Psychiatrie - ein Stigma

09.10.08 21:17 #1
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Psychiatrie - ein Stigma

Carrie ist offline
Beiträge: 3.747
Seit: 21.05.06
Zitat von coaching Beitrag anzeigen
Es wird grundsätzlich unterschätzt, welchen wichtigen Einfluss die Psyche auf die Gesundheit hat.
Meiner Meinung nach wird heutzutage eher unterschätzt, welch wichtigen Einfluss der physische Zustand auf die Psyche hat.
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Liebe Grüße Carrie

Psychiatrie - ein Stigma

Shelley ist offline
Beiträge: 10.451
Seit: 28.09.05
hallo,

ich gehe nie auf die psychiatrie, wenn dort solche sachen passieren:


Der körperlich gesunde Tennislehrer Harold Blauer litt nach seiner Scheidung unter Depressionen, zu deren Behandlung er das New York State Psychiatric Institute aufgesucht hatte. Dort starb er am 8. Januar 1953, nachdem er mehrfach hohe Dosen einer synthetisch hergestellten Variante der Droge Meskalin im Rahmen von MKULTRA-Experimenten erhalten hatte. Seine Ex-Frau erstattete nach seinem Tod Anzeige, im Verlauf des Prozesses vertuschten die Behörden die wahre Todesursache. Das folgende Protokoll[10] beschreibt den Verlauf der tödlichen Infusion, die zu einem Kreislaufkollaps und Herzversagen führte.

9:53 Uhr Injektion beginnt, ruhelose Bewegungen, Protest gegen die Injektion.
9:55 Uhr Injektion endet.
9:59 Uhr [...] sehr ruhelos, muss von der Schwester festgehalten werden, nicht ansprechbar [...] wildes Rudern mit den Armen, heftiges Schwitzen [...]
10:01 Uhr [...] Patient richtet sich im Bett auf, komplette Versteifung des Körpers [...] schnarchendes Atmen 32/min, Puls 120/min [...] Zähne zusammengebissen, Schaum vor dem Mund [...] rollende Augenbewegungen [...]
10:04 Uhr [...] Verkrampfung der Rückenmuskulatur [...]
10:05 Uhr [...] steife Extremitäten, Pupillen leicht erweitert, reagiert nicht auf Licht [...]
10:09 Uhr [...] allgemeine Errötung des Gesichts und der Brust [...] weiterhin starkes Schwitzen [...] Tremor der unteren Extremitäten, Schaum vor dem Mund [...]
10:10 Uhr [...] weiterhin schnarchende Atmung 28/min, unregelmäßig [...] versteifter Kiefer [...]
11:05 Uhr [...] vereinzeltes Aufbäumen, heftige Arm- und Beinbewegungen [...] redet wirr von „Murphy“, meist zusammenhangslos, vorübergehend ansprechbar [...]
11:12 Uhr [...] gesteigerte Unruhe, unterbrochene Versteifung [...]
11:17 Uhr [...] redet nicht mehr [...] fällt ins Koma, immer noch unruhig [...]
11:30 Uhr starke, schnarchende Atmung [...]
11:45 Uhr [...] ruhiges, tiefes Koma.
Laut Protokoll endete das Experiment um 12:15 mit Blauers Tod.

MKULTRA ? Wikipedia

viele grüsse von shelley

Psychiatrie - ein Stigma

Oregano ist offline
Beiträge: 63.697
Seit: 10.01.04
Eine furchtbare Geschichte. Im Januar 1953.
Hoffentlich haben sich die Wirkungen der Medikamente seither verbessert und die Nebenwirkungen verringert.

Gruss,
Uta

Psychiatrie - ein Stigma

Shelley ist offline
Beiträge: 10.451
Seit: 28.09.05
hallo,

ist das immer noch so, dass sie in psychiatrien experimente an menschen machen, oder war das nur 1953 so?

das macht mir wirklich angst...

viele liebe grüsse von shelley

Psychiatrie - ein Stigma

Asmodea ist offline
Themenstarter Beiträge: 43
Seit: 06.10.08
Medizinische Forschungen unterliegen heute sehr strengen Regelungen und werden nicht "einfach so" in einer Klinik durchgeführt.

Psychiatrie - ein Stigma

Sine ist offline
Beiträge: 3.371
Seit: 15.10.06
Hallo Asmodea.
Du beschreibst sehr gut, wie es früher in psychiatrischen Kliniken war und wie sich die Wandlung vollzogen hat bis zum heutigen Zeitpunkt.
Ich befürchte trotzdem, dass die Psychiatrie Mankos aufweist, wie hier im Thread angesprochen.
Ich finde deine Ausführungen jedoch sehr spannend und engagiert, dafür ein herzliches Dankeschön!
Sine

Psychiatrie - ein Stigma

Oregano ist offline
Beiträge: 63.697
Seit: 10.01.04
Ich würde sogar noch weiter gehen, Sine: nicht nur die Psychiatrie und die psychiatrischen Kliniken haben Mankos. Auch andere Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte auf allen Gebieten haben Mankos. Das lesen wir doch hier immer wieder.

Gruss,
Uta

Psychiatrie - ein Stigma
Weiblich KimS
Hm, Uta ich sehe das auch so.

Andererseits finde ich dass es bei der Psychiatrie doch noch mal anders ist. Da sind die Patienten manchmal nicht gut im Stande zu beurteilen ob sie einen bestimmten Behandlungsform (oder Medikament) eigentlich wollen, und dann gibt es noch die "Gezwungene Behandlungen".

Was ich totaler Grusel/Horror finde ist dass die Elektroschockbehandlungen wieder zurückgekommen sind in der Psychiatrie! Hierzulande wird es offenbar eingesetzt bei Therapieresistente schwere Depressionen.

Ich mit mein Laienblick betrachte sowas als das Formattieren der Festplatte, die existierende Hirnstrukturen werden vernichtet und reorganisiert.... in wieweit wäre man danach noch der Person, die man vor so eine Behandlung war, und der Person so wie er gekannt und geliebt wurde von seinen Nächsten?...(trotz psy. Problematik).

Eigentlich finde ich dass es jeder Psychiatrischer Behandler verpflichtet sein sollte bevor irgendeine Behandlung eingestellt wird, bestimmte Aspekte von grosser neuropsychiatrischer Einfluss (müsste doch Mittlerweile weitaus bekannt sein..?), wie z.B. der (B-)Vitamine- und Spurenelementenstatus Komplett zu untersuchen. Relativ kleine mühe, als Präventionsmassnahme gegen grosse (unerwünschte Behandlungs-)Folgen...

Weiterdenkend... eigentlich scheint es mir auch sinniger zu überprüfen wie es mit Giftstoffbelastungen steht beim Patiënten, statt direkt Medikamente (weitere Toxische Belastung) einzusetzen. Tja... daran was zu tun könnte möglicherweise die "Heilungsdauer" verlängern, und dass scheint etwas ganz "Böses" zu sein. Lieber die schnelle Scheinlösung und Symptomunterdrückung als eine wirkliche Heilung? .... Hm. Kurzere Behandlungsfristen eine enorme "Errungenschaft" des letzten halben Jahrhunderts, oder eigentlich der grösste Verlust? Eigentlich ist das auch ein Aspekt der sich nicht nur auf der Psychiatrie beschränkt....

Das Glauben an die "Schnelle (und einfache) Lösung", möglicherweise ist das wohl die "Volkskrankheit" unserere Zeit?...

Herzliche Grüsse,
Kim

Psychiatrie - ein Stigma

Asmodea ist offline
Themenstarter Beiträge: 43
Seit: 06.10.08
Danke Sine für deine Antwort und ja! Du hast absolut recht. Die Psychiatrie hat noch immer einiges aufzuholen. Sie befindet sich genau so im Wandel wie viele andere Einrichtungen. (Beispiel Behindertenpflege, Epilepsiepflege, Forensik, Somatik) eigentlich jeder Bereich kann sich auch noch verbessern.

Ich persönlich denke dass es gift für die Pflege ist, wenn sie aufhört ihr eigenes Tun zu hinterfragen. Es ist mehr als schädlich wie ich finde wenn ein unglaublicher "Alltagstrott" sich einschleicht und man halt so arbeitet "wie man es eben schon immer getan hat" und das Gefühl hat alle Regeln gelten immer.

S was ist völliger Quatsch.
Ich denke die Pflege sollte immer so was wie das Gewissen einer Klinik darstellen. Na ja ist jetzt meine Meinung vielleicht bin ich da als "Jungschwester" noch etwas idealistisch veranlagt *g*

Meiner Meinung nach wird ein Spital oder eine Psychiatrie dem Menschen als solchen nicht gerecht wenn sie glauben Normen und Regeln einzuführen wie lange denn die Erholungszeit einer Blinddarmoperation oder eine Psychose zu sein hat. Dies ist ja der Trend der Krankenkassen. Find ich eigentlich völlig pervers.
So viel Therapie wie nötig - so wenig wie Möglich dies ist für jeden Menschen anders.


Gezwungene Behandlungen"

Ich dachte schon des kommt nie. Die Zwangsmassnahmen gelten ja zu den schrecklichsten und unheimlichsten Dingen die man aus Psychiatrien so hört. Dutzende Horrorgeschichten in noch mehr Hollywoodfilmen beweisen es ja.

Ich selbst habe schon einige Zwangsmassnahmen miterlebt. Als Lernende erschien mir die ganze Aktion wo sieben oder mehr Pfleger sich auf den Patient stürzten auch immer Brutal - bis ich vor kurzem den Aggressionsmanagement- Kurs besucht hab. Dort lernen wir eben diejenigen zu sein die da zupacken.

Wann kommt es zu einer Zwangsmassnahme?
Wenn der Patient sich selbst oder andere gefährdet.
Punkt. Nix anderes. Nada. Niet.
Dummerweise sind Rechtsklauseln meist eben so ausformuliert dass man mit sich selbst oder andere gefährden so ziemlich alles meinen kann.

In der Psychiatrie heisst es Grundsätzlich: Selbstgefährdung = akute Suizidalität von der sich nicht mehr Distanzieren lässt. Massive Selbstverletzung. (Rasierklingen schlucken z.B.) Verweigerung von Essen und Trinken. Psychogene Bettlägerigkeit. Massive Enthemmtheit (besonders bei Manikern).

Dies sind alles Verhaltensweisen/Zustände die ernsthafte Konsequenzen für den Patienten haben können. Der Arzt ist hierbei "zum grössten Wohle des Patienten" verpflichtet über seinen Kopf hinweg Massnahmen zu ergreifen. Weil ein Patient in einer solchen Phase meist nicht mehr als "zurechnungsfähig" gilt.

Dann kommt die Fremdgefährdung:
Fremdgefährdend sind Patienten die auf andere Einprügeln. Schlagen. Randaliere. Massive Drohungen aussprechen etc.

Fazit:
Ich denke zu Zwangsmassnahmen kommt es in den meisten Fällen nicht unbedingt zum Wohle oder zur Hilfe des Patienten - sondern rein zur Bewahrung der Sicherheit oder Erhaltung von Leben. (Unser eigenes und das der Mitpatienten sowie aber auch jenes des Betroffenen.)

Ein aggressiver Patient bekommt doch keine Medikamente weil es ihm "gut tut" sondern weil man nicht will dass der einen Mitpatienten oder einen Pfleger verkloppt. Natürlich entspannt er sich irgendwann doch dem Patienten wird erst geholfen wenn man der Ursache für die Aggression auf den Grund geht und diese beseitigen kann.

Zwangsmassnahmen sind also Notfallinterventionen und keine Lösungen! - dürfen aber im Grunde erst dann eingesetzt werden wenn alle anderen Mittel versagen Und DA kann sich die Pflege und Ärzteschaft an der eigenen Nase nehmen. Ich muss leider sagen dass das Verhandlungsgeschick nicht immer dem entspricht was in der Schule eigentlich gelernt wird. Die Zwangsmassnahme (also das Isolierzimmer) - und dafür schäme ich mich jedes Mal für die Pflege wird oft als Strafe angedroht.

Des ist doch Hirnrissig. Wir sind Pflegende und keine Polizisten.
In brenzligen Situationen fehlt es der Pflege oft an Mut bei Regeln auch mal ne Ausnahme zu machen.

Praktisches Beispiel: Wenn ein Patient kurz davor steht mir eine Reinzuhauen weil er unbedingt ein Bier braucht... was verlier ich dann wenn ich es ihm ausnahmsweise gebe?
Grund warum es eskaliert: Pflege gibt kein Bier - Patient schlägt zu. Es kommt zu verletzten. Es kommt zum Zugriff. Der Patient wird zwangsmediziert blablibla.

Wenn man das Bier in dieser Situation gibt. Krieg ich immerhin nicht den Kopf eingedeppert. Ausserdem kann man dann - wenn sich alles etwas beruhigt hat - ins Gespräch gehen und gemeinsam mit dem Patienten überlegen was an der Behandlung optimiert werden muss damit das reissen nach Alkohol Beispielsweise nicht so eskaliert.

Kommt es aber wirklich zur Zwangsmassnahme. (Wir durften selbst auch mal Patient sein und uns packen lassen - eine sehr eindrückliche Erfahrung) muss ich sagen geht die Technik der Pflege vollends auf. Man fügt dem Patienten keine unnötigen Schmerzen zu und es kommt selten zu gravierenden Verletzungen. Die 7 Leute (das sieht ja meist so Brutal aus) braucht man damit die ganze Überwältigung kontrolliert abläuft. Ein stämmiger Pflegehirsch der das Gefühl hat er sei der Held verletzt da einen Patienten wohl eher als sieben Leute die sich auf ihre Arbeit konzentrieren.

Übrigens: Die Medikamenteneinnahme die erfolgt nicht freiwillig. Aber der Patient hat die Möglichkeit das Medikament oral zu schlucken. Erst wenn er dies verweigert darf gespritzt werden. Schwierig wird es leider bei Patienten die dermassen psychotisch oder erregt sind dass die Kommunikation kaum mehr möglich ist.

Wichtig ist auch hier dass die ganze Massnahme gut dokumentiert wird und dass das Pflege/Ärzteteam bereit ist zu lernen was man hätte anders machen können dass es nicht zum Zugriff gekommen wäre.

Dies ist der eigentliche Zwang: Ob Medikament ja oder nein - hat der Patient nicht mehr zu entscheiden. Aber meist kann er wählen welches (kommt aber auf den Arzt an - nicht alle gehen darauf ein) und ob er es eben oral einnimmt oder nicht.



EKT
Die Elektrokrampftherapie von anno 1960 ist nicht mehr zu vergleichen mit jener von 2008. Tatsächlich wird sie bei schweren Depressionen oder schweren schizophrenen Psychosen noch immer (mit erfolg) angewendet.

Soweit ich weiss dürfen in der Schweiz EK- Therapien nur mit der Einwilligung des Patienten erfolgen.

Was macht man da?

Anno Frankenstein
Früher (kennt man auch aus Filmen) stöpselte man dann die Elektroden an die Schläfen und buzzerte mal den ganzen Kopf durch. Es kam zu grässlichen Krampfanfällen. Die Patienten brachen sich dabei gar die Wirbelsäule und hatten danach schwere Kognitive Ausfälle.

2008
Heute werden nur noch ganz gezielte Areale stimuliert. Man erzeugt dabei künstliche epileptische Anfälle. Damit es nicht zu Schmerzen/Krämpfen kommt. Gibt man dem Patienten vor der Behandlung ein Narkotika sowie ein muskelrelaxierendes Medikament. Soviel ich weiss finden die Therapien dann in Regelmässigen abständen statt. Wichtig dabei ist eine wirklich umfassende Aufklärung über das Vorgehen und die Risiken. Wirklich viel kann ich darüber nicht berichten meine Klinik bietet so was nicht an. Ich glaube in der Schweiz sind es auch nur noch ein paar die das überhaupt machen.

Was ist der Wirkungseffekt?
Genau weiss ich dies ehrlich gesagt nicht aber ich glaube dass man um ca. 1930 bemerkt hat, dass Schizophrene Patienten sehr selten Epileptiker waren. Man vermutete dass diese beiden Krankheitsbilder wie Gegenspieler fungierten. Man löste also künstliche Anfälle aus und tatsächlich verbesserte sich bei vielen Patienten das Zustandsbild -jedoch waren damals die Methoden noch so radikal und schlecht dosiert dass die Nebenwirkungen viel zu massiv waren.
Ich glaube bei den Depressiven wurde ähnliches beobachtet, dass Menschen nach einem Anfall weniger unter der depressiven Symptomatik litten.

Ich habe selbst ein sehr eindrückliches Erlebnis gehabt. Wo eine chronisch psychotische Patientin kurz nach einem Epi-Anfall (1-2 Tage) völlig adäquat und klar war. Leider aber kehrte der psychotische Zustand nach einer Weile wieder zurück. Genau dies ist auch beim EKT so - die Behandlung muss immer wieder wiederholt werden weil die Wirkung nachlässt.

Heute findet also kein totaler Neustart der Hirnfestplatte statt. So dass man davon ausgehen kann das man den "gleichen" Menschen zurück kriegt.


Puhh... ich hoffe meine legasthenie hält sich im ertärglichen Rahmen.

Psychiatrie - ein Stigma

turtle ist offline
Beiträge: 7
Seit: 01.11.08
Nabend , Ich sehe dass ihr viel über Psychiatrie und das Stigma wisst
Ich war vor kurzem noch in einer psychiatrischen einrichtung um wieder auf den Damm zu kommen und jetzt versuche ich mich von der medizinischen Reha zu kurieren.

#ich habe zuletzt versucht von der Einrichtung meine Psychologischen Unterlagen in Kopie einzufordern nur wird mir das bis auf einen einblick in den Abschlussbericht verweigert . Habe ich nicht als psychisch kranker das Recht auf ausgiebige Informationen über meine Krankheit und das wissen und gewissen der Ärzte. Schließlich soll es sich nur um eine Stoffwechselstürung handeln aber wozu dann noch groß psychotherape, wenn mir niemand sagen will wieso er der festen Annahme geht ich sei krank aber mir keine Antworten dazu geben kann .

Weiss jemand etwas über die Gesetzgebung die mit der Freigabe von Informationen an Patienten weiss dann schreib mir bitte

gez.turtle


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