Psychische Widerstandskraft - Resilienz

29.12.07 23:56 #1
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Psychische Widerstandskraft - Resilienz
Männlich Bodo
Zitat von Leòn Beitrag anzeigen
Jemand der zum Einen vermittelt: "Ich bin für Dich da!" und zum Anderen, jemand der deutlich macht, dass er an das Kind "glaubt".

Ich sehe in diesem Zusammenhang deutliche Verbindungen zu vielen bestehenden Ansätzen, zum Beispiel zum "Konzept der Ermutigung" (Schoenaker).
Ein interessanter Thread.

Die genannten Eigenschaften zeichnen idealer Weise auch einen guten Pädagogen aus.

Grüße, Bodo

Psychische Widerstandskraft - Resilienz

Kathy ist offline
Beiträge: 3.388
Seit: 06.03.07
Eigentlich wollte ich mich nicht an einer wissenschaftlichen Diskussion beteiligen. Da reicht mein Wissen nicht aus. Ich dachte nur über die Resilienz des Individiums nach, das durch Traumata, Schickslsschläge, auch durch das Altern, zunehmend vermindert wird; so dass auch das lebenslange Stehaufmännchen, irgendwann die verbleibende Resilienz verliert und nicht mehr aufsteht. In Phil`s Worten: Die Fähigkeit zum Tanz auf dem Drahtseil, (die manchmal abrupt enden kann). Beispiele gibt es genug. In der Schweiz ist die Suizidrate recht hoch. Deutschland??

Wenn man gesunde Kinder und Erwachsene lehren kann, ihre Resilienz-Fähigkeit zu steigern, finde ich das grossartig. Kann man das wirklich?

Gruss
Kathy

Psychische Widerstandskraft - Resilienz
Anne B.
Es wäre nicht schlecht, wenn man vorab mal klärt, was das Trauma überhaupt ausmacht. Neben der Verletzung, die einem zugefügt wird, sind da die anderen Menschen - die einfach wegsehen oder die, die erst helfen wollen und dann überfordert sind und am Ende den traumatisierten Menschen zurücklassen.

Und das ist für mich das eigentliche Trauma, das es unmittelbar nach Traumatisierungen beinahe fast unmöglich macht, noch irgendeinen erwachsenen Menschen als "Bezugsperson" zu akzeptieren.

Ich habe in das Gesicht eines kleines tapferen Kindes geschaut, dass mich auf dem Boden liegend angesehen hat und mir die Hand reichte. Da war mir klar, dass ich weiterleben muss und will.

Die psychiche Widerstandskraft ist, so lapidar es klingt: eine Herzensangelegenheit!

Übrigens mal eine andere Frage:
was ist mit jenen die durchaus Resilienz beweisen ohne solch eine Bezugsperson jemals gehabt zu haben?
Wird denen nicht eigentlich nur "noch immer mehr aufgepackt" bis sie irgendwann gar nicht mehr können?
Sieht für mich jedenfalls genauso aus.
Und genau das ist es: Traumatisierte haben oft das größte Verständnis für andere und fordern selbst nichts für sich, das wird oft übersehen.

Und auch hier wird es wieder deutlich: statt Menschen angemessen zu helfen oder neues Leid zu verhindern, wird Zeit für sinnlose Studien verwendet.

Viele Grüße, Anne

Psychische Widerstandskraft - Resilienz

Kathy ist offline
Beiträge: 3.388
Seit: 06.03.07
Hallo Anne

ich wünsche dir ganz viel Kraft, Vertrauen und Hoffnung; und ganz viel Resilienz.

Alles Gute
Kathy

Psychische Widerstandskraft - Resilienz

Leòn ist offline
Themenstarter Beiträge: 10.064
Seit: 19.03.06
Hallo Kathy,

Im Durchschnitt sterben in Deutschland jährlich zwischen 11.000 und 12.000 Menschen durch Suizid (etwa 14 je 100.000 Einwohner), wobei zusätzlich von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Diese Zahl entspricht ca. 1,3 Prozent aller Todesfälle und übersteigt damit die Anzahl der Verkehrstoten (5.362 Todesopfer im Jahr 2005) bei weitem.
Damit liegt die Selbstmordrate in Deutschland bei 14 je 100.000 Einwohner. In der Schweiz liegt sie bei 19 : 100.000!

Die Resilienzforschung hat deutlich gemacht, dass es Phasen in der Entwicklung von Menschen gibt, in denen die psychische Widerstandskraft herabgesetzt ist. Bei Kindern ist dies zum Beispiel beim Eintritt in den Kindergarten, beim Schulwechsel und in der Pubertät der Fall. Ich kann mir gut vorstellen, dass bei Erwachsenen auch solche Übergangssituationen schwierig sind. Und genau da müssten dann resilienzsteigernde Maßnahmen erfolgen.

Als Hauptansatzpunkte zur Förderung von Resilienz in frühkindlichen Bildungsprozessen können folgende Aspekte akzentuiert werden:

* die Förderung von Problemlösefähigkeiten und Konfliktlösestrategien ,
* die Förderung von Eigenaktivität und persönlicher Verantwortungsübernahme (dazu gehören u.a. auch Möglichkeiten des kooperativen Lernens und der Partizipation),
* die Förderung von Selbstwirksamkeit und realistischen Attributionen,
* die Stärkung des Selbstwertgefühls des Kindes,
* die Förderung von sozialen Kompetenzen , verbunden mit der Stärkung prosozialer Beziehungen ,
* die Förderung von effektiven Coping-Strategien wie Entspannungsfähigkeit und die Mobilisierung sozialer Unterstützung sowie
* die Förderung körperlicher Gesundheitsressourcen.

Für eine Umsetzung dieser Förderaspekte in der pädagogischen Praxis liefern einige Präventionsprogramme bereits erste positive Anhaltspunkte. Zukünftig wird es entscheidend sein, diese punktuellen Förderaspekte weiterführend auszuarbeiten und in ein Gesamtkonzept der Resilienzförderung zu integrieren sowie in der Praxis zu implementieren.
Resilienz

Herzliche Grüße von
Leòn

Geändert von Leòn (30.12.07 um 12:54 Uhr)

Psychische Widerstandskraft - Resilienz

phil ist offline
Beiträge: 1.702
Seit: 25.01.05
Wer bitte soll denn das alles tun? Die Eltern, Pädagogen, Psychologen, Super-Nannies? Woher die Mittel dazu nehmen?

Ist schön und gut dies anzudenken und ansatzweise zu verwirklichen. Nur, das Milieu dafür stimmt nicht. Was nutzt es jemanden fit zu machen für eine Welt die in sich selber nicht stimmig ist? Denn was anderes als genau das belegen - meiner Ansicht nach - die Zahlen über jene Menschen die sich nach unserer Sichtweise vorzeitig aus dem Leben verabschieden?

Tatsächlich geht es um nicht mehr und nicht weniger als mehr Menschlichkeit im Umgang miteinander, und das wiederum hat etwas mit "Herzenergie" zu tun. Die Welt, wie wir sie uns gestalten, zeigt aber ganz offensichtlich ganz andere Prioritäten.

Gezählt werden ja nur die "hinübergegangenen" Eigenliquidationen - alle anderen laufenden und in Raten erfolgenden offensichtlich nicht. So gesehen könnten die Zahlen genau 180° anders herum lauten: 19'000 "gesunde" auf 100'000 potentielle Selbstmörder (in Raten + effektive).

Psychische Widerstandskraft - Resilienz

Kathy ist offline
Beiträge: 3.388
Seit: 06.03.07
Ich glaube, nein, ich fürchte, Phil, hier muss ich dir 100%ig Recht geben.

Gruss
Kathy

Psychische Widerstandskraft - Resilienz

Hakushi ist offline
Beiträge: 784
Seit: 19.03.07
Ein sehr interessanter Thread, danke an alle.

Ich habe aus Zeitmangel die Beiträge nur überflogen und bitte um Entschuldigung, falls ich vom Thema abweichen sollte.

Meine Frage in dem Umfeld: Ich nehme an, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung schwächt ebenfalls die Resilienz von Individuen. Ich denke da an alle Erwerbslosen, bzw. in prekäre Jobs Abgedrängte. Und dann an die, die die Reproduktionsarbeit leisten.
Nicht umsonst dürfte bei beiden Gruppen der Substanzabusus recht hoch sein: männlich eher Alkohol u.a. , weiblich eher Medikamente.

Wie kann man die Resilienz dieser Gruppen stärken, wenn gesellschaftliche Anerkennung als stärkender Faktor für sie unerreichbar ist?

Psychische Widerstandskraft - Resilienz
Männlich Bodo
Zitat von phil Beitrag anzeigen
Wer bitte soll denn das alles tun? Die Eltern, Pädagogen, Psychologen, Super-Nannies? Woher die Mittel dazu nehmen?

Tatsächlich geht es um nicht mehr und nicht weniger als mehr Menschlichkeit im Umgang miteinander, und das wiederum hat etwas mit "Herzenergie" zu tun. Die Welt, wie wir sie uns gestalten, zeigt aber ganz offensichtlich ganz andere Prioritäten.
Tatsächlich ist hier die Gesellschaft als Ganzes gefragt und gefordert.

Der momentane Zeitgeist fordert und fördert einen hemmungslosen -
als gesunden Individualismus euphemisierten - Egoismus.

(Mit)-Menschlichkeit lässt sich nicht verordnen, wir brauchen wieder starke Vorbilder,
deren soziales Engagement schichtenverbindend Anerkennung wie Akzeptanz findet.

Gefordert sind unter anderem Politik, die Familien selbst (!) und die Medien.

Letztere propagieren in einer erschreckend abstoßend und niveaulosen Weise
den nur auf sich selbstbezogenen, nihilistisch-unsozialen und vulgären Ellenbogenkapitalismus.

Sendeformate der Privaten sind oft an Primitivität nicht zu unterbieten, die Werbung ebenso.

Solange im öffentlichen Raum der soziale, helfende, mitmenschlich Handelnde als
Dummkopf oder Schwächling dargestellt wird, werden wir mit gesellschaftlicher
Verrohung zu rechnen haben (Familien, Schulen usw.).


VG, Bodo

Geändert von Bodo (30.12.07 um 13:36 Uhr) Grund: konkretisiert

Psychische Widerstandskraft - Resilienz

Kathy ist offline
Beiträge: 3.388
Seit: 06.03.07
Zitat von Leòn Beitrag anzeigen
Hallo Kathy,



Damit liegt die Selbstmordrate in Deutschland bei 14 je 100.000 Einwohner. In der Schweiz liegt sie bei 19 : 100.000!

Das gibt schon zu denken, nicht wahr?

Die Resilienzforschung hat deutlich gemacht, dass es Phasen in der Entwicklung von Menschen gibt, in denen die psychische Widerstandskraft herabgesetzt ist. Bei Kindern ist dies zum Beispiel beim Eintritt in den Kindergarten, beim Schulwechsel und in der Pubertät der Fall. Ich kann mir gut vorstellen, dass bei Erwachsenen auch solche Übergangssituationen schwierig sind. Und genau da müssten dann resilienzsteigernde Maßnahmen erfolgen.


Resilienz

Herzliche Grüße von
Leòn
Hallo Leòn

Ja, die normalen Entwicklungsphasen machen die meisten von uns durch, unabhängig von Trauma. Sie sind auch mit Stress und Belastung verbunden. Rüdiger Dahlke schrieb ein Buch darüber. Ich war auch bei ihm in einem Seminar, wo auf Wunsch die mittlere Phase (Beruf, Kaarriere, Familiengründung) behandelt wurde. Ich hatte das schon hinter mir und hätte gerne etwas über die nachfolgende Phase erfahren.

Dein Link ist interessant, aber wie viele (wenige??) werden profitieren?

Nun ja, "die Roboter erwachen" (Buchtitel von David Icke); wir haben ja noch etwas Zeit.

Viele Grüsse
Kathy


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