Wer ist denn nicht gegen AKWs?

28.03.11 16:15 #1
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Akim
Ich war erschrocken, dass es nur 250.000 Menschen waren, die gegen AKWs am vergangenen Wochenende auf die Straßen gegangen sind! Wo sind die anderen 79,75 Millionen? Ich kann ehrlich gesagt überhaupt nicht verstehen, dass es irgendjemand gibt, der nicht zur Demo geht. Ich kann auch nicht verstehen, dass es überhaupt noch jemand gibt, der CDU wählt. Wieso? Sind die Menschen alle zu träge? Alle blind? Alle dumm? Ich versteh es wirklich nicht! Was geht in deren Köpfen vor? Wieso waren wieder überwiegend nur "alternativere" Menschen demonstrieren? Das geht doch nun wirklich jeden etwas an, wie kann man da denn wegschauen? Was muss denn noch passieren?

Mir fällt da inzwischen nur noch ein alter Song ein, den ich während meiner Jugend mal gehört habe. Den pfeife ich jetzt immer vor mir her, anstatt mich aufzuregen. Dort heißt es:

"... Die wollen es doch nicht checken, na sollen sie doch verrecken.
Mit Vollgas und Grinse-Fressen ins Ende des Schreckens! "


Klingt hart, aber was soll man dazu noch sagen? Das der Vorstand von Vattenfall nicht gegen AKWs ist, kann ich ja gerade noch nachvollziehen. Aber jeder andere… mir fehlen echt die Worte… Es ist doch so klar, so deutlich und so einfach, wieso sehen das nur so wenige?

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nicht der papa ist offline
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margie ist offline
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Hallo,

zuerst:
Für mich muss jeder Mensch, der nur ein wenig denken kann, gegen AKW´sein, doch scheint es viele Menschen zu geben, die nicht denken können:

Ich wohne in Baden-Württemberg zwischen den AKW´s in Philippsburg und Neckarwestheim, das sind insgesamt 4 Atomkraftwerke im Umkreis von 50 bis 70 km zu meinem Wohnort.
Am Sonntag war die Landtagswahl in Baden-Württemberg. Klar war dieses Mal, dass ich die Grünen wähle (wähle sonst die LINKE), weil nur wenn man die Stimmen auf die Parteien bündelt, die die meisten Chancen gegen CDU/FDP (=den Parteien, unter denen die AKW´s gebaut wurden) haben, eine Abwahl der seit 58 Jahren regierenden CDU denkbar ist.
Wie vielleicht auch die Schweizer hier im Forum wissen, ist die CDU (=Chnristlich-Demokratische Union) die Partei in Deutschland, die erst letztes Jahr gegen heftigsten Protest aus allen Reihen die Laufzeiten der AKW´s verlängerte, so quasi als Geschenk für die Atomlobby. Die CDU ist für ihre Klientelpolitik bekannt.

Dennoch war ich über das Wahlergebnis in meinem Wohnort geschockt. Ich muss dazu sagen, ich wohne in einem kleinen Dorf mit 1300 Einwohnern, das in eine größere Gemeinde eingemeindet ist:
Die CDU bekam hier etwas über 55 % ( ! )
die FDP bekam etwas über 2 %

Das Besondere an unserem Wohnort ist, dass wir ein Ausbildungszentrum für Missionare haben, wo vielleicht rd. 100 bis 150 Menschen stimmberechtigt sind.
Meine Vermutung ist, dass man dort die CDU fast ausschließlich gewählt hat, wegen des "C" im Namen. D. h. das C hat hier im Ort der CDU zu viel mehr Stimmen verholfen, als wenn die CDU dieses C nicht im Namen tragen würde.
Für mich ist es alles andere als "Chirstlich", wenn jemand für Atomenergie ist, für mich ist diese Energie menschenvernichtend, weil die Menschheit dabei ist, sich damit selbst abzuschaffen. Japan macht den Anfang...
Um eines klar zu stellen: Auch ich bin gläubig und ich bin deswegen gegen die Atomenergie und wähle deswegen auch keine CDU.

Für mich ist das Wahlergebnis etwas problematisch, weil ich nicht mal weiß, ob meine Nachbarn CDU gewählt haben und weil ich mit Atomkraftbefürwortern ungern zu tun haben will. Diskussionen nutzen da offenbar gar nichts, wenn man trotz der massiven Berichterstattung in den letzten 2 Wochen immer noch nichts dazu gelernt hat und die CDU wählt.

Im Landesdurchschnitt bekam die CDU 39 % und die FDP 5 % - d. h. soviele Menschen in Baden-Württemberg sind für die Atomenergie und sind gegen einen Ausstieg.
Baden-Württemberg (BW) ist das Bundesland in der BRD, das am wenigsten erneuerbare Energien hat, weil es eben so viele AKW´s hat.
Bei den Windkraftanlagen ist BW mit Abstand an letzter Stelle gegenüber allen anderen Flächstaaten der BRD, obwohl hier der Wind genauso genutzt werden könnte, wie in Bayern oder Nordrhein-Westfalen - auch die fehlende Unterstützung der Windkraftanlagen gehört zu den Negativ-Leistungen der CDU hier im Bundesland BW. Dabei würde mich so ein Windkraftrad überhaupt nicht stören. Es könnte sogar neben meinem Wohngebiet stehen (die Geräusche, die so ein Ding macht, sind nicht schlimm).


Es hat zwar zum Wechsel der Regierung in BW gereicht, aber nur mit einer Stimme Vorsprung im Landtag.
Zu verdanken war dies offenbar den Menschen, die zuvor Nichtwähler waren und die in großen Scharen die Grünen gewählt haben.
Ein Glück - es gibt noch einige Vernünftige in unserem Land.

Gruß
margie
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Geändert von margie (29.03.11 um 11:09 Uhr)

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margie ist offline
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Hallo Akim,

auch wenn ich auch nicht protestieren war und viele andere, die gegen AKW´s sind auch nicht (ich wußte es nicht mal, dass diese Protestaktionen sind, obwohl ich nur noch solche Nachrichten sehe oder lese), so bin ich voll Deiner Meinung.

Allerdings glaube ich nicht, dass die Wähler von CDU und FDP oder den ganz rechts gerichteten gegen AKW´s sind.
Nein, jemand der CDU wählt, ist für die Atomenergie.

Jeder weiß, dass die CDU den Ausstieg in Deutschland nicht wirklich ernst meint. Das sog. Moratorium war nur dazu da, ein paar Wähler davon abzuhalten, die Grünen zu wählen. Die, die in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz die CDU wählten, können nur für die Atomenergie sein.
Zu klar ist die Meinung der CDU-Politiker, siehe Laufzeitverlängerungen vor einem Jahr.
Jeder, der behauptet, er sei erst wegen der Reaktorunfälle in Japan aufgewacht, ist für mich unglaubwürdig.
Wußte der denn nicht aus den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, was Atomenergie anrichten kann?

Und wenn Hiroshima und Nagasaki nicht ausreichten, um gegen Atomkraft zu sein, dann hätte man aus Tschernobyl und einigen anderen Unfällen noch genug Lehren ziehen können.

Es war schon lange klar, dass so etwas wie in Japan passieren wird. Nur wußte man nicht, wo und wann genau es passiert.
Und natürlich wird es noch weitere Unfälle in AKW´s geben, denn menschliches Versagen gibt es nicht nur in Japan. Wieso war sich Japan auch so sicher, dass nichts passieren kann? Dass sie es nicht für nötig hielten, die Inspektionen regelmäßig zu machen?
Wer weiß, ob bei uns die Inspektionen regelmäßig gemacht werden?

Gruß
margie
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margie ist offline
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Hallo "Nicht der Papa",

ja schön, dass sich die Presse im Ausland mit dem Ausgang der Wahlen in Baden-Württemberg beschäftigt. So können vielleicht noch mehr Menschen gegen den Ausstieg aus der Atomenergie mobilisiert werden.

Aus diesem Pressebericht:
Nach 58 Jahren sei der Machtverlust für die CDU bitter, sei es doch diese Partei, "die aus Baden-Württemberg ein deutsches Musterland gemacht hat".
Nur ist es m. E. falsch, der CDU die Leistungen von Baden-Württemberg auf wirtschaftlichem Gebiet zuzuschreiben. Dazu können Politiker nichts. Wenn die ein Unternehmen führen müssten, würde das Unternehmen bald Konkurs anmelden müssen.

Baden-Württemberg hatte schon einige gute Unternehmen, da gab es die CDU noch gar nicht. Mercedes-Benz wurde 1906 gegründet, lange vor Gründung der CDU.
Es liegt im wesentlichen am Standort von Baden-Württemberg, dass BW so gut da steht.

Gut, die CDU hat vielleicht eines getan:
Sie hat den kleinen Leuten mehr abgenommen, als dies die Regierungen in anderen Bundesländern tun.
So hat die CDU jahrezehntelang ihre Polizisten (und andere Landesbeamte) 2 bis 3 Stunden pro Woche ohne zusätzliche Vergütung länger arbeiten lassen. Das gab es in den 70´er und 80´er Jahren nur in Baden-Württemberg (später übernahmen das "Modell" auch andere Bundesländer). Auf diese (wie ich finde, fiese und ungerechte) Art und Weise hat das Land BW Milliarden Euro Personalkosten eingespart.
Dafür ist die CDU dafür bekannt, dass sie Klientelpolitik macht. D.h. sie nimmt es von den Kleinen und gibt es den Großen.
Vielleicht hat dieses fiese Verhalten ein wenig den Reichtum des Landes BW zusätzlich gefördert. Aber stolz kann man darauf nicht sein, weil es nicht gerecht war.

Gruß
margie
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Akim
Themenstarter
Danke. Ja, es scheint ja immerhin doch "ein Wenig" in Bewegung zu geraten. Ich hoffe sehr, dass es ausreicht und nicht erst noch weitere Unglücke passieren müssen, bis ein Umdenken stattfindet!

Es ist sehr einfach erneuerbare Energien auszubauen. Unterschiedlichste Konzepte liegen seit langen in den Schubladen. Dieses Argument, dass Atomstrom angeblich günstiger ist stimmt ja nicht mal. Atomstrom ist aus genau einem Grund günstiger:
Verwaltung und Entsorgung von Brennelementen zahlt nicht der Betreiber, sondernd der Staat.
Atomkraftwerke sind aufgrund des Risikos mit massiven Steuervergünstigungen gesponsert.
Auf meiner Stromrechnung steht das natürlich nicht.

Hat jemand zufällig eine Ahnung wie die Atomdebatte in anderen Ländern so verläuft? EU-weites, vorzugsweise weltweites Umdenken, wäre ja angebracht und sehr wünschenswert. Bekomme leider keine wirklichen Informationen diesbezüglich.

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nicht der papa ist offline
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Hallo,
Du schreibst
das sind insgesamt 4 Atomkraftwerke im Umkreis von 50 bis 70 km zu meinem Wohnort........
Die CDU bekam hier etwas über 55 % ( ! )...........................
Nein, jemand der CDU wählt, ist für die Atomenergie.
Hast Du mal die Interviews mit den Anwohnern um Biblis vor der Abschaltung gelesen? Da waren viele für AKWs, weil sie oder ihre Verwandte in Biblis arbeiten und die Angst vor den Folgen von Arbeitslosigkeit grösser war, als die Angst vor erhöhten Strahlenwerten oder einem Gau.
Frei nach dem Motto Et hätt noch immer jot jejange.
Kannst Du das für deinen Wohnort ausschliessen?

Dann käme noch dein 2. Argument in Frage
Die CDU ist für ihre Klientelpolitik bekannt.
Während Ostdeutschland diese Partei mehrheitlich wählte, weil sie es nicht besser wussten, wissen wir aus der Geschichte der CDU, dass dies die Partei der Wohlhabenden ist, die immer dafür gesorgt hat, dass die Reichen noch reicher werden und es den Wohlhabenden gut geht.
Dass dies eine Partei ist, in der sich nach dem Krieg viele der Nazis gesammelt haben und die Rassismus Jahrzehnte als wesentlichen Bestandteil ihrer Politik betrachtete.

Ich konnte noch nie verstehen, wie man überhaupt CDU wählen kann.
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knutpeter ist offline
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Hallo,

"da scheint -ein Wenig- in Bewegung zu geraten" Ja, so sieht es aus.

Meine Meinung: diese Wahl war keine Wahl sondern eine "Diktatur der Zeit"-der Ereignisse von Japan.

An den Wahlergebnissen der Links-Partei ist unschwer zu erkennen: soziale Themen sind heute kein Thema, sie wurden durch die AKW`s abgelöst.

Deutschland hat eine lange Tradition in der Antiatombewegung (meist konservativ) im Gegensatz zu vielen anderen Ländern. Ich denke die Welt wird sich spalten :gegen Atom mit Deutschland an der Spitze und vielen AKW´s in anderen Ländern.

Der Paradigmenwechsel kostet viel Geld und vernichtet Kapital. Bei den Erneuerbaren herrscht euphorische Goldgräberstimmung, auch hier geht es um massive Interessen der Großkonzerne. Was sich alles ändern wird ist heute nicht abzusehen.

Der Philosoph O. Marquard hat einmal geschrieben: knapper werdene Übel werden negativ kostbar. Wo bleibt dann der wundersame Erregungsgewinn vor dem Fernseher, die süsse Lust auf Untergang, Selbstgerechtigkeit und Weltretten.

Es gibt noch viele andere wichtige Themen in unserem Land.

peter

Geändert von knutpeter (29.03.11 um 13:01 Uhr)

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margie ist offline
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@nicht der Papa:
Hast Du mal die Interviews mit den Anwohnern um Biblis vor der Abschaltung gelesen? Da waren viele für AKWs, weil sie oder ihre Verwandte in Biblis arbeiten und die Angst vor den Folgen von Arbeitslosigkeit grösser war, als die Angst vor erhöhten Strahlenwerten oder einem Gau.
Nein, das ist in unserem Dorf sicher nicht der Grund für die hohen CDU-Werte. Ich wohne hier seit meiner Geburt und ich weiß von keinem, der in einem AKW arbeitet. Dazu sind die AKW´s auch zu weit weg.
Außerdem haben die anderen Dörfer um uns herum, deutlich geringere Zahlen bei den CDU-Wählern.
Das einzige, was bei uns die hohen Zahlen für die CDU erklärt ist, das "C" im Namen und dieses hochreligiöse Zentrum, das ähnlich einem Kloster gestaltet ist (nur evangelisch) und das u. a. Missionare ausbildet. Dort arbeiten ca. 100 bis 150 Wahlberechtigte und bei der Gesamtzahl von 1300 Einwohnern (einige davon unter 18 Jahren) wirkt es sich schon aus, wenn so eine Gruppe fast geschlossen die CDU wählt, wovon ich ausgehe.

Generell ist aber zu beobachten, dass die CDU in Wahlbezirken auf dem "Flachland" deutlich mehr Stimmen als der Landesdurchschnitt bekommen hat. In einzelnen Städten (hauptsächlich Universitätsstädten) haben die Grünen sogar Direktmandate errungen. D. h. Studenten haben offenbar oft die Grünen gewählt und die Bauern auf dem Lande sind und bleiben konservativ - letzteres finde ich sehr bedenklich, denn die machen das Kreuz für die CDU aus reiner Tradition und nicht, weil die CDU die bessere Partei ist.

Könnte man z. B. den Namen der CDU anfechten, weil das "C" zu einem nicht gerechtfertigten Stimmenfang dient, so hätte die CDU sicher 5 % im Landesdurchschnitt weniger Stimmen. Oder anders ausgedrückt:
Hätten die Grünen auch ein Namen,der das Wort "Christlich" enthält, so hätten die Grünen wohl mind. 2 bis x % Stimmen mehr bekommen.

Gruß
margie
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Geändert von margie (30.03.11 um 11:13 Uhr)

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knutpeter ist offline
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Hallo,

warum das C in CDU?

In den berühmten Worten von Max Weber : „Denn wenn jener Gott, den der Puritaner in allen Fügungen des Lebens wirksam sieht, einem der Seinigen eine Gewinnchance zeigt, so hat er seine Absichten dabei. Und mithin hat der gläubige Christ diesem Ruf zu folgen, indem er sie sich zunutze macht.“
Damit war das religiös unterfütterte „Leitmotiv des Kapitalismus“ geboren und die CDU.
peter


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