Selbstfindung - ein Versuchsballon

08.10.12 21:36 #1
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Selbstfindung - ein Versuchsballon
Männlich Windpferd
G R A B S C H R I F T E N

"Er hat vernünftig gehandelt
und, was er wollte, erreicht."

"Er ist bei seiner Liebe geblieben,
wie aussichtslos die auch war."

Was willst du? was
soll gelten
im letzten
Moment?


Herzlich.
Windpferd

Geändert von James (01.07.13 um 18:33 Uhr) Grund: Formatierung

Selbstfindung - ein Versuchsballon
Männlich Windpferd
Guten Abend,

in der Schule hatte ich katholischen Religionsunterricht. Der orientierte sich am Katechismus, der m.W. aus der Zeit des Tridentinischen Konzils stammt. Er bestand aus - geschätzten 200 - knappen, klaren Fragen mit - etwas ausführlicheren - Antworten.

1. WOZU IST DER MENSCH AUF ERDEN?

Diese Frage hat sich mir am tiefsten eingeprägt; die einzige, die ich behalten habe. Sie taucht immer wieder auf - und stellt sich mir. Und hat immer, in jedem Fall, eine klare Antwort. (Wenn nicht, so weiß ich, daß ich irgendwas falsch machen, vor irgendwem oder -was ausweiche.)

Und irgendwie, merkwürdigerweise, lächelt diese Frage. Freundlich und streng. Wie ein uralter Freund.


Herzlich
Windpferd

Geändert von Windpferd (25.06.13 um 16:23 Uhr)

Selbstfindung - ein Versuchsballon

Wildaster ist offline
Beiträge: 5.493
Seit: 18.03.12
Hallo Windpferd

eine gute Frage die sich jeder von uns stellen sollte.Mir fällt es oft schwer darauf eine klare Antwort zu finden,die mich auch innerlich gelassen und zufrieden macht.
Theoretisch wüsste ich Antworten.

Liebe Grüße von Wildaster
__________________
Wir haben Fröhlichkeit nötig und Glück,Hoffnung und Liebe.( Vincent van Gogh)

Selbstfindung - ein Versuchsballon
Männlich Windpferd
Für N.N.

N A I K A N

D r e i__F r a g e n__z u m__T h e m a


Früh am Morgen. Allein, hinter einem durchscheinenden Wandschirm sitzend, vergegenwärtige ich die Beziehung zu meiner Mutter bis zum Alter von vier Jahren. Drei Fragen: 1) „Was hat sie mir Gutes getan?“ -- 2) „Was habe ich ihr Gutes getan?“ -- 3) „Welche Schwierigkeiten habe ich ihr gemacht?“ -- Nach ein bis zwei Stunden erscheint der Anleiter, verneigt sich, öffnet den Wandschirm, hört kurz eine Stichprobe meiner Erinnerungen, dankt, verneigt sich, geht. Vereinzelt erinnert er an die Instruktionen oder gibt Ermutigung. In den folgenden Zeitabschnitten gehe ich weiter zum Alter vier bis sieben, sieben bis zehn . . . bis zur Gegenwart. Danach Vater, Geschwister, Lehrer, Partnerinnen, Kinder usw. Die Beziehung mit der Mutter wird mindestens zweimal durchgearbeitet. Dies geht täglich vom Aufwachen bis zum Einschlafen, mindestens sieben Tage lang. Der Anleiter bringt die Mahlzeiten. Kein Kontakt mit anderen, auch kein Blickkontakt. Jedoch ist die Gegenwart der anderen – jeder hinter seinem Wandschirm im selben Raum – spürbar.

Leichter Akzent auf der dritten Frage. (Die vierte – leicht zu erraten! – bleibt außer Betracht!) Im Brennpunkt das eigene Verhalten, nicht die Absichten. Dieses wird nie bewertet oder interpretiert, z.B. als Schuld, Verdienst. Erinnerungen werden einfach angesehen, gefühlt – und als Stufe zu weiterer Vergegenwärtigung benutzt. Für Beziehungen, die noch bestehen, gibt es in der letzten Periode eine vierte Frage: „Was will ich ändern?“ Es werden nur Erinnerungen an einzelne konkrete Verhaltensweisen in Betracht gezogen (zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort), keine Verallgemeinerungen. Es kommt nicht auf die Vielzahl der Erinnerungen an sondern auf die Haltung des Suchens. „Sei nicht stolz, wenn du dich an die Vergangenheit erinnern kannst; sei nicht deprimiert, wenn nicht. Praktiziere einfach Naikan mit ganzem Herzen!“

Zu Beginn fließen die Erinnerungen quälend spärlich. Etwa vom dritten Tag an gibt es eine wahre Flut. Überwältigendes Bewusstsein meiner alltäglichen Unachtsamkeit, Destruktivität, Kommunikationslosigkeit, Lieblosigkeit. Die Gewohnheiten der Selbstbewertung, Selbstkritik führen nahe an Verzweiflung. Ich bin versucht, abzubrechen – wie viele. (Kulturelle Unterschiede: In Europa hört man, dass man natürlich abbrechen könne, dass es aber vielleicht besser sei, weiterzumachen. In Japan fliegt sofort raus, wer von Abbruch spricht.) Es wird geweint – auch ich weine. Die letzten beiden Tage: Schmelzen, Entspannung, Fließen – Wertschätzung der Beziehungen, wie sie eben waren; Dankbarkeit: Die Verbindung reichen tiefer als meine verwirrten Handlungen. Sie sind kostbar, auch wenn sie durch mich gescheitert sind. Eine begrifflich kaum erklärbare Wandlung. Am Ende gemeinsames festliches Essen: die Gesichter verändert, strahlend.

Die Beziehung zur Mutter wird mindestens zweimal durchgearbeitet. Ganz am Ende nochmal Mutter: „Und nun seid ihr Embryos!“ (In Japan wird angeordnet, nicht begründet. Auf Grund fühlbarer Autorität, nicht diktatorisch.) Ich dachte natürlich: In was für einen New-Age-Kult bin ich denn hier geraten! Aber es GING einfach, mit für mich damals unvorstellbarer Durchlässigkeit, ganz selbstverständlich. In der tiefstmöglichen Verbundenheit. "Mama" - fast ein Mantra. Später erfuhr ich, dass das eine uralte japanische Idee und Praxis ist – lang vor jedem New Age, vor jeder Psychotherapie. Die „Mutterbauch-Übung“.

Zu den „Nachwirkungen“: Ca. 4 Jahre vor meiner ersten Naikan-Woche hatten meine Frau und ich uns scheiden lassen. 4 Wochen nach Naikan fiel mir urplötzlich ein, dass ich sie bei der Scheidung um mehrere tausend Mark betrogen hatte. Viel, damals. Ich kochte drei Tage in meinem Saft: was sollte ich machen? Anonym überweisen? Geld in ihren Briefkasten? Alles unmöglich, lächerlich. Schließlich – sie lebte in einer anderen Stadt – rief ich sie an; maximal einfaches Geständnis, Versprechen der Erstattung mit Zinseszinsen. Sie war überrascht; allerdings sei ihr damals etwas schon komisch vorgekommen. Das Geständnis lohnte sich: unsere Restfreundschaft war wesentlich offener, lebendiger, konstruktiver. (Wir hatten auch gemeinsame Kinder, denen das zugute kam.) -- Und, was dazugehört: Noch etwas später fiel mir ein, dass ich seinerzeit einen „guten“ Grund für meinen Betrug gehabt hatte: Ich hatte in die Ehe etliches Geld mitgebracht, was ich aber nicht mehr beweisen konnte. (Die Aufbewahrungsfrist der Bank überschritten.) Ich wollte kein Gespräch, keinen Konflikt riskieren sondern mir mein „Recht“ per Betrug verschaffen. Geht nicht. Der Punkt: Ich erlebte keinen Impuls mehr, auf dieser Schiene zu bleiben. Theoretisch hätte ich sie ja noch mal anrufen können: „Du, mir ist eingefallen, dass ich ja damals einen guten Grund hatte, dich zu betrügen und eigentlich solltest Du mir das Geld wieder zurückzahlen – es gehört ja mir usw.“ Die Vorstellung bringt mich jetzt noch zum Lachen. Naikan hatte mir „den Kopf zurechtgesetzt“. ( Auf bayrisch: "D'Wadln vieri g'richt".) Es kommt nur ganz nebenbei auf Geldbeträge an, sondern – hier – z.B. auf direkte Kommunikation, auf den dazu notwendigen Mut. Auf die Primärtugenden – und auf deren Verletzung.

Das ist Naikan („Innenschau“), eine in Japan verbreitete Psychotherapie und kontemplative Praxis, die einer (christlich beeinflussten) Zen-Tradition (Jodo Shin) entstammt.

Im Lauf der Jahre praktizierte ich Naikan insgesamt 10 Wochen lang (einmal als Assistent des Anleiters, 3 Wochen in einem Zen-Kloster in Japan, sozusagen an der Quelle). Wozu ist es gut? 1) „Reue und Bekennen“ sind befreiend – Entschuldigen, Tadeln, Ignorieren waren das nie. -- 2) Verallgemeinerungen, Selbstverdammung sind schmerzhaft, jedoch blockierend, eine Form des Ausweichens, eine Sackgasse. -- 3) „Spirituelle“ Ausreden („Ist doch nur Denken!“) wird bloßgelegt: die relative Realität muß auf der relativen Ebene bereinigt werden. Darum hatte ich mich mit „fortgeschrittenen“ Praktiken herumgemogelt. -- 4) Die Intensität der Erfahrung („Ausbrennen“) führt dazu, daß die betrachteten Muster weniger wahrscheinlich werden. Sehr zu empfeh¬len vor dem Beginn neuer Lebensabschnitte, neuer Lieben. -- 5) Naikan stellt mich bloß und kommt teuer: manchmal „muß“ ich anschließend bislang Verschwiegenes mitteilen oder „vergessene“ Schulden erstatten – und bin glücklich, wenn das noch möglich ist. -- 6) Starker Transfer in den Alltag: die Naikan-Fragen tauchen immer wieder spontan – leider immer noch zu selten - auf: Ich kann den Folgen meines Handelns nicht entgehen. In gewisser Weise werden die Fragen ein Teil meines sog. "Selbst".

Manches sehr Ernstes hat auch eine heitere Seite: Unter den Teilnehmerinnen an jenem japanischen Naikan war eine junge Frau, leise strahlend, rotwangig, bodenständig, kräftig. Ich fühlte mich verliebt, aber mir wurde schnell klar, dass es keinerlei Möglichkeit gab, mich ihr zu nähern; keinerlei Schleichweg. Also gab ich den Gedanken auf. Am Morgen meiner Abreise schrieb ich auf ein Zettelchen „I appreciated your discipline and your beauty.“ (Gefällt mir immer noch, dieser Satz. Vielleicht ein Krümelchen meines glorreichen "Selbst?) Dann stahl ich drei rote Rosenknospen aus dem Garten des Roshi = Meisters (es war Januar) und legte Beides auf ihr Sitzkissen. Darauf ging ich zum Wagen (der Roshi und seine Frau hatten versprochen, mich zum Bahnhof zu bringen). Als ich einstieg, fand ich die vergeblich Begehrte dort bereits sitzend; zufällig reisten wir am selben Tag ab. Ein Moment von Sprachlosigkeit. Erste Feststellung: wir hatten kein gemeinsames Wort in keiner Sprache. So erzählte ich dem Roshi von meiner Romanze, einschließlich Rosendiebstahl. Er lachte: am Ende schlug er auf seinen Schenkel: „That’s good practice!“ Seine Frau übersetzte die Story für die junge Japanerin. Die errötete – aber gar nicht mit Scham oder sonst was; sie freute sich einfach. Ich erfuhr, dass sie alljährlich einen Teil ihrer Ferien – sie war Lehrerin – Naikan praktizierte. Dann Nagoja, der Bahnsteig; ich wusste natürlich nicht, welches Verhalten für mich angemessen war. Die Frau des Roshi instruierte mich in Zeichensprache, die junge Lady zu umarmen. Die freute sich, erwiderte die Umarmung mit Wärme. Dann, fast gleichzeitig ihr Shinkansen (eine Art Super-ICE) nach Süden, der meine, am Fuji vorbei, nach Norden. Ein Stück Leben im Zeitraffer.

In Tokyo hatte ich Kontakt mit Akira Ishii, Professor für Strafvollzug. (Er hat den größten Teil seiner Zeit und Energie für die Verbreitung von Naikan weltweit aufgewandt. Bei ihm werden an der Uni nur Studenten zugelassen, die Naikan kennen: man müsse mit den drei Naikan-Fragen gearbeitet haben, ehe man sich mit Strafvollzug beschäftige.) Er zeigte mir ein Gefängnis, in dem die Gefangenen (nach Zufall aufgeteilt) entweder Naikan machten oder intensive bioenergetische Analyse (nach Lowen, japanisch adaptiert) oder irgendwas anderes. Die Ergebnisse hochsignifikant: Die Wirkungen (v.a. Rückfallquoten, konstruktives Sozialverhalten u.a.) abnehmend in der o.g. Reihenfolge. -- Auch viele Drogenabhängige unterziehen sich Naikan.

Wenn ich mich erinnere, was in fast allen westlichen Psychotherapien so läuft. Ich war immer, immer Opfer. (Klar, daß das nicht hilft.) Während der Schwangerschaft verlor Mama ihre Eltern. Dramatisch verzögerte Entbindung. Sepsis im Anschluß an eine eitrige Mastitis. Trennung von Mama. Ich: ein überängstliches, fast autistisches Kind. Sexuell missbraucht. Koa richtiga Bua. Der brüllende, sadistische Vater. Extremer Nazi, Antisemit. In diesem Stil geht’s noch einige Jahrzehnte weiter. Will ich denn, daß es bis zu meinem Tod so weitergeht?

Ist das „Selbstfindung“? Ist das „privat“? Bin ich, darüber schreibend, „nackt“? (Ach was, ich bin dekoriert mit Trauerfahnen in allen Farben.) Nicht einmal „persönlich“ ist’s. Dann das würde ein Du voraussetzen - aber in diesem Forum gibt es, von seltenen Ausnahmen abgesehen, nur Pseudonyme. Die über ihre Pseudonymität wachen wie über ein Heiligtum. Die immer wieder mal kurz die Illusion erzeugen, es sei ein Mensch dahinter. Der nie inkarniert. -- Jeder hat eine derartige Opfer-Autobiographie. Nur: die ist falsch. In Wirklichkeit war, bin ich Täter. Und es gibt Wichtigeres zu tun als meine eigenen Wunden zu lecken. Auch wenn ich noch so eingeschränkt war: ich hatte immer noch Optionen – kleine, entscheidende. (Ich erinnere mich an eine Studentin, die mit unvorstellbarer Grausamkeit von ihrem lieben Papi jahrelang sexuell missbraucht worden war (während Mami wegguckte wie die meisten Mütter.). Sie war befreit nach ihrer ersten Naikan-Woche, wiederholte Naikan noch zweimal – und wurde lebensfreudig, arbeitsfähig. (Ihre Eltern baten sie um Verzeihung. Diese verweigerte sie – solange die Beiden nicht Naikan gemacht hätten. Das verweigerten sie. Der Vater starb bald danach.)

Selbstfindung? Ja, man findet etwas. Nein, kein „Selbst“. (Was sollte das überhaupt sein! Ein Hirngespinst ist’s. Eine Erfindung der Philosophen und Psychologen.) Schwer darüber zu reden; ich hab keine Lust, etwas in Wörter zu pressen. Die immer schräg wären. Mit einer geliebten Liebenden könnte man vielleicht – nicht „darüber reden“, aber sie würde das Entscheidende merken.

Naikan spricht nicht von „Schuld“ – das ist ein metaphysischer Begriff, dafür hat man in Japan nichts übrig. Dennoch, zusammenfassend:

Das Leben ist der Güter höchstes nicht.
Der Übel größtes aber ist die Schuld.

(Friedrich Schiller, Die Braut von Messina)

Sollte jemand interessiert sein: Neue Welt Institut - Home [Franz Ritter ist Urgestein – der beste mir bekannte Naikan-Anleiter in Europa]; Home [Josef Hartl – er war auch Urgestein; Helga Hartl und Johanna Schuh führen die Arbeit fort]; Naikan Zentrum Stammhaus [Gerald Steinke, der Begründer und langjährige Leiter, bei Bremen. Jetzt ist da ein großes Team, das ich kaum kenne; dem Vernehmen nach sind sie gut.] Akira Ishii ist auch fast jedes Jahr in Mitteleuropa – maximal zu empfehlen.

Alles Liebe,
Windpferd

Geändert von James (01.07.13 um 18:33 Uhr)

Selbstfindung - ein Versuchsballon
Männlich Windpferd
Für N.N.

Nun, dieser Thread scheint wieder im Orkus zu verschwinden. Fände ich schade.

Es gibt eine Menge Inspiration, ja Anleitung. Zum Beispiel bei Freunden, die es wagen, uns die richtigen (d.h. in der Regel unbequeme) Fragen zu stellen. Oder in der Literatur.
Hänge ich am Leben?
Ich hänge an einer Frau.
Ist das genug?
(Max Frisch: "Entwürfe zu einem dritten Tagebuch", Berlin 2010)

Klingt wie ein Haiku. Aber Frisch war kein Lyriker. Sein Werk lebt von seiner rückhaltlosen Selbstbefragung.

Die hat er zum ersten Mal ganz explizit gemacht in seinem zweiten Tagebuch ("Tagebuch 1966 - 1971, Frankfurt 1972). Zusammengefaßt in Fragebögen - über Freundschaft, Hoffnung, Frauen, Humor, Ehe, Geld, Liebe, Heimat, Eigentum u.a. (Die Fragebgen sind auch separat erschienen.)

"Lieben Sie jemanden?" - "Und woraus schließen Sie das?" - "Halten Sie sich für einen guten Freund?" - "Möchten Sie Ihre Frau sein?" - Kennen Sie Freundschaft mit Frauen: a) vor Geschlechtsverkehr? b) nach Geschlechtsverkehr? c) ohne Geschlechtsverkehr? - Sind Sie sich selber ein Freund? - Hätten Sie der standesamtlichen oder der kirchlichen Formel für das Eheversprechen irgendetwas beizufügen: a) als Frau? b) als Mann? (Bitte um genauen Text) - Falls Sie sich schon mehrere Male verehelicht haben: worin sind ihre Ehen ähnlicher gewesen, in ihrem Anfang oder in ihrem Ende? - Was bekräftigt Sie in ihrer persönlichen Hoffnung: Zuspruch? Die Einsicht, welchen Fehler Sie gemacht haben? Alkohol? Ehrungen? Glück im Spiel? Ein Horoskop? Dass jemand sich in Sie verliebt? - Wenn Sie einen Toten sehen: Welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die erfüllten oder die unerfüllten? - Was gefällt Ihnen am Neuen Testament? - Wissen Sie, was Sie brauchen? - Wenn Sie auf der Straße stehen bleiben, um einem Bettler etwas auszuhändigen: warum machen sie es immer so flink und so unauffällig wie möglich? - Können Sie sich eine Frauenwelt vorstellen? - Möchten Sie von einer Frau ausgehalten werden: a) durch ihre Erbschaft? durch ihre Berufsarbeit? - Und warum nicht?

Dir meisten Fragen (hier sind ziemlich zufällig welche ausgewählt) stoppen mein gewohntes Denken - ein leichter Schwindel, Gefühl von Abgrund. Und eine gewisse Ratlosigkeit. Mit nahe liegenden konventionellen Sätzen komme ich nicht weiter - oder ich stehle mich davon.

Nun, Max Frisch hat seine Fragen oft selber beantwortet. In der Regel durch Erzählen einer erkennbar realen oder erkennbar fiktiven Geschichte. Manchmal brauchte er einen ganzen Roman dazu oder eine Erzählung. Am direktesten wohl in einem späten - nach Meinung eines Kritikers "seinem intimsten und zartesten, seinem bescheidensten und vielleicht eben deshalb seinem originellsten" - Buch: "Montauk. Eine Erzählung" (Frankfurt, 1975). Er greift einige Fragen aus den früheren Fragebögen auf, antwortet auf die Fragen der Begleiterin, mit der er ein Wochenende in USA verbringt: "Max, you are a liar." - "Max, are you jealous?" - "Max, what is your state of mind?" Er beschreibt seinen Ehebruch. (Eine Beschreibung, derentwegen seine Frau die Scheidung erwog; die Beiden versöhnten sich aber.) Und seine Potenzstörung - lapidar, ohne Interpretation. Wie überhaupt durchwegs: ohne jedes Gramm Speck, ohne jede Sentimentalität. Er beschreibt seine Beziehung mit Ingeborg Bachmann; seine Schuld in diesem Zusammenhang ließ ihn lebenslang nicht mehr los. Lapidar wieder: "Ich habe getan, was man nicht tun darf: Ich habe ihre Briefe gelesen, die in einer Lade verschlossen waren. Sie erwogen die Ehe." Und Sätze, die man nicht vergisst: "Das Ende haben wir nicht gut bestanden. Beide nicht."

Die Episoden sind so persönlich, dass sie schon wieder überpersönlich sind. Das eine bedingt merkwürdigerweise das andere. (Das Konzept "Privatheit" wird irrelevant. Das Konzept "Selbstfindung" fragwürdig. Wer ist dieses "Selbst"? Wie ein Lichtstrahl, in einem Prisma gebrochen - wieder in Fragen zerlegt, denen wieder in Erzählfragmente antworrten.) "Viel nackter als unbekleidet", schrieb ein anderer in ähnlichem Zusammenhang.

So könnten wir auch fragen. Und erzählen. Vielleicht, u.a., als Antwort auf die Frage "Sind Sie sich selber ein Freund?"

Alles Liebe
Windpferd

Geändert von Windpferd (01.07.13 um 19:08 Uhr)


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