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Die Heilkunde Hildegards von Bingen

Aus Symptome, Ursachen von Krankheiten

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Inhaltsverzeichnis

Hinweis, Quellen

Dieser Artikel soll über die Erfahrungen der Hildegard von Bingen, sowie der Autorin dieses Artikels informieren und dazu anregen, diese alten vorzüglichen Regeln zu überdenken und bei eigenen Problemen möglichst ebenfalls zu berücksichtigen. Alle Anregungen bzw. Erfahrungen die so mitgeteilt werden, sind nicht geeignet für eine reine Eigentherapie. Bei gesundheitlichen Störungen ist deshalb grundsätzlich immer die Konsultation eines vertrauten Therapeuten angeraten. Das Wiki und die ergänzenden Unterseiten enthalten auch Texte und Forschungsergebnisse von Herrn Dr. Berkmüller†, die zur Veröffentlichung durch uns freigegeben wurden.



Hildegard Heilkunde

Vorwort

Die Heilkunde Hildegards von Bingen ist eine Leib-Seelen-Heilkunde. Der Mensch muß sich mit seinem Körper auseinandersetzen, den Versuchungen und Widrigkeiten, den Enttäuschungen und Kränkungen, den Verachtungen und Unterdrückungen, mit allen Lasten die ihn krank machen. Der Mensch muß, um heil zu werden, versuchen, den „Sündenfall“ rückgängig zu machen. Dazu hat er die Vernunft und den Verstand.

Die Helferin in all diesen Wirrnissen ist die Seele, die dem Leib zur Verfügung steht. Der Mensch soll immer schauen, daß er genügend Grünkraft (viriditas) bekommt. Diese Kraft durchdringt den Menschen, ohne daß er ihr etwas entgegensetzen könnte. Damit der Mensch seiner Seele helfen kann, ihre Arbeit zu tun, braucht er ein fröhliches Herz. Hildegard sagt: "Traurigkeit zerlöchert die Leber wie einen Käse“ (1). Heilung ist nur möglich, wenn der Mensch umkehren will. Reue, Tränen und Buße sind eine Voraussetzung für den Heilsweg.

Der Kranke muß seine Krankheit annehmen, auch wenn es sich um Unfälle und unverschuldete Katastrophen handelt. Beschwerden gelten als Information, daß der Betroffene auf dem falschen Weg ist. Das Fehlverhalten hat sich auf dem Leib ausgedrückt, damit es sichtbar und spürbar wird. Der kranke Mensch ist in Disharmonie. Die Heilkunde Hildegards zeigt, wie die Harmonie wieder hergestellt werden kann.

(1) Hidegard von Bingen. Causae et curae, übersetzt von Schulz 1932 (Ursachen und Behandlungen von Krankheiten), Nachdruck Ulm 1987, S. 152


Leben und Werk Hildegards

Hildegard von Bingen (1098 – 1179), Tochter aus einem Adelsgeschlecht, kam als Mädchen in das Kloster Disibodenberg (am Zusammenfluß von Glan und Nahe), das sie 1151 verließ, um als Äbtissin ein neues Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen zu bauen. Später errichtete sie ein zweites Kloster im nahegelegenen Eibingen, dem sie ebenfalls vorstand. Sie war eine der bedeutendsten Frauen ihrer Zeit und hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, das theologische, religiöse, naturkundliche und medizinische Werke ebenso umfaßt wie Dichtungen, Kompositionen geistlicher Lieder und einen umfangreichen Briefwechsel mit einfachen und mit hochstehenden Personen.



Grüne Reihe - Leben und Werk Schriften über das Herz

Grundlagen ihres medizinischen Wissens

In ihrem medizinischen Wissen stand sie wie alle ihrer Zeit in einer langen Tradition, die bis auf die Antike zurückgeht. Dies kommt z. B. sehr klar in ihrer Elementen- und Säfte-Lehre oder in ihrer Einteilung der Nahrungsmittel in warme und kalte, feuchte und trockene zum Ausdruck. Sie konnte sicherlich auch praktische Erfahrung im klösterlichen Krankenzimmer gewinnen. Was ihre Heilkunde aber einzigartig macht, ist ihre visionäre Schau. Sie hat große Bilder gesehen, die sie in allen Einzelheiten deutete. Auf der Basis dieser Visionen gab sie ein Bild des Menschen, das dessen körperliche und geistige Beschaffenheit, seine Tugenden und Laster und das Funktionieren seiner Organe, ebenso wie deren Gebrechen in ein System bringt. Dabei ging sie vom göttlichen Ursprung des Menschen aus und sah alle seine Schwächen als eine Folge des Sündenfalls. Kosmische Kräfte wirken auf ihn. Stärkung der Tugenden, Überwindung der Laster und vor allem Maßhalten sind die Voraussetzung für Gesundheit und Gesundung.

Schriften über den Menschen und seine Heilung

Die Visionen Hildegards und ihre Deutung sind vor allem Gegenstand der Bücher Scivias (Wisse die Wege), Liber vitae meritorum (Das Buch der Lebensverdienste) und De operatione Dei (Die Werke Gottes), späterer Titel: Liber divinorum operum (Das Buch der göttlichen Werke). In Scivias geht es um die Offenbarung des christlichen Glaubens und das innere Leben der Kirche und den Weg der Seele auf Erden, im Liber vitae meritorum um den inneren Kampf des gläubigen Menschen und seine weltweite Verantwortlichkeit und im Liber divinorum operum um den Aufbau der Welt und des Menschen. Wichtig für ihre Heilkunde sind auch die Bücher „Physica“ und „Causae et curae“, die wahrscheinlich nicht auf Visionen beruhen und vor allem naturkundliche und medizinische Einzelheiten zum Inhalt haben. Diese zwei Bücher gehörten ursprünglich ganz oder teilweise zusammen. Wieweit sie wirklich Hildegard zur Autorin haben und was später noch von anderen dazugeschrieben wurde, läßt sich nicht mehr feststellen, da nur Abschriften aus späterer Zeit erhalten sind.

Hildegard hat sich zwar um eine systematische Darstellung bemüht, dennoch sind ihre einzelnen medizinischen Erkenntnisse und therapeutischen Ratschläge in den Schriften sehr verstreut. Einen leichteren Zugang haben u.a. der Medizinhistoriker Prof. Heinrich Schipperges und der Arzt Dr. Gottfried Hertzka geschaffen. Es sei besonders hingewiesen auf Schipperges: Hildegard von Bingen – Heilkunde, Salzburg 1957 (Übersetzung und Kommentierung von Causae et curae) und Hertzka: Das Wunder der Hildegard-Medizin, Stein am Rhein, 1986.



Schriften und Werke

Weltbild

Das Weltbild Hildegards ist christlich. Es ist getragen von Sorge um das Wohl der Menschen und der Natur. Hildegard war Lehrerin und hat im Kloster junge Mädchen erzogen, die adelige Familien zu ihr schickten, damit sie die damals gebräuchlichen, wissenswerten Dinge des Lebens erfahren sollten. Hildegard hatte also eine Schule für das Leben und sie hatte einen guten Ruf als Vorsteherin der Klöster, die sie betreute. Das naturkundliche Werk Hildegards war so gesehen ein Schulbuch für die Heilkunde und enthielt ihre Kenntnisse von den Ursachen von Gesundheit und Krankheit sowie den Möglichkeiten zur Heilung.

Hildegards Schau vom Menschen im Kosmos ist eine Sammlung von Symbolen für Abläufe im menschlichen Körper. Der Mensch ist in ihrem Weltbild ein göttliches Wesen und dazu geschaffen, das Werk Gottes weiter zu führen. Er ist Mitschöpfer und somit Gottes Ebenbild. Die Schwächen der Menschen werden bei ihr nicht verteufelt, sie sind reparabel und durch Stärken ersetzbar. In den rd. 300 Briefen, die von Hildegard erhalten sind, erfährt der Leser, wie stark Hildegard war und wie gut sie Menschen hat raten und helfen können, die sich an sie gewandt haben. Bis zuletzt hat Hildegard für die Ordnung im Leben gekämpft. Ihr Rat hilft auch heute noch Menschen, auf einen guten Weg zu kommen.



Grüne Reihe - Das Weltbild Pflanzen Vögel

Einführung in die Heilkunde

Die Heilkunde Hildegards ist zu allererst eine Seelenheilkunde. Wenn der Mensch auf sein Inneres hört, bekommt er Informationen, die ihn zur Gesundheit führen. In Causae et curae erklärt sie die Entstehung der Welt und der Natur, beschreibt den Wechsel der Naturphänomene und Naturgewalten, behandelt das Thema Astronomie und bringt die Sterne in Zusammenhang mit den Körperfunktionen. Sie erklärt die Elemente und was sie mit den Beschaffenheiten des Körpers zu tun haben. Gesundheit und Krankheit werden ausführlich beschrieben und auch wie man nachhelfen kann mit Heilmitteln, wenn es mit der Umstellung der Lebenshaltung noch nicht ganz gelungen ist.

Das Bild Hildegards vom Mensch finden wir verschlüsselt in De operatione Dei. Wir werden zuerst eingeweiht in ihr Wissen um den Menschen im Kosmos. In der zweiten Schau wird gezeigt, wie der Kosmos aufgebaut ist. Den Bau des Kosmos symbolisieren sechs Sphären, die in Kreisen dargestellt sind, die die Erde umgeben. Der äußerste Kreis ist gleichzeitig der oberste und hat eine hellrote Farbe, er ist das „hell leuchtende Feuer“. Darunter befindet sich der Kreis des reinen Äthers. Darunter wieder ist der Kreis der wasserhaltigen Luft. Dann folgt der Kreis der starken weißen Klarluft. Zuletzt kommt der Kreis der dünnen Luftschicht.

Auf jedem Kreis finden wir einen Tierkopf, der etwas aushaucht, wie einen Wind, immer auf die Mitte, die Erde zu. Auf jedem Kreis befindet sich so ein lebensspendender Hauch, der seine Energie auf den Menschen zu bläst. Er und die Natur sind Nutznießer dieser Lebensenergie. Mit diesen Winden wird das Weltenrad angetrieben und so wird auch der Mensch davon angetrieben. Das und noch viel mehr, ist Symbol für verschiedene Funktionsbereiche des menschlichen Körpers und sorgt für sein Wohlergehen. Sonne, Mond und Sterne senden ihrerseits Strahlen zu den Tierköpfen und zur Gestalt des Menschen, der in der Mitte steht.

Grundregeln der Lebensgestaltung

Das rechte Maß und die vier Weltelemente

Die Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde sollen in Ordnung gehalten werden. Für den Therapeuten ist es wichtig, entsprechend der Hierarchie der Elemente vorzugehen, damit der Körper und seine Funktionen in gesundem Gleichgewicht gehalten werden, denn es hängt das harmonische Zusammenspiel dieser Kräfte mit der Entwicklung der Säfte, Blut, Lymphe, Schleim und Schwarzgalle, zusammen. Im Körper entstehen eine Menge Fehlsäfte, deren Anteile mehr oder weniger für die Entwicklung von Krankheiten mit verantwortlich sind.

Die Einübung des rechten Maßes ist eine Grundübung, die nicht nur die Seele sondern auch den Körper gesund erhält. Im Liber vitae meritorum spricht die durch einen vollgefressenen Wolf dargestellte Maßlosigkeit (immoderatio): „Was immer ich wünschen und begehren kann, das werde ich fleißig tun und auf nichts will ich verzichten“ (2) Demgegenüber steht die Tugend des rechten Maßes (discretio). Maßhalten gilt für alle Lebensbereiche. In Causae et curae wird sowohl das Maßhalten im geschlechtlichen Verkehr als auch beim Essen und Trinken ausführlicher behandelt.

(2) Hildegard von Bingen, Liber vitae meritorum, Brepols 1996, S. 80.



Tugenden und Laster

Richtig Ernähren

Bei der Ernährung geht es Hildegard vor allem darum, daß das rechte Maß beachtet wird, das jeder für sich selber herausfinden muß. Sie gibt Ratschläge zur Diät, warnt aber vor unüberlegtem Fasten. Sie beschreibt, welche schmerzlichen Folgen es hat, wenn wir das rechte Maß nicht einhalten. Des weiteren gibt sie eine Fülle von Ratschlägen zur Zusammensetzung des Speisezettels und zur Zubereitung der Mahlzeiten. Dabei geht sie von der mittelalterlichen Einteilung der Nahrungsmittel in kalt und warm, feucht und trocken aus, mit der die innere Beschaffenheit der Nahrungsmittel, nicht ihr äußerer Zustand gemeint ist. Wie die einzelnen Nahrungsmittel einzuordnen sind, gibt sie im Buch Physica an.

Sie empfiehlt bei der Zusammenstellung verschiedener Nahrungsmittel darauf zu achten, daß sie bei Tisch nur folgendermaßen kombiniert werden: warm und feucht oder warm und trocken oder kalt und feucht oder kalt und trocken und das immer im Wechsel. Die Nahrung soll gekocht oder wenigstens gedünstet sein. Hildegard warnt vor zu viel Fleisch und zu viel Rohkost. Es sollte nicht zu kalt und nicht zu heiß gegessen werden.

Die Nahrungsmittel sollen möglichst in der Gegend gewachsen sein, in der der Mensch lebt. Zum Trinken empfiehlt sie abgekochtes Wasser, Bier und Wein. Manchmal sollen auch Kräuter gekocht, d.h. Tee gemacht werden. Nahrung ist gleichzeitig Heilmittel. Viele Kräuter, die Hildegard für die Küche empfiehlt, nennt sie an anderer Stelle auch als Medizin. Für ein tieferes Verständnis der Ernährungslehre Hildegards ist es notwendig, von ihrer Lehre von den vier Elementen und der Wirkungsweise der verschiedenen Körpersäfte auszugehen.

Von Nahrungsmitteln, die dem Menschen nicht gut tun, soll er nur wenig essen. Es gibt Nahrungsmittel, die in großen Mengen giftig wirken, andere schon in ganz kleinen Mengen, wieder andere führen zu einem Überschuß schädlicher Säfte. Manche rauben gute Säfte für die Verwertung in richtiger Weise, andere bilden schlechte Säfte, die dem Menschen sehr zusetzen. Alles in allem braucht der Mensch die richtige Vernunft zu Auswahl.



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Schlafen und Wachen

Da der Schlaf im Kloster oft zu kurz kommt, widmet sie ihm besondere Aufmerksamkeit. In Causae et curae gibt sie eine ganze Theorie des Schlafes, die mit der Schöpfungsgeschichte beginnt und zu einer Erklärung der Vorgänge im Körper führt: Nach dem Sündenfall wurde der Leib des Menschen schwach und gebrechlich. Im Schlaf, den die Seele ebenso steuert wie das Wachen, erholt sich der Mensch und schöpft neue Kraft. Im Schlaf stärkt die Seele das Mark und dieses den ganzen Organismus. Während des Schlafes läßt die Seele in Träumen verschiedener Art ihr Wissen spielen. Schlaf ist lebensnotwendig. Man soll aber auch nicht zu viel und zu lange schlafen. Hildegard gibt den praktischen Ratschlag, nicht gleich nach dem Essen zu schlafen. Sie weiß, daß Aufregungen und widersprechende Gedankenabläufe den Schlaf hindern oder zu schlechtem Schlafen führt. Also beides meiden! Ihr Rat zur Bewegung verhilft auch zu gutem Schlaf.

Anspannen und Entspannen

In ihrer kosmischen Schau sieht Hildegard vier Winde, die auf den Menschen einwirken und Einfluß auf die Bewegung haben. Damit sind keine realen Winde gemeint. Die Winde der Vision sind kosmische Kräfte und gleichzeitig Symbol für die Tatkraft. Sie können negativ oder positiv wirken. Wenn der Mensch die guten Winde nicht nützt, kommt er mit seiner Gesundheit immer weiter herunter. Die guten Winde sind für die Ausführung der Bewegung hilfreich. Ohne den Willen des Menschen zur Ausführung aber geht nichts. Die Regel, die Hildegard für die Bewegung gibt, ist einfach: „Die Gliedmaßen in allen Teilen bewegen“ . Bewegung geschieht beim Anspannen des Körpers und beim Entspannen. Beides ist wichtig und muß im Gleichgewicht stehen. In der benediktinischen Lebensweise nach der Regel „bete und arbeite“ wird es verwirklicht. Anspannen und Entspannen gehört für Hildegard zu den Rhythmen des Lebens, die grundlegend sind, so wie das Anschwellen und Absinken der schlechten Säfte im Organismus oder die vermehrte und verminderte Blutbildung unter dem Einfluß des Mondes. Für den Körper wird Anspannen und Entspannen am besten in einer regelmäßigen Abwechslung von Arbeiten und Ruhen verwirklicht, wie es der Regel des hl. Benedikt entspricht.

Ausscheiden und Ausleiten

Nach Hildegard wurde mit dem Sündenfall durch das Essen der Frucht Adams Galle verwandelt. Aus einem leuchtenden Kristall wurde sie in einen Stoff verwandelt, der eine ganz andere Art besaß, diese mußte nämlich ab da helfen, die Nahrung zu verdauen, die bisher geistiger Natur war. Wenn der Mensch also das Maß nicht einhält und die Nahrungsmittel schlecht auswählt, sich beim Essen falsch verhält und seine Verdauungsorgane nicht pflegt, erkrankt er durch die Reststoffe, die im Körper verbleiben. Der übelste Reststoff ist die Schwarzgalle. Unnütze und schädliche Säfte müssen ausgeleitet werden, sonst wird der Mensch krank. Das ganze Buch „Causae et curae“ ist durchsetzt von Ratschlägen zum Thema Säfte und Fehlsäfte. Was in den Menschen durch den Mund hineinkommt, das muß er auch wieder ausscheiden. Zurück soll nur bleiben, was er zur Erhaltung des Lebens und zum Wachstum braucht. Das wichtigste Mittel Hildegards zur Ausleitung ist die Entfernung der Schwarzgalle durch den sog. Hildegard-Aderlaß. Ferner nennt sie im Buch „Physica“ zahlreiche Pflanzen, die die Ausleitung und Reinigung anregen. Schließlich empfiehlt sie auch verschiedene Anwendungen wie Schröpfen, Brennkegel (Moxa), Abführen (Elixiere), Wickel, Streichungen (Massagen), Verbände, Umschläge, Fußbäder, Inhalationen. Vieles davon gehört auch zu den Kneipp-Kuren.

Therapie

Therapie für die Seele

Hildegards Sicht der Krankheiten und ihre Ratschläge zur Heilung geht von den verschiedenen, seelisch unterschiedlichen Menschentypen aus. Nach ihrer Lehre sind für diese Unterschiede ererbte Faktoren maßgeblich. Bei der Zeugung vermischt sich mit den vier Elementen das Erbgut der Eltern und bewirkt eine spezielle Blutzusammensetzung im gezeugten Kind. Der neue Mensch wird dann ein Choleriker oder ein Sanguiniker, vielleicht aber auch ein Melancholiker oder ein schwarzgalliger Mensch. Er hat außerdem Übel, die er z.T. von seinen Eltern geerbt hat, z.T. sich selber durch falsches Verhalten zugezogen hat. Durch Änderung des Verhaltens können diese Übel häufig gemindert werden.

Hildegard ist sich des Zusammenhangs von Seele und Körper bewußt. Sie sagt, daß die Seele, die im Körper wohnt, selber den göttlichen Hauch aufnimmt und ihn in das Körperinnere weiterleitet. Dadurch werden die Säfte verändert, das hat Auswirkungen auf die Organe. Tugend stärkt die Seele und damit auch den Leib, Laster schwächt. Umgekehrt wirkt aber auch ein gesunder Leib positiv auf die Seele ein. Heil und auch Gesundheit entstehen durch den Sieg der Tugenden über die Laster.

Hildegard sieht in der Vision, die sie im Liber vitae meritorum beschreibt, die Laster mit den Tugenden, den „Streitkräften Gottes“, wie auf einer Bühne kämpfen. Insgesamt nennt sie 35 Laster, die durch die zugeordneten Tugenden überwunden werden müssen. Die Gegensatzpaare beginnen mit der Weltliebe, die mit der Liebe zum Himmlischen in Streit liegt, und enden mit dem Weltschmerz und seinem Gegenstück, der himmlischen Freude. Hildegard weiß aber auch, daß es nicht möglich ist, dauernd tugendhaft zu sein. Bei der Überwindung der Laster hilft die Reue, und wenn Tränen fließen, wird der Mensch aufnahmefähig für die Tugend. Verhärtetes wird verflüssigt, der Körper wird entgiftet.

Der Katalog der 35 Gegensatzpaare beginnt mit den Gemütsbewegungen, die den Kopf angehen. Hier sind die 5 Sinne betroffen. Die Bedeutung für die Gesundheit des Menschen wird von Gruppe zu Gruppe zunehmend problematischer. Was bei den ersten 7 Lastern noch leichte Vergehen sind, wird bei der zweiten Gruppe der jugendlichen Unarten schon ernster. Ist der Mensch erst erwachsen und hat seine kindlichen und jugendlichen Laster nicht ablegen können, türmen sich weitere Untugenden auf, die schwerer wiegen und auch schwerer zu behandeln sind. Der betroffene Mensch muß dann schon hart an sich arbeiten, um seiner Laster Herr zu werden. Ist er aber ganz alt und hat immer noch nichts dazugelernt, hilft oft nur noch beten, daß es gelingen möge, ein guter Mensch zu werden. Der gute Wille zur Umkehr und zum Ablassen vom Laster steht also an oberster Stelle als Möglichkeit zur Verfügung, um Temperament und Laster in den Griff zu bekommen. Der Tugend- und Lasterkatalog Hildegards ist christlich-mittelalterlich geprägt. Will man ihre Grundideen heute anwenden, so muß man sich die Mühe machen, den Katalog für die heutige Zeit umzuformulieren.



Das Herz

Therapie für den Leib

Gelingt es dem Menschen nicht, die Laster und die daraus folgenden Belastungen in den Griff zu bekommen, wird der Körper nach und nach der Leidtragende sein. Bleiben die schlechten Eigenschaften unverändert, so folgt eine Beeinträchtigung des Körpers. Es entsteht Leidensdruck. Die Krankheiten, die den Untugenden folgen, werden wieder aufgerollt von Kopf bis Fuß. Die erste Gruppe belastet die Sinnesorgane, die zweite Gruppe die Region des Halses, die dritte Gruppe die Brust und ihre Organe, dann folgen die Organe des Bauches und des Unterleibs und zum Schluß sind die Gliedmaßen betroffen, wie man es bei alten Menschen sehen kann, die kaum mehr einen Fuß vor den anderen setzen können, von Gicht und Rheuma geplagt.

Hildegard behandelt aber nicht nur die Organe und Organsysteme der Reihe nach den entsprechenden Lastern, sie nennt auch Krankheiten wie z. B. typische Krankheiten, die die Kinder durchmachen müssen. Es werden Infektionen, Wunden, Ungeziefer, Behinderungen, Süchte, Fieber verschiedener Ursachen behandelt und Probleme in Erziehung und Partnerschaft, Geburt und Tod. „Liber divinorum operum“ ist eine wahre Fundgrube für Zusammenhänge, wie der Mensch an Symptomkomplexen erkranken kann.

Es verlangt dem Therapeuten schon einiges ab, dahinter zu schauen, was Hildegard anspricht und wie es mit dem Patienten zusammenpaßt. Der Ablauf allerdings ist immer ähnlich: Die Seele macht bei der Pflege der lasterhaften Lebensweise einige Zeit mit, sie läßt es geschehen, daß der Mensch sich austobt und sieht das wie Kraut und Unkraut, das nun einmal da ist. Aber mit der Zeit entwickeln sich die Laster zu Risikofaktoren für die Seele. Jetzt muß sie dem Leib zeigen, daß er auf dem falschen Weg ist. Die Hinweise beginnen mit leichten Unpäßlichkeiten, die sich nach und nach zu Beschwerden entwickeln, Schmerzen verursachen und zu vorübergehenden Krankheiten führen. Lernt der Mensch immer noch nicht, daß viele seiner Beschwerden von seinem Verhalten abhängen, kommt es so weit, daß eine Krankheit nicht mehr umkehrbar ist, sie entwickelt sich vom chronischen Zustand zum unheilbaren Leiden.

In fast jedem Zustand kann der Mensch noch umkehren und vom Laster loslassen. Er wird sich dann sofort auf dem Weg der Tugend befinden und sich wohler fühlen. Seine Erkenntnis bewirkt, daß er von seinem Übel erlöst wird. So mancher Patient mußte erkennen, daß ihn seine Krankheit seelisch gesund gemacht hat. Diese seelische Gesundheit ist mehr wert als alles andere. Der Kranke kann nun sein Leiden annehmen und zu der Erkenntnis kommen, so wie es ist, ist es gut. So ist die Lehre Hildegards nicht nur als Gesundheitslehre sondern als Heilslehre zu sehen. Der Mensch kommt wieder ins seelische Gleichgewicht. Die Umkehr bewirkt eine Art Heimkehr in das innere Kraftfeld. Grünkraft (viriditas) kann wieder erzeugt werden, und damit kann der Mensch sogar anderen Menschen auf dem Weg zur Gesundheit helfen. Die Nächstenliebe (caritas) ist eine große Tugend und wird besonders belohnt.



Kopfschmerz und Migräne Krankheiten des Herzen Rheuma


Heilmittelkunde

Die Heilmittel, aber auch Erkenntnisse ihres inneren Wesens sind Gegenstand von 'Causae et curae' und in 'Physica'. Z.B. erfahren wir von der Beschaffenheit der Pflanzen, daß jede Pflanze etwas hat, das einer anderen Kreatur beistehen kann, um Beschwerden zu lindern. Manchmal kommt aber der lapidare Satz: „…und es wird ihm besser gehen, es sei denn, Gott will es nicht“. Die Mittel haben Beschaffenheiten, wie man sie schon zu Hippokrates Zeit kannte. Warm, kalt, feucht und trocken, wirken sie angewandt auf den entgegengesetzten Zustand des Leidens. Ein warmes Mittel auf einen kalten Zustand und umgekehrt, ein feuchtes Mittel auf einen ausgetrockneten Menschen. Z.B. wird der Schnupfen, der zur Klasse feucht und kalt gehört, mit einem trockenen und warmen Mittel, wie etwa Dill, behandelt. Aber nicht nur Pflanzen sind Heilmittel.

Es werden auch Metalle und Steine als Heilmittel eingesetzt und von Bäumen, Fischen, Vögeln, Reptilien und anderen Tieren Heilmittel gewonnen. Die Liste der Heilmittel ist sehr lang. Bei der Anwendung ist aus verschiedenen Gründen Vorsicht geboten. Naturschutz, der im Mittelalter noch keine Rolle gespielt hat, muß heute beachtet werden. Geschützte Pflanzen und Tiere sollten nicht mehr verwendet werden, wie z.B. der Geierschnabel.

Außerdem gibt es noch eine gewisse Unsicherheit, ob manche Pflanzen, die Hildegard nennt, auch wirklich die Pflanzen sind, die wir heute unter dem entsprechenden Namen kennen. Es kann z.B. das Maiglöckchen, das sie empfiehlt, unmöglich unser heutiges, sehr giftiges Maiglöckchen sein. Dazu muß man eben seinen Verstand einsetzen und mitdenken, vor allem nicht einfach darauf los therapieren, sondern die Kur oder die Behandlung mit einem Therapeuten absprechen. Hildegard sagte übrigens auch, daß der Kranke sich einen Arzt suchen soll. Man sollte nur die Hildegard-Heilmittel verwenden, die wirklich erprobt sind.

Außer den Heilmitteln hat Hildegard noch eine große Zahl von Anwendungen empfohlen, die vom Aderlaß, über Wickel zu Verbänden, Pflastern usw. führen. Das alles finden wir in Causae et curae, genau beschrieben und zur Anwendung empfohlen.



Heilmittel allgemein Edelsteine


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Literatur

Werke von Hildegard mit den Themen: Heilfasten, Medizin, Naturkunde, Heilkunde, Gesundheit, Ernährung



Rota, letzte Aktualisierung 02.2016, Linkprüfung 04.2017



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