeiten auf, ganz so, als w\u00fcrden sie einem \u201eMasterplan\u201c folgen, sowohl auf gl\u00fccklicher wie auf ungl\u00fccklicher Seite.<\/p>\n<p>Dass ein, zwei Gl\u00fccksf\u00e4lle Eigendynamik gewinnen k\u00f6nnen und weitere anziehen; dass umgekehrt, wenn man kein Gl\u00fcck hat, \u201eauch noch Pech dazu kommt\u201c: Das l\u00e4sst auf ein Aufschaukelungsgesetz schlie\u00dfen, dem die Zuf\u00e4lle folgen, und jedes Mal glaubt der Betroffene, dass es nun f\u00fcr immer so bleiben wird. Kaskaden von Zuf\u00e4llen zeichnen zuweilen Linien ins Leben, die von verbl\u00fcffender Logik sind, entsprechen dabei mal dem, was ein Mensch sich selbst vorgestellt hat, mal stehen sie dem mit einiger Konsequenz entgegen.<\/p>\n<p>Der Mensch kann sich \u00f6ffnen oder verschlie\u00dfen f\u00fcr den Zufall einer Begegnung, einer Erfahrung, einer Information. Im Inneren seiner selbst wie im \u00c4u\u00dferen seiner Lebensf\u00fchrung kann er das Schmetterlingsnetz bereithalten, in dem ein Zufall sich verfangen kann, oder die Wand errichten, an der jeder Zufall abprallt.<\/p>\n<h3>Dem Gl\u00fcck eine Chance geben<\/h3>\n<p>Eine forciert offene, eine offensive Haltung im Umgang mit dem Zufall best\u00fcnde zudem darin, das Gl\u00fcck zu kitzeln, ihm eine Chance zu geben: Wer auf den Zufall einer Begegnung, Erfahrung, Information hofft, tut gut daran, dies Anderen mitzuteilen; auch das Internet l\u00e4sst sich daf\u00fcr nutzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass von irgendwoher etwas zuf\u00e4llt, ist dann jedenfalls deutlich gr\u00f6\u00dfer, als wenn die Hoffnung im eigenen Inneren verschlossen bleibt.<\/p>\n<p>Wer nie Lotto spielt, hat keine Aussichten auf einen Lottogewinn. Sollte aber wirklich ein ansehnlicher Gewinn ins Haus stehen, ist damit noch lange nicht gesagt, dass er auch gut bew\u00e4ltigt wird: Das Leben wird nicht automatisch schon besser gemeistert mit einem unverhofften Zufallsgl\u00fcck, das zwar die \u00e4u\u00dferen Bedingungen des Lebens verbessert, aber die innere Bereitschaft, am Leben zu arbeiten, eher verschlechtert. Das Zufallsgl\u00fcck macht also nicht unbedingt auch gl\u00fccklich. Es kann sich im Laufe der Zeit sogar als Ungl\u00fcck erweisen, ein Ungl\u00fcck umgekehrt als Gl\u00fcck. Von noch gr\u00f6\u00dferer Bedeutung f\u00fcr den modernen Menschen ist freilich ein zweites Gl\u00fcck.<\/p>\n<h2>2. Das Wohlf\u00fchlgl\u00fcck<\/h2>\n<p>Suchen Menschen in moderner Zeit nach Gl\u00fcck, so verstehen sie darunter meist, dass es ihnen gut geht, dass sie gesund sind, sich wohl f\u00fchlen, Spa\u00df haben, angenehme Erfahrungen machen, L\u00fcste empfinden, Erfolg haben, kurz: all das erleben, was als \u201epositiv\u201c gilt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1745\" alt=\"ausgelassene Feierstimmung\" src=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_27304864.jpg\" width=\"480\" height=\"319\" title=\"\" srcset=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_27304864.jpg 480w, https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_27304864-200x132.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/>Menschen suchen ihr Gl\u00fcck vorzugsweise in der \u201eguten Stimmung\u201c, und wenn es dann doch zu einer Verstimmung kommt, m\u00fcssen sie sich von dieser l\u00e4stigen St\u00f6rung alsbald wieder \u201ebefreien\u201c.<\/p>\n<p>Kaum eine philosophische Auffassung hat sich je derma\u00dfen durchgesetzt wie die moderne Gl\u00fccksformel. Die moderne Spa\u00df- und Erlebnisgesellschaft w\u00e4re ohne Streben nach Gl\u00fcck in diesem Sinne gar nicht denkbar gewesen. Nicht dass es in irgendeiner Weise verwerflich sein k\u00f6nnte, L\u00fcste zu empfinden und von Schmerzen frei zu sein. Das Problem ist nur: Diese Art von Gl\u00fcck h\u00e4lt nie lange vor. Es h\u00e4lt gl\u00fcckliche Augenblicke bereit, f\u00fcr die der Einzelne sich offen halten und die er auch selbst pr\u00e4parieren kann; Augenblicke, die sich suchen und finden lassen und die so sch\u00f6n sind, dass sie \u201everweilen\u201c sollen.<\/p>\n<h3>Gl\u00fcck ist messbar<\/h3>\n<p>Den jeweiligen Pegelstand dieses Gl\u00fccks k\u00f6nnen Neurobiologen messen: Da geht es um Endorphine, sprachliche Kurzform f\u00fcr endogene Morphine, k\u00f6rpereigene Drogen also, die preiswert zu haben sind, aber \u00e4hnliche Probleme wie alle Drogen mit sich bringen: Zu h\u00e4ufiger Gebrauch schw\u00e4cht die Wirkung ab, sodass die Dosis gesteigert werden muss; zu gro\u00dfe Regelm\u00e4\u00dfigkeit bef\u00f6rdert die Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Verschiedene \u201eGl\u00fcckshormone\u201c wie etwa Serotonin und Dopamin werden in den \u201eBelohnungszentren\u201c des Gehirns ausgesch\u00fcttet und bef\u00f6rdern die angeregte Kommunikation zwischen den Nervenzellen. Davon leiten Gl\u00fccksforscher ihre Behauptung ab, Gl\u00fcck sei, wenn die Chemie im Gehirn stimme.<\/p>\n<p>Wie es um die Maximierung der Lust bestellt ist, kann jeder im Grunde jeden Tag in Erfahrung bringen: Ein Essen schmeckt sehr gut? Nach der dritten Portion verkehrt sich das Wohlgef\u00fchl in ein Unwohlgef\u00fchl. Der Wein ist exzellent? Aber der Genuss w\u00e4chst keineswegs mit der Zahl der Gl\u00e4ser. Das Gespr\u00e4ch ist spannend? Aber irgendwann macht sich dennoch Ersch\u00f6pfung breit. Was eben noch so lustvoll erschien, verliert pl\u00f6tzlich an Interesse. Die Maximierung der Lust wirkt kontraproduktiv, denn auf sie folgt die Maximierung der Unlust. Robbie Williams, der Superstar der Popwelt, der immer \u201egut drauf\u201c war bei einer Tasse Espresso, brachte es, um das tolle Gef\u00fchl auf Dauer zu stellen, auf 36 Tassen pro Tag, bevor er professionelle Hilfe in Anspruch nehmen musste. Den permanenten Rausch gibt es nur um den Preis vollkommener Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n<h3>Gl\u00fcck als Dauerlust macht ungl\u00fccklich<\/h3>\n<p>Sinnvoll ist daher nicht die Maximierung, das h\u00f6chste Ma\u00df, sondern die Optimierung, um das beste Ma\u00df zu finden, das allein gesund ist, das aber f\u00fcr jeden anders ausf\u00e4llt und nur auf dem Weg von Versuch und Irrtum in Erfahrung zu bringen ist. In keinem Fall kann es um eine anhaltende Lust gehen. Das Wohlf\u00fchlgl\u00fcck macht nicht in jedem Fall gl\u00fccklich. Das Gl\u00fcck in einer Art von Dauerlust zu suchen, erscheint sogar als der sicherste Weg, ungl\u00fccklich zu werden, denn die Lust dauert partout nicht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1747\" alt=\"langweiliger Alltag\" src=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_481171.jpg\" width=\"480\" height=\"320\" title=\"\" srcset=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_481171.jpg 480w, https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_481171-200x133.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/>Was ist mit den Momenten \u201edanach\u201c, mit den Zeiten \u201edazwischen\u201c? Moderne Menschen sind nicht darauf vorbereitet, dass es diese \u201eAuszeiten\u201c gibt, diese Flauten; sie tun sich schwer mit den tristen, grauen, allt\u00e4glichen Zeiten, in denen die Lust sich erst wieder erholen muss. Bei allen Anderen scheint das Leben ein einziger Br\u00fcller zu sein, insbesondere die Sch\u00f6nen, Reichen, Ber\u00fchmten scheinen das permanente Wohlgef\u00fchl gepachtet zu haben, nur bei einem selbst gelingt das nicht.<\/p>\n<p>In Wahrheit entwickeln viele eine Meisterschaft darin, andere Zeiten vor fremden Augen zu verbergen, so gut es nur geht. Anstatt sie als sinnvollen Bestandteil des Lebens zu akzeptieren, das sich regeneriert, wird versucht, so rasch wie m\u00f6glich neue Reize, neue Anl\u00e4sse zur Lust aufzusp\u00fcren, die jeweilige Dosis zu steigern, sogar noch den Schmerz zu suchen und ihn sich vielleicht selbst zuzuf\u00fcgen, wenn das allein noch \u201eeinen Kick\u201c, also Endorphine verspricht.<\/p>\n<p>Ein Problem des Wohlf\u00fchlgl\u00fccks ist die allzu gro\u00dfe Erwartungshaltung: Je \u201epositiver\u201c die Erwartung an das Leben, desto schwieriger wird es, mit einer \u201enegativen\u201c Realit\u00e4t leben zu k\u00f6nnen. Und ein schier unl\u00f6sbares Problem ist die Erwartung, dass sich etwas Sch\u00f6nes genau so, also identisch wiederholen lasse.<\/p>\n<h3>Minimierung von Schmerz<\/h3>\n<p>Das andere Problem des Wohlf\u00fchlgl\u00fccks ist die \u201eMinimierung von Schmerz\u201c, die auf den Versuch zu dessen Eliminierung hinausl\u00e4uft: Schmerzen sollen gar nicht erst vorkommen, sie sollen verschwinden aus dem menschlichen Leben. Sie ausschalten zu wollen, kann jedoch nicht nur zum Verlust der Kontrasterfahrung f\u00fchren, die die Lust erst f\u00fchlbar macht, sondern zum v\u00f6lligen Verlust der Orientierung im Leben.<\/p>\n<p>Schmerzen sind der Stachel, der immer aufs Neue zum Nachdenken \u00fcber das gesamte Leben n\u00f6tigt; Schmerzen zwingen die Sorge herbei, die ein Selbst wieder auf den Weg zu bringen vermag. Das leisten leider nicht die L\u00fcste, das leistet am ehesten der \u201eLeidensdruck\u201c.<\/p>\n<p>Dass das Leben H\u00f6hen und Tiefen kennt, dass auf jede Party ein Chill-out folgt, wei\u00df auch der moderne Mensch, aber in seinen Augen kommt eigentlich nur den H\u00f6hen ein Recht auf Existenz zu, die Tiefen haben es verwirkt, ihnen droht die H\u00f6chststrafe der Moderne, die \u201eAbschaffung\u201c und \u201eEntsorgung\u201c. Lassen \u00c4ngste, Traurigkeit, Depressionen und andere Anl\u00e4sse f\u00fcr Tiefen sich nicht verdr\u00e4ngen, so ist nach Auffassung des modernen Menschen alles daf\u00fcr zu tun, wieder \u201eaus dem Tief herauszukommen\u201c \u2013 am besten, da es eilt, mit Hilfe rasch wirkender Medikamente.<\/p>\n<h3>Eine Ursache von Krankheit<\/h3>\n<p>Menschen k\u00f6nnen krank werden nicht nur aufgrund innerer und \u00e4u\u00dferer Ursachen, sondern auch aufgrund von Begriffen, die einen so hohen Ma\u00dfstab des Lebens festlegen, dass das Leben daran nur noch scheitern kann. Der moderne Begriff von Gl\u00fcck ist ein solcher Ma\u00dfstab, der Menschen systematisch ins Ungl\u00fcck treibt. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck, dass es noch andere Auffassungen vom Gl\u00fcck gibt!<\/p>\n<h2>3. Das Gl\u00fcck der F\u00fclle<\/h2>\n<p>Gl\u00fcck geht nicht darin auf, nur eine Seite des Lebens, n\u00e4mlich die des Angenehmen, Lustvollen und \u201ePositiven\u201c anzuerkennen und allein zu betonen. Das gr\u00f6\u00dfere Gl\u00fcck, das Gl\u00fcck der F\u00fclle, umfasst immer auch die andere Seite, das Unangenehme, Schmerzliche und \u201eNegative\u201c, mit dem zurechtzukommen ist. Niemand sucht dieses Andere, aber auszuschlie\u00dfen ist es nicht. Im besten Fall ist es zu m\u00e4\u00dfigen, und die beste Voraussetzung daf\u00fcr ist, das Andere des Lebens in seinem Recht auf Existenz grunds\u00e4tzlich anzuerkennen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1748\" alt=\"Gegens\u00e4tze und Kontraste\" src=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_26398266.jpg\" width=\"480\" height=\"371\" title=\"\" srcset=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_26398266.jpg 480w, https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_26398266-200x154.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/>Ist es nicht die Polarit\u00e4t, die Gegens\u00e4tzlichkeit und Widerspr\u00fcchlichkeit, die sich in allen Dingen und Erfahrungen zeigt? Das moderne Welt- und Menschenbild ging davon aus, dass alles \u201epositiv\u201c sein kann, aber es ist nun mal so, dass es \u201enegative\u201c Dinge gibt, die nicht verschwinden, unabh\u00e4ngig davon, wie viele Sch\u00f6nheitsoperationen unternommen, Medikamente erfunden, politische Ma\u00dfnahmen ergriffen werden.<\/p>\n<h3>Balance in der Polarit\u00e4t des Lebens finden<\/h3>\n<p>Hartn\u00e4ckig fordert das Leben seine Polarit\u00e4t ein, etwa beim modernen Versuch zur Ausschaltung von Lebensrisiken, mit der Folge, dass Menschen willentlich nach riskanten Unternehmungen (\u201eAbenteuerurlaub\u201c) suchen, da ein Grundma\u00df an Risiko offenkundig nicht unterschritten werden kann. Sodass der Einzelne sich fragen k\u00f6nnte: Ist es mir m\u00f6glich, die Polarit\u00e4t des Lebens zu akzeptieren, nicht in jeder ihrer Erscheinungsformen, aber in ihrer Grundstruktur?<\/p>\n<p>Kann ich einverstanden sein mit dem gesamten Leben? Wie lebe ich mit dem Negativen an mir selbst und in meinem Leben? Erscheint das Leben in all seiner Polarit\u00e4t dennoch von Grund auf sch\u00f6n und bejahenswert? Dann kann ich mich eingebettet wissen in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang, in dem das Eine wie das Andere Platz hat. Mit einer Dankbarkeit gegen\u00fcber dem Leben und einer Freude, die nicht darauf beruht, nur die \u201epositive\u201c Seite des Lebens wahrhaben zu wollen: Eine gesunde Lebenshaltung.<\/p>\n<p>Das erf\u00fcllte Leben ist dann gleichsam das Atmen zwischen den Polen des Positiven und Negativen: Mit dem, was gut tut, neuen Atem zu sch\u00f6pfen, gerade in einer problematischen Zeit, in der das Leben eng wird \u2013 und auf einer H\u00f6he des Lebens darauf vorbereitet zu sein, dass es noch andere Zeiten geben wird. Die gesamte Weite der Erfahrungen zwischen Gegens\u00e4tzen vermittelt erst den Eindruck, wirklich zu leben und das Leben voll und ganz zu sp\u00fcren.<\/p>\n<h3>Dies ist das eigentliche Gl\u00fcck<\/h3>\n<p>Das Gl\u00fcck der F\u00fclle macht gl\u00fccklich, es ist das eigentlich philosophische Gl\u00fcck, umfassender und dauerhafter als alles Zufallsgl\u00fcck und Wohlf\u00fchlgl\u00fcck, nicht abh\u00e4ngig von g\u00fcnstigen oder ung\u00fcnstigen Zuf\u00e4llen, von den momentanen Schwankungen zwischen Wohlgef\u00fchl und Unwohlsein, vielmehr die immer aufs Neue zu findende Balance in aller Polarit\u00e4t des Lebens, nicht unbedingt im jeweiligen Augenblick, sondern durch das gesamte Leben hindurch: Nicht nur Gelingen, auch Misslingen; nicht nur Erfolg, auch Misserfolg; nicht nur Lust, auch Schmerz; nicht nur Gesundheit, auch Krankheit; nicht nur Fr\u00f6hlichsein, auch Traurigsein; nicht nur Zufriedensein, auch Unzufriedensein. Nicht nur erf\u00fcllte, sondern auch leere Tage, denn hundert Tage, die als leer und langweilig empfunden werden, sind vollkommen gerechtfertigt f\u00fcr einen einzigen der \u00fcberbordenden F\u00fclle.<\/p>\n<p>Den entscheidenden Schritt zu diesem Gl\u00fcck macht ein Mensch mit der Festlegung seiner Haltung selbst. Dann kann er mit dem Leben mitflie\u00dfen. Das Selbst \u00fcberl\u00e4sst sich ganz und gar einer Sache, einer Situation, einem anderen Menschen, gibt sich in Passivit\u00e4t oder Aktivit\u00e4t selbstvergessen dem Leben hin, vollkommen erf\u00fcllt von den reichen inneren Ressourcen des F\u00fchlens und Denkens, die dabei frei werden.<\/p>\n<p>Keines der genannten \u201eGl\u00fccke\u201c ist verzichtbar, das dritte Gl\u00fcck aber, das einzige, das dauerhaft sein kann, gilt es in modernen, vom Angenehmen verw\u00f6hnten Zeiten erst wieder zu entdecken. Zufallsgl\u00fcck und Wohlf\u00fchlgl\u00fcck beruhen auf vereinzelten Erfahrungen, kleinen und gr\u00f6\u00dferen Episoden, sodass von einem episodischen Gl\u00fcck die Rede sein kann, das zuf\u00e4llig geschieht und sich gelegentlich zeigt.<\/p>\n<p>Wer von diesem Gl\u00fcck etwas Spektakul\u00e4res erwartet, wird wohl entt\u00e4uscht sein: Es ist nichts Besonderes. Schwer zu erreichen ist es vor allem dadurch, dass immerzu nach dem Besonderen und Spektakul\u00e4ren gesucht wird. Nicht immer ist das zugeh\u00f6rige umfassende Bewusstsein im jeweiligen Moment pr\u00e4sent, daher ist das Gl\u00fcck der F\u00fclle zuweilen erst in der Erinnerung erfahrbar: Mit dem Blick aus der Distanz, f\u00fcr den sich das Leben zum Zusammenhang f\u00fcgt, mit all den lichten Stellen und Schattierungen, die den Reichtum eines erf\u00fcllten Lebens zwischen Geburt und Tod ausmachen.<\/p>\n<h3>Heitere Gelassenheit als Schl\u00fcssel<\/h3>\n<p>Die Heiterkeit ist eine geistige Haltung, die der Fr\u00f6hlichkeit ebenso viel Bedeutung zumisst wie der Traurigkeit. Die Gelassenheit erm\u00f6glicht das Gew\u00e4hrenlassen auch des Abgr\u00fcndigen und Widerspr\u00fcchlichen, der Angst im Kontrast zum Freisein von ihr, des Schmerzes im Kontrast zur Lust, des Leids im Kontrast zur Freude, des Todes im Kontrast zum Leben. Sich der grundlegenden Tragik von Leben und Welt nicht zu entziehen, darin jedoch auch nicht unterzugehen: So entsteht die Heiterkeit, die mit der Gelassenheit zur \u201eheiteren Gelassenheit\u201c verschmilzt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1749\" alt=\"heitere Gelassenheit\" src=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_15928680.jpg\" width=\"480\" height=\"332\" title=\"\" srcset=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_15928680.jpg 480w, https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_15928680-200x138.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/>Heitere Gelassenheit ist das Bewusstsein davon, dass in allem, was ist, auch noch etwas anderes m\u00f6glich ist; dass H\u00f6hen und Tiefen sich abwechseln wie Tag und Nacht, wie Ein- und Ausatmen; dass dies der Takt des Lebens ist, das aus der Polarit\u00e4t in allen Dingen seine Spannung bezieht. So kann es zum symmetrischen Leben kommen, dessen Ausdruck Harmonie sein mag, jedoch eine, die voller Spannung ist, bis hin zu einem Gl\u00fcck, das unvereinbare Gegens\u00e4tze in sich zusammenspannt. Es schlie\u00dft auch die Kontrasterfahrung der Verzweiflung nicht aus, durch die das Leben immer wieder hindurch muss. Aber es verhindert die verzweifelte Verzweiflung, die auf Dauer jeden Halt im Leben unterminiert. Dieses Gl\u00fcck umfasst sogar das Ungl\u00fccklichsein.<\/p>\n<h2>4. Das Gl\u00fcck des Ungl\u00fccklichseins<\/h2>\n<p>Das ist die Paradoxie des Gl\u00fccks der F\u00fclle: Dass ein Gl\u00fccklichsein m\u00f6glich ist, bei dem das Ungl\u00fccklichsein nicht ausgeschlossen werden muss, sondern mit einbezogen werden kann. Die am meisten verbreitete Form des Ungl\u00fccklichseins ist ein Traurigsein namens Melancholie: Nicht nur als situatives, spezifisches Traurigsein, das mit einem Schmerz verbunden ist, der sich grunds\u00e4tzlich tr\u00f6sten l\u00e4sst. Sondern auch als lang anhaltendes, unspezifisches Traurigsein, das mit einem \u201eWeltschmerz\u201c einhergeht, der untr\u00f6stlich bleibt.<\/p>\n<p>Dieses Traurigsein, das \u201edem Leben\u201c und \u201eder Welt\u201c gilt, ist Melancholie, ein Zustand, in dem das Gl\u00fccklichsein vielleicht f\u00fcr w\u00fcnschbar, aber nicht wirklich f\u00fcr m\u00f6glich erscheint. Melancholie ist die Seinsweise einer Seele, die immerzu schmerzt und sich \u00e4ngstigt, ohne dass dies in irgendeiner Weise als \u201epathologisch\u201c gelten k\u00f6nnte. Sie wird begleitet und m\u00f6glicherweise auch angeleitet von einem h\u00f6chst reflektierten Bewusstsein, das um die Ungewissheit all dessen wei\u00df, was den Eindruck von Gewissheit macht, und die Fragw\u00fcrdigkeit aller Dinge kennt, deren m\u00f6gliche Grundlosigkeit von Grund auf gar nicht bestritten werden kann.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1750\" alt=\"Melancholisch\" src=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_6448977.jpg\" width=\"480\" height=\"320\" title=\"\" srcset=\"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_6448977.jpg 480w, https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/symptome_dreamstime_xs_6448977-200x133.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/>Melancholie bewahrt in sich eine Ahnung davon, wie br\u00fcchig alles ist, was Menschen schaffen, wie nichtig die menschliche Existenz selbst sein kann, und dass ihr der Boden jederzeit unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen werden kann. Ur-Trauer empfindet das melancholische Selbst \u00fcber die Entfremdung des Menschen von einem zeitlosen Ursprung, \u00fcber die unaufhebbare Kluft zwischen Wirklichkeit und M\u00f6glichkeit, \u00fcber das unm\u00f6gliche, allenfalls zeitweilige Einssein mit Anderen in der Welt. Es ist sich der Zweifelhaftigkeit der Zeit, der Sinnlosigkeit allen Tuns, der eigentlichen Bedeutungslosigkeit menschlicher Existenz bewusst. Zu seinem Gl\u00fcck der F\u00fclle geh\u00f6rt das Bewusstsein der Abgr\u00fcndigkeit, ansonsten sieht es sich in der Gefahr blo\u00dfer Oberfl\u00e4chlichkeit. Gerade dieses tragische Bewusstsein entspricht dem Leben wom\u00f6glich mehr als jede t\u00f6richte Leugnung von Tragik.<\/p>\n<h3>Trennung zwischen Melancholie und Depression<\/h3>\n<p>Handelt es sich dabei um eine Depression? Vielleicht um eine \u201ereaktive Depression\u201c als Folge akuter oder chronischer Belastungssituationen, oder um eine \u201eendogene Depression\u201c, die schicksalhaft aus dem Biologischen herr\u00fchrt und dem Krankheitswert einer Psychose verwandt ist; oder gar um eine \u201enoogene Depression\u201c, die aus einem vermeintlich falschen, negativen Denken hervorgeht und gleichsam als \u201eSinnlosigkeitsleiden\u201c zu betrachten ist?<\/p>\n<p>Eine Krankheit der \u201eNiedergedr\u00fccktheit\u201c, der Depression, gibt es sehr wohl; um ihre Heilung bem\u00fchen sich Therapeuten durch psychosoziale Betreung und \u00c4rzte durch klinische Behandlung etwa der Gef\u00e4\u00dfsch\u00e4digung, die eine Folge von (oder ein Grund f\u00fcr?) Depression ist und das Herzinfarktrisiko signifikant erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Aber nicht jede Melancholie ist eine Depression, beide sind klar voneinander zu unterscheiden: W\u00e4hrend eine Depression gekennzeichnet ist von erstarrten Gef\u00fchlen, vom Unwillen und von wirklicher Unf\u00e4higkeit zur Reflexion, ist die gef\u00fchlsbewegte und reflektierte Melancholie demgegen\u00fcber von \u00fcbergro\u00dfer Sensibilit\u00e4t gepr\u00e4gt, von nicht mehr endender Besinnung und Selbstbesinnung.<\/p>\n<p>Der melancholische Mensch ist imstande, reflexive Distanz zu allem zu halten und all die Selbstverst\u00e4ndlichkeiten zu verlieren, in denen Menschen gew\u00f6hnlich leben, ohne es recht zu bemerken. Er kann sich selbst sogar fremd werden und den Zusammenbruch der eigenen \u201eIdentit\u00e4t\u201c erleben: Menschsein in seiner ganzen abgr\u00fcndigen F\u00fclle. Es gibt an dieser \u201eKrankheit\u201c nichts zu heilen, eher ist diese Dimension des Menschseins zu pflegen. Die Melancholie kann geradezu als eine Lebensphilosophie erscheinen, die das Traurigsein nicht ausschlie\u00dft, sondern hervorhebt, und es m\u00fcsste m\u00f6glich sein, gerade dies zur Grundlage eines sch\u00f6nen und bejahenswerten Lebens zu machen.<\/p>\n<p>Auch das Ungl\u00fccklichsein wird somit zu einem Bestandteil des Gl\u00fccks und best\u00e4rkt dessen Nachhaltigkeit. Wenn das Gl\u00fcck all diese Farben annehmen kann, dann muss einem nicht mehr angst und bange sein bei der Suche so vieler Menschen nach Gl\u00fcck. Gl\u00fcck macht gl\u00fccklich, wenn man es mit allen Varianten versucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nnte es sein, dass Menschen ungl\u00fccklich werden, nur weil sie glauben, gl\u00fccklich sein zu m\u00fcssen? Was ist Gl\u00fcck? Ein genaues Hinsehen und Unterscheiden kann hier wichtige Erkenntnisse bringen.<\/p>\n","protected":false},"author":54,"featured_media":1743,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[32,1,72,101,24,22,61,94,95,20,35,25,21,34],"tags":[459,463,456,462,455,460,458,453,457,461,452],"class_list":["post-1717","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-alkohol","category-allgemein","category-depression-angst","category-erlebnisse","category-familie-und-erziehung","category-gefuehlswelt","category-herz-kreislauf","category-nachdenken","category-philosophie","category-psyche-und-gesundheit","category-rund-ums-thema-sucht","category-soziales-umfeld","category-staerkung-fur-psyche-geist-und-seele","category-verschiedene-drogen","tag-dankbarkeit","tag-depressiv","tag-endorphine","tag-gluecklich","tag-glueckshormone","tag-melancholisch","tag-polaritaet","tag-schicksal","tag-schmerz","tag-ungluecklich","tag-zufall"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1717","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/54"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1717"}],"version-history":[{"count":30,"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1717\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4009,"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1717\/revisions\/4009"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1743"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1717"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1717"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.symptome.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1717"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}