Stärkung der emotionalen Intelligenz

08.12.10 06:49 #1
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Stärkung der emotionalen Intelligenz

fauna ist offline
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Seit: 27.11.09
Hallo liebe flower40

Danke für deine Antwort und dein Engagement und die wohlwollende Energie, die du mir rübergeschoben hast.

Es war eigentlich nicht mal sehr aufwühlend in der Situation. Ich habe auch keine besonderen Gedanken gehabt. Ich wusste einfach, dass mein Bruder meine beiden Schwestern telefonisch sehr bedrängt hatte und dass er das bei mir auch machen würde. -

Er wollte wissen, wer einen von ihm vorgeschlagenen Vertrag nicht unterschreiben möchte und zuerst mal, ob wir ihn unterschreiben. Dann wollte er emotionalen Druck machen (das nehme ich an), wenn wir nicht unterschreiben. - Wir hatten zu dritt die Antwort beschlossen und dass dieser Vertrag nicht in Frage kommt, dass er mit dem Amt einen neuen kreieren kann oder sich beschweren. Aber wir sind nicht Konfliktpartei, sondern stehen aussen.

Ich wusste einfach, dass ich sehr wütend und aggressiv geantwortet hätte, weil seine Art mich wirklich nervt und seine Verdrehungen und kommunikativen Spiel einfach nur nervig und perfid sind. Eine Diskussion mit ihm ist für mich sehr schwierig. -

Ich fragte mich, warum ich denn immer noch so Mühe habe, da kamen mir dann einige der unzähligen wirklich harten Situationen in den Sinn und ich musste mir sagen, dass ich wirklich Grund habe, mich dem nicht mehr auszusetzen, auch wenn ich seit einigen Jahren erwachsen bin. Auch als erwachsene Frau habe ich Grenzen und muss nicht jeder Zeit für alles zur Verfügung stehen.
Irgend ein Anteil in mir brauchte gestern Abend einfach eine Bestärkung, dass das legitim ist.

Die erhielt ich und ich konnte ein paar Tränen fliessen lassen. Das entspannte mich und ich war wieder voll da. Das hat genügt.

Liebe Grüsse
fauna

Stärkung der emotionalen Intelligenz

fauna ist offline
Themenstarter Beiträge: 1.571
Seit: 27.11.09
So mittlerweile hat mein Bruder unsere Antwort. Gerne hätte ich Frieden mit ihm und in letzter Zeit berühren mich Geschichten, bei denen sich Menschen "einfach aufs Positive oder Gewünschte ausrichten".

Oft grenze ich mich auf dieser Ebene bei neuen positiven Gedanken innerlich ab. Meine Mutter war eine sehr "positive denkende Frau". Jegliches negatives Gefühl musste ich sofort wegdrücken, war tabu und verboten und ...

... und es ging sehr krass bei uns zu und her. - Auch persönliche Bedürfnisse waren tabu, egal ob sie sich hinter angenehmen oder unangenehmen Gefühlen verstecken. Ich hatte mich gefälligst so zu fühlen, dass ich sie in ihrem Bedürfnis, eine gute Mutter zu sein bestärken konnte. Möglich waren Hilflosigkeit oder Freude/Dankbarkeit etc. meiner Mutter gegenüber etc.

Positiv Denken und Vertrauen auf meinen Prozess ist oft verbunden mit der Angst vor Verdrängen und Abheben.

Mir ist klar, dass das vorbei ist und ich mich weiter entwickelt habe. Meine Mutter ist nicht mehr am Leben. Trotzdem ist da noch ein Thema in mir, das mich an meinen persönlichen Zielen blockiert.

Erstens kenne ich sie zu wenig.
Zweitens blockiere ich mich irgendwie.

Intuitiv weiss ich, dass es mit dem Umgang mit den Gefühlen zu tun hat. Viele kann ich sehr differenziert wahrnehmen, einige noch nicht. - Eigentlich würde ich mir ja mit meinem Bruder eine andere Art von Beziehung wünschen. - Auf Augenhöhe und in gegenseitiger Wertschätzung.

Da steckt aber ein tiefer Glaube in mir, dass da mit ihm nicht möglich ist. - Ist schlicht nicht wahr. Das weiss ich auch ganz sicher. - Nur, was ist wie möglich?

Und auch in der Arbeit sehe ich noch zu wenig Ansatzpunkte, wie und wo ich welche nächsten Schritte machen kann. - Alles ist noch sehr über den Kopf gesteuert, eher rational und nicht über den Bauch und das Herz...

Stärkung der emotionalen Intelligenz

fauna ist offline
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Seit: 27.11.09
Heute beim Vorbereiten eines Elterncoachings in den alten Unterlagen gefunden:

DU SELBER

Ein Geschäftsmann wollte vom Meister wissen, was das Geheimnis eines erfolgreichen Lebens sei.
Sagte der Meister: "Mach jeden Tag einen Menschen glücklich!"
Und er fügte als nachträglichen Gedanken hinzu: "...selbst wenn dieser Mensch du selbst bist."
Nur wenig später sagte er: "VOR ALLEM, wenn dieser Mensch du selbst bist."
Lieder kenne ich die Quelle nicht. Aber die Geschichte gefällt mir.

AW: Stärkung der emotionalen Intelligenz

fauna ist offline
Themenstarter Beiträge: 1.571
Seit: 27.11.09
Auf den Droh- und Schmähbrief meines Bruders reagiere ich nun mit Trauer. Tiefer Trauer sogar.

Unsere Beziehung als Kind war eigenartig, aber speziell. Als Kind wusste ich intuitiv, dass ich sehr wichtig für meinen 5 Jahre älteren Bruder war. Ich spürte seine Einsamkeit, seinen verletzten Gerechtigkeitssinnn, sein Gefühl abgelehnt zu werden und seine Sehnsucht anerkannt zu werden. Als er in der Pubertät war entfernte er sich natürlich von mir, löste sich aus seiner Kindheit ab. Ich fühlte mich verlassen von ihm, wusste nicht, wieso er kein Interesse mehr an mir hatte.

Später knöpfte mir mein Geld ab und machte viel Zoff zu Hause, fühlte meine Mutter als mit mir gegen ihn verbunden. In Tat und Wahrheit war ich zwischen den Fronten, litt einerseits unter dem Lärm und den Psychospielchen meines Bruders, andererseits unter dem Klagen meiner Mutter, hatte auch Angst, wenn mein Bruder und mein Vater alkoholisiert und aggressiv waren, manchmal auch weinselig und von mir getröstet werden sollten. Bei meinem Bruder überschritt das eindeutig auch mehrmals auch meine sexuelle Integrität.

Nachdem ich volljährig war, hatte ich nur noch wenig Kontakte mit meinem Bruder. Er hatte sich vor mir zurück gezogen, auch weil ich selber nicht immer nur pflegeleicht war und selber von der familären Situation bei uns überfordert war. Weiter hatte er Probleme im Beruf und keine Beziehung. In den wenigen direkten Begegnungen fühlte ich regelmässig, dass er versuchte mit meinen Gefühlen zu spielen, Psychospielchen halt.
Zweimal klopfte er bei mir an und bat um Hilfe. Ich war als junge, selber sehr verunsicherte Frau davon überfordert. Das eine Mal folgte auf ein Hindern von mir dass er im Vollrausch rund 200 km ins Militär fuhr. Mein Argument, dass er wohl selber fahren darf wie er möchte, dass ich aber die Aufgabe habe, andere zu schützen und dass ich mir grosse Vorwürfe machen würde, wenn er total alkoholisert (er konnte nicht mehr gehen) mit dem Auto andere verletzen würde, machten ihm damals Eindruck. Aber ich konnte mit 22 Jahren meinem älteren Bruder nicht helfen, stabil zu werden.

Mit 40 heiratete er. Er bekam zwei Töchter. Damals begannen auch seine Reaktionen mit Schmähbriefen. Seine Frau nahm sich früh das Leben. Es fand keine Trauerfeier statt. Er wollte alles allein machen und fuhr mit zwei kleinen Mädchen und der Asche ins Herkunftsland seiner Frau.

Jetzt wo zu den Beleidigungen und Beschimpfungen auch noch Drohungen kommen, habe ich zu klären versucht, wie ich reagieren möchte. Mehrere Entwürfe einer Antwort habe ich, auch die Möglichkeit, dass ich einfach nicht schreibe und bei der nächsten strafbaren Handlung gegen mich Anzeige erstatte. Ich werde mich morgen bei der Opferhilfe beraten lassen.

Mein Grundgefühl ist aber Trauer, Trauer um die "nicht mögliche Beziehung" mit meinem Bruder, auch um die Muster in meiner Herkunftsfamilie und die Folgen für mein Leben, resp. Trauer um mein nicht voll gelebtes Leben dadurch.
Trauer, dass ich noch immer an den Mustern leide, bei mir selber nach vertanen Möglichkeiten und Fehler suche, nach Verständnis usw. - Trauer, dass ich wirklich persönliche Grenzen habe und dass meine psychische und persönlichen Unversehrtheit und Sicherheit in meiner persönlichen Wertehierarchie höher steht als die Beziehung (direkte Auseinandersetzung) mit meinem Bruder.

Ich bin froh, dass ich neben dem klaren Bedürfnis nach Schutz auch mein Bedürfnis nach einem konstruktiven Kontakt, einer echten, lebendigen Beziehung zu ihm wahrnehmen kann. Damit verbunden auch meine Trauer, dass mir das nicht möglich ist.

Dadurch habe ich auch diese Webseite gefunden: Trauer: Wie viel Verlustschmerz ist eigentlich normal? - SPIEGEL ONLINE

Was mich erstaunt: Trauer wird in der Regel mit einem Trauerfall in Verbindung gebracht. Es gibt auch andere Erfahrungen, die Trauer auslösen können.

AW: Stärkung der emotionalen Intelligenz

fauna ist offline
Themenstarter Beiträge: 1.571
Seit: 27.11.09
Nachdem mich mein Bruder wirklich krass behandelt hat. Es kaum Worte, mit denen sein Verhalten beschrieben werde kann, fühle ich mich traurig.
Eigentlich wäre Wut angemessen. Jemand hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass:

Traurigkeit bedient sich der Wut, wenn sie ungelebt ist. Wut bedient sich der Traurigkeit, wenn Wut nicht sein darf.
und
Depression -> Wut nach innen gerichtet
Aggression -> Wut nach außen gerichtet
Mein Ziel ist es selbstverständlich nicht aggressiv zu werden in meiner Wut, wie mein Bruder, sondern mit meiner Wut konstruktiv umzugehen. In Tat und Wahrheit fühle ich mich aber traurig. Noch heute Nachmittag habe ich hier in meinem Tagebuch geschrieben, dass ich sicher bin, dass es sich um Trauer handelt, nicht um Depression.

ABER ich bin sicher, dass irgendwo in mir auch noch mehr Wut stecken muss und dass ich lebendiger wäre, wenn ich sie fühlen könnte. - Ok. ich könnte schlechter schlafen und in meiner Trauer, die bestimmt auch echt ist, habe ich den Wunsch mich in der Geborgenheit unter der Decke in meinem Bett zu verkriechen.

Gerade, wenn ich das schreibe, erinnere ich mich an den Gründonnerstag oder Karfreitag 1994. Da fühlte ich mich auch so traurig, spürte, dass ich der Trauer Raum geben möchte. Ich zog mich ins Bett zurück, heulte, gab mich der Trauer hin und PLÖTZLICH war ich WÜTEND. In dieser Wut spürte ich, was ich wollte:
Ich wollte, dass mein jetziger Mann mir einen Heiratsantrag machte. Ich ging zu ihm in die Küche, sagte ihm wütend: Ich möchte, dass du mir eine Frage stellst, sonst ist es aus. - Er schaute mich an und fragte: Willst du meine Frau werden? Möchtest du mich heiraten. Über Ostern organisierten wir eine Musik und den Saal für die Feier. Drei Monate später hatten wir ein wunderschönes Fest. Die Erinnerungen daran sind immer noch sehr bunt und glänzend!

Wer weiss, vielleicht hilft es mir, mich meiner Trauer hinzugeben, vielleicht komme ich auch dieses Mal wieder zur Wut und zu meinem Wunsch. Auf jeden Fall wäre es schön!

AW: Stärkung der emotionalen Intelligenz

fauna ist offline
Themenstarter Beiträge: 1.571
Seit: 27.11.09
Mittlerweile bin ich wieder einen Schritt weiter.

Ich bin von Herzen dankbar, dass die Beraterin der Opferhilfe mich ernst genommen hat. Sie hat mir meinen letzten Gedanken von gestern Abend gespiegelt: Mit hoher Wahrscheinlichkeit leidet mein Bruder an einer Persönlichkeitsstörung und ist psychisch unter grossem Druck. Es ist fraglich, was eine klare Message auslösen würde. Es könnte Öl ins Feuer sein, wenn sein Zustand so labil-aggressiv ist, dass er sich so verhält.

Es könnte gut sein, dass er sich am besten beruhigt, wenn wir ruhig bleiben. Falls er wirklich irgendwie reagiert, können wir immer noch reagieren. Briefe oder Mails können wir auch einfach aufbewahren, ohne sie zu lesen. Im Notfall können wir etwas belegen.

In mir selber switche ich ja zwischen Wut, Mitgefühl und Trauer, auch Ohnmacht, Verletzung, Hilflosigkeit mischen sich hinein. Ich kann alle Gefühle anerkennen, nachvollziehen, habe Verständnis für sie. Es macht auch müde. Ich habe noch einen Ausbildner, dessen Meinung mir wichtig ist, gefragt, was er davon hält und wie ich am besten mit meinen Gefühle umgehen könnte. - Auch er hat mir das gespiegelt, was ich schon wusste. Seine Worte haben mich aber sehr berührt: "Er hat nichts anderes im Portemonnaie." - Er kann wirklich nicht anders, hat nichts anderes zu geben als diese Beschimpfungen, wenn er selber in Not und unter Druck ist und wir uns nicht an seinen Lösungen beteiligen. - Er kann nicht anders. Und er kann nichts anderes geben, als das, was er hat: Frust. Ich brauche es aber nicht zu nehmen. Es hat auf der persönlichen Ebene nichts mit mir zu tun.

Er erzählte mir kurz die Geschichte von Buddha, der von einem Mann auf unflätigste Weise beschimpft wurde. Buddha segnete ihn. Seine Begleiter waren erstaunt und fanden es nicht in Ordnung. Buddha antwortete: Er hat nichts anderes zu geben.

Mittlerweile entdecke ich auch Gedanken und Gefühle in mir, die meinem Bruder dankbar sind. Er gibt mir auch die Chance Friedfertigkeit zu üben und meine Persönlichkeit weiter zu entwickeln. Ich lasse nicht alles zu, sage nicht zu allem ok. Nein, es ist klar, dass ich das Verhalten meines Bruders nicht akzeptabel finde. Aber er könnte keine Rückmeldung verstehen, würde jede Rückmeldung wieder verdrehen. Im Moment ist nichts möglich. Vielleicht ist zu einem späteren Zeitpunkt die Möglichkeit da ungefähr Folgendes auszudrücken:

Ich kann dein Verhalten nicht akzeptieren, es ist verletzend. Aber ich wünsche mir eine Beziehung, in der wir einander anhören und respektieren. Ich würde gerne damit beginnen. Du bist mir wichtig. Du bist mein Bruder.

In mehreren Situationen und Beziehungen konnte ich das schon. Und ich bin froh, dass ich anscheinend unterwegs bin, dass ich es auch mit meinem Bruder zusammen kann.

AW: Stärkung der emotionalen Intelligenz

fauna ist offline
Themenstarter Beiträge: 1.571
Seit: 27.11.09
Ich kann mir auch selber treu sein, wenn ich meine Wut für mein eigenes Bestes nicht ausdrücke. - Dieser Satz macht mich frei. Der Atem wird freier. Der Kiefer entspannt sich. Ich darf mich schützen, in dem ich still bin. Auch jetzt als Erwachsene ist in einigen Situationen dieser Umgang mit Wut und Verletzung besser für mich. Die ganze Sache wird dadurch weder gerechter noch ungerechter. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich alle stabilisieren ist so grösser. Das ist das wichtigere Bedürfnis. Ich bin nur geschützt, wenn sich mein Bruder beruhigt.

Diese Erkenntnis tut mir gut!

AW: Stärkung der emotionalen Intelligenz

Lady Ymoja ist offline
Beiträge: 634
Seit: 05.01.15
Wow! Du machst das so gut, Fauna! :-)

Und cool, die Heiratsantrags-Geschichte!

Lieben Gruss

Ymoya

AW: Stärkung der emotionalen Intelligenz

fauna ist offline
Themenstarter Beiträge: 1.571
Seit: 27.11.09
Danke, liebe Ymoya fürs Lesen und für deine Rückmeldung!

Stärkung der emotionalen Intelligenz

mondvogel ist offline
Beiträge: 5.133
Seit: 07.04.10
Zitat von Ymoja Beitrag anzeigen
die Heiratsantrags-Geschichte!
die finde ich auch wunderschön - fauna Du hast all meine Bewunderung für die Art und Weise wie Du an die "schweren" Theman rangehst....

Bravo, mondvogel
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"There is a crack in everything. That's how the light comes in." Leonard Cohen (RIP)


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