Komm nicht weiter...

13.06.09 09:11 #1
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Lilith ist offline
Beiträge: 53
Seit: 24.03.09
Hallo,

ich weiß nicht ob ich das Problem verständlich erklären kann, bitte nicht wundern wenns etwas konfus ist, ich hab gerade ein ziemliches inneres Chaos.

Ich stehe gerade vor einer Hürde und weiß nicht weiter. Im Grunde stehe ich vor dieser Hürde schon mein ganzes Leben, nur dachte ich sie diesmal zu schaffen und bin gerade wieder gescheitert, was sehr weh tut und mich total runter reißt.

Ich bin als Kind misshandelt worden. Die Art Misshandlung die nicht auffällt und im Vergleich zu sexuellem Missbrauch, schweren körperlichen Verletzungen u.ä. für einen selbst lange nicht wie Misshandlung erscheint. Ich hatte keinen Vergleich wie das Leben laufen kann wenn alles gut läuft, darum war ich schon über dreißig bevor mir bewusst wurde das ich misshandelt worden bin und all die seltsamen Verhaltensweisen die ich habe darauf bzw. auf meine Kindheit zurück gehen.

Ich bin in therapeutischer Behandlung,was mir aber im Augenblick nicht zu helfen scheint.

Einige der körperlich schmerzhaftesten Misshandlungen sind durch einen Zahnarzt motiviert gewesen, der meiner Mutter geraten hat eitrige Entzündungen in meinem Zahnfleisch mit einer Nadel aufzustechen und auszudrücken. Ich kann nicht beschreiben wie weh das jedesmal getan hat. Während dessen durfte ich mich nicht bewegen, nicht zucken, nicht weinen, nicht wimmern. "Wenn du heulst bekommst du eine gescheuert." Meine Mutter war eine kräftige Frau, was sie als Ohrfeige bezeichnete wird heute als strafbar angesehen. Von einer ihrer Ohrfeigen habe ich heute eine Vernarbung im Gehirn, ein kleineres Blutgefäß ist dabei geplatzt, ich hatte lange Zeit immer wieder Nasenbluten.

Durch diese Behandlung habe ich von Anfang an große Angst vor allem gehabt was im Bereich meines Gesichts getan wird. Ich kann mich z.B. auch nicht schminken lassen, obwohl ich weiß dass das nicht weh tut.

Besonders große Angst hatte ich natürlich immer vor Zahnärzten, was sich dann extrem gesteigert hat weil ich durch Umzüge oft wechseln musste und jeder neue Zahnarzt erstmal bagatellisiert hat und dementsprechend bei mir für weitere Schmerzen gesorgt hat. So wurde mir u.a. ein entzündeter Nerv ohne Betäubung gezogen weil der Zahnarzt gehetzt und von mir und meiner Angst schon so genervt war das er einfach nicht gewartet hat bis die Betäubung wirkt. Ich wurde währenddessen von ihm und einer Sprechstundenhilfe festgehalten und habe nach Leibeskräften geschrieen, aber da ich minderjährig war schienen sie das wohl führ okay zu halten.

Inzwischen ist meine Angst vorm Zahnarzt eine echte Phobie. Ich habe viel mit meinem Therapeuten darüber gesprochen und eigentlich sollte jetzt eine Behandlung in Vollnarkose gemacht werden. Ich habe mich schon sehr darauf gefreut. Denn seit über einem Jahr kann ich auf einer Seite nicht mehr kauen, wenn was zwickt ist bei mir sofort Panik da, ich schlafe dann nicht mehr, weine viel und fühle mich wie eine Verrückte.

Leider kann ich das nicht zeigen. Ich bin mit Gewalt darauf getrimmt worden keine negativen Gefühle zu zeigen und das sitzt so fest und tief das ich es schlichtweg nicht kann.

Gestern war ich beim Zahnarzt. Der Plan war, eine Voruntersuchung für eine Vollnarkose zu machen. Der Zahnarzt hat das bei einer anderen Patientin meines Therapeuten auch schon gemacht und ihr dadurch sehr geholfen. Doch mein Gespräch lief für mich nicht gut.

Weil ich trotz meines Berichts warum ich Angst habe so ruhig aussah, dachte er man könne ausloten wie weit für mich okay ist. Also wurde statt nur mit zwei Spiegeln zu gucken doch der Piekser rausgeholt und an meinen Zähnen gekratzt und aus der Wurzel einer abgebrochenen Krone der Stift gezogen. Denn ich konnte nicht ablehnen, obwohl er mich vorm Ziehen gefragt hat. Ich kann mich absolut nicht mehr wehren sobald ich in dem Stuhl sitze.

Den Zahn wegen dem ich rechts nicht mehr kauen kann will er garnicht machen weils daran liegen könnte das ich nachts die Zähne aufeinanderpresse. Für mich ein Alptraum weil ich kaum noch weiß wie ich essen soll. Der Rest wären angeblich zwei kleine Füllungen und die Wurzel die ausgeschabt, neue aufgebaut und mit nem neuen Stift versehen werden muss. Da kein Nerv mehr drin ist soll das auch nicht schlimm sein. So redete er die ganze Zeit auf mich ein. Vor allem sei eine Vollnarkose schlecht weil ja die Wurzel nicht auf eins fertig werde und die Krankenkasse mehrere Male nicht bezahlen würde...

Ich habe alles abgenickt und bin da innerlich in tiefer Trauer rausgegangen mit einem Termin für eine Sedierung nächsten Freitag.

Seitdem habe ich die Hölle in meinem Kopf. Ich habe mich in den Schlaf geweint und bin auch so wieder aufgewacht und weine seitdem weiter. Dazu kommt noch das mir gesagt wurde nun müsse ich mit der Lücke rumlaufen bis die Entzündung an der Wurzel geheilt ist was 6 Monate dauern kann. Es ist ein Schneidezahn und ich schäme mich jetzt schon ganz furchtbar irgendwo auch nur guten Tag zu sagen weil man es sofort sehen kann und die Leute natürlich auch sofort hingucken.

Ich weiß nicht weiter. Wenn nichtmal der Hinweis auf Misshandlungen und entsprechende Ängste reicht um die Vollnarkose beim Zahnarzt rechtfertigen zu können, nur weil ich nicht in der Lage bin meine Angst anders als verbal zu äußern und selbst dafür monatelang Anlauf nehmen musste, dann scheint es für mich keine Möglichkeit zu geben.

Ich weiß nicht ob ich zu der Sedierung gehen kann. Es ist als würde ich mich selbst misshandeln wenn ich mich dazu zwinge.

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Juliette ist offline
Beiträge: 4.666
Seit: 23.04.06
Hallo Lilith,

das tut mir sehr leid das du eine so schwere Kindheit hattest.

Davon ist einiges zurückgeblieben, was ganz normal und verständlich ist.

Es ist gut, das du in einer Therapie bist. Du sagst diese hilft dir im Moment nicht. Vielleicht liegt das daran, dass der Therapeut, wie jetzt im Akutfall, dir nicht zur Seite stehen kann.

Was für eine Therapie machst du denn? Machst du eine Verhaltenstherapie?

Ich glaube das wäre, neben der Aufarbeitung zu deiner traumatischen Vergangenheit, wichtig. Wenn du wie gelähmt im Zahnarztstuhl sitzt und nicht sagen kannst was du willst oder nicht, dann wäre es gut, wenn du das üben könntest.

Warst du schon einmal in einer Selbsthilfegruppe für Angstpatienten. Vielleicht könntest du dort Gleichgesinnte treffen, mit denen du dich austauschen kannst. Es tut gut zu hören das man nicht alleine dasteht, mit seinen Empfindungen.

Bevor du in die Behandlung gehst, würde ich dem Zahnarzt noch einmal ganz genau sagen, das du ihm kaum etwas entgegenzusetzen hast, sobald du auf dem Stuhl sitzt. Sag ihm das du ein Trauma erlebt hast. Du kannst mit ihm ein Zeichen vereinbaren, wenn es zuviel wird. Beispielsweise heben des rechten oder linken Armes.

Lilith, ich glaube, wenn du ehrlich zu dem Zahnarzt bist und ihr Schritt für Schritt vorgeht, dann könnte das funktionieren. Zur Not kann man eine Behandlung immer noch abbrechen und nach weiteren Lösungsmöglichkeiten suchen. Aber vielleicht wird es gar nicht so schlimm, wenn du die Sicherheit hast das du selbst mit daraufeinwirken kannst.

Grüsse von Juliette

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Lilith ist offline
Themenstarter Beiträge: 53
Seit: 24.03.09
Hallo Juliette,

so weit war ich im Grunde schon. Ich habe dem Zahnarzt von dem Trauma erzählt und er war auch sehr vorsichtig. Mein Therapeut hat das mit mir auch alles besprochen. Es scheint da nur eine Grenze zu geben die ich nicht überschreiten kann. Bislang war mir diese Grenze nicht so deutlich bewusst weil ich bisher nie den Mut hatte überhaupt in diese Richtung zu gehen, weder gedanklich noch real.

Ich habe mich lange Jahre immer wieder durch Behandlungen gequält, erst als die Therapie anfing und ich lernte meine Gefühle zu erkennen, bzw. überhaupt erstmal auszubuddeln, war ich nicht mehr in der Lage mich zu zwingen gegen meine Gefühle zu handeln.

Ich kann einem "Feind" nicht sagen dass ich wehrlos bin. Mein Verstand sieht einen sympathischen, hilfsbereiten Zahnarzt, meine Angst sieht ein sadistisches Monster. Wie sollte ich diesem Monster sagen dass es sich an mir austoben kann wie es Lust hat weil ich mich nicht wehren werde?

Ich kann nicht signalisieren das es mir zuviel wird. Sobald ich im Stuhl sitze stehe ich unter unglaublichem Stress. Es hat also bereits mit Disziplin und "selbst zwingen" zu tun, mich überhaupt in diese Situation zu begeben. Ich sitze dann da und versuche diese Horrorsituation mit ein bisschen Anstand zu überstehen. Wenn ich signalisieren sollte wenns nicht mehr geht, dürfte ich mich garnicht erst in den Stuhl setzen. Nichts davon geht ohne irre Angst.

Ich hatte überlegt meinen Therapeuten zu bitten mit dem Zahnarzt darüber zu sprechen. Doch das Problem ist, dass ich dann weiß dass es der Zahnarzt weiß. Es ist als sollte man einem potentiellen Vergewaltiger gegenüber treten dem vorher gesagt wurde das man sich nicht wehren und ihn nicht anzeigen wird.
Dazu kommen dann noch all die Gefühle die ich mit mir rumschleppe, wie das Gefühl eine totale Versagerin zu sein weil ich deswegen so einen Aufstand mache. Oder das Gefühl für total hysterisch gehalten zu werden. Ich schäme mich so schon sehr und das wird dadurch noch erheblich stärker.

Gruppentherapie geht leider nicht. Ich "höre auf Probleme zu haben" wenn andere welche haben, weil ich darauf geprägt bin dass meine Probleme nicht wichtig sein dürfen und ich automatisch aufhöre mich zu fühlen wenn jemand anders "wichtig" wird weil er ein Problem hat.

Im Augenblick ist nichtmal die Angst vor dem Termin der eigentliche Horror sondern dieses tiefe Verlustgefühl. Ich hatte das Gefühl mich endlich ernst zu nehmen, endlich etwas gegen den schlimmsten Alptraum meiner Kindheit tun zu können, indem ich die Vollnarkose machen lasse. Zu fühlen dass ich nicht dazu in der Lage bin mir das zu erkämpfen tut unendlich weh.

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Manuela ist offline
Beiträge: 1.510
Seit: 31.03.08
Hallo Lilith,

Du beschreibst Deine Gefühle sehr gut und kannst sie sehr verständlich zum Ausdruck bringen. Was mir durch den Kopf ging war, dass Du vielleicht eine beste Freundin mitnehmen kannst, die einschreiten kann, so dass Du nicht alleine gehen musst. Jemand, dem Du Dich vorher anvertrauen kannst und Dir hilft die Hürde zu nehmen um Nein zu sagen. Wäre das machbar?

Liebe Grüße Manuela

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Lilith ist offline
Themenstarter Beiträge: 53
Seit: 24.03.09
Hallo

so ähnlich habe ich es gemacht. Da ich vor einiger Zeit umgezogen bin hab ich so jemanden noch nicht vor Ort, aber ich habe mir virtuell über Icq von meiner besten Freundin den Rücken stärken lassen.

Nach tagelangem inneren Terror ist mir langsam klarer geworden wo das Problem liegt. Bislang habe ich immer gedacht die Angst vor Schmerzen sei das eigentliche Problem. Doch nun weiß ich dass die Angst mich nicht wehren zu können für mich viel tiefer sitzt und größer ist. Ein paar Tage habe ich darüber gebrütet und gespürt wie es mir rapide besser ging sobald ich anfing mich darauf einzulassen dass ich das nicht machen MUSS. Also dass ich tatsächlich Nein sagen darf und auch die Kraft dazu sammeln könnte es zu tun.

Vorgestern habe ich dann angerufen, gesagt dass ich die Sedierung nicht schaffen könne, doch eine Narkose wolle und gern nochmal zum Gespräch kommen würde. Kaum hatte ich das gemacht wurde ich regelrecht euphorisch! Also fing ich an mir ganz genau zu überlegen was ich wie will. Nervös war ich heute trotzdem, aber ich habe es geschafft es so mit ihm zu planen dass ich es schaffen kann ohne meine Panik auszulösen!

Er wollte einen Abdruck nehmen und an einem Zahn mit Kälte testen, beides habe ich verweigert weil ich am Backenzahn bei jedem Kontakt irre Schmerzen habe. Der Zahnarzt hat zwar leicht frustriert geguckt, ist aber drauf eingegangen. Also wurde rundrum geröntgt und siehe da ab dann wurde es sehr einfach. Der Backenzahn ist tatsächlich kariös, was von außen nicht zu sehen war, muss also definitiv gemacht werden, statt zu warten ob eine Beißschiene hilft. Zudem wurden zwei Weisheitszähne entdeckt die raus müssen bevor sie durch kommen weil sie schief wachsen.

Nun bekomm ich - voraussichtlich im August - die Vollnarkose wo dann die für mich am meisten mit Angst belegten Sachen gemacht werden. Als Kompromiss und weil es für mich totaler Horror ist mit dieser riesigen Lücke vorn herum zu laufen habe ich Anfang Juli eine Sedierung. In der wird dann ein Eckzahn behandelt der keinen Nerven mehr hat, nur ne neue Füllung braucht und der Abdruck wird genommen. Außedem bekomme ich nach dem Abdruck ne rausnehmbare Teilprothese für die Zeit bis die Entzündung an der Wurzel abgeheilt ist und ich wieder ne richtige Krone bekommen kann. So kann der Zahnarzt mit mir üben damit es nach der Vollnarkose dann zukünftig in Richtung weniger Angst und normalere Zahnarztbesuche geht.

Das seltsame ist, nun habe ich vor der Sedierung kaum noch Angst, obwohl gebohrt werden muss. Ich habe das sogar selbst so vorgeschlagen. Allein die Tatsache das ich zweimal deutlich Nein gesagt habe und das auch durfte und dass ich selbst sagen konnte "bis hierhin und nicht weiter" ist für mich wie ein Wunder! Ich bin so erleichtert und spring hier happy durch die Bude das kann ich garnicht beschreiben.

Danke für eure verständnisvollen Worte, fürs Dasein und Rat geben!

Liebe Grüße
Lilith

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Juliette ist offline
Beiträge: 4.666
Seit: 23.04.06
Hallo Lilith,

das sind ja super Nachrichten. Das hast du prima gemeistert.

Ich denke mir das Problem ist einfach, dass man glaubt ausgeliefert zu sein. Aber das ist ein Irrtum. Es ist genau wie du sagst, man kann "Nein" sagen, wenn etwas nicht stimmig ist. Du hast damit ein großes Stück Freiheit gewonnen.

Das freut mich für dich und ich denke nachdem du die ersten Schritte gemacht hast, geht es von nunan immer besser, indem du sagst was du möchtest und was du nicht möchtest.

Grüsse von Juliette


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