Unabhängige Patientenberatung Deutschlands noch unabhängig?

10.07.15 15:54 #1
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Unabhängige Patientenberatung Deutschlands noch unabhängig?
Clematis
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Auch ich habe nicht nur diese (Erwerbsunfähigkeitsverfahren) negative Erfahrung gemacht, sondern bin zusätzlich von der K-Kasse und deren med. Dienst in meinem berechtigtem Verfahren wegen Ärztepfusch weder unterstützt worden noch habe ich Hilfe und Rat erhalten.
Hallo James,

auch ich kann ein Lied davon singen, was hier alles falsch läuft. Damals, 1992, ging es mit Berufsunfähigkeit los. Da ich von Berufsgenossenschaften nichts wußte, Internet gabs noch nicht, waren zunächst Krankenkasse und kurz drauf das Arbeitsamt gefragt. Falls es die UPD schon gab, erfuhr ich davon nichts.

Bis ich mir einigermaßen Überblick verschafft hatte, die richtigen Ansprechpartner fand, stand ich gleich zwischen vielen Stühlen - Arbeitgeber, Arbeitsgericht, Arbeitsamt, Berufsgenossenschaft, BfA, Krankenkasse, Versorgungsamt, nicht zuletzt X Ärzte. Keiner wollte zuständig sein, alle lehnten ab.

Beim Arbeitsamt, damals noch mit guten Mitarbeitern, die wirklich beraten haben und mit einem ehrenamtlichen Rentenberater der BfA bekam ich die entscheidenden Ratschläge. 2002 endete das vor dem Sozialgericht, die Entscheidung fiel dann 2006 zu meinen Gunsten aus, wahrscheinlich, weil ich in meinem Schriftsatz erstmals den Behandlungsfehler bei einer OP von 1977 schilderte. Ich war vorher gar nicht auf die Idee gekommen das anzuführen, weil es schon so lange zurück lag. Da noch auf Schadensersatz zu klagen unterließ ich, weil mir die Kraft dazu inzwischen fehlte.

14 Jahre Marathon durch die Instanzen... Das zeigt wie wichtig eine unabhängige Patientenberatung ist.

Gruß,
Clematis

Geändert von Clematis (31.07.15 um 16:35 Uhr)

AW: Unabhängige Patientenberatung Deutschlands noch unabhängig?

James ist offline
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Man kann sich als nicht Betroffener es gar nicht vorstellen wie es läuft: Erst wird man ernstlich krank und muß in eine Klinik. Dann können dort Fehlentscheidungen getroffen werden wodurch man dauerhaft seine Arbeitsfähigkeit verliert. Auf einmal ist man nicht nur seine Unversehrtheit los, verliert den Job und seine Einkünfte sondern es wenden sich auch Teile (Ehepartner, Verwandte, Freunde USW.) seines Umfeldes ab und letztlich sitzt man allein mit dem ganzen Ballast. Das ist für viele Menschen so belastend, dass man allein sein Recht nicht mehr durchsetzt oder durchsetzen kann. Man fällt in ein Loch! Ohne wirkliche Hilfe von außen ist das nicht zu schaffen. Ich hatte das Glück über das Internet eine Selbsthilfeorganisation zu finden über die ich nicht nur Trost sondern auch praktische Hilfe erhielt. Die UPD gab es damals noch nicht und so wählte ich den Weg über die Schlichtungsstelle der Ärztekammern, erhielt von dort auch die Bestätigung der Behandlungsfehler der Haftpflichtversicherer der Klinik sowie die Berufsunfähigkeitsversicherung jedoch ließen mich auflaufen. So mußte ich jeweils Klagen und die Sache gerichtlich klären. Eine wirklich nervenraubender Weg!
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Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muß ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Max Frisch, schweizerischer Architekt und Schriftsteller

Gruß, James

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Brigitka ist offline
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Boah, eben habe ich nach Sanvartis gegoogelt, die sitzen auch für die Techniker Krankenkasse am Telefon. Qualität durchschnittlich (was waren das noch für Zeiten, als man noch gleich die kompetenten Mitarbeiter der TK sprechen konnte) und der Arztservice bis auf eine Ausnahme grottenschlecht. Ebenso der Arzterminservice! Und die sollen die Patientenberatung bekommen

„Wir sind ganz vorne angekommen“ — Pharma Relations

AW: Unabhängige Patientenberatung Deutschlands noch unabhängig?

James ist offline
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Bisher haben noch nicht einmal 25.000 Bürger die Petition unterschrieben! Beschämend, wenn nur Betroffene für das Recht kämpfen unabhängig beraten zu werden. Leute, denkt daran...es kann jederzeit jeden treffen. Niemand ist auf der sicheren Seite.
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Gruß, James

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Luft
[quote=James;1078504]"Wer da glaubt, dass eine Krankenkasse immer zum Wohle des Patienten arbeitet...der glaubt auch an den Weihnachtsmann" [QUOTE]

Ärzteblatt
5. August 2015
Bundesversicherungsamt: Kassen wollten Einfluss auf ärztliche Diagnosen nehmen

Das Bundesversicherungsamt (BVA) hat die Praxis einzelner Krankenkassen gerügt, Vertragsärzte dazu zu bewegen, Diagnosedaten nachträglich zu ändern. … Im Jahr 2014 seien erneut Fälle bekannt geworden, in denen Krankenkassen im Rahmen von Wirtschaftlichkeitsprüfungen darauf hingewirkt hätten, dass Vertragsärzte Diagnosedaten nachträglich erheben oder korrigieren, ..., erklärt das BVA.

Konkret hätten die betreffenden Krankenkassen den Vertragsärzten „Vorschlagslisten mit vorgeblich fehlenden oder ‚inkorrekten‘ versichertenindividuellen Diagnosen übermittelt, deren Bestätigung zur Einstellung weiterer Prüfungstätigkeiten beziehungsweise ‚zur Vermeidung von Wirtschaftlichkeitsprüfungen‘ führt“.

Die sodann an die Kassenärztlichen Vereinigungen von vielen Ärzten nachgemeldeten Diagnosedaten seien überwiegend solche, die wegen Morbiditätsorientierung des Risikostrukturausgleichs (RSA) für die Höhe der Zuweisungen aus dem Gesundheits¬fonds relevant seien, rügt das BVA. Hintergrund dieses Vorgehens einzelner Krankenkassen war es demnach, durch eine nachträgliche Änderung der Diagnosedaten mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich zu erhalten.

Das Vorgehen, bei fehlenden oder „unpassenden“ Diagnosedaten aus vorhandenen Arzneimittelverordnungen heraus eine vom Wirkstoff ausgehende Zuordnung zu Krankheiten oder gar Diagnosen vorzunehmen und die so „ermittelten“ Diagnosen über Falllisten via Kassenärztliche Vereinigung durch die Ärzte „bestätigen“ zu lassen, sei weder datenschutzkonform noch legitimer Prüfansatz im Sinne der Wirtschaftlichkeitsprüfungen, kritisiert das Bundesversicherungsamt. Das BVA hat nach eigenen Angaben daher „mehrere aufsichtsrechtliche Verfahren eingeleitet, die überwiegend noch andauern“. …

Krankenkasse bittet Vertragsärzte, lukrative Diagnosen zu stellen
Dasselbe gelte für die in einem weiteren Fall aufgetretene Konstellation einer „zukunftsorientierten Kodierberatung“ der Vertragsärzte durch Vertreter der Krankenkassen …Zwar würden dabei weder Daten nacher¬fasst noch würden bisherige Abrechnungen infrage gestellt. „Allerdings handelt es sich nicht um eine allgemeine Beratung über die Bedeutung der Diagnosekodierung im System des RSA am Beispiel fiktiver oder vollständig anonymisierter Fälle. Vielmehr werden den Ärzten versichertenbezogene Referenzlisten mit ergänzenden Hinweisen zur (chronischen) Morbidität des Versicherten mit der Bitte übergeben, diese als Dauerdiagnosen in die Patientenakte einzutragen und die Diagnosen regelmäßig zu kodieren“, schreibt das BVA.
Tätigkeitsbericht des Bundesverisicherungsamts
Das Bundesversicherungsamt hält die Übermittlung solcher Befunderhebungshypothesen an Vertragsärzte ebenso für datenschutzwidrig, wie die an den Vertragsarzt gerichteten Erwartungen eine unzulässige Einflussnahme darstellen. Der Arzt allein müsse entscheiden, ob und welche Diagnose sich aktuell als Behandlungsanlass darstelle und ob und welche Leistungen diese auslöse. © fos/aerzteblatt.de

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James ist offline
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Beiträge: 5.904
Seit: 20.05.08
Leider steht ab jetzt die "Unabhängikeit" nur noch auf dem Papier!
Hier das Schreiben, welches über Campact veröffentlicht wurde:
"
Unabhängigkeit abgeschafft
Peter Wesche & Gregor Bornes
Deutschland

7. Jan. 2016 — Liebe Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Kampagne zur Rettung der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD),
vielen vielen Dank für Ihre Unterschriften, Ihre Unterstützung und die positiven Kommentare, die uns erreicht haben.
Leider hat alles Kämpfen nicht den gewünschten Erfolg gebracht.
Herr Kiefer vom GKV- Spitzenverband und Herr Laumann, "Patientenbeauftragter" der Bundesregierung, haben sich von Ihrem Vorhaben nicht abbringen lassen. Sie wollten unbedingt die alten Träger der UPD abschaffen und das haben sie auch geschafft. In der Öffentlichkeit behaupten sie nun, sie hätten gar nicht anders gekonnt, weil das andere Angebot besser gewesen sei.
Herr Laumann redet außerdem schlecht über die alte UPD. Sie sei wenig bekannt und schlecht erreichbar gewesen. Ehrlich wäre: Die alte UPD war schlicht an ihren Grenzen angelangt. Mehr Bekanntheit hätte eine noch schlechtere Erreichbarkeit bedeutet. Gerade diese beiden Probleme waren für den Gesetzgeber handlungsleitend bei der Reform des § 65b 5. Sozialgesetzbuches. Hier wurden die Krankenkassen verpflichtet, mehr Geld für die zukünftige UPD bereit zu stellen. Auch die bisherige UPD hätte sehr viel mehr Beratung angeboten und mehr auf sich aufmerksam gemacht.

Alle rechtlichen Schritte, die von den bisherigen Trägern der UPD unternommen wurden, waren nicht erfolgreich. Die Überprüfung der Vergabeentscheidung erfolgte beim Bundeskartellamt bzw. seiner Vergabekammer (Kosten: über 100.000 €!). Das Urteil dieser Kammer macht aus der Unabhängigkeit, die in der bisherigen UPD gelebt wurde, eine Farce. Aus Sicht der Vergabekammer reicht es, eine neue GmbH zu gründen. Wer (wie hier Sanvartis) der Gesellschafter einer solchen Neugründung ist, spielt keine Rolle. Hauptsache der Geschäftsführer und das Personal sind nur für die neue UPD tätig. Wenn man das konsequent zu Ende denkt, könnten auch die Krankenkassen selbst, die Pharmaindustrie oder eine Organisation der Ärzteschaft „unabhängige“ Patientenberatung machen. Absurd.
Die Politik ist nach großen Worten sehr vorsichtig geworden und will nun „erst einmal beobachten“. Mittlerweile ist die neue „U“PD von Sanvartis ans Netz gegangen und die ersten Ratsuchenden werden schon ihre ersten Erfahrungen mit ihr gemacht haben. Wir sind gespannt, welche Rückmeldungen wir bekommen!
Wenn Sie Interesse haben, wie die Kampagne bisher gelaufen ist und was sich auch in der nächsten Zeit tut, schauen Sie doch einmal auf der Website Für unabhängige Patientenberatung | Die UPD muss weiter unabhängig, patientenorientiert und evidenzbasiert arbeiten! vorbei!
Diese Petition werden wir in Kürze beenden, dazu arbeiten wir gerade an einer abschließenden Aktion.
Herzliche Grüße,
Gregor Bornes und Peter Wesche
"

Wer möchte kann sich hier weiter informieren: Für unabhängige Patientenberatung | Die UPD muss weiter unabhängig, patientenorientiert und evidenzbasiert arbeiten!

Gruß, James

AW: Unabhängige Patientenberatung Deutschlands noch unabhängig?

Juliane50 ist offline
Beiträge: 815
Seit: 31.01.12
Im März 2009 hatte ich dazu mal recherchiert.

Die gesetzlichen Krankenkassen fördern den Modellverbund über einen Zeitraum von fast fünf Jahren mit etwa 25 Millionen Euro.

Der jetzt gestartete Modellverbund UPD wird in den nächsten Jahren wissenschaftlich begleitet und ausgewertet

Die UDP wird gemäß SGB V "Zurverfügungstellung von finanziellen Mitteln" von den Krankenkassen finanziert

Hier zum Thema:
Die UPD ist keine neue Partei
CSN - Forum • Thema anzeigen - Die UPD ist keine neue Partei

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Clematis
Zitat von Juliane50 Beitrag anzeigen
Im März 2009 hatte ich dazu mal recherchiert.

Der jetzt gestartete Modellverbund UPD wird in den nächsten Jahren wissenschaftlich begleitet und ausgewertet
Hallo Juliane,

eine kleine Klarstellung: diese Auswertung bezieht sich auf 2009 bis 2014.
Das Wörtchen "jetzt" läßt, da heute geschrieben, an eine Auswertung ab 2016 denken... zumal die drei kleinen Absätze nicht als Zitat gekennzeichnet sind .

Liebe Grüße,
Clematis

AW: Unabhängige Patientenberatung Deutschlands noch unabhängig?

James ist offline
Themenstarter Moderator
Leiter WIKI
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Seit: 20.05.08
Bis 2015 war ja alles wie es sein sollte! Die UPD war wirklich unabhängig auch wenn ihre Finanzierung über eine Abgabe der Krankenkassen lief. Das ist auch so vom Gesetz her vorgeschrieben. Was sich ab diesem Jahr geändert hat ist der Träger. Diesem kann man keine Unabhängigkeit mehr bescheinigen, da er gleichzeitig für die Kassen und Pharma als Call Center im Kundendienst tätig und somit abhängig ist.

Anmerkung an Juliane50: Zitate bitte immer kennzeichnen!
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Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muß ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Max Frisch, schweizerischer Architekt und Schriftsteller

Gruß, James

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Juliane50 ist offline
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Seit: 31.01.12
Hallo Clematis und James ,

ja, sorry, da habe ich die Gänsefüßchen vergessen.

Lässt sich aber jetzt nicht mehr korrigieren.

LG Juliane


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