Welche Menschen haben mich am meisten geprägt?

08.10.12 16:15 #1
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Welche Menschen haben mich am meisten geprägt?
Männlich Windpferd
Guten Tag,

schade, finde ich - und ein bisschen merkwürdig auch - dass das Schweigen hier tatsächlich eingetreten ist. (Der freundliche Rat unserer lieben Wildaster (zu schweigen nämlich) war ja nur auf mich bezogen .)

Nicht?

Ich finde die Idee dieses Thread interessant und potentiell fruchtbar.

Das Erzählen - eine der grundlegenden menschlichen Kommunikationsweisen - kann man sich übrigens auf verschiedene Weisen erleichtern. (Dafür gibt es ganze Studiengänge. "Creative Writing".)

Eine Möglichkeit: bewusst einen "Standpunkt", einen Erzähler zu definieren. Der muß nicht immer "Ich" sein. Damit fließt es manchmal nicht so richtig. Man kann die dritte Person wählen, "Sie" oder "Er". Das schafft u.U. Distanz und eine weitere Perspektive. Man kann auch die zweite Person verwenden: sich selber, erzählend, mit "Du" anreden. Darauf kommt man nicht ohne Weiteres. Es schafft eine eigentümliche Intimität zwischen mir und mir, zwischen dem Gegenstand der Erzählung und dem Erzähler. Fördert die Tiefenerinnerung, vergegenwärtigt das Erzählte. Ich finde diese Möglichkeit zauberhaft, oft berührend. (Ein berühmtes Beispiel ist Andreas Gryphius' "An sich selbst".)

Man kann auch wählen: wem erzähle ich eigentlich? Muß nicht die weitgehend anonyme Menge der Leser sein. Ich kann irgend jemandem erzählen, mit dem es mir gerade nahe liegt. Jemandem, den ich liebe, zum Beispiel. Sogar einer fiktiven Person kann man erzählen.

Mit jeder derartigen Wahl wird die Erzählung - die ja nie "objektiv" sein kann oder soll - eine andere.

"Es liegt eine ungemeine Quelle der Inspiration in dem Menschen, der mir gerade gegenübersteht", schrieb Heinrich von Kleist (in seinem Aufsatz "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken während des Redens"; mein Zitat ist leider etwas ungenau.) Damals hat man entdeckt, dass man nicht einfach "über" Wahrheit redet, sondern dass Wahrheit im Reden erst "entsteht" - sofern ich aufrichtig bin. Die grundlegende Erfahrung: "Die Wahrheit beginnt zu zweien." (Schrieben Schelling, später Nietzsche und Jaspers. Das "Beginnt" kann man sich auf der Zunge zergehen lassen, finde ich.) Oder Hölderlin.:
"Viel hat von Anfang an,
seit ein Gespräch wir sind und reden miteinander,
erfahren der Mensch. Bald sind wir aber Gesang . . ."
(Also, wir "führen" ein Gespräch nicht nur, sondern wir "sind" es. Möglicherweise, im besten Fall.)

Dies ist übrigens auch eine Antwort auf die Frage nach Menschen, die mich am meisten geprägt haben: Die mich gelehrt haben, nicht bloß zu plaudern, zu diskutieren, zu referieren, zu behaupten usw. sondern rückhaltlos zu kommunizieren. Karl Jaspers (ein integrer Philosoph); meine erste Freundin; ein Priester (für den dies im Zusammenhang mit dem Sprechen mit Gott stand); immer wieder mit Freunden, Freundinnen (auch wenn das Gespräch mitunter scheiterte - was ich immer als mein Verschulden sehe).

Herzlich,
Windpferd


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